Das Interview

cover_9783662604403.jpg

Das Interview. Grundlagen und Anwendung in Psychologie und Sozialwissenschaften

ISBN: 
978-3-662-60440-3

Dieses praxisnahe Lehrbuch bietet eine verständliche Einführung in die Grundlagen und Anwendung des Interviews – des in der Psychologie am häufigsten eingesetzten Instruments zur Datenerhebung.

Weiterlesen

Konzeption, Durchführung und Auswertung von Interviews zählen deshalb zu den diagnostischen Routinetätigkeiten, die im Studium der Psychologie vermittelt werden – z.B. in Form eines Seminars, für welches das vorliegende Buch hervorragend als Begleitlektüre geeignet ist. Aber auch Forschende sowie Praktikerinnen und Praktiker finden hier hilfreiche Grundlagen und Tipps zur praktischen Durchführung von Interviews.

Datei: 
AnhangGröße
PDF icon leseprobe_renner.pdf398.2 KB
Datei: 
AnhangGröße
PDF icon inhaltsverzeichnis_renner.pdf278.22 KB
Zurück
Frage 1 von 40
Weiter
  • Wie ist das psychologische Interview definiert?

    Lösung

    Das psychologische Interview bezeichnet eine zielgerichtete mündliche Kommunikation zwischen einem oder mehreren Interviewern bzw. einer oder mehrerer Interviewerinnen und einem/einer oder mehreren Interviewten. Das Gespräch läuft nach impliziten und expliziten Regeln ab und dient der Informationssammlung über das Verhalten und Erleben der zu befragenden Person(en).
  • Was sind Ziele des psychologischen Interviews?

    Lösung

    Psychologische Interviews betreffen das Erleben und Verhalten von Personen und zielen auf Beschreibung, Erklärung und Vorhersage, auf Beziehungsdiagnostik oder Bedingungsanalyse ab. Bei der Bedingungsanalyse geht es darum, externe oder interne Bedingungen zu erheben, die Erleben und Verhalten auslösen oder aufrechterhalten.
  • Worin unterscheidet sich das Interview von der Alltagskommunikation?

    Lösung

    Alltagskonversation verfolgt nicht unbedingt einen expliziten Zweck, das Interview schon. Außerdem hat das Interview einen formellen Rahmen und es ist immer auf ein Ziel ausgelegt. In der Alltagskonversation sind Wiederholungen eher ungewünscht wohingegen sie im Interview oft notwendig sind. Im Interview stellt primär der/die Interviewer/in die Fragen, in der Alltagskonversation können beide/mehrere Personen Fragen stellen. Alltagskommunikation basiert außerdem auf implizitem Wissen, im Interview soll dieses implizite Wissen möglichst expliziert werden. In der Alltagskonversation werden zu detaillierte Antworten eher vermieden, wohingegen im Interview die Antworten so detailliert wie möglich sein sollten.
  • Was versteht man unter einer Exploration?

    Lösung

    Die Exploration ist die Hauptmethode der biographischen Persönlichkeitstheorie nach Thomae. Sie dient der unvoreingenommenen Erfassung von Persönlichkeitsmerkmalen, Einstellungen, Werthaltungen usw. der Person. Die freie Exploration nach Thomae ist wenig strukturiert und beinhaltet einen Spontanbericht der interviewten Person.
  • Was versteht man unter einer Anamnese?

    Lösung

    Der Begriff Anamnese stammt aus der Medizin und bezeichnet das Erfragen von Daten zur Vorgeschichte einer erkrankten Person. Es geht also darum, Informationen zur Krankheitsgeschichte zu sammeln, bevor die eigentliche Behandlung beginnt. Auch in der Psychologie versteht man unter einer Anamnese die störungsbezogene Vorgeschichte einer Person. Man unterscheidet zwischen Eigen- und Fremdanamnese, je nachdem ob die Person selbst oder beispielsweise Angehörige befragt werden.
  • Wieso bildet das Interview eine Schnittstelle zwischen Diagnostik und Intervention?

    Lösung

    Das Interview bildet eine Schnittstelle zwischen Diagnostik und Intervention, da bestimmte Interviewtechniken auch Veränderungsprozesse initiieren können. Wenn eine Person z.B. konsequent nach ihren Stärken gefragt wird, dann werden nicht nur Informationen für den Diagnostiker/die Diagnostikerin geliefert, sondern die Aufmerksamkeit der/des Interviewten auf persönliche Ressourcen gelenkt. Der Übergang zwischen Diagnostik und Intervention ist also fließend, wenn Reflexionsprozesse bei der/beim Befragten angestoßen werden, die positive, aber auch negative Effekte zur Folge haben können. Ein Beispiel für diesen fließenden Übergang ist die Wunderfrage nach de Shazer.
  • Anhand welcher Merkmale kann man Interviews unterscheiden?

    Lösung

    Interviews können in verschiedenen Settings oder mit Hilfe verschiedener „Medien“ durchgeführt werden, mit denen ein mehr oder weniger direkter Kontakt der beteiligten Personen einhergeht. Interviews unterscheiden sich im Hinblick auf ihre Dauer, sollten aber – je nach Situation und Person – 60 bis 90 Minuten nicht überschreiten. Die Anzahl der Interviewer_innen und Interviewten kann variieren. Auch die Rolle des Befragers/der Befragenden kann sehr unterschiedlich sein. Fisseni unterscheidet weiche, neutrale und harte Interviews. Interviews können mit verschiedenen Zielen verbunden sein (z.B. umfassende Beschreibung der Biographie, Bedingungen für ein (dys)funktionales Verhalten identifizieren, Eignungsdiagnostik zur Auswahl der besten bewerberin/des besten Bewerbers). Eine besonders wichtige Dimension zur Unterscheidung von Interviews ist der Grad der Strukturierung und Standardisierung.
  • Welche Ebenen der Standardisierung von Interviews können unterschieden werden?

    Lösung

    In einem Interview lassen sich vier Aspekte standardisieren: die Fragen, die Antworten, die Auswertung und das Verhalten der Interviewerin/des Interviewers.
    Fragen: Wortlaut, Anzahl und auch die Abfolge können standardisiert sein.
    Antworten: Standardisierung dadurch, dass z.B. nur „ja“ oder „nein“ als Antwortmöglichkeiten vorgeben sind.
    Auswertung: Standardisierung liegt vor, wenn die Antworten der Probandin bzw. des Probanden nach bestimmten Regeln vorgegebenen Kategorien zugeordnet oder auf zuvor festgelegten Merkmals- und Anforderungsdimensionen quantitativ eingeschätzt werden.
    Verhalten der Interviewerin bzw. des Interviewers: Standardisierung hängt eng mit der Fragenstandardisierung zusammen. Zusätzlich kann festgelegt sein, wie auf Nachfragen der Probandin/des Probanden reagiert und welche Rolle (weich – neutral – hart) eingenommen werden soll.
  • Was sind Vor- und Nachteile hochstandardisierter Interviews?

    Lösung

    Vorteile sind die gute Vergleichbarkeit verschiedener Interviews, die vergleichsweise ökonomische Auswertung, die reduzierten Anforderungen an den/die Interviewer_in. Durch die vorgegebene Reihenfolge der Fragen, Abdeckung der Themen und festgelegte Reaktion auf Nachfragen muss der/die Interviewer_in keine Sorge haben, etwas zu vergessen. Klassische Gütekriterien können leichter bzw. überhaupt ermittelt werden.
    Nachteile sind, dass subjektive Repräsentationen der Probandin bzw. des Probanden ggf. nicht angemessen erfasst werden, Fragen möglicherweise unterschiedlich verstanden werden und ein striktes Festhalten an Standardisierung im Gespräch unnatürlich wirken kann.
  • Was sind Vor- und Nachteile unstandardisierter Interviews?

    Lösung

    Vorteile sind, dass sich die Interviewte Person frei und umfänglich äußern kann. Auch der/die Interviewer_in kann Themen beliebig weit verfolgen und sich auf die Sprache der/des Interviewten einstellen. Das unstandardisierte Interview gibt die Möglichkeit, adaptiv zu diagnostizieren, also antwortabhängig weiter zu fragen.
    Nachteile sind die schwierige Vergleichbarkeit verschiedener Befragungen, dass nicht garantiert ist, dass alle relevanten Informationen erfasst werden und diese Interviewform spezielle Fertigkeiten und damit viel Training und Erfahrung auf Seiten des Interviewers bzw. der Interviewerin erfordert. Diese_r kann sonst leicht überfordert sein.
  • Was zeichnet das teilstandardisierte bzw. halbstrukturierte Interview aus?

    Lösung

    Das teilstandardisierte bzw. halbstrukturierte Interview versucht die Vorteile der standardisierten und unstandardisierten Befragung zu vereinen und die Nachteile zu vermeiden. Es basiert auf einem Gesprächsleitfaden, in dem Themen und mehr oder weniger ausformulierte Fragen festgelegt sind, die auf jeden Fall gestellt werden sollen. Es wird also eine Struktur vorgegeben, die Vergleichbarkeit zwischen mehreren Interviews ermöglicht und trotzdem individuelle Variationen zulässt.
  • Ist das halbstrukturierte Interview die Methode der Wahl?

    Lösung

    Nein, das kann man so nicht sagen. Welcher Grad der Standardisierung und Strukturierung am günstigsten ist, hängt ganz stark von den Zielsetzungen und dem Kontext des Interviews ab.
  • Welche psychologischen Bedingungen können in einem Interview potenziell wirksam werden?

    Lösung

    Erster Eindruck, Motive der interviewten Person, Emotionen, wie Angst und Ärger, Übertragungs- und Gegenübertragungsprozesse.
  • Was bedeutet Übertragung und Gegenübertragung im Interview?

    Lösung

    Mentale Repräsentationen von positiv oder negativ konnotierten signifikanten Anderen aus der bisherigen Interaktionsgeschichte einer Person sind im Gedächtnis gespeichert und können aktiviert werden, wenn wir einer Person begegnen, die der mentalen Repräsentation einer solchen signifikanten anderen Person ähnelt. Dieser realen anderen Person werden dann Merkmale zugeschrieben, die eigentlich der signifikanten Anderen zukommen. Wenn dann der/die Interviewer_in durch den Probanden bzw. die Probandin an einen Menschen erinnert wird, mit dem er/sie in der Vergangenheit negative Erfahrungen gemacht hat und der angstbesetzt ist, dann wird er/sie u.U. negative Gefühle gegenüber dem Probanden bzw.der Probandin erleben, ohne genau erklären zu können, warum.
  • Welche Motive können in einem Interview bei den beteiligten Personen eine Rolle spielen?

    Lösung

    Bedürfnisse nach Kontrolle und Komplexitätsreduktion (Vorhersagbarkeit und Transparenz der Interviewsituation), Selbstdarstellungsmotive (z.B. bei einer attraktiven Interviewerin oder einem attraktiven Interviewpartner einen möglichst guten Eindruck machen sowie kompetent und sympathisch wirken wollen), Motive nach Selbstwertregulation (z.B. sich nicht blamieren wollen), Interesse am Thema, altruistische Motive (dem/der Interviewer_in z.B. bei ihrer oder seiner Bachelorarbeit helfen wollen), Machtmotivation (z.B. dem Interviewer oder der Interviewerin deutlich machen, dass man mehr zu einem Thema weiß als er bzw. sie).
  • Was ist mit der „Sozialpsychologie des Interviews“ gemeint?

    Lösung

    Unter der Sozialpsychologie des Interviews versteht man die Bedeutung folgender Phänomene und Prozesse für die Analyse der Interview-Situation:
    - Ersteindrucks-, Stereotypisierungs- und Kategorisierungsprozesse, die u.a. mitbedingt sind durch äußere Merkmale, das Auftreten, Sprachverhalten, Geschlecht, die Schichtzugehörigkeit und die ethnische Zugehörigkeit der beteiligten Personen
    - Attributionen (Erklärungen für das Verhalten des Gegenübers) und Attributionsverzerrungen (z.B.: fundamentaler Attributionsfehler).
    - Asymmetrischer Kommunikationsprozess und mögliche daraus folgende Konsequenzen (z.B. subtile Machtspiele).
    - Persönlichkeitsmerkmale als mögliche Moderatoren.
  • Welche Konsequenzen folgen aus der Komplexität des Interviews für die Gestaltung der Interview-Situation?

    Lösung

    1. Transparenz: Eindeutige Definition der Interviewsituation, des Interviewziels, der Rollenverteilung und der ungefähren Dauer sorgen für Transparenz und Bewältigbarkeit sowie für vergleichbare Startbedingungen.
    2. Beziehung gestalten: Gute, vertrauensvolle Arbeitsbeziehung aufbauen und nicht versuchen, als Neutrum oder Niemand aufzutreten. Zu einem Niemand kann man keine Beziehung aufbauen und einem Niemand kann man x-Beliebiges erzählen. Versuchen Sie nicht, Ihre Beziehung zum Gegenüber als Störquelle vollständig zu eliminieren, sondern die Beziehungsebene konstruktiv und professionell zu nutzen.
    3. Freundlich sein, aber neutral bleiben: Ein Interview sollte sich im Idealfall wie ein gutes, aber zielgerichtetes Gespräch „anfühlen“; deshalb ist es notwendig, verbal und nonverbal Interesse an den Aussagen des Interviewpartners/der Interviewpartnerin zu zeigen und dadurch die Redebereitschaft und den Redefluss aufrecht zu erhalten. Neutral bleiben: keine Wertungen gegenüber den Aussagen der Interviewpartnerin oder des Interviewpartners, sich nicht positionieren und sich z.B. auch nicht mit ihr oder ihm gegen eine andere Person oder Organisation solidarisieren.
    4. Möglichkeit zur Meta-Kommunikation einplanen: Vorsichtig die Beziehungsebene thematisieren und über die gerade stattfindende Kommunikation reflektieren, wenn der Interviewpartner/die Interviewpartnerin sich z.B. verweigert oder ablehnend verhält. Meta-Kommunikation ist nicht einfach, erfordert Fingerspitzengefühl und sollte, soweit möglich, vorher in einem Rollenspiel geübt werden.
  • Welche Vorteile hat das Interview gegenüber der Fragebogen-Methode?

    Lösung

    1. Keine bzw. bessere Erfassung von response-shift-Phänomenen
    2. Bessere Erfassung von qualitativen Übergängen zwischen Bedeutungssystemen
    3. Interviews sind flexibler und erlauben spontane Reaktionen, die Berücksichtigung nonverbaler Signale sowie eine höhere Kontrolle über die diagnostische Situation.
  • Was sind Beispiele für diagnostische Zielsetzungen in der Klinischen Psychologie und Psychotherapie?

    Lösung

    Zielsetzungen sind z.B. die Deskription einer Symptomatik, die Erklärung von Störungsbildern, die klassifikatorische Einordnung eines Störungsbildes etwa anhand standardisierter Interviewleitfäden wie dem SCID-5-CV, die prädiktive Diagnostik zur Vorhersage und Planung zukünftiger Verläufe und Maßnahmen, die Evaluation von Veränderungen wie auch die klinische Dokumentation.
  • Was ist das Multimodale Interview?

    Lösung

    Mas MMI stammt aus der Personalpsychologie und ist ein von Schuler entwickeltes Einstellungsinterview, zur möglichst validen, reliablen und objektiven Durchführung von Auswahlgesprächen. Es umfasst acht Schritte:
    - Gesprächsbeginn
    - Selbstvorstellung des Bewerbers,
    - freier Gesprächsteil
    - Berufsinteressen, Berufs- und Organisationswahl
    - biographiebezogene Fragen
    - realistische Tätigkeitsinformation
    - situative Fragen
    - Gesprächsabschluss.
  • Was sind false memories und in welchem Kontext können sie wichtig sein?

    Lösung

    False Memories spielen insbesondere in der Forensischen Psychologie bei der Beurteilung der Zuverlässigkeit von Zeuginnen- bzw. Zeugenaussagen eine Rolle. Vor dem Hintergrund der Erkenntnis, dass unser Gedächtnis ein rekonstruktiver Prozess und anfällig für Verzerrungen ist, konnte in experimentellen Untersuchungen gezeigt werden, dass durch bestimmte Taktiken falsche (autobiographische) Erinnerungen bei den Versuchspersonen erzeugt werden können. In forensischen Kontexten können bestimmte konfrontative Befragungstechniken, die suggestiv Schuld unterstellen und dabei „Beweise“, wie z.B. falsche Zeuginnen- buw. Zeugenaussagen anführen, dazu führen, dass eigentlich unschuldig Angeklagte die Anschuldigungen internalisieren und am Ende überzeugt sind, sie hätten die Tat wohl „wirklich“ vergessen.
  • Was sind paradigmatische Gemeinsamkeiten qualitativer Forschungsmethoden?

    Lösung

    Qualitative Forschung richtet sich auf natürlich auftretende Phänomene, weniger auf experimentell erzeugte. Es geht um das reale Erleben einer Person, das gegenstandsangemessen erfasst werden soll. Die Datenerhebung erfolgt meist durch Beobachtung, Interviews oder Datenmaterial aus dem Internet, Bilder, Akten usw. Die Datenauswertung erfolgt durch ein regelgeleitetes, systematisches und (selbst)reflexives Vorgehen, in dem das Verstehen der Phänomene im Mittelpunkt steht. Qualitatives Vorgehen zielt auf das Entdecken neuer Konzepte, Typen und Strukturen ab und bemüht sich um theoretische Offenheit. Eine weitere Gemeinsamkeit ist die Überzeugung, dass die Person des/der Forschenden sowie die Interaktion zwischen Forschenden und Probanden eine wichtige Rolle spielen und methodisch berücksichtigt werden müssen. Auch die Vorannahmen des/der Forschenden und das implizite Menschenbild werden im Forschungsprozess reflektiert.
  • Was meint die Metapher vom Interviewer "as a miner or as a traveler"?

    Lösung

    Die Metapher vom/von der Interviewer_in als „Bergmann“ (Miner) versteht Wissen als verschüttetes Edelmetall, das im „Inneren“ von Individuen darauf wartet, vom/von der Interviewer_in „ausgegraben“ zu werden. Dabei wird das Wissen/das Edelmetall durch die „Grabungsaktivitäten“ (die Interviewtätigkeiten) nicht verändert. Dies steht im übertragenen Sinne für standardisierte, quantitative Interviews.
    Mit der Metapher vom/von der Interviewer_in als „Reisende_m“ (Traveler) ist die Auffassung verbunden, dass neues Wissen in der Konversation mit anderen wie auf einer Reise konstruiert wird. Der/Die Interviewer_in als Reisende_r exploriert ein unbekanntes Land, begleitet die unbekannten Landesbewohner und hört sich ihre Geschichten an. Wieder zu Hause erzählt er/sie dann selbst Geschichten, in denen die Geschichten der unbekannten Landesbewohner rekonstruiert werden. Oder er/sie erzählt den Landesbewohner_inne_n, wie er/sie ihre Geschichten interpretiert und fragt, was sie davon halten. Dabei entsteht neues Wissen und der/die Reisende wird sich möglicherweise selbst verändern. Dies steht im übertragenen Sinne für qualitative Interviews.
  • Welche Prinzipien sollte man bei der Formulierung von Interviewfragen beachten?

    Lösung

    Fragen sollten einfach und kurz formuliert sein. Fragen sollten außerdem eindeutig formuliert sein, d.h. nicht mehrere Dinge zugleich erfragen. Suggestive Fragen sind unbedingt zu vermeiden. Fragen sind suggestiv, wenn ihre Formulierung und/oder vor der Frage gegebene Informationen eine bestimmte Antwort nahelegen. Interviewfragen sollten generell verständlich, klar, nicht zu lang, dem Sprachniveau des Empfängers bzw. der Empfängerin entsprechend, sozial akzeptabel sowie in der Sache relevant sein.
  • Welche Typen von Fragen können unterschieden werden?

    Lösung

    Es gibt zwei Typen von Fragen: funktionale Fragen und formale Fragen. Zu den funktionalen Fragen zählen Einleitungsfragen, Übergangsfragen, Kontrollfragen und Filterfragen. Sie steuern die größeren Einheiten und Übergänge innerhalb des Interviews. Bei den formalen Fragen unterscheidet man offene vs. geschlossene Fragen, direkte vs. indirekte Fragen, allgemeine vs. konkrete Fragen, Nachfragen und situative Fragen. Formale Fragen zielen darauf ab, dem/der Interviewpartner_in zu signalisieren, in welcher Form er/sie etwas darstellen soll.
  • Wie ist die Eröffnung des Interviews aufgebaut und strukturiert?

    Lösung

  • Wie ist der Hauptteil des Interviews aufgebaut und strukturiert?

    Lösung

  • Wie ist der Abschluss des Interviews aufgebaut und strukturiert?

    Lösung

  • Was ist bei der Anwerbung und Einladung von Interviewpartnern bzw. Interviewpartnerinnen zu beachten?

    Lösung

    Die Kontaktaufnahme kann durch den/die Interviewer_in oder den/die Interviewpartner_in erfolgen (wenn z.B. ein Aushang gemacht wurde). In beiden Fällen sollte der Erstkontakt (meist telefonisch) gut vorbereitet werden. Der/Die Interviewer_in sollte mehrere Terminoptionen anbieten und ausreichend Zeit für das Interview sowie zwischen mehreren Interviews einplanen. Um die Aufmerksamkeit und Konzentration aufrecht erhalten zu können, sollte man nicht zu viele Interviews an einem Tag durchführen.
  • Was ist bei der Vorbereitung und Eröffnung des Interviews zu beachten?

    Lösung

    Insbesondere bei Einstellungsinterviews sollten vorab Informationen über den Interviewpartner/die Interviewpartnerin gesichtet und ggf. spezifische Fragen formuliert werden. Zum Interview sollte man angemessen gekleidet erscheinen, für eine Wartegelegenheit vor dem Interview-Raum sowie Ungestörtheit und Privatheit während des Interviews gesorgt haben. Um eine konstruktiv-angenehme Atmosphäre zu schaffen, ist es empfehlenswert, einen geeigneten Raum auszuwählen, die Sitzordnung zu planen, Getränke und ggf. Snacks anzubieten. Wichtig ist außerdem, Pünktlichkeit zu gewährleisten. Der/Die Interviewer_in sollte den Interviewleitfaden vorab noch einmal durchgehen. Sobald der Interviewpartner/die Interviewpartnerin empfangen wird, kann über Smalltalk ins Gespräch eingestiegen werden. Anschließend sollten ein Überblick über das Interview sowie wichtige Hinweise (z.B. über den Ablauf, Vertraulichkeit, beteiligte Personen, etc.) gegeben werden.
  • Was sind Steuerungsmöglichkeiten des Gesprächsflusses?

    Lösung

    Der Gesprächsfluss im Interview kann durch subtile Signale auf verbaler und nonverbaler Ebene stimuliert oder gebremst werden. So kann der Redefluss des Interviewpartners/der Interviewpartnerin durch neutrale Äußerungen wie z.B. „Mmh“, „Aha“, „Ich verstehe“ positiv verstärkt werden. Wenn der/die Befragte jedoch abschweift, sollte er/sie auf wertschätzende Weise unterbrochen und zum Thema zurückgeführt werden. Auf nonverbaler Ebene können Lächeln, Blickkontakt, eine zugewandte Körperhaltung sowie eine offene Gestik (Arme nicht verschränkt) das Auskunftsverhalten fördern. Umgekehrt können nonverbale Signale auch eingesetzt werden, um zu signalisieren, dass Ausführungen zu weit gehen oder der/die Interviewte vom Thema abschweift.
  • Was sind die wichtigsten rechtlichen Rahmenbedingungen, die bei einem Interview zu beachten sind?

    Lösung

    Bei der Durchführung von Interviews sind die ersten beiden Artikel des Grundgesetzes (Schutz der Menschenwürde und allgemeines Persönlichkeitsrecht) zu beachten und zu schützen. In Interviews erhobene Daten müssen außerdem vertraulich behandelt werden. Die Erfassung von personenbezogenen Daten zu wissenschaftlichen Zwecken ist unter bestimmten Voraussetzungen möglich; dazu zählen u.a. eine ausführliche Teilnehmendeninformation und eine explizite schriftliche Einwilligungserklärung zur Erfassung, Speicherung und zweckgerichteten Verwendung der Daten. Im Falle einer Gesprächsaufzeichnung über ein Aufnahmegerät, muss die interviewte Person dem explizit zustimmen und jederzeit die Möglichkeit haben, die Aufnahmen ohne Nachteile zu unterbrechen und eine Löschung der Daten zu fordern. In Bewerbungsinterviews kommen darüber hinaus weitere, spezifische rechtliche Aspekte zum Tragen. So sind etwa Fragen, die die Privatsphäre des Bewerbers bzw. der Bewerberin oder das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verletzen, nicht zulässig.
  • Nennen Sie vier Aspekte, die einen guten Interviewer/eine gute Interviewerin auszeichnen und vier Aspekte, die ein guter Interviewer/eine gute Interviewerin meidet.

    Lösung

    Beispiele für gute Interviewer_innen:
    - stellt sicher, dass das Interview ungestört stattfinden kann
    - stellt nur notwendige Fragen
    - widmet seine/ihre volle Aufmerksamkeit stets dem/der Interviewten
    - lässt zwischen den Fragen Zeit, sodass der/die Interviewte über seine/ihre Antworten nachdenken kann
    - vermeidet Suggestivfragen
    Beispiele dafür, was gute Interviewer_innen meiden:
    - Fragen zu stellen, die seine/ihre eigene Neugier befriedigen
    - jeden kurzen Moment der Stille mit einer Frage füllen zu wollen
    - die/den Interviewte_n beim Sprechen zu unterbrechen
    - ein Urteil über die Person der/des Interviewten oder ihre/seine Aussagen zu fällen
  • Wann ist ein Interviewertraining sinnvoll?

    Lösung

    Interviewtrainings sind eine geeignete Maßnahme, wenn z.B. Forschungsinterviews mit zahlreichen Probanden durchgeführt werden sollen und man sicherstellen möchte, dass alle Interviewer_innen sowohl den Interviewleitfaden als auch grundlegende Prinzipien der Gesprächsführung, des Beziehungsaufbaus aber auch mögliche Störeffekte kennen. Ebenso eignen sich Interviewtrainings zur Verbesserung der Personalauswahl, wenn systematische, fundierte wie auch qualitativ hochwertige Bewerbungsgespräche angestrebt werden.
  • Inwieweit lassen sich die klassischen Testgütekriterien (Objektivität, Reliabilität, Validität) auf das Interview übertragen?

    Lösung

    Objektivität: Durchführungs-, Auswertungs-, und Interpretationsobjektivität können am ehesten bei hoher Standardisierung des Interviews gewährleistet werden, sodass unterschiedliche Interviewende im Idealfall zum selben oder einem sehr ähnlichen Ergebnis kommen. Schmidt und Keßler (1976) unterscheiden drei weitere Objektivitätsaspekte im Interview: (a) die Aufzeichnungsobjektivität (gefährdet, wenn keine technischen, audiovisuellen Mittel verwendet werden), (b) die intrapersonelle Objektivität (Vorhersagbarkeit des Interviewendenverhaltens) und (c) die interpersonelle Objektivität (Konkordanz, andere Bezeichnung für Aspekte der Durchführungs-, Auswertungs- und Interpretationsobjektivität).
    Reliabilität im Sinne der internen Konsistenz spielt im Interview eine nur untergeordnete Rolle, da nicht zu erwarten ist, dass in einem längeren Gespräch mit unterschiedlichen Themen, homogene Antworten resultieren. Die Retest-Reliabilität in Interviews ist (trivialerweise) vor allem bei „harten” Daten gegeben, z.B. der Anzahl der Kinder, der Geschwisterstellung, dem Schulbesuch etc. Eine hohe Retest-Reliabilität ist weder im Interview noch im Fragebogen zu erwarten, wenn sich Merkmale über die Zeit ändern, z.B. Verhaltensweisen, Einstellungen, organische Symptome etc. Ändern kann sich auch die Wahrnehmung bzw. Bewertung eines Gegenstands.
    Validität: Die Augenscheinvalidität gibt im Interview an, wie transparent eine Frage formuliert ist. Die Inhaltsvalidität von Interviewfragen kann über Expertinnen- und Expertenurteile eingeschätzt werden. Übertragen auf das Interview ist konkurrente Validität dann gegeben, wenn eine Interviewaussage mit einem gleichzeitig vorliegenden Kriterium übereinstimmt (z.B. einer Krankheitsdiagnose). Korrelationen mit zukünftigen Merkmalen indizieren die prädiktive Validität, die z.B. zwischen Zulassungsinterviews zum Studium und den Klausur- bzw. Prüfungsnoten bestimmt werden können. Die inkrementelle Validität (Zuwachs an Varianzaufklärung) bedeutet z.B., ob ein Interview eine zusätzliche Vorhersageleistung für das Kriterium Studienerfolg bringt, die über die Vorhersage durch einen Intelligenztest oder durch Schulnoten hinausgeht. Aussagen im Interview können als eine Datenquelle neben Fragebogen-Daten, psychophysiologischen und Verhaltensdaten im Prozess der Konstruktvalidierung herangezogen werden. Die Handlungsvalidierung ist mit der konkurrenten Validität vergleichbar. Sie zielt darauf ab zu ermitteln, inwieweit Aussagen über Verhalten mit dem tatsächlichen Verhalten übereinstimmen.
  • Sind Interviews objektiv, reliabel und valide?

    Lösung

    Befunde zur Objektivität, Reliabilität und Validität von Interviews sind heterogen, denn es lassen sich sowohl Studien finden, in denen niedrige Koeffizienten für jedes der drei Gütekriterien resultierten, als auch Studien mit hohen Koeffizienten. Interviews können die Erfassung objektiver, reliabler und valider Informationen ermöglichen, aber nicht garantieren. Grundsätzlich gilt, dass mit zunehmender Standardisierung und Strukturierung eines Interviews auch die Qualität im Sinne der klassischen Gütekriterien besser erreicht werden kann.
  • Wie können Interviews ausgewertet werden?

    Lösung

    Es lassen sich zwei quantitative und zwei qualitative Methoden zur Analyse von Interviewdaten unterscheiden:
    (1) Quantitative Einschätzung der Antworten, z.B. in Gesprächen zur Personalauswahl vor dem Hintergrund der critical incident technique oder im SCID-5-PD zur Kodierung von Kriterien für Persönlichkeitsstörungen.
    (2) Inhaltliche Zusammenfassung der Antworten, z.B. im Sinne einer thematischen Zusammenfassung, die die Aussagen eines Interviewpartners/einer Interviewpartnerin nach bestimmten Regeln genau, aber gekürzt wiedergibt.
    (3) Qualitative Inhaltsanalyse: Systematisch-intersubjektive Beschreibung des Bedeutungsinhaltes von Texten mit Hilfe eines Kategoriensystems.
    (4) Quantitative Textanalyse: Erfassen und Auszählen einzelner Wörter mit Hilfe von Software (LIWC: Linguistic Inquiry and Word Count) und Zuordnung zu vordefinierten Kategorien.
    Zudem kann das non- und paraverbale Verhalten in Interviews ausgewertet werden.
  • In welchen Phasen läuft eine qualitative Inhaltsanalyse ab?

    Lösung

    (1) Auswahl- und Analyseeinheiten festlegen
    (2) Explikation von Kategorien
    (3) Bestimmung der Kodiererübereinstimmung
    (4) Durchführung der Inhaltsanalyse
  • Welche Anforderungen müssen Kategoriensysteme in der qualitativen Inhaltsanalyse erfüllen?

    Lösung

    Kategoriensysteme müssen erschöpfend und saturiert sein; die einzelnen Kategorien müssen disjunkt sein. Ein Kategoriensystem ist erschöpfend, wenn alle Textbestandteile, die für die Fragestellungen relevant sind, damit „abgedeckt“ sind bzw. den Kategorien zugeordnet werden können (maximal 5-10% der Textstellen dürfen in einer Restkategorie sein). Ein Kategoriensystem ist saturiert, wenn alle Kategorien durch Texteinheiten ausgefüllt sind (bei theoretisch abgeleiteten Kategoriensystemen relativiert). Kategorien sind disjunkt, wenn die Zuordnung von Textteilen eindeutig nur zu einer Kategorie und nicht zu mehreren gleichzeitig erfolgt.
  • Mit welchem statistischen Maß kann die Übereinstimmung zwischen zwei Kodieren in der qualitativen Inhaltsanalyse berechnet werden?

    Lösung

    Kappa-Koeffizient nach Cohen
  • Fertig!

    Zurück zu Frage 1
Zurück
Frage 1 von 40
Weiter

Dozentenmaterialien

Hier finden Sie die zum Buch gehörenden Dozentenmaterialien.
Registrieren Sie sich, oder melden Sie sich an, falls Sie bereits registriert sind.