Myers - Kapitel 14: Persönlichkeit

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David G. Myers

Inhalt

  • 14.1 Psychodynamische Theorien
    • 14.1.1 Freuds psychoanalytische Perspektive: die Erkundung des Unbewussten
    • 14.1.2 Neofreudianische und psychodynamische Theorien
    • 14.1.3 Erfassung unbewusster Prozesse
    • 14.1.4 Bewertung des psychoanalytischen Ansatzes und die moderne Sichtweise des Unbewussten
  • 14.2 Humanistische Theorien
    • 14.2.1 Abraham Maslows Konzept der Selbstverwirklichung
    • 14.2.2 Carl Rogers’ personzentrierter Ansatz
    • 14.2.3 Erfassung des Selbst
    • 14.2.4 Bewertung des humanistischen Ansatzes
  • 14.3 Trait-Theorien
    • 14.3.1 Exploration von Merkmalen
    • 14.3.2 Erfassung von Traits
    • 14.3.3 Das Fünf-Faktoren-Modell (»The Big Five«)
    • 14.3.4 Bewertung des Trait-Ansatzes
  • 14.4 Sozial-kognitive Theorien
    • 14.4.1 Reziproke (wechselseitige) Beeinflussung
    • 14.4.2 Persönliche Kontrolle
    • 14.4.3 Erfassung von Situationseinflüssen auf das Verhalten
    • 14.4.4 Bewertung des sozial-kognitiven Ansatzes
  • 14.5 Das Selbst
    • 14.5.1 Die Vorteile des Selbstwertgefühls
    • 14.5.2 Selbstwertdienliche Verzerrung
  • 14.6 Kapitelrückblick
    • 14.6.1 Verständnisfragen
    • 14.6.2 Schlüsselbegriffe
    • 14.6.3 Weiterführende deutsche Literatur

 

Zusammenfassung

 

Persönlichkeit

Psychologen definieren Persönlichkeit als das für ein Individuum charakteristische Muster des Denkens, Fühlens und Handelns. Die frühen großen Persönlichkeitstheorien versuchten, das Wesen des Menschen zu erklären, die aktuellen Persönlichkeitstheorien jedoch konzentrieren sich gewöhnlich auf spezifische Aspekte der Persönlichkeit wie die Persönlichkeitsmerkmale, die Einzigartigkeit, das Gefühl der Kontrolle über uns selbst und das Selbstkonzept.

 

Psychodynamische Ansätze

Als Arzt, der auf neurologische Störungen spezialisiert war, traf Freud auf Patienten, deren Beschwerden nicht durch rein körperliche Ursachen erklärt werden konnten. Sein Versuch, diese Zustände zu verstehen, führte ihn zu seiner Theorie der Psychoanalyse, der ersten umfassenden Persönlichkeitstheorie.

Freud verglich die Seele des Menschen mit einem Eisberg, weil er der Auffassung war, dass die Seele zum größten Teil - das betrifft den unbewussten Teil - verborgen bleibt (wie der größte Teil eines Eisbergs unter dem Wasser verborgen ist); denn wir verdrängen die Gedanken, Wünsche, Gefühle und Erinnerungen, die Angstgefühle hervorrufen. Nach seiner Auffassung gelingt diese Verdrängung nicht vollständig; und die unangenehmen Gedanken und Gefühle kommen in versteckter Form zum Ausdruck, wenn wir sie uns nicht ins Bewusstsein rufen und uns von den Spannungen befreien, die sie erzeugen. Er versuchte, diese unbewusste Dynamik durch freie Assoziation und Traumdeutung zu analysieren.

Freuds Auffassung von der Persönlichkeitsstruktur und die Wechselwirkungen zwischen Es, Ich und Über-Ich. Freud verstand die Persönlichkeit als Produkt eines Konflikts zwischen unseren biologischen Triebregungen und unseren sozialen Zwängen in Bezug auf diese Triebregungen. Eine wichtige Rolle in diesem Konflikt spielen 3 Systeme, die miteinander in Wechselwirkung stehen: das Es, das Ich und das Über-Ich.

  • Das Es, das die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung will, wirkt im Unbewussten und versucht, die grundlegenden sexuellen und aggressiven Triebe zu befriedigen.
  • Das Über-Ich, unsere internalisierten Idealvorstellungen, ist die Stimme des Gewissens, die unsere Handlungen beurteilt und Gefühle des Stolzes und der Schuld hervorruft.
  • Zwischen ihnen steht das Ich, das großenteils bewusste, an der Realität orientierte ausführende Organ, das versucht, die Triebregungen des Es mit den Forderungen des Über-Ichs und denen der Außenwelt zu versöhnen.

 

Freuds Phasen der psychosexuellen Entwicklung: Freud war der Auffassung, dass Kinder psychosexuelle Phasen durchleben - die orale, die anale, die phallische, die Latenzperiode und die genitale Phase -, in der sich das Es auf eine bestimmte erogene Zone konzentriert. Während der phallischen Phase z. B. können Jungen ein Verlangen nach ihrer Mutter haben und die Bestrafung wegen dieser Gefühle durch den Vater fürchten: eine Gruppe von Reaktionen, die Freud als Ödipuskomplex bezeichnete. Eine Person, die die Konflikte im Zusammenhang mit einer psychosexuellen Phase nicht lösen kann, kann auf diese Phase fixiert bzw. in ihr gefangen bleiben. In der Persönlichkeit eines Menschen werden sich die Symptome dieser Fixierung als fehlangepasstes Verhalten zeigen; es konzentriert sich auf die erogene Zone, die in dieser Phase dominierend ist.

Freud war der Überzeugung, das Ich verwende die Abwehrmechanismen dazu, sich selbst vor Angst zu schützen, die als Nebenprodukt des Konflikts zwischen den konkurrierenden Forderungen des Es und des Über-Ichs entsteht. Der grundlegende Abwehrmechanismus ist nach Freud

  • die Verdrängung (Verbannung lästiger Gedanken und Gefühle ins Unbewusste);
  • weitere sind die Regression (Rückzug in eine infantile Phase),
  • die Reaktionsbildung (Umwandlung nicht akzeptabler Triebregungen ins akzeptable Gegenteil),
  • die Projektion (Attribuierung der eigenen nicht akzeptablen Triebregungen auf andere),
  • die Rationalisierung (Erklärung des eigenen Verhaltens eher mit Hilfe von Motiven, die das Selbst rechtfertigen, als durch inakzeptable Motive) und
  • die Verschiebung (Konzentration sexueller oder aggressiver Triebregungen auf jemanden, der akzeptabler ist als die Person, die die Emotion erregt hat).

 

Die Neofreudianer akzeptierten Freuds grundlegende Auffassungen (die Struktur aus Es, Ich und Über-Ich, die Bedeutung des Unbewussten, die Ausbildung der Persönlichkeit in der Kindheit sowie die Dynamik der Angst und der Abwehrmechanismen). Sie argumentierten aber auch, dass wir noch andere Motive außer Sexualität und Aggression hätten und dass die bewusste Kontrolle des Ichs stärker sei als vermutet. Alfred Adler (der den Begriff Minderwertigkeitskomplex prägte) und Karen Horney (die Freuds Auffassung von der Minderwertigkeit der Frauen widerlegte) vertraten die Meinung, dass nicht sexuelle, sondern soziale Spannungen entscheidend für die Ausbildung der Persönlichkeit sind. Carl Jung schlug ein kollektives Unbewusstes vor, das Erinnerungsspuren aus der Geschichte der Spezies enthält. Die heutigen psychodynamischen Theoretiker und Therapeuten lehnen einige Aspekte von Freuds Theorie ab, so etwa den Gedanken, dass sexuelle Spannungen zentral für die Ausbildung der Persönlichkeit sind. Sie sind aber gemeinsam mit Freud der Auffassung, dass ein Großteil unseres Seelenlebens unbewusst ist, dass die Kindheit unsere Persönlichkeit und die Bindungsstile formt und dass wir innere Konflikte zwischen unseren Wünschen, Ängsten und Wertvorstellungen erleben.

2 projektive Tests, die verwendet werden, um die Persönlichkeit zu erfassen: Der Thematic Apperception Test (TAT) besteht aus einer Reihe von vieldeutigen Bildern, die dazu verwendet werden, eine Geschichte erzählen zu lassen, bei der die Probanden ihre eigenen inneren Gefühle und Interessen zum Ausdruck bringen. Anwender des Rorschach-Tests (»Tintenklecks- Test«), des am stärksten verbreiteten projektiven Tests, bitten die Probanden, eine Reihe von Tintenklecksen zu deuten. Dies geschieht wieder unter der Annahme, dass die Probanden so ihre verborgenen Gefühle offenbaren. Keiner dieser Tests ist bekannt für seine Reliabilität (Konsistenz der Ergebnisse) oder für seine Validität (vorherzusagen, was sie vorhersagen sollen).

Die neuere Forschung steht im Widerspruch zu vielen von Freuds grundlegenden Auffassungen; z. B. zur überragenden Bedeutung der Kindheitserlebnisse, dem Ausmaß des elterlichen Einflusses, der zeitlichen Abfolge der Ausbildung der Geschlechtsidentität, der Bedeutung der Sexualität in der Kindheit, dem Vorhandensein eines verborgenen Inhalts in Träumen und der Häufigkeit verdrängter Erinnerungen. Kritiker merken an, dass Freuds Vorstellungen nicht durch wissenschaftliche Methoden verifizierbar sind und dass seine Theorie nur nachträgliche Erklärungen liefert. Freuds Anhänger erwidern, dass für Freud die Psychoanalyse nur eine Möglichkeit war, einen Sinn in unserer Existenz zu finden, und er sie nicht als prädiktive Wissenschaft ansah. Freud lenkte die Aufmerksamkeit der Psychologie auf das Unbewusste und den Kampf darum, die Angst zu bewältigen. Obwohl die heutige Forschung Freuds Auffassung von der unbewussten Seele als Speicher für Gedanken und Gefühle nicht bestätigen konnte, deuten die in diesem Buch angeführten Befunde darauf hin, dass es zu einer umfassenden Informationsverarbeitung kommt, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Die momentane Forschung konnte das Vorhandensein einiger Abwehrmechanismen nicht bestätigen, die eng mit der Abwehr des Unbewussten zusammenhängen. Sie bestätigt aber das Vorhandensein anderer Abwehrmechanismen, die das Selbstwertgefühl schützen, wie etwa der Reaktionsbildung, des Effekts der Konsensüberschätzung (ähnlich dem Abwehrmechanismus der Projektion bei Freud) und des Terrormanagements (Abwehr der Todesangst durch Streben nach Selbstwertgefühl oder durch festen Glauben an die eigene Sicht der Welt). Schließlich kommt Freud das Verdienst zu, die Aufmerksamkeit auf den Konflikt zwischen den biologischen Triebregungen und den sozialen Zwängen gerichtet zu haben. Und fraglos war sein Einfluss auf unsere Kultur beträchtlich.

 

Humanistische Ansätze

Abraham Maslows Konzept der Selbstverwirklichung: Maslow schlug eine Bedürfnishierarchie vor, die von den grundlegendsten physiologischen Bedürfnissen bis zum höchsten Bedürfnis der Selbstverwirklichung reichte. Er war der Auffassung, dass die Menschen, nachdem sie die anderen Bedürfnisse (physiologische, Sicherheit, Zugehörigkeit und Liebe, Selbstwertgefühl) befriedigt haben, motiviert sein werden, ihr höchstes Potenzial auszuschöpfen. Er kam zu seiner Beschreibung einer selbstverwirklichten Person, indem er die Eigenschaften gesunder und kreativer Menschen untersuchte und zusammenfasste, die ein beispielhaftes Leben führten. Maslow stellt den Versuch der humanistischen Psychologen, die Aufmerksamkeit der Psychologie von den grundlegenderen Motiven und der Konditionierung durch die Umgebung weg und auf das Wachstumspotenzial gesunder Menschen hin zu lenken, als etwas elementar Gutes dar.

Die personzentrierte Sichtweise von Carl Rogers: Wie Maslow glaubte Rogers daran, dass Menschen wachsen und ihre Tendenzen zur Selbstverwirklichung in die Tat umsetzen werden, wenn dies nicht durch ihre Umwelt hintertrieben wird. Wir können das Wachstum bei anderen hin zu einem tieferen Selbst dadurch fortentwickeln, dass wir echt, akzeptierend und empathisch sind. Rogers' Meinung nach ist ein Teil dieser akzeptierenden Haltung die unbedingte Wertschätzung - eine Einstellung der vollständigen Akzeptanz gegenüber der anderen Person. Nach seiner Auffassung ist unser Selbstkonzept ein zentrales Merkmal der Persönlichkeit; dabei handelt es sich um unsere Gedanken und Gefühle in Reaktion auf die Frage »Wer bin ich?«.

Zur Erfassung der Persönlichkeit verwendeten einige humanistischen Psychologen Fragebögen, auf denen die Befragten ihr Selbstkonzept beschreiben konnten, z. B. indem sie ihr tatsächliches Selbst mit ihrem idealen Selbst verglichen. Andere glaubten, dass wir die subjektiven persönlichen Erfahrungen einer Person nur über Interviews und vertrauliche Gespräche verstehen könnten.

Dank der humanistischen Psychologie wurde das Interesse der Psychologie am Selbst wieder neu geweckt. Die Kritiker dieses Ansatzes klagen jedoch darüber, dass die Konzepte verschwommen und subjektiv sind; die Wertvorstellungen der humanistischen Psychologen seien individualistisch und auf das eigene Selbst zentriert, und die Annahmen der humanistischen Psychologie seien in naiver Weise optimistisch.

 

Trait-Ansatz

Statt Persönlichkeit durch sexuelle Vorstellungen in der Kindheit und durch unbewusste Motivationen erklären zu wollen, wie Freud es machte, versuchen die Trait-Theoretiker die Persönlichkeit mit Hilfe stabiler und dauerhafter Verhaltensmuster oder Prädispositionen in Bezug auf Fühlen und Handeln zu beschreiben. Einige Psychologen haben den Versuch unternommen, dominierende Persönlichkeitsmerkmale zu nutzen, um »Persönlichkeitstypen« zu beschreiben.

Trait-Forscher versuchen, die Persönlichkeit dadurch zu beschreiben, dass sie Individuen an bestimmten Punkten auf mehreren Persönlichkeitsdimensionen gleichzeitig anordnen. Einige von ihnen haben den Versuch unternommen, mit Hilfe der Faktorenanalyse wichtige Persönlichkeitsdimensionen zu isolieren. Hans und Sybil Eysenck vertraten die Auffassung, dass 2 primäre, genetisch beeinflusste Dimensionen (Extraversion- Introversion, emotionale Stabilität-Labilität) die normalen individuellen Unterschiede erklären. Schichtaufnahmen der Hirnaktivität deuten darauf hin, dass sich Extravertierte und Introvertierte in Bezug auf das Erregungsniveau im Gehirn unterscheiden. Jerome Kagan ist der Meinung, dass die Vererbung über den Einfluss auf die Reaktionsbereitschaft des autonomen Nervensystems auch das Temperament und die Verhaltensstile beeinflusst, die dazu beitragen, die Persönlichkeit zu definieren.

Der MMPI-2 und im deutschsprachigen Raum der FPI sind die am häufigsten verwendeten Persönlichkeitsinventare. Die Testitems wurden empirisch ermittelt, und die Tests werden objektiv ausgewertet. Objektivität allein ist jedoch keine Garantie für Validität (messen, was der Test messen soll); und die Probanden beantworten eventuell die Fragen eines Persönlichkeitsinventars auf eine Art und Weise, die sozial angemessen, aber nicht ehrlich ist.

Die 5 Persönlichkeitsfaktoren (die »Big Five«) sind:

  • Gewissenhaftigkeit
  • Verträglichkeit
  • Neurotizismus
  • Offenheit für Erfahrung
  • Extraversion.

 

Diese Merkmale scheinen im Erwachsenenalter stabil zu sein, in starkem Maße erblich, auf alle Kulturen anwendbar, und sie sind gute Prädiktoren für andere Persönlichkeitsmerkmale. Wenn man ein Individuum auf diesen 5 Dimensionen einordnet, ergibt sich daraus das momentan umfassendste Bild der Persönlichkeit.

Kontroverse zur Frage Person oder Situation: Kritiker des Trait-Ansatzes weisen darauf hin, dass das spezifische Verhalten der Menschen, obwohl ihre allgemeinen Persönlichkeitsmerkmale dauerhaft sind, von einer Situation zur nächsten unterschiedlich sind, weil ihre innere Disposition in Wechselwirkung mit einer bestimmten Umgebung tritt. Daher sind Persönlichkeitsmerkmale keine guten Prädiktoren für Verhalten. Trait-Theoretiker erwidern, dass trotz dieser unterschiedlichen Ausprägungen das durchschnittliche Verhalten eines Menschen über viele Situationen hinweg dazu tendiert, relativ konsistent zu sein.

Expressive Stile wie Lebhaftigkeit, Sprechweise und Gesten zeigen, wie konsistent Persönlichkeitsmerkmale trotz der situativen Variationen des Verhaltens sein können. Beobachter waren imstande, die Expressivität nach Videoausschnitten zu beurteilen, die nur 2 Sekunden dauerten. Wir haben nur eine geringe willkürliche Kontrolle über unsere Expressivität.

 

Sozial-kognitiver Ansatz

Der reziproke Determinismus ist ein Begriff, der auf die Wechselwirkung zwischen Persönlichkeit und Umweltfaktoren angewandt wird. Diese Wechselwirkung ist zentral für den sozial-kognitiven Ansatz, bei dem Lernprinzipien (Lernen durch Konditionierung und Lernen durch Beobachtung) und kognitive Prinzipien (unser Denken über unsere Situation) auf die Untersuchung der Persönlichkeit angewandt werden. Die Wechselwirkungen zwischen Individuum und Umwelt treten z. B. auf, wenn wir uns für eine Umwelt entscheiden, die uns dann formt, wenn unsere Persönlichkeit die Art und Weise beeinflusst, wie wir Ereignisse interpretieren und darauf reagieren, und wenn unsere Persönlichkeit dazu beiträgt, Situationen zu erzeugen, auf die wir reagieren.

Menschen mit einer internalen Kontrollüberzeugung (die glauben, sie bestimmten ihr eigenes Schicksal) neigen dazu, bessere Leistung in der Schule, eine bessere Gesundheit, weniger Depressionen und eine bessere Selbstkontrolle aufzuweisen als Menschen mit einer externalen Kontrollüberzeugung (die glauben, Kräfte außerhalb ihrer Kontrolle bestimmten ihr Schicksal). Die erlernte Hilflosigkeit ist eine erworbene Reaktion auf Hoffnungslosigkeit und passive Resignation, die Tiere und Menschen zeigen, nachdem sie wiederholt mit traumatischen Ereignissen konfrontiert wurden, die sie nicht kontrollieren können. Eine Umwelt, in der bei den Menschen das Gefühl der Kontrolle zunimmt, kann bei ihnen die Stimmung verbessern und Fähigkeiten mobilisieren. Eine immer größere persönliche Freiheit jedoch in Form einer Vielfalt von Wahlmöglichkeiten für Verbraucher kann zur Qual der Wahl führen, durch die möglicherweise die Lebenszufriedenheit abnimmt, und Depressionen und Gefühle der Lähmung zunehmen.

Ein optimistischer bzw. ein pessimistischer Attributionsstil (die Art und Weise, wie man Ereignisse erklärt) kann ein Hinweis darauf sein, wie lebenstüchtig oder hilflos man sich fühlt. Studierende, die eine Einstellung des hoffnungsvollen Optimismus zum Ausdruck bringen, haben gewöhnlich bessere Noten als die mit einem negativen Attributionsstil. Aber übermäßiger Optimismus kann auch zu Gefühlen der Unbesiegbarkeit führen, die uns unnötigen Risiken aussetzen. Die positive Psychologie versucht wie die humanistische Psychologie, das Gefühl der Erfülltheit beim Menschen zu fördern. Sie unterscheidet sich jedoch von der humanistischen Psychologie durch ihre wissenschaftlichen Methoden. Die 3 Ziele der positiven Psychologie sind 

  1. Untersuchung und Förderung des positiven subjektiven Wohlbefindens,
  2. der positive Charakter sowie
  3. positive Gruppen, positive Gemeinschaften und positive Kulturen.

 

Die sozial-kognitiven Theoretiker interessieren sich dafür, wie sich Verhalten und Überzeugungen eines Menschen auswirken und wie sich die Umgebung auswirkt. Sie beobachten Menschen in realistischen Situationen, weil sie herausgefunden haben, dass die beste Möglichkeit, das Verhalten eines Menschen in einer bestimmten Situation vorherzusagen, darin besteht, die Verhaltensmuster dieses Menschen in vergleichbaren Situationen zu beobachten.

Hauptkritikpunkte am sozial-kognitiven Ansatz: Kritiker werfen dem sozial-kognitiven Ansatz vor, sich so sehr auf die Situation zu konzentrieren, dass er die Person aus dem Blick verliert. Sie vertreten die Auffassung, dieser Ansatz unterschätze die Bedeutung der unbewussten Dynamik, der Emotionen und der biologisch beeinflussten Merkmale.

 

Das Selbst

Die psychologische Forschung zum Selbst hat seit mehr als einem Jahrhundert neue Erkenntnisse angehäuft. Viele Psychologen sehen das Selbst - den Organisator unserer Gedanken, Gefühle und Handlungen - als entscheidenden Teil der Persönlichkeit. Ein neueres Beispiel für die Forschung zum Selbst ist die Studie zum Einfluss des Konzepts der Selbstmöglichkeiten, der Vorstellung eines Selbst, von dem wir träumen, so zu werden, oder vor dem wir Angst haben, dass wir so werden könnten. Ein weiteres Beispiel ist das Konzept des Spotlight-Effekts, der Annahme, dass wir überschätzen, inwieweit andere unser Äußeres, unsere Leistungen und Fehlleistungen bemerken und bewerten. Ein drittes Beispiel ist der Selbstbezugseffekt, die Fähigkeit, sich besser an Informationen zu erinnern, wenn wir sie zu unserer eigenen Person oder zu unserem eigenen Leben in Beziehung setzen können.

2 alternative Erklärungen für die positive Korrelation zwischen geringem Selbstwertgefühl und persönlichen Problemen: Abraham Maslow und Carl Rogers argumentierten, dass sich ein gesundes Selbstbild (starkes Selbstwertgefühl) durch ein persönlich erfüllendes und erfolgreiches Leben auszahlt; und durch einige Experimente ließ sich die zerstörerische Kraft eines negativen Selbstbildes belegen. Doch andere Psychologen haben eine Alternativerklärung für den Zusammenhang zwischen einem geringen Selbstwertgefühl und persönlichen Problemen angeboten: dass das Selbstwertgefühl, sei es nun gering oder stark, Ausdruck einer Realität ist, dass es eine Nebenwirkung dessen ist, ob man erfolgreich die Herausforderungen bewältigt und Schwierigkeiten überwindet oder nicht. Nach dieser Auffassung wäre es die beste Stützung des Selbstwertgefühls, wenn man Kindern dabei hilft, Herausforderungen anzunehmen und sie nicht belohnt, wenn sie versagen.

Untersuchungen zeigen, dass Menschen unter Bedingungen von Diskriminierung und eines geringen sozialen Status - oft Menschen mit einer anderen Hautfarbe, mit einer Behinderung, aber auch Frauen - ihr Selbstwertgefühl aufrechterhalten, indem sie Bereichen einen Wert beimessen, in denen sie sehr gute Leistungen aufweisen, indem sie Probleme auf Vorurteile attribuieren und indem sie sich selbst mit Menschen vergleichen, die sich in einer ähnlichen Lage befinden.

Zur selbstwertdienlichen Verzerrung (unsere Bereitschaft, uns selbst in einem günstigen Licht zu sehen) gehören Tendenzen, 

  • bereitwilliger die Verantwortung für gute Taten und für Erfolge zu übernehmen als für böse Taten und für ein Scheitern und
  • uns selbst für besser zu halten als den Durchschnitt.

 

Das defensive Selbstwertgefühl ist etwas Zerbrechliches, und es nimmt die Form des Egoismus an, der sich darauf konzentriert, sich selbst aufrechtzuerhalten, koste es, was es wolle. Ein sicheres Selbstwertgefühl ist weniger zerbrechlich und hängt weniger stark von äußeren Bewertungen ab.

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