Klinische Psychologie und Psychotherapie

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Klinische Psychologie und Psychotherapie

ISBN: 
978-3-642-13017-5

Das Lehrbuch Klinische Psychologie - DER Einstieg in das beliebteste Fachgebiet der Psychologie! Die erste Auflage wurde in kürzester Zeit zu einem der beliebtesten Lehrbücher dieses Fachs. Denn dieses Buch ist inhaltlich und optisch top: Der Inhalt stammt von einem Spitzenteam namhafter klinischer Psychologen.

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Die 49 Beiträge sind sinnvoll eingeteilt in Grundlagen der klinischen Psychologie (mit Klassifikationen psychischer Störungen), Basiskurse zu psychotherapeutischen Verfahren und Vertiefungskurse zu allen wichtigen Störungsbildern und Anwendungsfeldern – mit Hinweisen auf die Relevanz der Inhalte im Hinblick auf Bachelor- und Masterstudiengänge.

Der Stoff ist didaktisch hervorragend aufbereitet (veranschaulicht durch zahlreiche Fallbeispiele und Studien) und die Prüfungsrelevanz steht im Mittelpunkt (Prüfungsfragen; Glossar der wichtigsten Fachbegriffe).

Die zweite Auflage wartet mit neuen Kapiteln zu psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter, pathologischem Glücksspiel und bipolaren Störungen sowie mit grundlegenden Überarbeitungen zahlreicher bestehender Kapitel auf.

Die Optik ist preisgekrönt: Das Werk wurde von der Stiftung Buchkunst als eines der schönsten Bücher des Jahres ausgezeichnet.

Doch das Buch bietet noch mehr: Eine Begleitwebsite enthält interaktive Lerntools für Studierende und Lehrmaterialien für Dozenten. – Klare Diagnose: Dieses Buch gehört in jedes Regal!

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BegriffErklärung
AbhängigkeitssyndromCharakteristisches Muster körperlicher, kognitiver, verhaltensbezogener, sozialer und emotionaler Symptome, das durch den kontinuierlichen Konsum von psychotropen Substanzen entsteht.
AblehnungstrainingTechnik zur Rückfallprävention, die speziell bei der Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen eingesetzt wird. Der Patient soll im Rollenspiel geeignete soziale Fertigkeiten entwickeln, um in »sozialen Verführungssituationen« die Aufforderung durch andere (z. B. zum Alkoholkonsum) selbstsicher ablehnen zu können.
AbulieWillenlosigkeit, unangemessene Schwäche bzw. Unvermögen, Entscheidungen zu treffen, Entschlüsse zu fassen und durchzuführen. Tritt u. a. auf bei einigen Formen depressiver Störungen sowie verschiedenen organischen Hirnschädigungen.
AbwehrmechanismusEin Konstrukt, das in der psychoanalytischen Theorie einen automatisierten psychischen Prozess beschreibt, der das Individuum vor Angst und vor der Wahrnehmung innerer und äußerer Belastungen und Gefahren schützt. Abwehrmechanismen regulieren die Reaktion des Individuums auf emotionale Konflikte und auf äußere Belastungen. Einige Abwehrmechanismen (z. B. Projektion, Spaltung und Ausagieren) sind fast immer unangepasst. Andere, wie Unterdrückung und Verleugnung, können in Abhängigkeit von ihrem Ausprägungsgrad, ihrer Flexibilität und dem Kontext, in dem sie auftreten, sowohl unangepasst als auch angepasst sein.
AdoptionsstudienForschungsansatz der Verhaltensgenetik zur Abklärung der relativen Bedeutsamkeit von genetischen und Umweltfaktoren. Dabei werden Personen untersucht, die bei Adoptiveltern aufwuchsen. Durch den Vergleich der Ähnlichkeit zwischen den Adoptierten und ihren biologischen bzw. Adoptiveltern kann der Einfluss der Umwelt bzw. der genetischen Ausstattung abgeschätzt werden. Wichtige Ergänzung zu Zwillingsstudien.
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Frage 1 von 279
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  • Was ist der Unterschied zwischen Klinischer Psychologie und Psychotherapie?

    Lösung

    Klinische Psychologie
    • Auf dem Boden aller psychologischen Fächer umfasst die Klinische Psychologie alle grundlagen- und anwendungswissenschaftlichen Aspekte im Zusammenhang mit abweichendem Verhalten, psychischen Störungen sowie psychologischen Faktoren bei körperlichen Störungen und Erkrankungen
    • Dies schließt auch weite Bereiche der Gesundheitspsychologie, des Gebiet Occupational Health sowie der Beratungspsychologie mit ein; z. B. im Zusammenhang mit Prävention, Lebensberatung und Rehabilitation (vgl. Matrix von Baumann und Perrez, S. 5)
    • Das Spektrum des Faches geht weit über die im DSM-IV und ICD-10 definierten psychischen Störungen hinaus, was zu einer engen Verschränkung nicht nur mit anderen Teilbereichen der Psychologie (z. B. Arbeits- und Organisationspsychologie) sondern auch mit medizinischen Fachbereichen (z. B. Neurologie) führt
    Psychotherapie
    • ist ein Teilbereich der Klinischen Psychologie, der sich mit der psychologischen Therapie von behandlungsbedürftigen Menschen mit einer definierten psychischen Störung befasst
    • ist ein bewusster und geplanter interaktioneller Prozess, bei dem in einem festgelegten räumlich-zeitlichen Rahmen mithilfe erlernbarer Techniken (psychologische Interventionen) zur Beeinflussung von Verhaltensstörungen und Leidenszuständen im Hinblick auf ein gemeinsam erarbeitetes Ziel hin eingesetzt werden
    • ist (im Gegensatz zu dem weiten Spektrum klinisch-psychologischer Verfahren) dem Bereich der gesetzlich-rechtlich streng geregelten Heilkunde zuzuordnen. Das sog. Psychotherapeutengesetz regelt die entsprechenden Ausbildungs- und Berufsausübungsbestimmungen
  • Was sind die wesentlichen Merkmale der neurobiologischen Perspektive bei psychischen Störungen?

    Lösung

    • Annahme, dass alle psychischen Funktionen und das Verhalten direkt wechselseitig abhängig von biochemischen, anatomischen, neuroendokrinen, physiologischen und genetischen Faktoren sind
    • demzufolge sind auch psychische Störungen auf diese Faktoren zurückzuführen; hierzu sind verschiedenen Vulnerabilitäts-Stress-Modelle entwickelt worden
  • Warum wird die Verhaltenstherapie als „genuin psychologisches Verfahren“ eingeordnet?

    Lösung

    • Sie beruht als einziges psychotherapeutisches Verfahren auf allen Erkenntnissen der empirischen und experimentellen Psychologie in ihrer gesamten Breite. (Definition von Verhaltenstherapie nach Margraf und Lieb)
    • Sie beruht konsequent auf der Umsetzung der Lerngesetze
    • die zunächst behavioristisch orientierte Verhaltenstherapie war von Beginn an offen für die Erweiterung durch verschiedene Annahmen (z. B. kognitive und psychophysiologische Modelle)
    • die kognitiv-behaviorale Orientierung der heutigen Verhaltenstherapie bietet die Grundlage für die Integration von Erkenntnissen der gesamten empirischen Psychologie
    • deshalb wird die Verhaltenstherapie als genuin (eigenständiges) psychologisches Behandlungsverfahren definiert und nicht schulenspezifisch eingeordnet
  • Was sind die wesentlichen Bausteine des „Vulnerabilitäts-Stress-Modells“?

    Lösung

    Vulnerabilitäts-Stress-Modelle:
    • sind integrative Wechselwirkungsmodelle und erklären das menschliche Verhalten und das Auftreten psychischer Störungen als Interaktion von biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren vor dem Hintergrund entwicklungsbezogener Aspekte
    • sie erlauben eine widerspruchsfreie Integration neuer Erkenntnisse, haben heuristischen Wert für die therapeutische Praxis, sind jedoch für die einzelnen psychischen Störungen noch weit von einer umfassenden wissenschaftlichen Absicherung entfernt
    Zentrale Komponenten:
    1. Vulnerabilität: angeborene und/ oder erlernte Anfälligkeit oder Disposition (auf biologischer, psychologischer und sozialer Ebene), die in Wechselwirkung mit einer »passenden« Auslösesituation zu einer pathogenen Dynamik führen kann
    2. Stress bzw. Exposition: alle Anforderungssituationen (kritische Lebensereignisse, diffuse Belastungsbedingungen) auf die eine Person/ ein Organismus mit einer Anpassungsreaktion reagieren muss
    3.
    a) Resilienz als modifizierende Variable: Fähigkeit einer Person, unter extremen Belastungsbedienungen (ggf. auch bei hoher Vulnerabilität) proaktiv zu handeln, um eine erfolgreiche Anpassung an die veränderten Bedingungen zu erreichen
    b) Coping als modifizierende Variable: Handlungskompetenzen die es einer Person erlauben in verschiedenen Anforderungssituationen flexibel und effizient zu reagieren
    4. kurz- und langfristige Konsequenzen
    Diese Faktoren werden den Stadien der Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Störungen (Prodromalphase, Störungsbeginn, Störungsverlauf) zugeordnet.
  • Was verstehen wir unter einer operationalisierten Diagnostik? Erläutern Sie dies an einem Beispiel!

    Lösung

    Im Gegensatz zur psychometrischen Diagnostik werden in der operationalisierten Diagnostik alle Entscheidungsschritte und Elemente des diagnostisch-klassifikatorischen Prozess detailliert und zumeist kategorial und polythetisch beschrieben und festgelegt, um zu einer klassifikatorischen Diagnose entsprechend der etablierten Klassifikationssysteme zu kommen. Operationalisierte Diagnostik einer psychischen Störung erfordert die Spezifizierung der Symptom- und Verhaltensmerkmale und der Zusatzkriterien (z. B. Zeitkriterium) sowie die Angabe des Algorithmus, wie die syndromale Verrechnung der Einzelkriterien oder Symptomgruppen zu einer Diagnose erfolgen soll (Beispiel: DSM-IV-Kriterien einer Major Depression).
  • Auf welchen Grunddimensionen und nach welchen Merkmalen lassen sich psychische Störungen definieren?

    Lösung

    1. Symptomatologie(Erscheinungsbild): * Art der Symptome
    * Konfiguration von Symptomgruppen; Syndrome
    2. Zeit- und Verlaufscharakteristika * Erkrankungsalter
    * Tempo des Ersterkrankungsbeginns (Akuität)
    * Verlauf (z. B. intermittierend, chronisch)
    * Dauer
    * Ausgang
    3. Vermutete Ätiologie Disposition (genetisch, Persönlichkeitsstruktur)
    * Auslösung (psychoreaktiv, somatisch, therapeutisch)
    * Verlaufsbeeinflussung (morbogen, psychoreaktiv, sozial, therapeutisch)
    4. Intensität * Die meisten Kriterien auf den Dimensionen 1-3
    5. Sicherheit *Jedes Kriterium auf den Dimensionen 1-3
    *Verbale Diagnose
    *Kodierte Diagnose
  • Welche Arten von Diagnostik unterscheiden wir in der Klinischen Psychologie?

    Lösung

    • Klassifikatorische Diagnostik:
    Zuweisung von Diagnosen zum Symptomkomplex der Person
    • Funktionale Diagnostik:
    Bedingungsanalyse (Mikroanalyse zur Indikation und Therapie)
    • Prozessdiagnostik:
    Verlaufs- und Erfolgsmessung, Steuerung und Adaptation von Interventionen und Veränderungen
    • Strukturdiagnostik:
    Zuweisung zu dispositionellen Typen, Zuweisung zu Typen von Behandlungskonstrukten
    Diagnostisches Verhalten (z. B. Gesprächsführung)
  • Was versteht man unter Differenzialdiagnostik?

    Lösung

    Differenzialdiagnostik beschreibt den klinischen Prozess, bei dem die Symptome, Syndrome und ätiologischen sowie pathogenetischen Besonderheiten des vorliegenden Krankheitsbildes von anderen Krankheitsbildern abgegrenzt werden. Dies kann mit Hilfe von »diagnostischen Ausschlusskriterien« und Entscheidungsbäumen operationalisiert
  • Welche Achsen differenziert das DSM-IV im Rahmen der umfassenden Klassifikation?

    Lösung

    Das multiaxiale System erlaubt eine umfassende und systematische Beurteilung verschiedener psychischer Störungen unter Berücksichtigung möglicherweise relevanter medizinischer Krankheitsfaktoren sowie psychologischer, sozialer und umweltbezogener Manifestationsebenen der psychischen Störungen

    Achse I:
    Klinische Störungen und andere klinisch relevante Probleme

    Achse II:
    Persönlichkeitsstörung, geistige Behinderung
    • auch zur Beschreibung auffällig unangepasster Persönlichkeitszüge sowie der Abwehrmechanismen

    Achse III:
    Medizinische Krankheitsfaktoren
    • die möglicherweise für den Umgang mit der psychischen Störung des Betroffenen relevant sind

    Achse IV:
    Psychosoziale und umgebungsbedingte Probleme
    • negative Lebensereignisse
    • zwischenmenschliche Belastungen etc.
    • auch positive Stressoren wie berufliche Beförderung, wenn sie auch zu Problem führen

    Achse V:
    Globale Erfassung des Funktionsniveaus (GAF)
    • Gesamtbeurteilung des Patienten auf Skala von 0 bis 100
    • Bezieht sich auf den aktuellen Zeitraum
  • Welches sind die allgemeinen und spezifischen Kriterien einer DSM-IV Persönlichkeitsstörung?

    Lösung

    Für jede Achse-II-Störung sind spezifische diagnostische Kriterien, ähnlich den Achse-I-Störungen, im DSM-IV beschrieben (Frage: Für welche Persönlichkeitsstörung sind die spezifischen Kriterien erfüllt?).
    Ergänzend zu diesen spezifischen diagnostischen Kriterien (vgl. DSM-IV-TR, Saß, Wittchen, Zaudig & Houben, 2003) müssen für eine Diagnose auf Achse II folgende allgemeine diagnostische Kriterien erfüllt sein:
    A. Ein überdauerndes Muster von innerem Erleben und Verhalten, das merklich von den Erwartungen der soziokulturellen Kultur abweicht. Dieses Muster manifestiert sich in mindestens 2 der folgenden Bereiche:
    1. Kognition (also die Art, sich selbst, andere Menschen und Ereignisse wahrzunehmen und zu interpretieren),
    2. Affektivität (also die Variationsbreite, die Intensität, die Labilität und Angemessenheit emotionaler Reaktionen),
    3. Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen,
    4. Impulskontrolle.
    B. Das überdauernde Muster ist unflexibel und tiefgreifend in einem weiten Bereich persönlicher und sozialer Situationen.
    C. Das überdauernde Muster führt in klinisch bedeutsamer Weise zu Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen.
    D. Das Muster ist stabil und lang andauernd, und sein Beginn ist zumindest bis in die Adoleszenz oder ins frühe Erwachsenenalter zurückzuverfolgen.
    E. Das überdauernde Muster lässt sich nicht besser als Manifestation oder Folge einer anderen psychischen Störung erklären.
    F. Das überdauernde Muster geht nicht auf die direkte körperliche Wirkung einer Substanz (Droge, Medikament) oder eines medizinischen Krankheitsfaktors (Hirnverletzung) zurück
  • Erläutern Sie die »Epidemiologische Trias«!

    Lösung

    Die epidemiologische Trias bezeichnet in der Epidemiologie das Zusammenspiel von Personen-, Auslöse- und Umweltfaktoren. Diese Trias beschreibt die wechselseitige Interaktion von Wirt (betroffene Person mit ihren individuellen genetischen, biochemischen, physiologischen und psychologischen Dispositionen), schädlichen Agenzien oder Noxen (wie z. B. akute oder chronische Einflüsse der psychischen, physikalischen oder psychologischen Umgebung) und der Umwelt (aktuelle soziale oder physische Umgebung, in der ein Wirt vom schädlichen Agens getroffen wird).
    Dieses von dem Mediziner Robert Koch ursprünglich für Infektionskrankheiten entwickelte Modell lässt sich gut auch auf nichtinfektiöse Störungen und Krankheiten übertragen (z. B. in der sog. Life-Event-Forschung). Allerdings werden bei psychischen Störungen wie auch chronischen Erkrankungen in der Regel Erweiterungen der Zusatzannahmen erforderlich. Ein Beispiel ist hier, dass in der Forschung zu psychischen Störungen häufig Art und Intensität der schädlichen Agenzien (z. B. kritische Lebensereignisse) getrennt von modifizierenden Variablen, z. B. protektive (»social support«) und Vulnerabilitätsfaktoren (familiäre Belastung mit psychischen Störungen) zu berücksichtigen sind.
  • Geben Sie Beispiele für unterschiedliche Falldefinitionen, die in einer epidemiologischen Studie herangezogen werden können!

    Lösung

    Die exakte Falldefinition in einer epidemiologischen Studie kann deckungsgleich mit dem Vorliegen einer spezifischen Diagnose sein. Beispiel: Um die Prävalenz der Major Depression in der Bevölkerung festzustellen, sollten die Kriterien von DSM-IV oder ICD-10 – erfasst mit einem darauf zugeschnittenen reliablen (Interview-) Instrument – zum Tragen kommen. Da sich bei diesen beiden Klassifikationssystemen die Kriterien leicht unterscheiden (bei ICD-10 ein Symptom weniger erforderlich), sollten entweder beide Werte genannt, oder die Entscheidung für das eine oder andere System begründet werden (vgl. Kap. 2);
    • z. B. pro DSM-IV: gradlinigere Operationalisierung, bestimmte Instrumente (z. B. CIDI) wurden am DSM und nicht an ICD validiert, ICD-Code kann leicht aus DSM-Diagnose abgeleitet werden (umgekehrt nicht immer);
    • pro ICD-10: Diagnose ist evtl. besser vergleichbar mit Versorgungsdaten, da die ICD-10 in der Praxis häufiger eingesetzt wird.
    Hinsichtlich des eingesetzten Instruments können bei einer Studie auch Kostengründe eine Rolle spielen: wird statt eines state-of-the-art-Interviews ein kurzer Screeningfragebogen eingesetzt, reduzieren sich zwar Sensitivität und Spezifität (die beim validierten Interview als »Goldstandard« mit 100% angesetzt werden können) - dies kann aber u. U. hinsichtlich der Studienziele in Kauf genommen werden. Ebenso verhält es sich in Bezug auf die Power für eine angestrebte Analyse: In einer Studie mit nur 1000 Personen aus der Allgemeinbevölkerung wäre es z. B. unmöglich, den Zusammenhang zwischen dem Fallstatus »rezidivierende Major Depression, schwer, mit psychotischen Symptomen« und bestimmten weiteren Personenmerkmalen zu untersuchen, weshalb man hier eher als Falldefinition »irgendeine Major Depression« wählen würde, um hinreichend viele Fälle in der gegebenen Stichprobe zu finden.
    Eine epidemiologische Untersuchung könnte aber auch zum Ziel haben, einzelne Symptome, Syndrome bzw. unterschiedliche Komplexitätsgrade von Beschwerdebildern und Risikofaktoren depressiver Probleme zu untersuchen, z. B. ob eine Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen familiengenetischer Faktoren und aktueller Depressivität besteht. In diesem Fall wäre eine kategoriale Falldefinition entsprechend der derzeitigen Diagnosesysteme weniger zielführend als etwa die Einteilung hinsichtlich eines dimensionalen Instrumentes wie dem BDI, hinsichtlich dessen Gesamtwertes man die Fälle nach Schweregrad ordnen könnte (selbstverständlich bei nachvollziehbarer Angabe der jeweiligen cut-off-Werte).
    Denkbar wäre auch eine Analyse lediglich einzelner interessierender Symptome, z. B. verschiedener Formen der Suizidalität, die zwar meist im Verbund mit einer depressiven Störung auftreten, aber weder notwendig noch hinreichend für eine Depressions-Diagnose sind.
    Eine weitere mögliche epidemiologische Fragestellung könnte sein, im Zuge der Weiterentwicklung klassifikatorischer Diagnosesysteme die Validität unterschiedlicher Symptomkonstellationen (z. B. Weglassen bestimmter Symptome oder Hinzufügen alternativer Kriterien) hinsichtlich relevanter Außenkriterien (z. B. Befunden aus der psychophysiologischen oder neurobiologischen Forschung) zu prüfen.
    Da selbst minimale Unterschiede in der Falldefinition sowie selbst kleine Variationen in den Fallfindungsinstrumenten große Effekte z. B. auf die Prävalenzschätzung oder auf Assoziationen zwischen Fall-Status und anderen Variablen haben können, muss die Fallfindung exakt beschrieben werden (Replizierbarkeit!).
  • Definieren Sie folgende Begriffe: Prävalenz, Inzidenz, Risikofaktor, Komorbidität, Odds Ratio.

    Lösung

    • Prävalenz: Vorhandensein eines Merkmals oder Häufigkeit einer Erkrankung in einer definierten Population zu einem definierten Zeitpunkt oder über eine definierte Zeitspanne
    • Inzidenz: Häufigkeit des Neuauftretens einer Erkrankung in einer bestimmten Zeiteinheit und einer definierten Region
    • Risikofaktor: in der epidemiologischen Forschung jeder Faktor, der die Auftretens-wahrscheinlichkeit eines Krankheitszustands statistisch bedeutsam anhebt oder senkt
    • Komorbidität: Vorliegen mehrerer spezifischer Diagnosen bei einer Person innerhalb eines definierten Zeitraums
    • Odds Ratio: Maßzahl, anhand der die Größe eines Zusammenhangs zwischen einem bestimmten Faktor und einer Erkrankung quantifiziert wird; Odds = Quotient aus Risiko und Gegenwahrscheinlichkeit; Odds Ratio (OR) = Quotient aus den Odds in zwei Gruppen
  • Welche Heuristiken kann man im epidemiologischen Kontext heranziehen, um gefundene (korrelative) Zusammenhänge hinsichtlich der Kausalität praktisch zu beurteilen?

    Lösung

    [Ausführlich im Abschnitt 3.2.3 des Lehrbuchs]
    • Zeitliche Kontingenz
    • Plausibilität
    • Kohärenz
    • Effektstärke
    • Dosis-Wirkungs-Beziehung
    • Spezifität
    • Konsistenz und Replikation
  • Welche Qualitätskriterien zeichnen gute bzw. valide epidemiologische Studien aus?

    Lösung

    Methodische Merkmale guter epidemiologischer Studien [s. ausführlich Kasten in Abschnitt 3.3.1]
    • Stichprobenziehung
    o möglichst repräsentativ für Population
    o möglichst hohe Ausschöpfungsquote unter denjenigen, die für eine Stichprobe in Frage kommen, und keine Verzerrungen dahingehend dass bestimmte Bevölkerungsgruppen systematisch seltener vertreten sind
    o angemessene Stichprobengröße
    • Datenerhebung
    o Einsatz bewährter standardisierter Verfahren und diagnostischer Interviews, insbesondere zur exakten Falldefinition
    o Optimierung der Durchführung
    o Auswahl und Optimierung geeigneter zusätzlich zu erhebender Variablen, wenn nicht nur Prävalenz einbezogener Diagnosen, sondern auch Korrelate untersucht werden sollen
    • Auswertung und Darstellung der Ergebnisse
    o Nachvollziehbarkeit aller Interpretationen und ihrer Generalisierbarkeit
    o Angabe von Konfidenzintervallen, um die Genauigkeit des Ergebnisses beurteilen zu können
    o Angemessene statistische Methoden
  • Wie häufig sind psychische Störungen? Hierbei kommt es nicht auf exakte Prozentangaben an, sondern um einige zentrale Aussagen, aus denen hervorgeht, dass Sie wissen, dass es die Prävalenz psychischer Störungen so nicht gibt, d. h., dass Sie die Randbedingungen kennen, hinsichtlich derer die letztendlichen Prozentwerte zu interpretieren sind!

    Lösung

    • Zeitfenster (z. B. unterschiedliche Werte, je nachdem ob Punkt-, 12-Monats- oder Lebenszeit-Prävalenzen oder das Lebenszeit-Risiko betrachtet werden)
    • Falldefinition (Beispiel: Mussten alle Diagnosekriterien im untersuchten Zeitraum gleichzeitig vorgelegen haben, oder wurden auch unterschwellige Syndrome einbezogen? Letzteres ist z. B. der Fall, wenn man einen »12-Monats-Fall« so definiert, dass irgendwann im bisherigen Leben einmal alle Kriterien gleichzeitig vorgelegen haben und zumindest einige dieser Kriterien auch im letzten Jahr erfüllt waren)
    • Diagnostische Methode, z. B.:
    o Major Depression im Sinne des DSM-IV erhoben mit CIDI
    o Major Depression im Sinne des DSM-IV erhoben mit Screening-Fragebogen
    o BDI-Gesamtscore > 18
    o Angabe »Depression« des Hausarztes
    o Selbsteinschätzung des Probanden anhand eines Fragebogen-Items
    o ICD-10-Code F32.x/F33.x in administrativen Statistiken aller Behandlungs-einrichtungen einer Region
    • Setting der Stichprobenziehung (z. B. ist die Punkt-Prävalenz von Depressionen bei Hausarztpatienten etwa doppelt so hoch wie in repräsentativen Bevölkerungsstichproben)
    • soziodemografische Merkmale der zugrunde gelegten Population (z. B. ist die Punkt-Prävalenz von Essstörungen bei Schülerinnen um ein vielfaches höher als wenn man die Gesamtbevölkerung als Grundgesamtheit betrachten würde)
    • regionale Unterschiede (z. B. sind psychische Störungen in Ballungsgebieten häufiger; ggf. unterscheidet sich auch das Antwortverhalten in unterschiedlichen (Sub-) Kulturen)
  • Überlegen Sie sich mögliche inhaltliche und methodische Gründe für den Befund aus dem Kasten zu psychischen Störungen in Ost- und Westdeutschland (S. 76).

    Lösung

    Es ist zu bedenken, dass die gefundenen Unterschiede zwar (statistisch) signifikant, aber relativ klein waren. Zentrales Ergebnis der Studie war, dass wie erwartet psychische Störungen im Osten nicht häufiger sind als im Westen.
    Drei Beispiele für inhaltliche Gründe bzw. Hypothesen:
    • Personale Variablen werden weniger durch Makrobedingungen ökonomischer oder politischer Art, sondern im sozialen Nahbereich (Familie, Schule) vermittelt. Eine globale Erklärung für die Ergebnisse »zugunsten« der Neuen Bundesländer könnte darin liegen, dass hier protektive Variablen im Bereich sozialer Unterstützung günstiger ausgeprägt sein könnten.
    • Umgekehrt könnten mögliche Vulnerabilitäts- oder Stressbedingungen für psychische Störungen wie etwa Konkurrenz, Neid und die Neigung zum sozialen Vergleich für den Osten weniger charakteristisch sein.
    • Bei substanzinduzierten Störungen zum Beispiel war die Zugänglichkeit illegaler Drogen vor der Wende deutlich eingeschränkt, was als Erklärung für die deutlich erhöhten Lebenszeit-Prävalenzen im Westen dienen kann. Andere Befunde sind schwerer zu erklären, so zum Beispiel, dass Alkoholstörungen trotz höherer Raten gesundheitsschädlichen Konsums im Osten seltener sind. Es ist unklar, ob vielleicht geselliges Trinken verbreiteter, einsames (funktionales) Trinken aber seltener ist.
    Drei Beispiele für methodische Gründe bzw. Hypothesen:
    • Anderes sozialisationsbedingtes Antwortverhalten im Osten (z. B. könnten aufgrund möglicher stärkerer Stigmatisierung psychischer Störungen oder psychiatrischer/ psychotherapeutischer Behandlung zu DDR-Zeiten bestimmte Symptomfragen eher verneint werden)
    • Die Auswahl der Diagnosen könnte eine Rolle spielen, z. B. wäre es möglich, dass im Osten mehr Fälle als im Westen hinzukommen könnten, wenn man die kürzlich vorgeschlagene Forschungsdiagnose »Posttraumatische Verbitterungs-Störung« einbezogen hätte.
    • Vielleicht war der Zeitraum von 10 Jahren seit Wiedervereinigung zu lang, um „echte" Ost-West-Unterschiede, die im Sinne der ursprünglichen »Hilflosigkeits«-Hypothesen zu DDR-Zeiten noch vorgelegen haben mögen, aufzudecken.
  • Beziehen Sie Stellung zur Lage der Versorgung psychischer Störungen!

    Lösung

    Einige Stichpunkte hierzu:
    • Auch wenn man »Behandlung« sehr weit fasst (»Kontakt mit professionellem Behandler oder Institution, ungeachtet Dauer, Intensität, Qualität und Ort«), berichten nur weniger als 40% derjenigen mit einer aktuellen Diagnose einer psychischen Störung, eine Behandlung wegen ihrer Störung aufgesucht bzw. erhalten zu haben.
    • Unter den Fällen mit einer Behandlung ergibt sich für die Mehrzahl, dass sie ausschließlich im primärärztlichen Sektor versorgt werden. Nur eine Minderheit wird im psychiatrisch-psychotherapeutischen Sektor behandelt.
    • Befunde aus großen Hausarztstudien zur Depression zeigen, dass zwar etwa 75% der depressiven Fälle vom Hausarzt als behandlungsbedürftige Störung erkannt werden, aber nur bei 55% wurde auch eine Depression diagnostiziert. Diese diagnostische Unsicherheit hatte erheblichen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Patient auch formal adäquat behandelt wurde.
    • Diese Zahlen weisen auf eine gravierende Unterversorgung im Bereich psychischer Störungen hin, auch wenn es praktisch unmöglich ist, alle Fälle mit einer psychischen Störung (in Deutschland immerhin geschätzt 15 Mio. Betroffene) zu behandeln. Insbesondere im Kinder- und Jugendbereich liegen Defizite vor.
    • Im Zusammenhang mit o. g. Behandlungsquoten muss jedoch betont werden, dass alleine das Vorliegen einer Diagnose nicht automatisch mit Behandlungsbedarf gleichgesetzt werden darf. Behandlungsbedarf ist, obwohl jeder eine intuitive Vorstellung davon haben mag, ein relativ unscharfer Begriff. Als behandlungsbedürftig werden Zustände angesehen, die beim Betroffenen zu Funktionseinschränkungen führen und die auf eine (behandelbare!) Ursache zurückgeführt werden können sowie auch eine subjektive Komponente (»wahrgenommene Behandlungsbedürftigkeit«) enthalten. Behandlungsbedarf ist nicht einfach nur gegeben oder nicht gegeben, sondern Teil einer komplexen Indikationsentscheidung (Erst- und wiederholte Behandlung, zeitliche Dringlichkeit, Dauer und Qualität der Behandlung etc.).
    • Bemerkenswert ist, dass Betroffene häufig nicht von selbst eine Behandlung aufsuchen bzw. beim Hausarzt psychische Probleme berichten. Mögliche Gründe dafür könnten sein: Selbst- und Fremdstigmatisierung in Bezug auf psychische Störungen, Unwissenheit oder Voreingenommenheit gegenüber psychologischen oder psychopharmakologischen Behandlungsmöglichkeiten, die unzureichende Motivation von Diagnostikern (z. B. Hausarzt), schlechte Erfahrungen mit früheren Behandlungen. Zudem gilt es bei einigen Diagnosen zu beachten, dass krankheitstypisch keine Krankheitseinsicht vorliegt (z. B. bei manchen Formen psychotischer Störungen sowie bei Suchterkrankungen) und dass speziell bei psychotherapeutischen Interventionen bestimmte Behandlungsvoraussetzungen zu beachten sind (z. B. Motivation).
  • Nennen Sie Ansätze, um mit epidemiologischen Studien ätiologische Fragestellungen zu untersuchen (analytische Epidemiologie)!

    Lösung

    In der analytischen Epidemiologie geht es um die Aufdeckung von Determinanten, die die Entstehung, den Verlauf und den Ausgang einer Krankheit in einer bestimmten Population beeinflussen und die ätiologische Bedeutung haben können. Dies betrifft die Entwicklung von ätiologischen (Entstehung) und pathogenetischen (Ausformung im Verlauf) Bedingungsmodellen. Der Nachweis kausaler Zusammenhänge bleibt allerdings solchen epidemiologischen Studien vorbehalten, die über ein adäquates Design verfügen; d. h. insbesondere prospektiven Longitudinalstudien unter Einschluss von (quasi-) experimentellen Designs an Kohorten sowie Fall-Kontroll- und hybriden Designs.
    Beispiele aus der EDSP-Studie:
    • Familiengenetische Untersuchung: Durch direkte Untersuchung der Eltern mit dem gleichen diagnostischen Interview wurden deren psychische Störungen sowie die elterliche psychopathologische Entwicklung erfasst und versucht, mit einem »family history approach« über die Eltern und die Kinder zu einer Störungscharakteristik aller Angehörigen ersten Grades sowie der Geschwister zu kommen. Ein typisches Problem solcher Ansätze besteht übrigens darin, dass bei den Elternbefragungen die Väter deutlich schwieriger zur Mitarbeit bewogen werden können als die Mütter.
    • Molekularbiologische Untersuchung: Wenn möglich wurden von allen Eltern und Familienangehörigen und ihren Kindern Blutproben gesammelt, um molekulargenetische Mechanismen, Zusammenhänge und Polymorphismen aufzudecken
    • Untersuchungen mit »nested designs«: Im Rahmen eines »nested Design« wurden z. B. auf der Grundlage von familiengenetischen oder anderen Risikomerkmalen ausgesuchte Probanden der ersten Untersuchung eingeladen, zusätzlich an experimentellen Kohortenstudien teilzunehmen, z. B. zur Prüfung von Hypothesen zur Interaktion von Vulnerabilitätsfaktoren und Risikofaktoren bei der Entwicklung substanzbezogener Störungen (Alkoholabhängigkeit, Ecstasy-bezogene neuropsychologische Defizite).
  • Inwiefern sind psychische Störungen teure (d. h. mit hohen gesellschaftlichen Kosten verbundene) Störungen?

    Lösung

    • Dass psychische Störungen »teure« Störungen sind, ist spätestens seit der WHO-Studie zum »burden of disease« weitgehend bekannt. Dort wurden die Kosten, bei denen die Depression einen vorderen Rangplatz unter allen Krankheiten einnimmt, jedoch nicht anhand »harter« Daten (z. B. direkte Kosten durch Behandlungen oder indirekte Kosten durch Produktivitätsminderung) ermittelt, sondern lediglich anhand von Schätzungen aufgrund expertengestützter Schweregradindizes, z. B. QALY (»quality adjusted life years«).
    • Nach neueren Überblicksarbeiten betragen die jährlichen Kosten für neuropsychiatrische Störungen in Europa mehr als 380 Mrd. Euro; den größten Anteil an diesen Kosten haben psychische Störungen mit insgesamt 290 Mrd. Euro. Dabei ist in Gegenüberstellung zu den hohen direkten (z. B. neurochirurgischen) Behandlungskosten bei Erkrankungen wie Hirntraumata zu beachten, dass für alle psychischen Störungen zumeist die indirekten Kosten - also vor allem Produktivitätsminderung – den Großteil der Kosten ausmachen.
    • Suizide (= verlorene Lebensjahre) stellen ebenfalls einen relevanten Kostenfaktor dar, und der Großteil der Suizide steht im Zusammenhang mit psychischen Störungen.
    • Angesichts der niedrigen Behandlungsquoten kann spekuliert werden, inwieweit durch eine höhere Behandlungsquote und den breiteren Einsatz effektiver Interventionen hier eine positivere Bilanz zwischen erhöhten direkten Behandlungskosten und möglicherweise wesentlich niedrigeren indirekten Kosten aufgrund günstigerer Verläufe erzielbar wäre.
    • Zu den Faktoren, die psychische Störungen - auch im Vergleich mit vielen körperlichen Erkrankungen - teuer machen, zählen a) die Häufigkeit (vgl. o. g. hohe Prävalenzzahlen), b) oftmals früher Beginn und c) oftmals persistierender (fluktuierender oder chronischer) Verlauf; d. h. der Zeitraum, den einmal Betroffene über die Lebensspanne hinweg mit ihrer Störung und den damit verbundenen Einschränkungen verbringen, ist größer als bei vielen anderen Erkrankungen.

  • Beschreiben Sie den Unterschied zwischen Gen-Umwelt-Korrelationen und Gen-Umwelt-Interaktionen!

    Lösung

    • Gen-Umwelt-Korrelationen: wir gestalten die Umwelt für uns gemäß unserer gegebenen genetischen Ausstattung
    • Gen-Umwelt-Interaktion: Gene werden aufgrund spezifischer Umweltbedingungen sowie entwicklungsbezogener Prozesse (z. B. Pubertät) exprimiert, d. h. ein bestimmter Genotyp kommt nur unter bestimmten Umweltbedingungen zum Tragen und unter anderen nicht; gleichzeitig entfalten ungünstige Umweltbedingungen ggf. nur ihre schädliche Wirkung, falls eine spezifische genetische Ausstattung (z. B. eine spezifische Vulnerabilität) des Organismus vorliegt
  • Was versteht man unter klinischer und kausaler Heterogenität?

    Lösung

    • Klinische Heterogenität: eine Ursache kann verschiedene klinische Syndrome zur Folge haben (z. B. schüchternes Temperament: unterschwellige soziale Ängste, Soziale Phobie, aber auch andere Angststörungen)
    • Kausale Heterogenität: ein klinisches Störungsbild kann verschiedene Ursachen haben (z. B. Depression: Verlustereignisse, neurologische Erkrankung, genetische Disposition)
  • Was versteht man unter einem Endophänotyp?

    Lösung

    • Ein in der klinischen Psychologie in der Regel mit einem psychopathologischen Erscheinungs-bild (z. B. Panikstörung) verknüpftes neurobiologisches Krankheitskorrelat (z. B. spezifizierte Störungen in der Steuerung der HPA-Achse), das in der genetischer Forschung als Ziel-phänotyp herangezogen wird; nicht notwendiger Weise von außen im offenen Verhalten beobachtbar
    • Können diagnoseunspezifisch sein
  • Was ist eine Assoziationsstudie?

    Lösung

    • Studie, in der die Assoziation eines bestimmten Allels bzw. Gens mit einem spezifischen Phänotyp (für eine Störung) untersucht wird (genetische Assoziation), d. h. beispielsweise Häufigkeit des Gens in Patientengruppe im Vgl. mit Kontrollgruppe;
    • Unterschieden werden populationsbasierte (unabhängige und unverwandte Stichproben; i. d. R. Fall-Kontroll-Studie) und familien-basierte Assoziationsstudien.
  • Was unterscheidet Methoden mit genetischen Markern von Methoden ohne genetische Marker?

    Lösung

    • Methoden ohne genetische Marker: Untersuchung einer potenziell genetisch (mit-) bedingten familiären Aggregation von klinischen Störungen (Phänotyp) durch die Beobachtung von Häufigkeiten und/oder Erscheinungsbild dieses Syndroms bei Personen mit gleicher oder zumindest anteilig gleicher genetischer Ausstattung (Familienangehörige); dabei ggf. Berücksichtigung einer geteilten oder verschiedenen Umwelt
    • Methoden mit genetischen Markern: s.o., aber Einbezug des Genotyps durch den Nachweis der familiären Häufung bestimmter genetischer Variationen (Polymorphismen); entweder Häufung relevanter Genvarianten selbst oder Häufung von genetischen Markern, bei denen man weiß, dass deren chromosomale Lokalisation in unmittelbarer Nähe des Ortes eines potenziell störungsrelevanten Polymorphismus ist (Kopplung)
  • Das Nahrungsvermeidungslernen gilt als ein besonders beeindruckendes Beispiel für klassische Konditionierung durch eine einmalige Koppelung von NS und US. Aber was genau sind in dieser Situation der US, der NS, der zum CS wird, und die UR, welche zur CR wird?

    Lösung

    US: Ein bestimmtes Gericht, das gegessen wird;
    NS: Anblick/Geruch des Gerichts;
    UR: Übelkeit;
    CS: Anblick/Geruch des Gerichts;
    CR: Übelkeit
  • Die Klingelmatte ist ein Beispiel für eine sehr erfolgreiche therapeutische Anwendung des klassischen Konditionierens. Ihre Benutzung ist einfach - schwierig ist es hingegen, ihren Wirkmechanismus zu erklären: Welcher Reiz ist der US, welche Reaktion ist die UR und später CR, welcher Reiz wird durch die Therapie vom NS zum CS?

    Lösung

    US: Wahrnehmung von Nässe bzw. des Wasserlassens;
    NS: physiologische Reize, die durch volle Harnblase ausgelöst werden;
    UR: Erwachen, Schließmuskel zusammenziehen, zur Toilette gehen;
    CS: Reize, die durch volle Harnblase ausgelöst werden;
    CR: Erwachen, Schließmuskel zusammenziehen, zur Toilette gehen
  • Warum arbeitet man bei der Verwendung des »Chaining « rückwärts, d. h. warum wird zuerst nur das letzte (und nicht das erste) Verhalten der Kette verstärkt?

    Lösung

    Weil die Verstärker möglichst unmittelbar und zeitlich kontingent am besten ihre Wirkung entfalten!
  • Ein Vater beobachtet, wie sein Sohn die kleine Schwester schlägt. Der Vater gibt dem Sohn zur Strafe dafür eine Ohrfeige. Welche Lernprinzipien werden bewirken, dass der Sohn das Verhalten »Schwesterschlagen« in Zukunft häufiger oder seltener zeigen wird?

    Lösung

    Vordergründig betrachtet führt die Ohrfeige (positive Bestrafung = unangenehmer Reiz als Verhaltenskonsequenz) zu seltenerem Auftreten des Verhaltens.

    Allerdings wird hier vermutlich das Modellernen (Bandura) wirksam: Der Junge wird in Zukunft häufiger schlagen, da
    a) er ein Verhaltensmodell sieht, das schlägt
    b) zu diesem Verhaltensmodell auch noch eine enge Bindung besteht
    c) der Junge beobachtet, dass das Schlagen dem Vater zu - zumindest kurzfristigem - Erfolg verhilft
  • Ein 2-jähriges Mädchen wacht nachts auf und weint. Dies ist schon häufiger passiert. Wie immer wachen die Eltern auf und versuchen das Weinen zu ignorieren. Das Mädchen hört aber nicht auf zu weinen, so dass der Vater schließlich aufgibt und das Mädchen in das Bett der Eltern holt. Dort schläft sie schnell ein, gefolgt von den Eltern. Analysieren Sie die Situation mit Hilfe der operanten Konditionierung: Welche Verhaltensweisen werden von wem, wie und nach welchem Verstärkungsplan verstärkt oder bestraft? Welche Folgen wird dies haben?

    Lösung

    Positive Verstärkung des Weinens durch Herstellung von Nähe zu vertrauten Personen.
    Negative Verstärkung des Weinens, da das Kind durch das Weinen seine evtl. unangenehme Situation (allein im Kinderzimmer) erfolgreich beendet.
    Verhalten der Erwachsenen: Entspricht am ehesten variablem Intervallplan.
    Konsequenz: Das Kind wird nachts weiter anhaltend weinen, das Verhalten wird schwer zu löschen sein.
    Ein weiterer Lernprozess: Holen die Eltern das Kind zu sich, können sie wieder schlafen (pos. Verstärker/kontinuierliche Verstärkung). Evtl. wird das die Eltern nicht gerade motivieren, ihr Verhalten zu ändern.
    Kommentar: Die Einordnung bezüglich der Verstärkungspläne ist schwierig, da bei Intervallplänen immer auf das erste Verhalten in einem Intervall reagiert wird, das Weinen im Beispielfall aber ein kontinuierliches Verhalten darstellt.
  • Der sog. »sekundäre Krankheitsgewinn« stellt häufig ein Therapiehindernis dar. Was sind Beispiele für sekundären Krankheitsgewinn und durch welche Arten von Bestrafung und Verstärkung lassen sie sich erklären?

    Lösung

    Positive Verstärkung durch Anteilnahme, Hilfe, Zuwendung bei Klagen kann zu der primären Quelle von Belohnung werden; dadurch werden alternative Lösungen behindert und blockiert.
    Wenn nach einiger Zeit der Therapeut oder die Umwelt genervt das Klagen ignoriert oder bestraft, führt dies möglicherweise initial aufgrund der vorangehenden Lernprozesse zu einer verstärkten Krankheitshaltung.
  • Einige Studien haben gezeigt, dass Patienten mit einer spezifischen Phobie entgegen der Theorie von Mowrer meist kein traumatisches Erlebnis als Auslöser der Phobie berichten können (z. B. Hundephobiker, die nie von einem Hund gebissen wurden). Wie lässt sich die Entstehung der Phobie dann erklären?

    Lösung

    Der Gegenstand der Phobie (Hund) war ein NS, der durch zeitliches Zusammentreffen mit einer neg. Erfahrung (UR auf US, z. B. Lärm löst Schreck aus) assoziiert und so zum CS für eine CR (Angst) wurde. Da diese Prozesse häufig in der Kindheit auftreten, zum Beispiel in entwicklungsbezogen frühen sensiblen Phasen, ist die initiale erste Auslösungssituation kognitiv nicht präsent (erinnerlich).
  • Die Entstehung und Aufrechterhaltung von Spielsucht wird dadurch begünstigt, dass Glücksspiele einem bestimmten Verstärkungsplan folgen. Welches Verhalten wird hier wie und wodurch verstärkt, und warum wird dadurch das Aufhören schwierig?

    Lösung

    Plan: Verstärkung im Sinne des variablen Quotenplan führt zu sehr stabilen und löschungsresistenten Mustern; (schwierige Löschung). Gewinn wirkt als pos. Verstärkung, intermittierende Gewinne führen zu besonders stabilem Lernen. Aufhören wirkt als neg. Bestrafung, da angenehme Erlebnisse (Gewinn) wegfallen.
  • Stellen Sie sich vor, dass Sie eine »token economy« entwerfen sollen, mit der Patienten einer psychiatrischen Klinik zu selbstständigerer Körperpflege motiviert werden sollen. Wie sollte diese »token economy« aussehen (Verhaltensweisen, Verstärker, Kontingenzen etc.)? Welche Probleme sind bei der Umsetzung zu erwarten?

    Lösung

    Anforderungen: Exakt definierte Aufgaben und Belohnungen, Übergang vom kontinuierlichen zum intermittierenden Verstärkungsplan, Entwicklung von einfachen zu komplexen Aufgaben, schließlich »Ausschleichen« der »token economy«

    Probleme: Keine Verstärkung des Verhaltens nach Entlassung aus der Klinik
  • Bei der Therapie von Adipositas wird häufig das Prinzip der »Stimuluskontrolle« angewendet. Wie sollte dies getan werden? Welche Stimuli sollten wie kontrolliert werden? Welche Probleme sind dabei zu erwarten?

    Lösung

    Ziel der Stimuluskontrolle in der Adipositastherapie ist es, mit dem Essen assoziierte Situationen zu erkennen und zu reduzieren, um dadurch die Häufigkeit und Menge der Nahrungsaufnahme zu senken. Dazu können zunächst entsprechende Zeiten, Orte und Aktivitäten protokolliert werden, zu denen gegessen wird, ohne dass wirklich Hunger besteht. Anschließend wird das Essen auf ganz bestimmte Zeiten, Orte und Settings beschränkt.
    Konkrete Strategien beinhalten:
    1. Einkauf: nicht hungrig einkaufen gehen, eine Liste mit ausgewogenen Nahrungsmitteln machen, die einen begrenzten Zeitraum abdeckt (z. B. nur für den nächsten Tag einkaufen) und nur so viel Geld mitzunehmen, dass eben diese vorher ausgewählten Lebensmittel bezahlt werden können.
    2. Lebensmittel außer Sicht lagern
    3. Essen übrig lassen und direkt nach dem Essen entsorgen
    4. Feste Essenszeiten und -orte einführen, Essen ohne Ablenkung (Lesen, TV, ...)
    5. Auslösende Situationen (nach einem Streit, Langeweile, »Nebenbei essen« vor dem Fernseher etc.) erkennen und Alternativverhaltensweisen einüben
    6. Lebensmittel, die bei Essanfällen gegessen werden, nicht im Haus haben, bzw. durch »sichere« Lebensmittel ersetzen
    Schwierigkeiten der Stimuluskontrolle liegen in dem möglicherweise weitereichenden Eingriff in das tägliche Leben des Patienten, bei dem die Kontrolle der auslösenden Stimuli schwerer gelingt. Viele Abläufe und Routinen (z. B. Essensgewohnheiten, Wocheneinkauf, Freizeitgestaltung) im Alltag werden durch die Stimuluskontrolle durchbrochen und Betroffene laufen mitunter Gefahr, leicht in gewohntes (bequemes) Verhalten zurückzufallen. Weitere Schwierigkeiten können bei mangelnder Unterstützung durch die Familie auftreten (Partner kauft Großpackung Schokolade) sowie in Situationen, die vom Alltag des Patienten abweichen (Urlaub mit Frühstücksbüffet usw.).
  • Bei der stationären Anorexia-Therapie werden mit den Patientinnen häufig Kontingenzverträge mit dem Ziel der Gewichtszunahme geschlossen. Wie sollte solch ein Vertrag aussehen (Verhaltensweisen, Verstärker, Kontingenzen etc.)? Welche Probleme sind dabei zu erwarten?

    Lösung

    Für viele Patientinnen sind die Bedingungen des Kontingenvertrages aversiver als die von ihnen erwartete Gewichtszunahme. Es gelingt daher häufiger, die Angst vor dem Essen und der Gewichtszunahme zu überwinden, um Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit zu vermeiden oder aufzuheben. [Es wird so ein Zielkonflikt im Sinne eines Vermeidungs-Vermeidungs-Konfliktes hergestellt. Viele (nicht alle) Patientinnen entscheiden sich dann für die Gewichtszunahme. Kontingenzverträge können also zu Beginn der Therapie dazu beitragen, eine Veränderungsmotivation aufzubauen. Im Behandlungsverlauf ist aber darauf zu achten, dass zusätzlich eine intrinsische Veränderungsmotivation aufgebaut wird. Eine fehlende Veränderungsmotivation kann sich als problematisch erweisen, wenn Patientinnen ihr Gewicht zur Messung manipulieren (Auftrinken, schwere Kleidung, etc.) und eine reale Gewichtszunahme vermeiden wollen]. Die Programmbedingungen stellen keine Bestrafung dar und sollten den Patientinnen auch nicht als solche vermittelt werden.
    Im Rahmen eines Kontingenzvertrages wird z. B. eine wöchentliche Mindestzunahme von 700g bis zu einem Zielgewicht entsprechend einem BMI von 20 schriftlich vereinbart. Wird diese Mindestzunahme nicht erreicht, werden die Patientinnen in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Die Einschränkungen werden bei steigendem Gewicht schrittweise wieder aufgehoben
    Im Einzelnen könnte ein Kontingenzvertrag folgendermaßen aussehen:
    • wenn Gewichtszunahme von 700g erreicht wird: positive Verstärkung - d. h. keine Einschränkungen, darf sich auf dem gesamten Klinikgelände bewegen, die Klinik verlassen, an allen Therapiemaßnahmen teilnehmen, Anrufe und Besuch bekommen, Mahlzeiten im Speisesaal einnehmen (Selbstkontrollphase)
    • wenn Gewichtszunahme von 700g nicht erreicht: Programm mit 3 Phasen
    o Phase I: Patientin darf die Station nicht verlassen, nur an ausgewählten Therapie-maßnahmen teilnehmen (z. B. keine Ergotherapie, Musiktherapie etc.), nicht telefonieren und keinen Besuch erhalten, Mahlzeiten auf dem Zimmer einnehmen (Entzug positive Verstärker; indirekte Bestrafung)
    o Phase II: Pat. darf sich auf dem gesamten Klinikgelände aufhalten, an allen Therapien teilnehmen, Anrufe bekommen, Mahlzeiten im Speisesaal einnehmen, die Klinik aber nur 1x/Woche nach Absprache für 2 Stunden verlassen und 1x/Woche nach Absprache Besuch erhalten
    o Phase III: wie Selbstkontrollphase
    Zusätzlich ist geregelt, welche Maßnahmen ergriffen werden, wenn das Ziel der jeweiligen Phase nicht erreicht wird (z. B. wenn in Phase I oder II die Gewichtszunahme nicht erreicht wird, gelten für 3 Tage Sonderbedingungen: Bedingungen von Phase I, zusätzlich darf Pat. das Zimmer nur zu ausgewählten Therapiemaßnahmen verlassen, innerhalb der 3 Tage muss das nicht erreichte Gewicht aufgeholt werden etc).
    Die Patientinnen müssen zu Beginn der Therapie über alle Bedingungen aufgeklärt werden und sich damit einverstanden erklären.
    Mögliche Probleme:
    1. Patientinnen hungern sich aus der Behandlung: Es wird keine Gewichtszunahme erreicht und die Behandlung von ärztlicher Seite beendet
    2. Patientinnen essen sich aus der Behandlung, d. h. nehmen schnell zu, ohne entsprechende gewichts- und figurbezogene Einstellungen zu verändern, um die Behandlung schnell beenden zu können. Rückfälle sind so sehr wahrscheinlich
    3. Patientinnen brechen die Behandlung wegen der Einschränkungen vorzeitig ab
    4. Patientinnen erleben die Einschränkungen als Strafe, nicht als Hilfestellung
    5. wenn es innerhalb einer Klinik oder Gruppe unterschiedliche Vereinbarungen mit verschiedenen Patientinnen gibt, kann es zu Rivalitäten kommen.
  • Wie kann man Emotionen definieren und klassifizieren und welche adaptiven Funktionen erfüllen sie?

    Lösung

    • Emotionen werden definiert als: psychophysische Reaktionsmuster, die auf einer mehr oder weniger komplexen kognitiven Bewertung einer Situation beruhen. Mit dieser Bewertung einhergehen eine Reihe peripher-physiologischer Veränderungen und die Aktivierung zentralnervöser (und endokriner) Systeme. Emotionen zeigen sich äußerlich beobachtbar auch in bestimmter charakteristischer Mimik und Körperhaltung und sind häufig mit einer subjektiven Erlebnisqualität verbunden. Emotionen zielen u.a. auf die Motivation zur Handlungsbereitschaft ab.
    • zur Klassifikation werden 1. dimensionale und 2. kategoriale Ansätze unterschieden:
    1. Wundt (1905): drei bipolare Erlebnisdimensionen Lust-Unlust, Erregung-Beruhigung, Spannung-Lösung; in neueren Untersuchungen konnte dazu jedoch eher nur die ersten beiden Dimensionen repliziert werden
    2. Darwin: Annahme von (kulturunabhängigen angeborenen) Basisemotionen, z. B. Wut, Ekel, Trauer, Freude, Angst, Überraschung; durch Ekman-Studien (1982) gut belegt; allerdings besteht Unklarheit über die Arten, Anzahl möglicher Basisemotionen oder wie daraus wiederum die weit größere Anzahl von Gefühlen entstehen könnte
    • adaptive Funktionen
    o Motivation
    o Handlungsvorbereitung
    o Lerne
    o Kognition
    o Kommunikation
  • Welche Rolle spielen körperliche Reaktionen bei der Emotionsentstehung?

    Lösung

    Diese Frage ist bislang nicht eindeutig geklärt; doch es gibt verschiedene theoretische Ansätze dazu:
    1. James-Lange-Theorie: »Wir haben Angst, weil wir zittern«, d. h. ein Reiz löst eine körperliche Reaktion aus, die wir als Emotion interpretieren; dabei reicht es nicht aus, den Reiz an sich wahrzunehmen, sondern er muss als solcher auch als bedeutsam bewertet werden → Cannon's Kritik
    2. Zwei-Faktoren-Theorie von Schachter und Singer: »Wir zittern, also haben wir Angst«, d. h. ein ursprünglich diffuser physiologischer Erregungszustand wird interpretiert und es entsteht eine Emotion; dabei ist die Art der erlebten Emotion abhängig davon, wie der Erregungszustand interpretiert wird
    3. [weiterführend] Damasio: Hypothese der somatischen Marker
    = gemeinsam ist beiden Ansätzen, dass physiologische Erregung maßgeblich zur Erlebnisqualität von Emotionen beitragen
  • Was ist die anatomische Vorschaltung und vermutete Funktion der zwei Wege der Furchtauslösung in der Theorie von LeDoux?

    Lösung

    • anatomische Vorschaltung = Rolle der Amygdala für Furchtverarbeitung und das implizite Emotionsgedächtnis
    • lateraler Kern Amygdala enthält sensorischen Input aus verschiedenen Sinnesmodalitäten über zwei Wege
    a) von Assoziationsarealen des Neokortex (visueller, auditorischer N.) und vom hippocampalen System (deklaratives Gedächtnis) ? hohes Verarbeitungsniveau, Input wird verbunden mit anderen Gedächtnisinhalten, Erwartungen und Zielen, von dort Weiterleitung zum zentralen Kern der Amygdala und von dort zu vegetativen, endokrinen und somatosensorischen Hirnstrukturen, die viszerale und neuroendokrine Körperreaktionen kontrollieren ? sensorische Reize erhalten somit emotionale Signifikanz
    b) direkt vom sensorischen Thalamus → diese kurze (»hot«) Verbindung ist ausreichend, um eine emotionale Reaktion wie Furcht auszulösen, ohne dass der Neokortex daran beteiligt ist; LeDoux bezeichnet diesen Weg auch als »Frühwarnsystem« und misst ihm hohe Bedeutung bei der klassischen Konditionierung von Furchtreizen bei
  • Welche Belege gibt es dafür, dass Emotionen auch unbewusst ausgelöst werden können und welche Konsequenzen für die Verhaltenssteuerung lassen sich daraus ableiten?

    Lösung

    • Aufmerksamkeitswirkung bedrohlicher Reize
    • Morris et al., Whalen et al.: ? bildgebende Verfahren zeigen Aktivierung der Amygdala bei kurzzeitig oder auch maskierten Reizen
    • Intuitive emotionale Eindrücke
  • Welche Rolle spielt der Neurotransmitter Dopamin bei der Anreizmotivation?

    Lösung

    • Grundlage ist Befund aus Tier-Experiment von Olds und Milner: direkte elektrische Reizung des Hypothalamus wird als angenehm und verstärkend empfunden
    • Heute: Kritischer Ort ist das mediale Vorderhirnbündel, das wiederum Teil des mesolimbischen Dopaminsystems ist
    • Dopamin ist der Neurotransmitter zur Reizweiterleitung und somit wesentlicher Bestandteil der Belohnungssystems im Gehirn = Dopamin ist für die Initiierung instrumenteller Verhaltensweisen zur Erlangung von Belohnungen erforderlich und somit ein physiologischer Baustein von Motivation
  • Könnten Menschen rationale Entscheidungen treffen, wenn es ihnen gelänge, ihre Emotionen »abzuschalten«?

    Lösung

    • Dies scheint zwar wenig adaptativ (siehe LeDoux), aber möglich
    • Speisman et al.: Stressreaktionen waren abhängig von der kognitiven Bewertung des Films, d. h. die Stressreaktion konnte unterbleiben, wenn der Film als »zweifelhaft«, »wenig glaubhaft« etc. bewertet wurde
    • Ochsner et al. bestätigten mit bildgebenden Verfahren, dass kognitive Emotionskontrolle sich in einer reduzierten Amygdala-Aktivität niederschlug; zugleich jedoch war der präfrontale Kortex stärker aktiviert
    • Die Befunde lassen den Schluss zu, dass eine kognitive Emotionskontrolle möglich ist, aber gleichermaßen eine starke Kontrolle bzw. Aufmerksamkeitsfokussierung verlangt → Kontrolldilemmata; Selektions-Überwachungs-Dilemma
    • [weiterführend] Befunde der Forschungen von Gerhard Roth (Entscheidungen, ICH, Handeln]
  • Was wurde mit der IOWA-Glücksspielaufgabe untersucht und welche Kritik wurde daran geübt?

    Lösung

    • Bechera und Damasio et al. (1994) untersuchten damit das Entscheidungsverhalten als Korrelat des präfrontalen Kortex
    • Ziel ist es, möglichst viel Geld zu gewinnen, in dem man nacheinander Karten von vier Stapeln zieht, wobei bei zwei Stapeln hohe Gewinne, aber auch hohe Verluste möglich sind (langfristig hohe Verluste), bei den zwei übrigen Stapeln sind Gewinne und Verluste moderat, sodass es bei letzteren langfristig zu einem Gewinn kommt
    • Hirngesunde Probanden erkennen das Prinzip relativ schnell und ziehen von den langfristig vorteilhafteren Stapeln und zeigen eine erhöhte physiologische Erregung vor riskanten Entscheidungen
    • Dagegen erkennen Personen mit Läsionen in bestimmten Bereichen des orbitofrontalen Kortex zwar das Prinzip, halten sich aber nicht daran und wählen die ersten beiden (mit kurzfristigen Gewinnen aber langfristigen Verlusten verbundenen) Stapel und sie zeigen keine erhöhte physiologische Erregung
    • Die Autoren schlossen daraus, dass unbewusste körperlich-emotionale Signale unser Entscheidungsverhalten beeinflussen
    Kritik
    • Waren die körperlich-emotionalen Signale tatsächlich unbewusst?
    • Erregung könnte auch daher rühren, dass bei »schlechten Stapeln« mehr auf dem Spiel steht
    • Kartenwahl kann durch antizipierte Konsequenzen bestimmt sein, Erregung spiegelt eher die Höhe des Gewinns oder Verlusts wider
  • Was sind typische Merkmale von Situationen bzw. Aufgaben, in denen kognitive Kontrolle benötigt wird?

    Lösung

    • wenn gegenwärtige Absichten gegen automatisierte Gewohnheiten oder konkurrierende motivationale Tendenzen durchgesetzt werden sollen (? Benutzungsverhalten)
    • flexibler Wechsel zwischen Zielen und Reiz-Reaktionsregeln
    • Generierung neuer Handlungspläne
    • Ausführung neuer, wenig bekannter oder schwieriger Handlungspläne
    = gemeinsam ist allen Situationen die Abschirmung gegenüber neuen oder Unterdrückung störender bzw. irrelevanter Reize, und Flexibilität bei neuen Reizkonstellationen
  • Welche Gehirnareale sind an der Emotionskontrolle beteiligt und wie wurden sie nachgewiesen?

    Lösung

    • beteiligt sind v. a. Strukturen des limbischen Systems, also Amygdala, Hypothalamus und Strukturen des präfrontalen Kortex
    • Nachweis mittels bildgebender Verfahren bei Versuchen zur Emotionskontrolle, die Filmmaterial zeigten und die Probanden baten, bestimmte Affekte gezielt zu unterdrücken (Ochsner et al.)
    • Ferner Studien an Läsions-Patienten wie Phineas Gage
  • Was ist der Unterschied zwischen deklarativen (expliziten) und nicht deklarativen (impliziten) Gedächtnisformen?

    Lösung

    Beides sind separate Gedächtnissysteme, aber
    • das deklarative Gedächtnis ist eng mit Bewusstsein verknüpft, denn es meint die Fähigkeit, sich Ereignisse oder Fakten ins Bewusstsein zu rufen und sprachlich beschreiben zu können
    • das implizite Gedächtnis dagegen ist nicht notwendigerweise mit bewusstem Erinnern verbunden, da es Fertigkeiten und erlerntes Verhalten umfasst, wobei es primär darum geht, ein bestimmtes Verhalten zu zeigen
  • Welche Rolle spielt der Hippocampus beim Gedächtnis und was besagt die Konsolodierungshypothese?

    Lösung

    • Hippocampus: er ist nicht der anatomische Ort, an dem Gedächtnisspuren langfristig gespeichert werden, aber zusammen mit benachbarten medial-temporalen Strukturen ist der Hippocampus an der Encodierung neuer Infos beteiligt. Ihm wird die Funktion zugeschrieben, einzelne Elemente eines Reizes / einer Episode mit räumlichen-zeitlichen Aspekten zu einer integrierten Repräsentation im deklarativen Gedächtnis zusammenzufügen.
    • Daher nennt man das hippocampale System auch Konvergenzzone.
    • Konsolidierungshypothese: Man nimmt an, dass neue Gedächtnisinhalte erst bei wiederholter Repräsentation (Wiederholen, erneutes Abrufen, Erinnern) als feste Gedächtnisspur etabliert werden.
    • Kurz nach der Encodierung im Hippocampus finden Modifikationen synaptischer Verbindungen statt, und es wird eine Gedächtnisspur etabliert.
    • Bei einer anderen, weiterführenden Form der Konsolidierung kommt es vermutlich zu einer Reorganisation ganzer Hirnsysteme, so dass der Abruf nach und nach unabhängig vom medial-temporalen, d. h. hippocampalen, System wird. Dabei werden Teile des Inhalts auch dort abgelegt, in denen dieser zuvor neue Inhalt encodiert wurde.
  • Nennen Sie drei Beispiele dafür, wie sich Emotionen und Stimmungen auf Gedächtnisleistungen auswirken!

    Lösung

    • Erinnerungen an emotional aufwühlende Ereignisse werden oft lebhaft und detailgetreu wiedergegeben.
    • Waffeneffekt
    • Differenzierte Effekte des Stressniveaus (umgekehrt u-förmig)
  • Welchen Einfluss hat Stress auf das Gedächtnis und wie werden diese Effekte vermittelt?

    Lösung

    • Stress kann das deklarative Gedächtnis beeinträchtigen.
    • Stressor ? Wahrnehmung ~ Aktivierung der Amygdala ?Hypothalamus ? Ausschüttung des corticotropen releasing hormon ? Aktivierung der Hypophyse ? Adrenokortikotropes Hormon ? in Nebennierenrinde Ausschüttung von Glukokortikostereoiden (kurz: HHNA-Achse)
    • Glukokortikostereoide wirken auf gedächtnisrelevante Strukturen und blockieren so die Encodierung neuer Inhalte. So kann chronischer Stress auch zu strukturellen Veränderungen des Hippocampus führen
  • Welche Beeinträchtigungen von Gedächtnisfunktionen können bei der posttraumatischen Belastungsreaktion beobachtet werden und welche Erklärungen gibt es dafür?

    Lösung

    • Erinnerungen oft inkohärent, fragmentiert ? Beeinträchtigungen des episodischen bzw. autobiographischen Gedächtnisses, d. h.
    o Funktionelle Amnesien
    o Mnestisches Blockadesyndrom
    o Traumabezogene Reize (Geräusche, Gerüche) können Erinnerungen an das Trauma lebhaft und scheinbar unkontrollierbar aufleben lassen (Flashlights)
    o Wiederkehrende Intrusionen
    • Vermutlich kommt es zu impliziten Primingeffekten (Furchtkonditionierung über Amygdala) in jenen Hirnstrukturen, die auch bei starkem Stress weiter arbeiten (auch Systeme für prozedurales Lernen). Einzelaspekte des Traumas werden so mit intensiven Furchtreaktionen assoziiert, da die über den Hippocampus vermittelte Integration von Einzelaspekten durch den Stress blockiert ist und entfällt.
    • Diese Hypothese ist bislang aber noch nicht weiter bestätigt; zudem können auch andere Hirnstrukturen involviert sein.
    • So kann chronischer Stress auch zu strukturellen Veränderungen des Hippocampus führen (s.o.).
  • Wie wirken sich positive und negative Stimmungen auf den Informationsverarbeitungsmodus aus?

    Lösung

    • In Laborstudien zeigte sich, dass Inhalte dann besser erinnert wurden, wenn ihre emotionale Valenz kongruent mit der Stimmung des Probanden beim Encodieren war
    • Ähnliches kann für den Abruf von Inhalten bestätigt werden (Stimmungskongruentes Encodieren und Abruf)
    • Emotionen wirken in diesem Zusammenhang stärker, wenn weniger andere Abrufreize verfügbar sind, und beim Abruf autobiographischer Informationen
    • Bsp.: Depressive erinnern häufiger negative Ereignisse
    • Dreisbach & Goschke (2004): Wechselkosten fielen nach positiven Bildern signifikant kleiner aus als nach neutralen Bildern. Dies spricht für eine reduzierte Perseveration der vormals relevanten Aufgabenregel und zeigt, dass die Probanden ihre Aufmerksamkeit schneller von der alten Reizkategorie ablösen konnten. Interessanterweise zeigte sich in der Distraktibilitätsbedingung der umgekehrte Effekt: hier waren die Wechselkosten nach positiven Bildern signifikant erhöht, was für eine erhöhte Ablenkbarkeit durch neue Störreize spricht. Dieser Befund spricht dafür, dass positive Emotionen die kognitive Flexibilität erhöhen, gleichzeitig aber auch Kosten in Folge verstärkter Ablenkbarkeit verursachen können.
  • Welche generellen Faktoren beeinflussen den Zusammenhang von Persönlichkeitstraits mit psychischen Störungen? Oder anders formuliert: Wovon hängt das Ausmaß an Varianzaufklärung zwischen beiden ab?

    Lösung

    Spezifisches mit Spezifischem vorhersagen:
    Stark generalisierte Superfaktoren bzw. Faktoren zweiter Ordnung (z. B. Neurotizismus) ergeben sich faktorenanalytisch aus noch miteinander korrelierenden Faktoren erster Ordnung (z. B. den Neurotizismus-Subskalen). In einer bestimmten Situation (z. B. soziale Situation) wird eine spezifische Subskala (z. B. »Soziale Befangenheit«) das Verhalten einer Person meist besser vorhersagen als ein Superfaktor (Neurotizismus).
    Bedeutung situativer Faktoren:
    Ein Trait zeigt sich in sichtbarem Verhalten i.d.R. erst bei Vorliegen einer traitspezifischen Situation. Analog wird auch beim Diathese-Stress-Modell davon ausgegangen, dass Vulnerabilitäten und Protektivfaktoren erst bei zusätzlichen externen Stressoren verhaltenswirksam werden.
    Bedeutung von States:
    Auch aktuelle Zustände (States) haben einen Einfluss. So könnte z. B. ein akuter grippaler Infekt die Tendenz zu einer Störung (z. B. Panikattacken) manifest werden lassen.
    Reziproke Wirkungen:
    Auch die Störung selbst hat einen Einfluss auf die Persönlichkeit. Daher unterscheidet man die morbide Persönlichkeit (Depressive Phase erhöht z. B. Neurotizismuswerte), postmorbide Persönlichkeit (Nachwirkungen der Störung oder ihrer Behandlung spiegeln sich wider) und prämorbide Persönlichkeit (wird in Längsschnittstudien vor Ausbruch einer Störung erfasst)
    Multitraitkonzepte:
    Simultane Berücksichtigung mehrerer Traits und deren Wechselwirkungen kann Vorhersage verbessern.
  • Was haben die Begriffe »Trait« und »Diathese-Stress-Modell« gemeinsam?

    Lösung

    Ein Trait bezeichnet eine relativ überdauernde Disposition, in traitspezifischen Situationen mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit ein traitspezifisches Verhalten zu zeigen. In diesem Ansatz ist Verhalten also das Ergebnis einer Interaktion aus Traitausprägungen und Situationsvariablen. Ohne traitspezifische Situation wird ein Trait nicht verhaltswirksam. Insofern entspricht das Trait-Situations-Verhaltensmodell dem Diathese-Stress-Modell, bei dem ebenfalls Dispositions- bzw. Vulnerabilitätsfaktoren erst in Kombination mit externen Stressoren (Situationsvariablen) zum Auftreten einer Störung führen.
  • Welche Bedeutung hat Ihrer Meinung nach das Konzept Neurotizismus in der Klinischen Forschung? Wofür könnte es nützlich sein?

    Lösung

    Neurotizismus weist eine hohe Erblichkeit auf und teilt mit Depression gemeinsame genetische Grundlagen. Einige Autoren sehen Neurotizismus als Mediator in der Kausalkette von genetischer Vulnerabilität bis zum Phänotyp einer Depression. Somit könnte Neurotizismus als psychometrischer Endophänotyp bei genetischen Studien zu affektiver Vulnerabilität sinnvoll sein.
    Zu beachten ist dabei, dass Neurotizismus ein multidimensionales Konstrukt darstellt, das verschiedene miteinander korrelierende Facetten emotionaler Instabilität zusammenfasst. Je nach Fragestellung können diese Facetten ganz unterschiedliche Validität und Nützlichkeit aufweisen. Als Beispiele wurden die Vorhersage von Schüchternheit (NEO-PI-R Subskala "Soziale Befangenheit") und die Korrelate des Serotonintransporterpolymorphismus 5-HTTLPR (Subskala "Angry-Hostility") genannt.
    Neurotizismus korreliert positiv mit Depression und negativ mit deren Behandlungserfolg und ist darüber hinaus auch längsschnittlich ein Risikofaktor für Depression, so dass es grundsätzlich als Prädiktor für Auftreten und Verlauf depressiver Störungen interessant sein kann. Ebenso könnte man mit Neurotizismusskalen High-Risk-Probanden in einer Population identifizieren.
    Neurotizismus überlappt mit vielen Vulnerabilitäts- und Protektivfaktoren und ist daher eine wichtige Variable bei allen Forschungsbemühungen, bei denen es um die Entstehung, Aufrechterhaltung oder den Verlauf verschiedenster Erkrankungen geht. Dabei ist vorstellbar, dass Neurotizismus zusammen mit Extraversion dieselben Vorhersagen erlaubt, wie manche der vorgeschlagenen speziellen Risiko- und Protektivfaktoren.
    Allerdings können dabei Effekte erhöhter Werte in Neurotizismus ganz unterschiedlich ausfallen: Zwar ist Neurotizismus mit einer erhöhten Stressanfälligkeit assoziiert, kann aber auch damit einhergehen, (Früh-)Warnsymptome rechtzeitig wahrzunehmen und sich in Behandlung zu begeben.
    Querschnittlich sind Neurotizismusskalen von Interesse, da man beispielsweise in Studien zu Stress am Arbeitsplatz ermitteln könnte, wie viel von der erlebten Belastung auf Persönlichkeitseigenschaften, bzw. deren Wechselwirkung mit der Situation, zurückzuführen ist. Dabei klärt Neurotizismus nicht nur Varianz an subjektiven Beschwerden auf, sondern auch an objektiven Parametern wie Immunreaktionen. Insofern können Neurotizismus-Skalen auch als Kontrollvariable und zur Parallelisierung von Stichproben in einer Vielzahl von Studien sinnvoll sein.
  • Können beispielsweise Neurotizismus oder der Typus Melancholicus Protektivfaktoren und Optimismus ein Vulnerabilitätsfaktor sein? Und auf genetischer Ebene? Ist das s-Allel des Serotonintransporterpolymorphismus pathogen oder salutogen?

    Lösung

    Neurotizismus könnte dann ein protektiver Faktor für die (psychische und körperliche) Gesundheit sein, wenn man annimmt, dass höhere Neurotizismus-Werte auch damit einhergehen können, (Früh-) Warnsymptome rechtzeitig wahrzunehmen und sich in Behandlung zu begeben. Ähnlich könnte man den Typus melancholicus, also die angenommene prämorbide Persönlichkeit depressiver Patienten als protektiven Faktor verstehen, wenn sich damit einhergehende Dimensionen, wie z. B. Gewissenhaftigkeit, in einer positiven Therapiecompliance niederschlagen.
    Umgekehrt kann Optimismus dann als Vulnerabilitätsfaktor verstanden werden, wenn man die Zweidimensionalität des Konstruktes (Optimismus-Pessimismus) in Betracht zieht, und zwischen Konsequenzerwartung und Kompetenzerwartung differenziert. Ob man beispielsweise mit dem Rauchen aufhört, hängt von der Konsequenzerwartung ab, damit tatsächlich Lungenkrebs zu vermeiden, und außerdem von der optimistischen Kompetenzerwartung, zu diesem Verhalten auch in der Lage zu sein.
    Was das s-Allel des Serotonintransportergens anbelangt, so spricht allein schon dessen hohe Häufigkeit von über 50% in zentraleuropäischen Populationen gegen die Annahme, dass es sich dabei allein um einen Risikofaktor für psychische Störungen handelt. Stattdessen wird das s-Allel, wie viele andere Polymorphismen mit hoher Allelhäufigkeit, in bestimmten Umwelten zwar einen Risikofaktor darstellen, in anderen Umwelten jedoch eher von Vorteil sein (ganz im Sinne des Diathese-Stress-Modells). Eine wegweisende Studie von Caspi et al. (2003) zeigte eine solche Interaktion des Serotonintransporterpolymorphismus mit kritischen Lebensereignissen auf - auch wenn insgesamt die Befundlage nachfolgender Studien eher heterogen war: Das Depressionsrisiko erwies sich bei Caspi et al. bei s-Allel-Trägern nur dann als erhöht, wenn zusätzlich aversive Lebensereignisse vorlagen.
  • Sie vermuten, dass ein bestimmter Trait ein Vulnerabilitätsindikator für z. B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist. Welches Forschungsprogramm würden Sie konzipieren, um diese Annahme zu überprüfen? Worauf sollte besonders geachtet werden?

    Lösung

    Natürlich müssen Design und Methodik je nach konkreter Fragestellung individuell optimiert werden. Hier werden lediglich die allgemeinen methodischen Überlegungen aufgegriffen, die sich aus der Diskussion der im Text dargestellten Studien ergaben. Die Liste hat somit weder den Anspruch auf Vollständigkeit noch auf universelle Gültigkeit.
    • Idealerweise prospektive Längsschnittstudie (beginnend vor Ausbruch der Erkrankung)
    • Bei manchen Fragestellungen sinnvoll: Auswahl von Probanden mit erhöhtem Erkrankungsrisiko (über genetische, endophänotypische oder psychometrische High Risk Indikatoren).
    • Lange Untersuchungszeiträume, damit sich die angenommenen Vulnerabilitäten auch in Erkrankungen manifestieren können.
    • Mehrere Persönlichkeitseigenschaften, ggf. auch mehrere Erkrankungen (die ja oft komorbid sind) simultan erfassen, um zu zeigen: Wie spezifisch sind die jeweiligen Persönlichkeitseigenschaften für eine spezifische Erkrankung? Gibt es Wechselwirkungen zwischen einzelnen Vulnerabilitäts- und Protektivfaktoren?
    • Klären, ob eingesetzte Persönlichkeitsinstrumente valide und reliabel sind? Sind ggf. spezifische Subskalen valider als globale Superfaktoren? Wenn nur ein Skalenwert bei einem Inventar errechnet wird: Ist das Verfahren tatsächlich eindimensional?
    • Kontrolle konfundierender Drittvariablen, die die Effekte anstelle der Persönlichkeits-eigenschaften erklären könnten, z. B. sozioökonomischer Status, Rauchen, Alkoholkonsum, weitere Vorerkrankungen, Alter, Geschlecht.
    • Verwendung objektiver Erkrankungsindikatoren zusätzlich zur Erfassung subjektiver Beschwerden und subjektiven Wohlergehens
    • Auf Itemoverlap achten: Kann man z. B. auch mit einer Sensation Seeking Skala, aus der alle direkt nach Drogenkonsum fragenden Items entfernt wurden, Drogenkonsum vorhersagen?
    • Abschätzen: Unter welchen Bedingungen / in welchen Teilpopulationen wird die Persönlichkeitseigenschaft besonders wichtig sein? Medizinischer Fortschritt kann die durch Persönlichkeitsunterschiede aufklärbare Varianz zum Verschwinden bringen (interindividuelle Unterschiede werden bedeutungslos) oder auch erst ermöglichen (z. B. wenn eine Erkrankung auf Grund neuer Behandlungsmöglichkeiten nicht mehr für alle eine gleich schlechte Prognose hat).
  • Instrumente zur Persönlichkeitserfassung im klinischen Kontext beruhen auf verschieden Konstruktionsprinzipien (kriterienorientiert, deduktiv und induktiv). Können Sie das erläutern und Beispiele geben?

    Lösung

    Kriterienorientiert: Bei kriterienorientiert entwickelten Verfahren werden diejenigen Items zu einer Skala zusammengestellt, die in der Lage sind, klinische Gruppen zu trennen.
    Beispiel: »Minnesota Multiphasic Personality Inventory« (MMPI; neueste Version: MMPI-2, Hathaway et al. 2000). Dieser Test wurde in den 1940er Jahren zur Trennung von nach damaligem Stand (sic!) diagnostizierten "psychiatrischen" vs. "unauffällig-normalen" Personen entwickelt.
    Deduktiv: Items werden speziell als Operationalisierung einer Theorie formuliert.
    Beispiele: Messverfahren der Theorien von Gray und Cloninger, »Trierer Persönlichkeitsfragebogen« (TPF, Becker, 1989)
    Induktiv: Auch wenn Items einer Skala deduktiv aus einer Theorie heraus entwickelt wurden, so werden dennoch zusätzlich faktorenanalytische Techniken und Itemkennwerte herangezogen, um die Skala zu optimieren. Wenn von vornherein die faktorenanalytische Zusammenfassung von Items zu Skalen dominiert, so spricht man von induktiven Verfahren.
    Beispiele: Big-Five (NEO-PI-R)
    Das »Freiburger Persönlichkeitsinventar« (FPI-R, revidierte Version; Fahrenberg, Hampel & Selg, 2010). wurde teils induktiv, teils deduktiv entwickelt: es liegt keine Persönlichkeitstheorie zugrunde, aber es wurden Items ausgewählt, die die Autoren für bedeutsam hielten (hier also eine gewisse Deduktivität), die dann faktorenanalytisch und nach Trennschärfekriterien zusammengefasst wurden.
  • Interindividuelle Unterschiede im Behavioral-Approach System nach Gray werden nicht nur mit Fragebögen erfasst. Können Sie eine biologische und eine lerntheoretische Operationalisierung für BAS nennen?

    Lösung

    Biologische Operationalisierung der BAS-Sensitivität: frontale Hemisphärenasymmetrie (Alphaassymetrie im Ruhe EEG; s. Abschnitt 7.3.1, Davidson), elektrodermale oder Herzratenresponse auf belohnende Stimuli, Modulation der "startle response" (Schreckreaktion) durch appetitive Stimuli.
    Lerntheoretische Operationalisierung der BAS-Sensitivität: Lernparadigmen mit Variation der Verstärkerkontingenzen
  • Die Hypothese, mit der IAEP interindividuelle Unterschiede in der serotonergen Neurotransmission abbilden zu können, hat bedeutsames Anwendungspotential im klinischen Bereich – welches? Was müsste aber noch geklärt werden, bevor die IAEP im klinischen Einzelfall angewandt werden könnte?

    Lösung

    Es besteht die Hoffnung, mit der IAEP das Ansprechen bzw. die Nonresponse eines Patienten auf eine Antidepressivabehandlung vorhersagen zu können. Dies ist insofern bedeutsam, da viele Patienten mit depressiven Störungen nicht auf das erste Medikament wie erhofft eine Besserung ihrer Symptomatik erleben, sondern häufig eine lange Phase des Auf- und Abdosierens verschiedener Präparate durchmachen, bis das geeignete Antidepressivum gefunden wurde. Daher wäre die Vorhersage des Behandlungserfolges anhand der IAEP bedeutsam, um Leidenszeit, Suizidrisiko und Nebenwirkungen beim Patienten durch eine individualisierte Behandlung zu reduzieren und auch Kosten einzusparen.
    Bis zur Anwendung im klinischen Einzelfall bedarf es aber weitere Studien mit ausreichender Power, randomisierter Zuteilung zu verschieden Behandlungsbedingungen und langen Katamnesezeiträumen. Insbesondere ist bisher die praktisch wichtige Frage, ob eine niedrige IAEP auf eine generell höhere Nonresponse hinweist, oder aber welche Non-SSRI Therapieansätze bei solchen Patienten erfolgversprechend sind, ungeklärt. Anschließend wäre die Erstellung von Normwerten unter Berücksichtigung von Alter und Geschlecht wünschenswert, so dass man bei einem konkreten IAEP Wert in Kenntnis von Sensitivität und Spezifität eine Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Behandlung treffen könnte. Eine solche Normierung würde auch eine Standardisierung des Paradigmas bezüglich Operationalisierung und Parametrisierung implizieren, Auch weitere mögliche Responseprädiktoren sollten in Konkurrenz zur IAEP berücksichtigt werden, z. B. genetische Polymorphismen. Eventuell erweist sich ein multivariater, aus mehreren gewichteten Prädiktoren zusammengesetzter Wert, in der Therapieresponsevorhersage als optimal.
  • In diesem Kapitel wurden eine Reihe von Vorteilen einer differentiellen Sichtweise im klinischen Bereich vorgestellt. Unter anderem soll ein differentiell denkender Forscher sensitiv gegenüber konfundierenden Faktoren sein. Können Sie dazu ein Beispiel geben?

    Lösung

    Ein differentiell denkender Forscher schaut sich neben den Mittelwertsunterschieden zwischen Gruppen auch sehr genau die Varianz innerhalb der Gruppen an. Ihn interessieren nicht nur, ob sich die Gruppen im Mittel unterscheiden, sondern inwieweit dies auch für verschiedene Subgruppen gilt, z. B. Personen verschiedenen Bildungstandes, Geschlechts, Alters oder Personen mit unterschiedlicher Motivation, Intelligenz, Ängstlichkeit oder unterschiedlichem Substanzkonsums. Insofern ist ein differentiell denkender Forscher sensitiv gegenüber möglichen konfundierenden Variablen, die den beobachteten Mittelwertsunterschied artifiziell herstellen können.
    Beispiel: So ist z. B. bekannt, dass Sensation Seeking mit dem Alter abnimmt, und gleichermaßen die IAEP. Wird der konfundierende Faktor Alter jedoch nicht kontrolliert, so ergibt sich in einer altersheterogenen Stichprobe allein daraus ein artifizieller positiver Zusammenhang zwischen Sensation Seeking und IAEP. Auch die hoch-publizierten Befunde zu niedrigen MAO-B Aktivitäten erweisen sich bei differentieller Betrachtung als Artefakt, das auf den Trait "hoher Zigarettenkonsum" zurückzuführen ist.
  • Erläutern Sie mit klinisch relevanten Beispielen die Begriffe Endophänotyp und Phänotyp!

    Lösung

    Die genetischen Anlagen einer Person bezeichnet man als Genotyp. Dieser bestimmt in Interaktion mit Umwelteinflüssen den sichtbaren Phänotyp, z. B. Körpergröße oder eine psychische Störung. Ein einzelner genetischer Polymorphismus hat in aller Regel nur einen sehr kleinen Einfluss auf den Phänotyp einer komplexen, multideterminierten Erkrankung, wie z. B. einer psychischen Störung. Keiner der häufig vorkommenden genetischen Polymorphismen ist für eine psychische Störung notwendig oder hinreichend; jeder erhöht lediglich die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten der Störung, bzw. das Überschreiten des Diagnose-Cut-off-Wertes etwas. Solche kleinen Effekte sind oft nur in sehr großen Stichproben nachweisbar. Erschwerend kommt hinzu, dass die aufgrund phänotypischer Ähnlichkeiten unter eine Diagnosekategorie fallenden Patienten, genetisch/biologisch ganz unterschiedliche Gruppen darstellen können.
    Wegen solcher Probleme in der molekulargenetischen Erforschung psychischer Störungen wurde das Endophänotypenkonzept vorgeschlagen. Ein Endophänotyp ist ein erbliches Merkmal, das im Vergleich zum Phänotyp, der Erkrankung, "gen-näher" und in der Regel auch genetisch homogener ist. An solchen homogeneren Parametern sollten sich genetische Besonderheiten von Erkrankungen einfacher erforschen lassen als in komplexen, gegebenenfalls heterogenen Diagnosegruppen. Endophänotypen können z. B. biochemische Variablen (MAO-B-Aktivität) oder psychophysiologische Parameter (z. B. akustisch evozierte Potentiale) sein. Auch andere Maße auf basaleren Funktionsebenen kommen in Frage, z. B. Aufmerksamkeitsprozesse, EEG-Vigilanz, Arbeitsgedächtnis oder Amygdalaresponsivität in Bildgebungsstudien. Persönlichkeitseigenschaften wurden ebenfalls als psychometrische Endophänotypen vorgeschlagen, z. B. Neurotizismus für den Phänotyp Depression. Allerdings dürften Persönlichkeitseigenschaften, zumindest auf der Ebene von Superfaktoren, ähnlich heterogen und komplex sein wie psychische Störungen selbst. Das Heranziehen von ausgewählten, homogeneren Subskalen dürfte also auch hier viel versprechender sein als ein Gesamtsummenscore eines globalen Superfaktors.
  • Wie erfolgt die Kommunikation zwischen Nervenzellen?

    Lösung

    Nervenzellen kommunizieren vorwiegend über synaptische, chemische Signalübertragung:
    • das Eintreffen von Aktionspotentialen im synaptischen Endknöpfchen führt zu einer Freisetzung von Neurotransmittern in den synaptischen Spalt
    • Die Neurotransmittermoleküle diffundieren durch den synaptischen Spalt und binden an entsprechende Rezeptoren auf der postsynaptischen Membran
    • Über die Rezeptorbindung wird eine Veränderung verschiedener Ionenkanäle bewirkt, so dass die postsynaptische Membran, in Abhängigkeit der veränderten Ionenkanäle, depolarisiert (exzitatorisches postsynaptisches Potential) oder hyperpolarisiert (inhibitorisches postsynaptisches Potential) wird
    • Die Depolarisation macht die Entstehung eines Aktionspotentials in der postsynaptischen Nervenzelle wahrscheinlicher
  • Was versteht man unter Biofeedback?

    Lösung

    Unter Biofeedback versteht man die bewusste Beeinflussung physiologischer Prozesse, die in der Regel autonom ablaufen. Bei Biofeedback werden den Patienten zunächst physiologische Parameter bzw. zentralnervöse Prozesse rückgemeldet und die Patienten lernen in mehreren Sitzungen, diese Parameter bewusst zu beeinflussen.
  • Inwieweit können Hormone direkte Verhaltenseffekte beim Menschen haben? Bitte nennen Sie ein Beispiel.

    Lösung

    Das Neuropeptid Oxytozin scheint stress- und angstreduzierende Eigenschaften zu besitzen. Wurde Probanden das Neuropeptid intranasal vor einem psychosozialen Stresstest (dem Trier Social Stress Test) verabreicht, so zeigten sie gegenüber einer Placebo-Kontrollgruppe eine signifikant geringere psychische Stressantwort (Angst, Unruhe).
  • Was versteht man unter der zweiten Abwehrreihe des Immunsystems?

    Lösung

    Als zweite Abwehrreihe des Immunsystems wird die angeborene Immunität bezeichnet:
    • Der Organismus verfügt seit der Geburt über diese Immunität
    • Die angeborene Immunität ist nicht-adaptiv
    • Monozyten, Granulozyten (beides Phagozyten), natürliche Killerzellen und Makrophagen gehören zu den Immunzellen der angeborenen Immunität
    • Binden in den Körper eingedrungene Pathogene über Strukturmerkmale an ihrer Oberfläche an spezifische Rezeptoren beginnen Zellen der angeborenen Immunität mit der Vernichtung der Pathogene
    • Auch wenn körpereigene Zellen mit einem Erreger infiziert sind bzw. entartet wachsen, vernichten die Zellen der angeborenen Immunität diese Zellen
  • Kennen Sie einen Nachweis für die Wirksamkeit psychotherapeutischer Intervention auf das Immunsystem?

    Lösung

    Eine Untersuchung von Spiegel et al. (1989) untersuchte Frauen mit metastasierendem Brustkrebs nach Operation und Bestrahlung. Während eine Gruppe dieser Frauen neben der onkologischen Standardtherapie über ein Jahr lang an einer Gruppentherapie teilnahmen, erhielt die andere Hälfte der Frauen nur die onkologische Standardbehandlung. Interessanterweise zeigten die Frauen, die an der Gruppentherapie teilnahmen, eine signifikant längere Überlebenszeit, als Frauen, die nur die Standardbehandlung erhielten (fast doppelt so lange Überlebenszeit). Dass dieser positive Effekt der Gruppentherapie in dieser Studie allerdings tatsächlich über Effekte auf das Immunsystem vermittelt wurde, kann nur hypothetisch angenommen werden.
  • Erklären Sie die Grundzüge der synaptischen Übertragung; nennen Sie die wichtigsten Transmitter (inklusive Grundzüge ihrer Synthese und Inaktivierung)!

    Lösung

    Grundzüge der synaptischen Übertragung sind:
    • Ein Aktionspotential erreicht über die präsynaptische Zelle das synaptische Endknöpfchen und induziert hier die Exozytose von Transmittermolekülen in den synaptischen Spalt
    • Die Transmittermoleküle diffundieren durch den synaptischen Spalt und binden an der postsynaptischen Membran an entsprechende Rezeptoren
    • Über die Rezeptorbindung wird eine Veränderung der postsynaptischen Membran induziert, was dazu führt, dass positiv bzw. negativ geladene Ionen in die postsynaptische Zelle einströmen bzw. aus ihr herausströmen können
    • In Abhängigkeit des Ionenflusses kommt es zu einer Verringerung oder zu einer weiteren Negativierung der negativen Ladung der postsynaptischen Zelle (exzitatorisches oder inhibitorisches postsynaptisches Potential), was dazu führt, dass die Wahrscheinlichkeit eines Aktionspotentials in der postsynaptischen Zelle steigt bzw. absinkt
    Man unterscheidet hochmolekulare und niedrigmolekulare Transmitter. Die wichtigsten Transmitter sind:
    • Acetylcholin: wird in den Neuronen aus Cholin und aktivierter Essigsäure durch das Enzym Cholinacetyltransferase gebildet; Inaktivierung im synaptischen Spalt durch enzymatische Zerlegung durch das Enzym Acetylcholinesterase
    • Dopamin: Synthese in Neuronen aus der Aminosäure L-Thyrosin über die Zwischenstufe L-Dopa; Inaktivierung vorwiegend durch Wiederaufnahme (über Transporteiweiße) in die präsynaptische Zelle, z.T. Abbau durch Monoaminooxidase (MAO) in der Zelle
    • Noradrenalin: Synthese aus der Aminosäure L-Thyrosin über die Zwischenstufen L-Dopa und Dopamin; Inaktivierung z. T. im synaptischen Spalt über das Enzym Katecholamin-O-Methyltransferase), hauptsächlich aber über Wiederaufnahme in die präsynaptische Zelle, hier z. T. Abbau durch MAO-A
    • Serotonin: Synthese aus der Aminosäure L-Tryptophan über die Zwischenstufe L-5-Hydroxy-Tryptophan; Inaktivierung durch Wiederaufnahme in die präsynaptische Zelle, hier z. T. Abbau durch MAO-A
    • Histamin
    • Gamma-Aminobuttersäure (GABA): Synthese aus Glutamat über Abspaltung einer Carboxylgruppe; Inaktivierung z. T. durch Diffusion aus dem synaptischen Spalt und über Wiederaufnahme in die präsynaptische Zelle
    • Glutamat: wird über die Nahrung aufgenommen, kann aber auch vom Körper produziert werden
    • Endogene Opioide
  • Welche prinzipiellen Möglichkeiten der pharmakologischen Beeinflussung der synaptischen Übertragung kennen Sie? Unterscheiden Sie dabei zwischen agonistischen und antagonistischen Effekten; nennen Sie konkrete Beispiele.

    Lösung

    Die synaptische Übertragung kann verstärkt oder geschwächt werden. Die Verstärkung der synaptischen Übertragung wird als agonistischer Effekt bezeichnet, die Schwächung der Übertragung als antagonistischer Effekt.
    • Agonistische Effekte: z. B. erhöhte Produktion des entsprechenden Transmitters, Förderung seiner Freisetzung, Hemmung seiner Inaktivierung, direkte Besetzung der postsynaptischen Rezeptoren mittels eines ähnlich wirkenden Stoffes, Erhöhung der Empfindlichkeit der postsynaptischen Rezeptoren, fördernder Eingriff in die nachgeschaltete Signaltransduktion
    o Bsp. für agonistischen Effekt: selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer blockieren die Wiederaufnahme von Serotonin in die präsynaptische Zelle und führen somit zu einer erhöhten Verfügbarkeit von Serotonin im synaptischen Spalt und an den postsynaptischen Rezeptoren
    • Antagonistische Effekte: z. B. Hemmung der Produktion oder Ausschüttung von Transmittern, Beschleunigung ihrer Inaktivierung, direkte Verhinderung ihrer Wirkung an postsynaptischen Rezeptoren, Verringerung der Empfindlichkeit postsynaptischer Rezeptoren, hemmende Eingriffe auf die nachgeschaltete Signaltransduktion
    o Bsp. für antagonistische Effekte: klassische Neuroleptika blockieren Dopamin-Rezeptoren (D2-Rezeptoren) an der postsynaptischen Membran und verhindern darüber die Bindung und Wirkung von Dopamin an den Rezeptoren
  • Was sind Neuroleptika, auf welche Weise wirken sie, was sind ihre Indikationen und Nebenwirkungen?

    Lösung

    Man unterscheidet klassische und atypische Neuroleptika:
    • Wirkweise: klassische Neuroleptika blockieren vor allem D2-Rezeptoren im limbischen System, aber auch im Striatum, atypische Neuroleptika blockieren vermutlich D4-Rezeptoren bzw. selektiv mesolimbische D2-Rezeptoren; zudem blockieren einige Neuroleptika noradrenerge Alpha1- und Histaminrezeptoren, muskarinerge Acetylcholinrezeptoren und einige Typen von Serotoninrezeptoren
    • Indikation: v. a. produktive Schizophreniesymptomatik (Wahn, Halluzinationen, Zerfahrenheit), psychomotorische Symptome (katatoner Stupor, katagone Erregung), psychotische Symptome im Rahmen affektiver Störungen, schizoaffektive Störungen, Manie, Erregungszustände, Entzugssymptomatik, z. T. auch Persönlichkeitsstörungen, neurologische Erkrankungen mit überschießenden Bewegungen, frühkindlicher Autismus; atypische Neuroleptika kommen zunehmend auch bei schizophrener Negativsymptomatik zum Einsatz
    • Nebenwirkungen: motorische/ extrapyramidale Symptome (so genannte Frühdyskinesien: Krämpfe und überschießende Bewegungen, motorische Unruhe, Parkinson-Syndrom mit Rigor, Tremor und Akinesie), vegetative Begleiterscheinungen (Mundtrockenheit, Akkommodationsstörungen, Harnverhaltung, Obstipation, Veränderungen des Augeninnendrucks), Störungen des endokrinen Systems (erhöhte Prolaktinspiegel, Zyklusstörungen, Libidoverlust, Brustwachstum und Milchfluss), Blutbildveränderungen, z. T. kommt es zu Spätdyskinesien (unwillkürliche Bewegungen im Gesichts-, Schlund- und Extremitätenbereich), die eine langfristige irreversible Nebenwirkung darstellen
  • Was sind Antidepressiva, wie werden sie unterteilt, auf welche Weise wirken sie, was sind ihre Indikationen und Nebenwirkungen?

    Lösung

    Antidepressiva sind Substanzen mit stimmungsaufhellender Wirkung. Man unterscheidet verschiedene Klassen von Antidepressiva, die sich in ihrer Wirkweise, z.T. Indikation und in den Nebenwirkungen unterscheiden. Neben der Indikation der Depression besitzen einige Klassen von Antidepressiva auch weitere Indikationen.
    • Trizyklische Antidepressiva:
    o Wirkweise: Hemmung der Wiederaufnahme von Serotonin und/ oder Noradrenalin; Blockade präsynaptischer Autorezeptoren; Blockade von Histamin- und muskarinergen Acetylcholin-Rezeptoren
    o Weitere Indikation: Phasenprophylaxe bei rein depressiven, rezidivierenden Störungen, z. T. Zwangssymptomatik, Essstörungen (Anorexia und Bulimia nervosa), Schmerzzustände
    o Nebenwirkungen: Sedierung, unerwünschte Antriebssteigerung, vegetative Begleitsymptome (Mundtrockenheit, Akkomodationsstörungen, Störungen der Harnentleerung und der Verdauungstätigkeit, Erhöhung des Augeninnendrucks, orthostatische Hypotonie), Überleitungsstörungen am Herzen und Arrythmien, sexuelle Funktionsstörungen, Gewichtszunahme, Absinken der Krampfschwelle
    • Tetrazyklische Antidepressiva und wirkungsmäßig ähnliche Substanzen:
    o Wirkweise: Wiederaufnahmehemmung, Blockade präsynaptischer Autorezeptoren, z. T. Blockade von Histaminrezeptoren
    • Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer:
    o Wirkweise: ausschließliche Inhibition der Serotonin-Wiederaufnahme in die präsynaptische Zelle
    o Weitere Indikation: Ess- und Zwangsstörungen
    o Nebenwirkungen: sexuelle Funktionsstörungen (verzögerte Ejakulation), Libido- und Potenzstörungen, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Agitation
    • MAO-Hemmer:
    o Wirkweise: Blockade des Enzyms MAO, welches in die präsynaptischen Zelle wiederaufgenommene Monoamine abbaut. Hierdurch kommt es zu einer erhöhten Transmitterverfügbarkeit
    Antidepressiva sind Substanzen mit stimmungsaufhellender Wirkung. Man unterscheidet verschiedene Klassen von Antidepressiva, die sich in ihrer Wirkweise, z.T. Indikation und in den Nebenwirkungen unterscheiden. Neben der Indikation der Depression besitzen einige Klassen von Antidepressiva auch weitere Indikationen.
    • Trizyklische Antidepressiva:
    o Wirkweise: Hemmung der Wiederaufnahme von Serotonin und/ oder Noradrenalin; Blockade präsynaptischer Autorezeptoren; Blockade von Histamin- und muskarinergen Acetylcholin-Rezeptoren
    o Weitere Indikation: Phasenprophylaxe bei rein depressiven, rezidivierenden Störungen, z. T. Zwangssymptomatik, Essstörungen (Anorexia und Bulimia nervosa), Schmerzzustände
    o Nebenwirkungen: Sedierung, unerwünschte Antriebssteigerung, vegetative Begleitsymptome (Mundtrockenheit, Akkomodationsstörungen, Störungen der Harnentleerung und der Verdauungstätigkeit, Erhöhung des Augeninnendrucks, orthostatische Hypotonie), Überleitungsstörungen am Herzen und Arrythmien, sexuelle Funktionsstörungen, Gewichtszunahme, Absinken der Krampfschwelle
    • Tetrazyklische Antidepressiva und wirkungsmäßig ähnliche Substanzen:
    o Wirkweise: Wiederaufnahmehemmung, Blockade präsynaptischer Autorezeptoren, z. T. Blockade von Histaminrezeptoren
    • Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer:
    o Wirkweise: ausschließliche Inhibition der Serotonin-Wiederaufnahme in die präsynaptische Zelle
    o Weitere Indikation: Ess- und Zwangsstörungen
    o Nebenwirkungen: sexuelle Funktionsstörungen (verzögerte Ejakulation), Libido- und Potenzstörungen, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Agitation
    • MAO-Hemmer:
    o Wirkweise: Blockade des Enzyms MAO, welches in die präsynaptischen Zelle wiederaufgenommene Monoamine abbaut. Hierdurch kommt es zu einer erhöhten Transmitterverfügbarkeit
  • Nennen Sie Substanzen zur Phasenprophylaxe affektiver Störungen und zur Behandlung manischer Episoden!

    Lösung

    • Trizyklische Antidepressiva, z. B. Amitriptylin, Doxepin, Trimipramin, Desipramin, Clomipramin, Imipramin, Prophylaxe bei depressiven rezidivierenden Störungen
    • Lithiumsalze, z. B. Lithiumazetat, Lithiumaspartat, Lithiumcarbonat, Prophylaxe bei uni- und bipolaren affektiven Störungen
    • Antikonvulsiva: Carbamazepin - Prophylaxe bipolarer Störungen (v. a. bei rapid cycling); Valproinsäure - mit antimanischer Wirkung; Lamotrigin - nicht wirksam bei manischen Symptomen
  • Schildern Sie das demenzielle Syndrom und geben Sie Ursachen dafür an! Welche Gruppen von Antidementiva kennen Sie?

    Lösung

    Einspeicherung, später beim Abruf älterer Gedächtnisinhalte) sowie durch weitere kognitive Einschränkungen (Konzentrationsverlust, gestörte Informationsverarbeitung, zunehmender Mangel an Urteilsvermögen), zusätzlich treten affektive und motivationale Veränderungen auf
    • Das demenzielle Syndrom tritt im Rahmen verschiedener Grunderkrankungen auf und ist sicherlich durch deren Genese bedingt:
    o Demenz vom Alzheimer-Typ (mögliche Ursache: neuropathologische Veränderungen wie Alzheimer-Fibrillen, senile Plaques, verminderte Anzahl cortikaler Synapsen, Minderaktivität cholinerger Neurone)
    o Vaskuläre Demenz (mögliche Ursache: Gefäßveränderungen im Gehirn)
    o Demenz im Rahmen verschiedener hirnorganischer Prozesse wie Parkinson-, Huntington-, Creutzfeldt-Jakob-, Pick-Krankheit
    o Aids-Demenz im Spätstadium der HIV-Infektion
    • Es existieren verschiedene Gruppen von Antidementiva: Nootropika (heterogene Gruppe; Wirkung eher unspezifisch), Acetylcholinesterasehemmer (erhöhen die Konzentration von Acetylcholin im synaptischen Spalt)
  • Nennen Sie die wichtigsten Gruppen von Sedativa und Hypnotika und ihre Ansatzpunkte! Welche pharmakologischen Behandlungsmöglichkeiten für Angststörungen kennen Sie?

    Lösung

    Die wichtigsten Gruppen von Sedativa und Hypnotika sind die folgenden:
    • Benzodiazepine: wirken über die allosterische Verstärkung der GABAergen Hemmung im zentralen Nervensystem, sie haben keine eigene, direkte Wirkung auf den Ionenkanal
    • H1-Antihistaminika: Wirkung über Blockade von histaminergen H1-Rezeptoren
    • Nicht-Benzodiazepinhypnotika: binden am Benzodiazepinrezeptor am GABAA-Benzodiazepin-Rezeptorkomplex
    Es existieren verschiedene pharmakologische Behandlungsmöglichkeiten von Angststörungen:
    • Benzodiazepine
    • H1-Antihistaminika
    • Betablocker
  • Welche Medikamente zur Behandlung substanzbedingter Störungen gibt es?

    Lösung

    Hierbei sind die verschiedenen Stadien der Behandlung substanzbedingter Störungen zu beachten.
    Folgende Medikamente sind dabei zu unterscheiden:
    • Medikamente gegen Intoxikation,
    • Medikamente zur Behandlung von Entzugssymptomatik (Entgiftungsmittel),
    • Entwöhnungsmittel (zur Rückfallprophylaxe) und
    • Substitutionsmittel.
  • Welche Zusammenhänge werden in der Neuropsychologie untersucht?

    Lösung

    • Zusammenhang zwischen dem Erleben oder Verhalten und dem Gehirn
    • Ziel ist es, jene neuronalen System zu erschließen, die für kognitive Prozesse (Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Sprache, exekutive Funktionen, Emotion und Motivation) verantwortlich sind
    • Neuropsychologie betrachtet sowohl strukturelle als auch die funktionelle Zusammenhänge
    • Unterschieden wird ferner in kognitive und klinische Neuropsychologie
    a. Kognitive N. = Betrachtung normaler kognitiver Funktionen
    b. Klinische N. = Diagnostik und Behandlung von Erkrankungen, Verletzungen oder Schädigungen kognitiver Strukturen
    • über letztere lassen sich daher vor allem Störungen neuronaler Systeme untersuchen, die wiederum einen Rückschluss auf die normale Funktionsweise unseres Gehirns zulassen
  • Was versteht man unter einer »doppelten Assoziation«?

    Lösung

    Dissoziation von kognitiver Funktion und Läsionsort
    • anders als bei einer einfachen Dissoziation werden hier zwei Patienten jeweils bezüglich zweier kognitiver Leistungen untersucht
    • z. B.: Leseleistung und Erkennen von Gesichtern bei Patient A und B
    • erbringt der Vergleich, dass Patient A mit einer Schädigung des Areals X zwar lesen, aber keine Gesichter erkennen kann und wiederum Patient B mit einer Schädigung des Areals Y zwar Gesichter erkennen, aber nicht lesen kann, lassen sich daraus Schlussfolgerungen bzgl. der Funktionalität von Hirnarealen treffen bzw. ist ein Rückschluss auf die Lokalisation von kognitiven Prozessen im Gehirn möglich
    • in diesem Beispiel? ? Areal X ~ Gesichter erkennen; Areal Y ~ Lesen
  • Nennen Sie Vor- und Nachteile der verschiedenen neuropsychologischen Methoden!

    Lösung

    Es gibt eine Vielzahl neuropsychologischer Methoden, grob unterscheiden kann man folgende:
    a) neuropsychologische Testverfahren
    o + Untersuchung elementarer, aber auch komplexer kognitiver Prozesse
    o + zahlreiche Verfahren verfügbar, im klin. Alltag gut anwendbar
    o - bei mehreren zu testenden Personen mit hohem personellen und zeitlichen Aufwand verbunden
    o - nicht jeder Patient ist auch »testbar«
    b) computergestützte Verfahren
    o + ökonomischer als Paper-pencil-Versionen
    o + wird von einigen Patienten als ansprechender empfunden
    o - oft noch kostenintensiver in der Anschaffung als Paper-Pencil
    c) experimentelle Einzelfallstudien
    o + Hinweise auf einfache oder doppelte Assoziationen
    o + Informationen werden nicht »weggemittelt« bzw. gehen nicht in der Heterogenität der Gruppe unter
    o - müssen bestimmten Ansprüchen (standardisierter Tests, kontrollierte Testbedingungen, Replikation, Kreuzvalidierung) genügen
    d) Untersuchungen des Gehirns (s. Tabelle S. 232)
    o + erlauben oft eine Introspektion von Strukturen (Morphologie) und Funktionen (Hirnphysiologie und Hirnmetabolismus) des Gehirns (kleinste Areale, rasche aber oft noch begrenzte zeitliche Auflösung)
    o + erlauben die Ermittlung neuronaler Netzwerke
    o + liefern zu neuropsychologischen Testverfahren quasi ein organisches Korrelat
    o + modernere Verfahren (fMRT, SPECT) kombinieren strukturelle & funktionale Informationen
    o - von hohen Kosten begleitet: Anschaffung, Wartung, technisch geschultes Personal
  • Worin bestehen die Aufgaben der neuropsychologischen Diagnostik?

    Lösung

    • Dokumentation von kognitiven Defiziten in Folge von Läsionen, Verletzungen etc.
    • Darüber hinaus Abschätzung der Alltagskompetenz (z. B. Fahrtüchtigkeit, Berufstätigkeit, Selbständigkeit, Urteilsvermögen)
    • Beschrieben wird der aktuelle Zustand, mögliches Therapiepotenzial und Prognose
  • Welche Belege gibt es für die neuronale Plastizität?

    Lösung

    synaptische Strukturen sind flexibel und verändern sich kontinuierlich aufgrund von Umwelterfahrungen und sensorischen Einflüssen, d. h. das Gehirn ist kontinuierlich lernfähig
    • Elbert et al. (1995): Areal zur Repräsentation von Gliedmaßen bei Musikern ist oft größer ausgedehnt als bei Nicht-Musikern
    • Burton et al. (2000): neuronale Aktivierungsmuster bei genital Blinden im Vergleich zu später Erblindeten
    • Flor et al. (1995): Erleben von Symptomschmerz korreliert mit Umfang der kortikalen Repräsentation (? dazu auch Weiß et al.)
    • Sensorischer Homunculus
  • Welche organischen Grunderkrankungen können neuropsychologische Symptome hervorrufen?

    Lösung

    • Schädel-Hirn-Traumata (Contusio cerebri), Unfälle, Verletzungen
    • Degenerative Erkrankungen (MS)
    • Vaskuläre Erkrankungen (Apoplex, Aneurisma)
    • Entzündungen (Enzephalitis)
    • Intoxikationen (Alkohol, psychotrope Substanzen)
    • Ernährungsstörungen / Mangelerscheinungen (Vitamin B, Folsäure)
    • Metabolische und endokrine Störungen (Diabetes, Urämie)
    • Hirntumore
    • Sauerstoffmangel (prä-, peri-, postnatal, CO2-Vergiftung)
  • Nennen Sie Symptome eines amnestischen Syndroms!

    Lösung

    Nach ICD-10 müssen für eine Diagnose des amnestischen Syndroms vorliegen: • Schwerwiegende Probleme neues Material einzuspeichern bzw. zu erlernen (anterograde Amnesie), zeitliche Desorientierung • Keine Störung des Arbeits-/Kurzzeitgedächtnis (i. ICD als Immediatgedächtnis, sonst häufiger auch
    • sensorisches Gedächtnis, Ultrakurzzeitgedächtnis oder Ultrakurzzeitspeicher genannt)
    • Keine schwerwiegenden intellektuellen Defizite
  • Nennen Sie die diagnostischen Kriterien einer Demenz!

    Lösung

    • progrediente Störung des Gedächtnis, d. h. neue Information wird zunehmend schlechter behalten und erinnert
    • zunehmende Beeinträchtigungen im
    a. Denken
    b. Orientierung
    c. Auffassung
    d. Rechnen, Schreiben, Zeichnen
    e. Sprache
    f. Urteilsvermögen
    • Darüber hinaus Veränderungen der Affekte, des Sozialverhaltens (Rückzug), Motivation (Antriebsarmut)
    • Beeinträchtigung der (instrumentellen) Alltagskompetenz
    • Vgl. auch in DSM-IV die operationalisierten Kriterien einer Demenz Diagnose
  • Erläutern Sie die Bezeichnung »auf Kompensation ausgerichtete Interventionen«!

    Lösung

    • Ziel: Entwicklung neuer Perspektiven und Ziele, Aufbau problem- und emotionsorientierter Bewältigungsstrategien
    • Wesentlich ist die Beratung zum emotionalen Umgang mit Folgen chronischer Erkrankungen oder Erkrankungen mit Folgeschäden und neu entstandenen Problemen (z. B. sichtbare Entstellungen, Umgang mit dem Verlust von sozialen Rollen etc.)
    • Zusätzlich dazu wird der Ausgleich von Funktionsdefiziten durch den Einsatz verbliebener intakter Fähigkeiten und Fertigkeiten angestrebt
    • Erlernen neuer (kognitiver) Strategien
  • Wie lässt sich Stress definieren?

    Lösung

    • Begriff wird häufig verwendet, und auch unter verschiedenen Gesichtspunkten definiert: a) Anpassung an Alltagsbelastungen, b) Einfluss von Überbelastung auf die Entstehung oder Aufrecherhaltung physischer und / oder psychischer Erkrankungen
    • Allen Definitionen ist gemeinsam
    o Wann jemand Stress erlebt, ist abhängig von Merkmalen der gegenwärtigen Situation bzw. der Wahrnehmung dieser Situation, der Bewertung der Situation, dem verfügbaren Verhaltensrepertoire und der abschließenden Bewertung der Situationsbewältigung
    o Stress beinhaltet kognitive, emotionale und physiologische Komponenten
    o Die Schwelle der Belastbarkeit ist dabei jedoch individuell verschieden
    • [weiterführend]: Stressmodell nach Lazarus & Folkman; allgemeines Adaptationssyndrom nach Seyle
    Stress kann daher umschrieben werden als ein Spannungszustand infolge der Auseinandersetzung mit einer Beanspruchung und ihren Ursachen, wobei zwischen Anforderungen der Situation und Bewältigungskapazitäten des Individuums ein Ungleichgewicht besteht. Die Stressreaktion gleicht einem Prozess zur Wiederherstellung dieses Gleichgewichtes, beginnend bei der Wahrnehmung und Interpretation eines oder mehrerer auslösender Reize (sog. Stressoren) und anschließend folgender adaptiver psychophysiologischer Mechanismen (siehe HHNA-Achse). Stressoren können dabei vielfältige innere und äußere Reize sein, z. B. Befürchtungen, Ermüdung, Hitze oder Lärm, die ihrerseits als Bedrohung oder auch Herausforderung bewertet werden können. Ziel einer Stressreaktion ist die Bewältigung von Anforderungen und Belastungen.
  • Worin liegt das Besondere der Verhaltensmedizin?

    Lösung

    • Die Verhaltensmedizin ergibt sich aus der Interdisziplinarität verschiedener Wissenschaften
    • Grundlage ist dabei die empirische Auseinandersetzung von Gesundheit und Krankheit unter weiterer Berücksichtigung psychosozialer, verhaltensbezogener und biomedizinischer Aspekte
    • Ziel ist es, empirisch geprüfte Kenntnisse und Methoden in Prävention, Diagnostik und Behandlung anzuwenden
    • Die Besonderheit ergibt sich außerdem durch die Betonung psychischer Prozesse für die Entstehung, Aufrechterhaltung und Behandlung psychischer, aber eben auch physischer Erkrankungen
    • Daraus ergibt sich ein breites Störungs- und Krankheitsrepertoire
  • Geben Sie ein Beispiel für eine multifaktoriell bedingte chronische Erkrankung!

    Lösung

    Beispiele: Adipositas, Diabetes Mellitus oder auch Herzkreislauferkrankungen

    Am Beispiel Adipositas:
    Entstehung:
    • hochkalorische Essgewohnheiten (z. B. fehlende Unterscheidung Hunger vs. Appetit)
    • automatisierte Rituale des Essens (z. B. gleichzeitig Essen und Fernsehen, Essen ohne Genuss)
    • genetische Disposition (Fettpräferenz, Energieverbrauch, Fettverstoffwechselung im Gewebe ? siehe auch Set-Point-Theorie)
    • familiäre Häufung von Adipositas
    • organische Ursachen, die bislang nicht abgeklärt wurden (Hyperthyreose, Diabetes Mellitus)
    Aufrechterhaltung:
    • Funktionen der Beschwerden oder des Verhaltens für den Betroffenen (z. B. Essen zur Stressbewältigung)
    • Bewegungsmangel
    • Festhalten an falschen Ernährungsgewohnheiten
    Bei multifaktoriell bedingten chronischen Erkrankungen führt das Zusammenspiel mehrerer Faktoren sowohl zur Entstehung, aber auch zur Aufrechterhaltung einer Erkrankung. Daher setzt die Verhaltensmedizin an möglichst vielen dieser Faktoren im Rahmen der Behandlung der Patienten an.
    Mögliche Behandlungsbausteine bei Adipositas sind damit sowohl der Ebene von Verhaltensänderungen, als auch auf der Ebene von Einstellungsänderungen zuzuordnen.
    • Vermittlung von »Ernährungswissen«
    • Umgang mit »verbotenen« oder »verlockenden« Nahrungsmitteln
    • Aufdeckung falscher Essgewohnheiten
    • Aufbau und Aufrechterhaltung sinnvoller, angemessener Essgewohnheiten
    • Behandlung von Begleiterkrankungen (Magen-Darm-Beschwerden, Diabetes Mellitus, Hyperthyreose)
    • Entwicklung von Alternativen zum Bewegungsmangel und zur Freizeitgestaltung
    Dabei werden nahezu alle Behandlungsbausteine in Zusammenarbeit mit dem Patienten erarbeitet, um ein möglichst individuelles und für den späteren Alltag nützliches Behandlungskonzept zu gestalten.
  • Von welchen Faktoren wird die individuelle Belastbarkeit einer Person beeinflusst?

    Lösung

    • genetische Merkmale (z. B. Ausmaß der Cortisolfreisetzung bei Aktivierung der HHNA)
    • morphologische Auffälligkeiten (z. B. hippocampale Volumenreduktion)
    • Persönlichkeitsdispositionen (z. B. geringe Selbstwirksamkeitserwartungen; geringere Ausprägung von Verträglichkeit gemäß der Big Five)
    • lebenslange Lernerfahrungen (z. B. Erleben eines Traumas)
  • Wie lassen sich Risikofaktoren und Vulnerabilität unterscheiden und worin besteht der Unterschied zwischen Schutzfaktoren und Resilienz?

    Lösung

    Risikofaktoren sind i.d.R. mit einem negativem Outcome assoziierte Faktoren. In der epidemiologischen Forschung (vgl. Kap. 3.2.3) ist damit jeder Faktor gemeint, der die Auftretenswahrscheinlichkeit eines Krankheitszustands signifikant anhebt oder senkt. Risikofaktoren lassen sich unterteilen in distale Umweltfaktoren, internale Faktoren und proximale Beziehungsfaktoren. Vulnerabilität kennzeichnet eine alleine nicht mit einem negativen Outcome assoziierte Bedingung (z. B. Disposition), die nur bei Zusammenwirken mit einem passenden Risikofaktor bei einem Individuum negativ wirken kann.
    Protektive Faktoren sind mit positivem Outcome bzw. dem Ausbleiben eines negativen Outcomes assoziiert. Auch sie können untereilt werden in distale Umweltfaktoren, internale Faktoren und proximale Beziehungsfaktoren. Resilienz bezeichnet die Fähigkeit einer Person, internale und externale Ressourcen so zu nutzen, dass Entwicklungsaufgaben bewältigt werden können.
  • Nennen Sie jeweils ein Beispiel für Äquifinalität und Multifinalität!

    Lösung

    Äquifinalität: eine stark abgemagerte Patientin

    Dieses Symptom kann sehr verschiedenartig bedingt sein — hier einige denkbare Möglichkeiten:
    1. Es handelt sich um eine essgestörte Patientin im Sinne einer Anorexia Nervosa oder
    2. Es handelt sich um eine depressive Patientin mit starken Appetitstörungen oder
    3. Es handelt sich um eine Angstpatientin, die aus panischer Angst vorm Ersticken kaum noch Nahrung zu sich nimmt oder
    4. Es handelt sich um eine psychotische Patientin, der eine Stimme verbietet, Nahrung zu sich zu nehmen oder
    5. Es handelt sich um eine körperliche Erkrankung
    Multifinalität: ein Mann verliert seine Frau bei einem Autounfall

    Dieses Ereignis kann zu unterschiedlichen Reaktionen (bzw. Symptomen) führen — hier einige denkbare Möglichkeiten:
    1. Der Mann verfällt in Trauer, kann aber irgendwann damit abschließen und wieder seinen alltäglichen Anforderungen nachkommen oder
    2. Die »normale« Trauer geht über in eine pathologische Trauer bis hin zu tiefen Depressionen oder
    3. Der Mann beginnt zu trinken und entwickelt eine ausgeprägte Suchtproblematik
    4. Der Mann verdrängt den quälenden Gedanken an den Tod seiner Frau und stürzt sich sofort in eine neue Beziehung
  • Wann werden kritische Lebensereignisse zu Entwicklungsaufgaben? Nennen Sie konkrete Beispiele!

    Lösung

    Wenn sie gesellschaftlich und entwicklungsbezogen normativ sind, d. h. zum Übergang in eine nächste Entwicklungsstufe erforderlich sind und man sich vor dem Eintreten des Ereignisses damit auseinandersetzen und darauf vorbereiten kann oder muss (z. B. Schuleintritt, Prüfungen, Heirat).
  • Wie lassen sich die Stufen des Selbst therapeutisch nutzen?

    Lösung

    Neben dem Selbst als zentrale regulierende Funktionseinheit wird es auch als Selbstkonzept (= Entwürfe des Individuums über sich selbst) aufgefasst. Klinisch relevant im Hinblick auf die Selbstentwicklung sind v.a. zwei theoretische Aspekte, nämlich die Analyse unvollständiger oder konfligierender Anteile des Selbst und Kontrollüberzeugungen.
  • Nennen Sie einige Vorteile der Konzeptualisierung des Menschen als emergentem System für die Klinische Psychologie!

    Lösung

    Menschliche Entwicklung und Fehlentwicklung kann so zutreffender erklärt werden als durch die Betrachtung von unabhängigen und vermittelnden Variablen, da diese einseitige Kausalität unterstellen. Die Konzeptualisierung des Menschen als emergentes System kann dagegen eine angenommene Zirkularität von Systemen berücksichtigen.
    Dieses Konzept wird der Komplexität des Menschen gerechter als vereinfachende Betrachtungen von Einzelprozessen.
  • Was versteht man unter dem prospektiven Gedächtnis?

    Lösung

    Das prospektive Gedächtnis meint die Fähigkeit, Handlungsabsichten (Intentionen) zu bilden und diese nach einer zeitlichen Verzögerung selbstständig zu einem bestimmten Zeitpunkt (zeitbasiertes prospektives Gedächtnis) oder zu einem bestimmten Ereignis (ereignisbasiertes prospektives Gedächtnis) zu realisieren (z. B. daran zu denken, abends einen Freund anzurufen oder auf dem Heimweg in der Reinigung etwas abholen). Es hat eine zentrale Bedeutung für die Organisation des täglichen Lebens, das Erfüllen beruflicher und sozialer Verpflichtungen und somit für die Entwicklung sowie den Erhalt von Selbständigkeit über die Lebensspanne.
  • Warum sind psychische Erkrankungen in unteren Sozialschichten besonders stark verbreitet?

    Lösung

    Epidemiologische Studien zeigen, dass Menschen aus einer niedrigeren Sozialschicht (gemessen über einen niedrigen Bildungsabschluss, geringes Einkommen und/oder ein niedriges Berufsprestige) ein erhöhtes Risiko für psychische Störungen aufweisen. Möglicherweise stellt eine niedrige soziale Schicht einen chronischen Stressor dar, der wiederum das Risiko für akute Stressoren (plötzlicher Arbeitsplatzverlust, finanzielle Probleme) erhöht und psychosoziale Ressourcen begrenzt oder gar untergräbt.
    Unklar bleibt jedoch bei den meisten querschnittlich angelegten Studien, ob eine niedrige Sozialschicht zum erhöhten Risiko für psychische Störungen führt (soziale Verursachung) oder ob umgekehrt psychische Erkrankungen zu weniger Erfolg in Bildung und Beruf beitragen (soziale Selektion). Lorant et al. (2003) zeigten allerdings i. R. einer Metaanalyse zur Entwicklung von Depressionen, dass die niedrige Sozialschicht sowohl eine erhöhte Wahrscheinlichkeit des späteren Auftretens einer Depression vorhersagte als auch eine größere Persistenz einer bereits vorhandenen Depression.
    Weiter ist denkbar, dass auch andere Faktoren wie etwa eine geringere Kontrolle über die Umwelt und ein schlechterer Zugang zu präventiven und therapeutischen Angeboten das Risiko für psychische Erkrankungen in unteren sozialen Schichten erhöhen.
  • Schlanke attraktive Models sind aus der Werbung nicht mehr wegzudenken. Erhöht die Betrachtung solcher Werbefotos die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und damit das Risiko für Essstörungen?

    Lösung

    Zwar fanden Hawkins et al. (2004) kurz nach dem Betrachten solcher Fotos tatsächlich eine größere Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Ein Zusammenhang mit der Entstehung von Essstörungen ist aber bisher nicht eindeutig nachgewiesen worden.
  • Gestörtes Kommunikationsverhalten der Eltern und anderer Bezugspersonen wird seit etwa 50 Jahren als Risikofaktor für die Entstehung von psychischen Störungen diskutiert. Welche Kommunikationsformen sind Risikofaktoren für die Entstehung von Schizophrenie und für Rückfälle?

    Lösung

    • die Verwendung bruchstückhafter Äußerungen und widersprüchlicher, mehrdeutiger und nicht in den Gesprächskontext passender Botschaften durch die Eltern
    • in familiären Interaktionen auftretende feindselige Äußerungen, harsche Kritik, das Induzieren von Schuldgefühlen und Gedankenlesen
    • Solche Faktoren erhöhen nach den Befunden von Wahlberg et al. (1997) aber vor allem vor allem dann das Risiko für Schizophrenie, wenn bereits eine biologische Vulnerabilität besteht.
  • Können Menschen dadurch psychisch krank werden, dass sie von anderen als »durchgeknallt«, »unnormal« oder »psychisch krank« angesehen werden?

    Lösung

    • Zwar wurde dies im Rahmen der Etikettierungstheorie angenommen, aber es fehlen dafür schlüssige empirische Belege.
    • Jedoch ist empirisch belegt, dass aufgrund einer psychischen Störung benachteiligt zu werden (etwa deshalb eine Arbeitstelle nicht zu bekommen oder zu verlieren) einen ungünstigen Verlauf bereits bestehender psychischer Störungen vorhersagt (z. B. Markowitz, 1998).
  • Wie sollten sich anhand des Elaboration-Likelihood- Modells der Einstellungsforschung Therapeuten bei stark motivierten und wenig motivierten Klienten verhalten, um deren Einstellungsänderung zu fördern?

    Lösung

    • Bei stark motivierten Klienten sind gute, überzeugende Argumente wichtig, also z. B. ein logisch nachvollziehbares Modell der Entstehung der Störung und ein entsprechendes Rational für das therapeutische Vorgehen zu vermitteln, das zu den Erfahrungen des Klienten passt.
    • Bei wenig motivierten Patienten sind dagegen äußere Faktoren wichtig, die die Glaubwürdigkeit des Therapeuten erhöhen. Hier hilft z. B. großes Schild mit Ihrem Doktortitel an der Tür des Behandlungsraums, deutlich sichtbar das von Ihnen geschriebene Fachbuch auf dem Tisch zu platzieren, oder der Hinweis, dass alle großen Therapeuten genauso vorgegangen sind.
  • Welche methodischen Anforderungen sind zu erfüllen, um potentielle Stressoren in der Arbeitswelt pathogenetische Bedeutung für die Entstehung klinisch relevanter Störungen beimessen zu können?

    Lösung

    • Eindeutige Beschreibung der Risiken (orientieren an Terminologie der ISO EN DIN 10 075) mit möglichst objektiven Verfahren
    • Längsschnitt-Studien planen
    • Kontrollgruppen- Design einbeziehen
    • Nicht nur mit Fragebogenverfahren arbeiten, sondern auch objektive Belastungsanalysen durchführen
    • Zusammenhang zwischen Belastungsfaktoren und (prä)-klinisch relevanten biopsychologischen Parametern und Symptomen nachweisen
  • Worin unterscheiden sich das Job-Demand-Control-Modell (JDC) von Karasek und das Effort-Reward-Imbalance-Modell (ERI) von Siegrist voneinander?

    Lösung

    JDC
    • zweidimensionales Modell der Arbeitsbelastung (Anforderungen und Tätigkeitsspielräume), deren kritische Wechselwirkung Risikoindikator ist
    • keine Einbeziehung von Bewältigungsmechanismen (wie im ERI-Modell)
    ERI
    • aufbauend auf Equity- Theorien der Sozialpsychologie
    • Bestimmt Risiko, das aus Imbalance zwischen hohen extrinsischen Aufwand und geringer Belohnung (Gratifikationskrise) entsteht
    • Zusätzlicher Risikofaktor ist der intrinsische Aufwand (overcommitment, Weiterentwicklung des alten Typ A-Konzeptes)
  • Benennen Sie gegenwärtige Grenzen der Aussagekraft des Job-Demand-Control-Modells!

    Lösung

    • Belastungsvielfalt nur auf zwei Faktoren begrenzt
    • Soziale Unterstützung als dritte Dimension häufig nicht einbezogen
    • Wechselwirkungsvarianz als Risikoindikator häufig empirisch nicht nachgewiesen
    • Personenmerkmale wie Selbstwirksamkeit oder overcommitment nicht in Modell einbezogen
    • Statistische Grundlagen (Orthogonalität der Dimensionen, Linearität der Dimensionen) häufig nicht geprüft bzw. nicht gegeben
  • Wodurch lassen sich Emotionen in der Arbeit kennzeichnen?

    Lösung

    BSP: Belastung bei Callcenteragenten, Krankenstand, psychische Gesundheit.
    Derartige negative Auswirkungen von Emotionen in der Arbeit, insbesondere emotionale Erschöpfung (ausgelaugt sein) in Kombination mit Depersonalisation (Gefühllosigkeit, Abstumpfung) und reduzierter Leistungsfähigkeit im Sinne des Burnoutsyndroms treten insbesondere dann auf, wenn bei der Arbeit emotionale Dissonanz häufig ist., also der eigene (vorgetäuschte) Gefühlsausdruck mit den vorherrschenden Normen übereinstimmt, die Person aber innerlich eher entgegengesetzte Gefühle erlebt (z. B. Freundlichkeit gegenüber einem Kunden, der einen abstößt oder ekelt).
    Wenngleich frühere Arbeiten vorrangig auf Stress und Belastungen im Arbeitsalltag fokussierten, haben neuere Studien Hinweise für eine ganze Reihe von Emotionen in der Arbeit geliefert:
    • Wegge, van Dick, Fischer, West und Dawson (2006): Befragung von mehr als 2000 Call Center Agenten aus 85 verschiedenen Call Centern in Großbritannien; zeigten u.a. dass die erlebte Autonomie bei der Arbeit zu mehr positiven Emotionserlebnisse führt und die gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Beschäftigten gleichzeitig mit Arbeitszufriedenheitsurteilen (r = -.26), positiven Emotionen (r = -.12) und negativen Emotionen (r = .34) bei der Arbeit signifikant zusammen hängen.
    • Zufriedenheitsurteile und Emotionen klären demnach unterschiedliche Varianzanteile von Gesundheitsbeschwerden auf.
    • Davidson, Mostofsky & Whang (2010) zeigten die Schutzfunktion positiver Affekte für die Gesundheit in einer prospektiven Studie mit 1739 Personen über 10 Jahre hinweg: Herzinfarkte wurden deutlich seltener berichtet, wenn Personen in einem standardisierten Interview intensiv positiven Affekt ausdrückten (bei Kontrolle der klassischen metabolischen Variablen).
  • Welche Wirkungsmechanismen von Führung auf Gesundheit lassen sich unterscheiden?

    Lösung

    Gesundheit von Mitarbeitern zu fördern, heißt z. B. eine aktive Gestaltung gesundheitsförderlicher Arbeitsumgebungsbedingungen. Man unterscheidet dabei zwischen Effekten auf dyadischer und kollektiver Ebene.
    Auf dyadischer Ebene (ein Vorgesetzter und ein Mitarbeiter) sind Effekte in drei Formen nachweisbar:
    1. Direkte Wirkung: das gezeigte bzw. das erlebte Führungsverhalten wirkt direkt auf die Gesundheit des Mitarbeiters d. h. motivierendes und unterstützendes Verhalten fördern die Gesundheit des Mitarbeiters bzw. Ausbleiben von Unterstützung, Motivation und gegenseitigem Austausch bewirkt ein reduziertes gesundheitliches Befinden.
    2. Indirekte Wirkung: das Führungsverhalten entfaltet seine gesundheitsförderliche Wirkung erst durch die Wirksamkeit von Drittvariablen wie organisationale oder personale Ressourcen (z. B. Erhöhung des Selbstvertrauens mit Blick auf das eigene Gesundheitshandeln), die durch Führungskräfte aktiv beeinflusst bzw. mitgestaltet werden.
    3. Moderator-/Pufferwirkung: das Führungsverhalten wirkt in Form eines Puffers (Moderatorwirkung) gegen auftretende Fehlbelastungen bzw. als Verstärker von bereits bestehenden Ressourcen.
    Die kollektive Wirkung des Führungsverhaltens ergibt sich aus der Einschätzung arbeitsplatzbezogener psychosozialer Belastungen des gesamten Teams durch die Führungskraft, etwa vermittelt über die geteilte Wahrnehmung einer Situation als herausfordernd, bedrohlich oder lohnend (Peiró, 2008).
  • Wer legt wie fest, welche Art von Psychotherapie in welchem Umfang von den Gesetzlichen Krankenkassen grundsätzlich finanziert wird?

    Lösung

    • Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), ein Gremium von Leistungserbringern, legt nach den allgemeinen Kriterien des Sozialgesetzbuchs fest, welche Leistungen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sind und damit der Solidargemeinschaft angelastet werden dürfen.
    • Art und Umfang dieser Leistungen sind im Sozialgesetzbuch V festgehalten
    • Eine Psychotherapie wird dann in diesen Katalog aufgenommen, wenn sie die berufsrechtliche und sozialrechtliche Anerkennung erhält, d. h. wenn diagnostischer, therapeutischer Nutzen, medizinische Notwendigkeit und Wirtschaftlichkeit erwiesen werden
    • Berufsrechtliche Anerkennung = durch den wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie
    • Sozialrechtliche Anerkennung = durch G-BA
  • Welche drei unterschiedlichen stationären Systeme behandeln in Deutschland Menschen mit psychischen Störungen?

    Lösung

    • psychiatrisch-psychotherapeutische Krankenhausversorgung
    • psychosomatisch-psychotherapeutische Krankenhausversorgung (Akutpsychosomatik)
    • Rehabilitation von Patienten mit psychischen und psychosomatischen Erkrankungen
  • Welches sind die vier häufigsten Diagnosegruppen in der stationären psychotherapeutischen Behandlung in Deutschland?

    Lösung

    1. Störungen im Zusammenhang mit Alkohol und psychotropen Substanzen
    2. Affektive Störungen
    3. Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen
    4. Schizophrenie, schizotype u. a. wahnhafte Störungen
  • Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten bestehen hinsichtlich der Verteilung der Diagnosegruppen in den stationären Versorgungssystemen in Deutschland?

    Lösung

    a) Unterschiede
    • in Krankenhäusern mit psychiatrischen Stationen überwiegen Suchterkrankungen und Erkrankungen des schizophrenen Formenkreises,
    • dagegen in Psychosomatischen Kliniken eher affektive und Angsterkrankungen
    • in Rehabilitationseinrichtungen wiederum Substanzstörungen und affektive Störungen am häufigsten
    b) Gemeinsamkeiten
    • allen gemein ist das Ziel einer ganzheitlichen Versorgung des Patienten und die damit verbundene psychotherapeutische Beratung / Behandlung; diese wiederum hat in psychosomatischen und rehabilitativen Einrichtungen einen höheren Stellenwert als in Allgemeinkrankenhäusern; häufig ist im letzteren das Leistungsangebot weniger umfangreich, sodass Patienten nach der Akutbehandlung kurativ überwiesen werden
  • Wie verteilen sich psychotherapeutische Richtlinienverfahren zwischen den ambulanten Berufsgruppen?

    Lösung

    • psychologische Psychotherapeuten rechnen vorrangig verhaltenstherapeutisch orientierte Behandlungsansätze ab
    • dagegen ärztliche Psychotherapeuten überwiegend (über 80%) psychoanalytische oder tiefenpsychologisch fundierte Verfahren
    • beide Berufsgruppen zusammengenommen zu 40% VT und zu 60% PA
    • Ärzte, die jedoch zu weniger als 90% psychotherapeutisch tätig sind, z. B. Allgemeinärzte mit Zulassung zum ärztlichen Psychotherapeut rechnen insgesamt kaum mehr als 10% ihrer Leistungen als psychotherapeutische Leistungen ab
  • Welche Unterschiede in der Psychotherapeutendichte lassen sich in Deutschland in der ambulanten Versorgung nachweisen?

    Lösung

    • Psychotherapeutendichte bemisst sich aus der Anzahl von Psychotherapeuten pro 100.000 Einwohner ab 18 Jahren
    • Dabei ist ein deutliches Ost-West-Gefälle zu ungunsten neuer Bundesländer zu sehen (9.1 – 15.8 vs. 18.9 – 37.0)
    • Zudem ist die Dichte in Stadtstaaten deutlich höher (insbesondere in solchen mit psychotherapeutischen Ausbildungseinrichtungen)
    • Tendenziell ist auch ein Nord-Süd-Gefälle zu erkennen, mit der höchsten Dichte in Hessen, Baden-Württemberg und Bayern
  • Was ist unter psychosomatischer Grundversorgung zu verstehen?

    Lösung

    • Darunter versteht man die im weitesten Sinne psychotherapeutische Basis-Versorgung (Diagnostik, Früherkennung und Kurzinterventionen) durch Ärzte, die eine berufsbegleitende Weiterbildung gemacht haben, die seit 2003 auch verpflichtend für Frauenheilkunde, Geburtshilfe, Allgemeinärzte und Internisten ist
    • Sie umfasst 80 Stunden und soll damit das Basiswissen zur Diagnostik und Therapie psychischer Störungen vermitteln, um wiederum die Früherkennung psychischer Erkrankungen, z. B. beim Hausarzt zu verbessern
    • Ärzte können dies über die Krankenkassen abrechnen
  • Was könnten Indikatoren einer Unterversorgung für psychotherapeutische Leistungen sein?

    Lösung

    • Wartezeit
    • Ablehnungsraten
    • Chronifizierungsraten
    • Informations- bzw. Wissensstand zu Art, Inhalt, Erreichbarkeit, Erfolg und Kostenübernahme psychischer Erkrankungen in der Bevölkerung = Barrieren für Inanspruchnahme
    • Nicht-Identifikation oder verspätete Identifikation von Patienten
    • Umfang / Flächendeckung des (ambulanten) psychischen Versorgungssystems (z. B. Psychotherapeutendichte)
  • Was ist der psychopathologische Befund? Welche Aufgaben hat er und welches sind seine wichtigsten Beurteilungsaspekte (Symptombereiche)?

    Lösung

    • Der psychopathologische Befund ist das Kernstück der differenzierten klassifikatorischen Störungsdiagnostik.
    • Begriff stammt aus der Psychiatrie und bezieht sich auf die Lehre und die Gliederung der Beurteilung psychopathologischer Grundphänomene nach folgenden Beurteilungsaspekten: Bewusstseinsstörungen, Orientierungsstörungen, Störungen der Aufmerksamkeit und Konzentration, Auffassungsstörungen, Gedächtnisstörungen. Störungen der Intelligenz; formale Denkstörungen, Wahn, Wahrnehmungsstörungen (Halluzinationen und sonstige Wahrnehmungsstörungen), Ich-Störungen, Störungen der Affektivität, Zwänge, Phobien, Ängste, und hypochondrische Befürchtungen, Störungen des Antriebs und der Psychomotorik
    • Bezieht sich in der Regel auf den Querschnittsbefund (Statusdiagnostik)
    Aufgaben der Psychopathologie: Symptome psychischer Störungen auf einheitliche Art erfassen, beschreiben und benennen; Syndrome, d. h. Muster typischer Symptomkonstellationen, beschreiben; Symptome und Syndrome Diagnosen zuordnen
  • Was ist der Unterschied zwischen freien, halbstrukturierten und standardisierten Interviews? Was sind die Vor- und Nachteile? Geben Sie jeweils ein Beispielverfahren an!

    Lösung

    • Freie Interviews:
    Bsp.: offenes Gespräch: Anzahl, Reihenfolge und Wortlaut der Fragen unterliegen ganz der freien Gestaltung des Fragenden. Daraus ergibt sich die größte Bandbreite aller Interviewformen, die jedoch mit der geringsten Reliabilität und der höchsten Auftretenswahrscheinlichkeit von systematischen Fehlern einhergeht.
    o Probleme und Fehlerquellen: Informationsvarianz (es werden jeweils unterschiedliche Fragetechniken verwendet, die in unterschiedlichen Informationen resultieren); Interpretations- und Beobachtungsvarianz (Interpretation sonst gleicher Informationen kann mangels klarer manualisierter Vorgaben von Experte zu Experte unterschiedlich ausfallen
    • Halbstrukturierte Interviews:
    Bsp.: AMDP-System, Hamilton Depressions- oder Angstskala
    o Vorgegebene Fragen werden durch zusätzlich gestellte Fragen ergänzt. Analog zu den Veränderungen durch Standardisierung ist hierbei geringere Reliabilität, aber dafür auch höhere Bandbreite an Informationen zu erwarten.
    o Vereinheitlichung der psychopathologischen Befunderhebung mit dem Ziel, klinische Syndrome zu bestimmen und den Schweregrad zu beurteilen. (Problem: wegen der Fokussierung auf den Querschnittsbefund lässt sich nicht direkt eine Diagnose ableiten
    • Standardisierte Interviews:
    Bsp.: DIS, CIDI, DIA-X
    o Höchste Stufe der Formalisierung des diagnostischen Prozesses zur Ableitung von klinischen Diagnosen psych. Störungen. Standardisierung nicht psychometrisch, sondern auf diagnostischen Prozess bezogen (von der Erhebung der Information bis hin zur Auswertung in Form von Diagnosevorschlägen. Ausschließlich die Antworten des Patienten dienen als Beurteilungsgrundlage (Fragen explizit vorgegeben)
    o Verfahren kann von trainierten Laien eingesetzt werden
    o (Problem: bei Patienten mit vielen Diagnosen nehmen die standardisierten Interviews sehr viel Zeit in Anspruch)
  • Was sind die Hauptpunkte der biographischen Anamnese und was versteht man unter inneren und äußeren Lebensgeschichte?

    Lösung

    • Hauptpunkte: Familienanamnese (psychosoziale Situation der Eltern, Familiengröße und Familienmilieu, Erziehungsstil der Eltern, familiäre Belastungsfaktoren, psychische Auffälligkeiten/Erkrankungen bei Verwandten 1. und 2. Grades), Biographie des Patienten (Besonderheiten bei der Geburt, frühkindliche Entwicklung, frühneurologische Zeichen, Beziehung zu Eltern/Geschwistern, schulische/ berufliche Entwicklung, sexuelle Entwicklung, Ehe und Familie, Lebensgewohnheiten, Werthaltungen, Persönlichkeitszüge, aktuelle Lebenssituation)
    • Äußere Lebensgeschichte: Lebenslauf des Patienten, Auflistung der harten Daten von der Geburt bis zur Gegenwart, Möglichkeit zur Verwendung biographischer Inventare oder Fragbögen
    • Innere Lebensgeschichte: Darstellung der historischen Entwicklung sowie der Motivation. Fragen nach dem Warum bei einer Entscheidung oder Verhaltensweise sind von Bedeutung. Je nach therapeutischer Grundorientierung unterschiedlich komplex und differenziert (VT eher kursorisch). Abfrage: Erfragung der familiären Situation (Beziehungen zu Bezugspersonen, Weltanschauungen, kulturelle Normen), Entwicklung in Kindheit und Jugend (Auffälligkeiten, körperliche und kognitive Entwicklung), Berufsleben (Jobwahl, Identifikationsfiguren und Leitbilder), Partnerschaft, Ehe, Familie, soziale Beziehungen (Gründe für Partnerwahl, Partnerwechsel, Konflikte...), sexuelle Entwicklung, Freizeitgestaltung, Lebensgewohnheiten, weltanschauliche Bedingungen.
  • Was verstehen wir unter der Verhaltensanalyse, der funktionalen Bedingungsanalyse sowie der Plananalyse?

    Lösung

    • Ziel aller Analyseansätze: Entscheidungen im Hinblick auf eine therapeutische Gesamtstrategie treffen sowie Auswahl einzelner Interventionskomponenten vornehmen und Behandlungsablauf anpassen.
    • Funktionale Verhaltensanalyse: Auf Intervention ausgerichtetes (funktionales) und problemorientiertes Verfahren. Berücksichtigt zeitdynamische Struktur des Problemverhaltens. Spielt über die gesamte Intervention eine Rolle. Dient zunächst der Verhaltensbeschreibung (SORKC-Modell)
    • Initiale Analyse: Problembeschreibung und Analyse in ganz konkreten Situationen (auslösende Situation, motorische Ebene, kognitive Ebene, emotionale Ebene, körperliche Ebene, soziale Ebene)
    • Klinisches Beispiel: Essstörung ? Beschreibung einer Essattacke: Person befindet sich allein zu Hause und fühlt sich etwas niedergeschlagen. Der Kühlschrank ist voll (Situation). Die Person öffnet den Kühlschrank und beginnt sich die Lebensmittel aus dem Kühlschrank zu nehmen (Motorik), zu Anfang nur die kalorienarmen »erlaubten« Lebensmittel (Bewertung/Kognition). Es setzt kein Sättigungsgefühl ein (Körper) und die Person denkt dass sie nun sowieso schon »gesündigt« hat (Kognition). Danach greift die Person zu den kalorienreichen »unerlaubten« Lebensmitteln (Motorik). Person empfindet Kontrollverlust, Schuldgefühle, aber auch Befriedigung bzw. eine Spannungsreduktion (Emotion/Körper) und isst weiter (Motorik). Der Essanfall dauert ca. 2 Stunden.
    • Funktionale Bedingungsanalyse (auf die Verhaltensanalyse aufbauend und erweiternd) Abklärung aller Komponenten des SORKC Modells: (auslösende und mitbedingende Faktoren des Problemverhaltens; Exploration eigener Erwartungen sowie der Organismusvariablen; Beurteilung kurz- und langfristiger, internaler und externaler, positiver und negativer Konsequenzen des Problemverhaltens)
    • Motivationale und Entwicklungsanalyse: (Analyse von Erwartungen und Einstellungen in Bezug auf sich selbst, das Problemverhalten, die Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit; Analyse der Selbstkontrollfähigkeit)
    • Klinisches Beispiel: Essanfall - Langeweile, Frustration, Einsamkeit bei gleichzeitigem Zustand der Überarbeitung (langer Arbeitstag) (S). Generell Tendenz zur Selbstüberforderung und Selbstabwertung, insbesondere im Zusammenhang mit Figur und Gewicht; deshalb schon seit längerem restriktives Essverhalten bzw. Nahrungsentzug (Diät) (O). Hungergefühl und Nahrungsangebot führen zu übermäßiger Nahrungsaufnahme (R). Die Gedanken kreisen ums Essen. Die Person möchte sich etwas gönnen, erlebt jedoch keinerlei Sättigungsgefühl und isst weiter und erlebt schließlich den totalen Kontrollverlust. Dieses Verhalten hat unterschiedliche positive und negative Konsequenzen (C): kurzfristig (Wohlbefinden, Spannungsreduktion, Ablenkung und Beseitigung des Hungerzustandes (negative Verstärkung), aufkommende Übelkeit, Schuld und Versagensgefühle, Erschöpfung), langfristig (Selbstvorwürfe, Selbstabwertung, Stoffwechselveränderung und Veränderung der Hunger- und Sättigungsregulation)
    • Plananalyse: individuelle, innere, kognitive und vermittelnde Prozesse (Grundannahmen der Patienten) und Herausarbeitung ihrer Relevanz für die Handlungsregulation (Herausarbeiten von automatischen Gedanken und Verhaltensregeln - über diese situationsspezifischen Prinzipien Grundannahmen und Oberpläne identifizieren).
    • Klinisches Beispiel: Ziel/Oberplan: Attraktiv sein - Regel/Grundannahme: um attraktiv zu sein, musst du dünn sein - dementsprechendes Verhalten in Situationen (Mahlzeiten auslassen, unbeobachtet essen, Sich mit Essen beschäftigen...)
    • Ziel: Erfolgreich sein - Regel: um Erfolg zu haben, darfst Du keine Fehler machen...
  • Welche lernpsychologischen Erkenntnisse sind von grundlegender Bedeutung für die systematische Verhaltensanalyse und Verhaltensmodifikation?

    Lösung

    • »Law of effect«: Verhalten wird durch seine Konsequenzen gesteuert. Verhaltensweisen mit einer positiven Konsequenz treten in Zukunft mit einer höheren Wahrscheinlichkeit auf als Verhaltensweisen, die eine negative Konsequenz (unbefriedigenden Zustand) nach sich ziehen.
    • Dreifach-Kontingenz für Lernprozesse: systematischer Zusammenhang von Bedingung, Verhalten und Konsequenz; situative Bedingungen mit Signalwirkung können für den Lernenden diskriminierend im Hinblick auf verschiedene Verhaltensbedingungen und die resultierenden Verhaltenskonsequenzen sein. Diese Bedingungen werden zu diskriminativen Hinweisreizen.
    • Lerngeschwindigkeit und Auftretenswahrscheinlichkeit von Verhalten ist u.a. abhängig vom Anreiz (Qualität und Quantität) der Verhaltenskonsequenz und den Zielen des Lernenden.
    • Kontingenz-Kontiguität: Regelmäßige Beziehungen zwischen situativen Bedingungen und Verhalten, sowie zwischen Verhalten und Verhaltenskonsequenzen sind eine wichtige Voraussetzung für klassisch und operant konditionierte Lernprozesse.
    • Lernen findet auch durch das Beobachten von Modellen statt. Voraussetzungen für das Modelllernens sind: Prozesse der Aufmerksamkeit, Gedächtnisprozesse, Reproduktionsprozesse und motivationale Prozesse.
  • Aus welchen Komponenten besteht eine funktionale Verhaltensanalyse? Welche zentralen Fragen müssen bei diesen Komponenten geklärt sein? Aus welchen lernpsychologischen Erkenntnissen leiten sich diese Komponenten ab?

    Lösung

    • Die funktionale Verhaltensanalyse basiert auf dem SORKC- Modell
    • Das Modell umfasst folgende Komponenten: Stimuluskomponente (S), Organismuskomponente (O), Verhaltenskomponente (R), Konsequenz- (C) und Kontingenzkomponente (K)
    • Stimuluskomponente: Welche externen und internen Reizbedingungen gingen dem Verhalten voraus und stehen möglicherweise in systematischen Zusammenhang zu diesem Verhalten?
    Welche Konditionierungs- und Diskriminationsprozesse haben stattgefunden?
    • Verhaltenskomponente: Welche behavioralen, kognitiven, emotionalen und physiologischen Aspekte des Verhaltens traten in der Situation auf? Wie sieht das gewünschte Zielverhalten aus?
    • Organismuskomponente: Welche biologisch-physiologischen und psychosozialen Faktoren sind charakteristisch für eine bestimmte Person?
    • Konsequenzkomponente: Welche Ereignisse haben zum Aufbau, Abbau oder zur Stabilisierung des beobachteten Verhaltens beigetragen?
    • Kontingenzkomponente: Welche Verstärkerpläne spielten bei der Ausformung des Verhaltens eine Rolle (Verhältnis von Kontiguität und Kontingenz)?
    • Diese Komponenten leiten sich aus Erkenntnissen zum klassischen und operanten Konditionieren ab.
  • Erläutern Sie Skinners Klassifizierung von Verhaltenskonsequenzen. Nennen Sie je ein Beispiel aus dem therapeutischen Kontext für die verschiedenen Klassen von Verhaltenskonsequenzen.

    Lösung

    Skinner klassifiziert Verhaltenskonsequenzen danach, ob und in welcher Weise sie die Häufigkeit eines bestimmten Zielverhaltens beeinflussen und ob dies über subjektiv positive oder aversive Reize geschieht:
    • Positive Verstärkung: Ein Verhalten zieht eine befriedigende Konsequenz nach sich z. B. Lob, Annerkennung vom Therapeuten (Freunden); Freude/ Zufriedenheit nach durchgeführten angenehmen Aktivitäten
    • Negative Verstärkung: Unangenehme Konsequenzen lassen nach, z. B. weniger Angst, Nachlassen von Entzugsbeschwerden
    • Direkte Bestrafung: dem Verhalten folgt eine unangenehme Konsequenz, z. B. Tadel, Zurechtweisung, Strafaufgaben
    • Indirekte Bestrafung: eine angenehme Verhaltenskonsequenz wird weggelassen, z. B. Missachtung (Ignorieren)
  • Wie lassen sich lernpsychologisch begründete Maßnahmen der Verhaltensmodifikation ordnen?

    Lösung

    • Sie lassen sich entsprechend den Komponenten, an denen sie ansetzen, ordnen (Stimulus-, Verhaltens-, Konsequenz- und Kontingenzkomponente)
    • Sie lassen sich außerdem nach dem angestrebten Ziel ordnen: Verhaltensaufbau, Verhaltensabbau oder Verhaltensstabilisierung.
  • Welche Methoden des Verhaltensaufbaus, des Verhaltensabbaus und der Verhaltensstabilisierung begründen sich u.a. in lernpsychologischen Erkenntnissen?

    Lösung

    • Verhaltensaufbau: Stimulus einführen, Sensibilisierung für vorhandene Stimuli, Shaping (schrittweise Aufbauen von Zielverhalten), Chaining (letztes Glied einer komplexen Verhaltenskette wird zuerst verstärkt); Modelllernen, positive und negative Verstärkung, hohe Kontiguität und Kontingenz
    • Verhaltensabbau: Stimuli eliminieren (Stimuluskontrolle), Desensibilisierung, Gegenkonditionierung, Premack-Prinzip (unerwünschtes Verhalten ist Verstärker von erwünschten Verhalten, d. h. es darf erst ausgeführt werden, wenn erwünschtes Verhalten gezeigt wird); Sättigung, Bestrafung, Löschung
    • Verhaltensstabilisierung: Fading (Stimuli oder Verstärker ausblenden), Generalisierung von Reizen, Variabiliät der Übung, Selbstverstärkung, intermittierende Verstärkung
  • Nennen und erläutern Sie Voraussetzungen für ein therapeutisches Gespräch (auf Therapeutenseite)!

    Lösung

    Aktives Zuhören:
    • der Therapeut signalisiert dem Patienten, dass er seinen Erzählungen interessiert folgt;
    • das kann durch verbale Signale (»ja«, »gut«, »aha«) oder durch nonverbale Signale (Blickkontakt, Nicken) geschehen
    Empathie:
    • der Therapeut versucht die persönliche Bedeutung des Gesagten zu verstehen; dies beinhaltet gegebenenfalls auch, das vom Patient eigentlich Gemeinte zu erschließen;
    • wichtige Voraussetzung, um den Patienten zu verstehen: präzises Nachfragen
    Akzeptanz:
    • Verständnis für den Patienten entwickeln, dabei aber Bewertungen vermeiden;
    • problematisches Verhalten des Patienten sollte direkt angesprochen werden; trotzdem sollte der Patient als Person wertgeschätzt und ernst genommen werden
  • Nennen und erläutern Sie die sieben Grundprinzipien der Gesprächsführung!

    Lösung

    • Transparenz:
    o alle Behandlungsschritte werden offen gelegt, alle diagnostischen und therapeutischen Verhaltensweisen und Übungen werden begründet und erklärt, Ziel: aufgeklärter, aktiver Patient
    • Struktur:
    o einzelne Sitzungen und die gesamte Therapie sollten eine vorhersagbare, zielgerichtete Struktur haben;
    o Ziel: mögliche Verunsicherung des Patienten reduzieren, sowie positive Erwartungen und Therapiemotivation fördern
    • Konkretisieren, Präzisieren und Spezifizieren:
    o Patienten fühlen sich oft von Emotionen, Gedanken und Verhaltensweisen überwältigt,
    o Patienten werden daher aufgefordert für sie überwältigende Situationen, die Beschwerden, die Auslöser und die damit verbundenen Gedanken und Gefühle präzise zu beschreiben
    o Ziel: verallgemeinernde Bewertungen (»das wird mir alles zuviel«) vermeiden und stattdessen genauer differenzieren
    • Geleitetes Entdecken:
    o durch gezieltes Fragen oder Beispiele wird der Patient angeregt selbst neue, unangenehme oder für ihn widersprüchliche Informationen zu produzieren (? der Patient macht Entdeckungen)
    • Soziale Verstärkung und Lob:
    o durch Verstärkung und Lob können therapeutische Fortschritte gefördert werden, zusätzlich kann Selbstverstärkung leichter aufgebaut werden; wichtig: Verstärkung und Lob sollten von Anstrengung abhängig und glaubhaft sein
    • Zusammenfassen und Rückmelden:
    o Zusammenfassungen am Ende einer Sitzung stellen für Patienten eine Bilanz dar und erleichtern Übertragung des Gelernten in den Alltag;
    o gegenseitige Rückmeldungen über das Erleben der Therapie vermeiden Missverständnisse
    • Stringenz und Konsequenz:
    o nur wenn Gesprächsprinzipien stringent und konsequent angewendet werden, kann Patient therapiegerechtes Verhalten entwickeln (z. B. nur wenn Hausaufgaben konsequent gemeinsam besprochen werden, ist Patient motiviert diese zu machen)
  • Nennen Sie mindestens fünf typische Fehler bei der therapeutischen Gesprächsführung!

    Lösung

    Beispielantwort:
    • voreilige Ratschläge geben
    • Fachausdrücke verwenden
    • unverständliche Erklärungen abgeben
    • den Patienten nicht einbeziehen
    • Distanzverlust
  • Wie sind einzelne therapeutische Sitzungen zu strukturieren?

    Lösung

    1. Tagesordnung klären
    2. Therapeutische Aufgaben und Übungen auswerten
    3. Interventionsbausteine ableiten, begründen und durchführen
    4. neue Aufgaben absprechen
    5. Patient gibt Zusammenfassung und Rückmeldung
  • Was versteht man unter »Entpathologisieren«?

    Lösung

    • der Therapeut nimmt die subjektiven Annahmen des Patienten über seine Symptome ernst
    • dadurch werden die »pathologischen« Reaktionen des Patienten innerhalb des Systems seiner Einstellungen nachvollziehbar und erklärbar
  • Wie lautet die Definition von Psychotherapie und wie die Definition der Verhaltenstherapie?

    Lösung

    Vorbemerkung: Psychotherapie ist ein schillernder Begriff, der bei einer liberalen Betrachtung mit einer kaum überschaubaren Vielfalt von Verfahrens-, Technik und Schulenbezeichnungen verknüpft werden kann. Die Übergänge zwischen klinisch-psychologischen Interventionen und »Psychotherapie« sind fließend und werden in der Praxis stark durch organisatorisch-administrative sowie rechtliche Bestimmungen, wie z. B. die Ausführungsbestimmungen des »Psychotherapeutengesetzes«, beeinflusst. Daher ist der folgende methodenübergreifende Definitionsversuch als Arbeitsdefinition zu verstehen.
    Psychotherapie
    • Psychotherapie ist ein bewusster und geplanter, zielorientierter interaktionaler Prozess zur Beeinflussung von Verhaltensstörungen und Leidenszuständen, die in einem Konsensus (möglichst zwischen Patient, Therapeut und Bezugsgruppe) für behandlungsbedürftig gehalten werden,
    • mit psychologischen Mitteln (durch Kommunikation) meist verbal, aber auch averbal,
    • mittels lehr- und lernbarer Techniken auf der Basis einer Theorie des normalen und pathologischen Verhaltens.
    • In der Regel ist dazu eine tragfähige emotionale Bindung notwendig.
    Verhaltenstherapie
    • Die Verhaltenstherapie ist eine auf der empirischen Psychologie basierende psychotherapeutische Grundorientierung.
    • Sie umfasst störungsspezifische und -unspezifische Therapieverfahren, die aufgrund von möglichst hinreichend überprüftem Störungswissen und psychologischem Änderungswissen eine systematische Besserung der zu behandelnden Problematik anstreben.
    • Die Maßnahmen verfolgen konkrete und operationalisierte Ziele auf den verschiedenen Ebenen des Verhaltens und Erlebens,
    • leiten sich aus einer Störungsdiagnostik und individuellen Problemanalyse ab und setzten an prädisponierenden, auslösenden und/oder aufrechterhaltenden Faktoren an.
    • Die in ständiger Entwicklung befindliche Verhaltenstherapie hat den Anspruch, ihre Effektivität empirisch abzusichern.
  • Welches sind die derzeitigen Richtlinienverfahren?

    Lösung

    • psychoanalytische bzw. tiefenpsychologisch fundierte Verfahren
    • Verhaltenstherapie
    Als weitere Orientierung wurden die Gesprächspsychotherapie und die systemische Familientherapie vom Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie als wissenschaftlich anerkannt bewertet. Sie sind allerdings (noch) nicht sozialrechtlich anerkannt (Stand: 2010).
  • Was sind die wichtigsten allgemeinen Wirkfaktoren einer Psychotherapie?

    Lösung

    Die vier Wirkfaktoren sensu Grawe (1995):
    • Ressourcenaktivierung (den Patienten sich in seinen positiven Seiten erleben lassen; z. B. Mobilisierung von Stärken, Fähigkeiten und persönlichen Beziehungen, Schaffen von Erfolgserlebnissen in Verhaltensexperimenten)
    • Problemaktualisierung (»Reden ist Silber, real erfahren ist Gold«: Veränderungen können nur dann wirksam werden, wenn nicht nur distanziert über ein Problem geredet wird, sondern wenn auch in realen Problemsituationen entsprechend (neu) gehandelt wird)
    • Aktive Hilfe zur Problembewältigung (z. B. konkrete Hilfe beim Aufbau sozialer Kompetenzen, Vermittlung etablierter störungsspezifischer Techniken)
    • Klärungsperspektive (Klärung von Motiven und Zielen: Warum verhält sich der Patient so und nicht anders?)
    Als weitere Wirkfaktoren werden häufig genannt (wobei diese Akzentuierungen im Grunde in den o.g. Wirkfaktoren enthalten sind):
    • die therapeutische Beziehung
    • Aufbau einer positiven Erfolgserwartung
    • die Konfrontation mit dem Problem
    • Erlangung der kognitive Kontrolle über das Problem
    • Veränderung der Erfolgs- und Misserfolgsattribution
  • Was versteht die Tiefenpsychologie unter Abwehrmechanismen?

    Lösung

    • Das ganze Leben hindurch stehen unsere Bedürfnisse und Wünsche oft in Widerspruch zueinander sowie zu gesellschaftlichen und elterlichen Geboten und Verboten. Weil diese Konflikte schmerzhaft oder furchterregend sind, werden sie durch verschiedene Abwehrmechanismen aus dem Bewusstsein ferngehalten und manchmal in Symptome umgewandelt
    • »Unreife Abwehrmechanismen« sind: Projektion, Verleugnung, Verschiebung, Vermeidung
    • »Reife Abwehrmechanismen« sind: Altruismus, Humor, Sublimierung, Unterdrückung, Identifizierung
  • Benennen und beschreiben Sie einige psychoanalytische Techniken!

    Lösung

    • Therapeutische Neutralität (Analytiker ergreift nicht Partei und mischt sich nicht in die Entscheidungen und Zielsetzungen des Analysanden ein und gibt nichts über seine Ansichten, Gefühle oder sein Privatleben preis)
    • Freie Assoziation (Grundregel der analytischen Situation besagt, dass der Analysand versuchen soll, ohne Zensur und Kontrolle alles auszusprechen, was ihm während der Behandlung durch den Sinn geht; durch das freie Assoziieren liefert der Analysand Anhaltspunkte für die verborgenen Bedeutungen und die unbewussten Kräfte, die sein Seelenleben bestimmen)
    • Deutung (therapeutisches »Hauptwerkzeug» der Psychoanalyse; z. B. Interpretation von Träumen und ihrer Funktion als Bindeglied zwischen früherem und gegenwärtigem Erleben, Deutung von »Widerstand»)
    • Übertragungsreaktion (Nutzung der Tendenz, unbewusste kindliche Beziehungsmuster zu wiederholen; durch die Untersuchung der Übertragung, d. h. wie der Analysand zum Analytiker in Beziehung tritt und was dieser nach seiner Meinung denkt und fühlt, werden die Wurzeln gestörter seelischer Mechanismen enthüllt)
    • Durcharbeitung (indem sich der Analysand immer wieder mit den verdrängten Hoffnungen, Schmerzen und unrealistischen Wünschen seiner Kindheit konfrontiert, gelingt es ihm allmählich, diese zu akzeptieren, statt sie abzuwehren)
  • Grenzen Sie »Integration« von »Eklektizismus« ab!

    Lösung

    Eklektizismus bezeichnet die freie Kombination ohne einen gemeinsamen theoretischen Bezug derjenigen Interventionen, die ein Therapeut aufgrund seiner individuellen Erfahrung für erfolgreich oder sinnvoll hält – oder von denen er meint, dass er sie am besten beherrscht. Eine solche Strategie, therapeutische Interventionen ohne theoretischen Bezugsrahmen miteinander zu kombinieren.
    Integration meint dagegen bezugnehmend auf ähnliche theoretische Annahmen zu möglichen gemeinsamen Wirkfaktoren z. B. für Therapieerfolg und Rückfall, die Bemühungen einiger Autoren, eine prüfbare Theorie psychischer Störungen und ihrer systematischen Veränderung zu entwickeln, aus der sich der Einsatz bestimmter therapeutischer Methoden theoretisch ableiten lässt (Methodenintegration). Die wichtigsten Beispiele für solche Versuche einer Metatheorie sind die Konzeptionen der »Psychologischen Psychotherapie« (Grawe, 1998) bzw. der »Neuropsychotherapie« (Grawe, 2004).
  • Nennen Sie Vor- und Nachteile von Settingunterschieden: a) Einzel- vs. Gruppentherapie, b) ambulant vs. stationär!

    Lösung

    a) Vor- und Nachteile einer Einzel vs. Gruppentherapie
    Ob klinisch-psychologische Interventionen im Einzel- oder im Gruppenformat durchgeführt werden, ist selten eine Entscheidung aufgrund wissenschaftlicher Kriterien, sondern entspringt oft praktischen Erwägungen (z. B. der Verfügbarkeit von Therapieplätzen). Meist wird eine Indikation zum einen oder anderen Format gar nicht explizit getroffen, und der Patient wird automatisch in dem vom Therapeuten bevorzugten (d. h. in der Regel im Einzel-) Setting behandelt.
    Einzelsetting:
    o Es entspricht oft der Erwartung der Patienten, sich einem Therapeuten und nicht mehreren Personen gegenüber zu öffnen.
    o Das einzeltherapeutische Setting ist von Therapeutenseite aus leichter herstellbar und kontrollierbar.
    o Es besteht mehr Raum, eine individuelle Gesamtstrategie zu verfolgen. Dies ist insbesondere wichtig bei multiplen Problemen, Komorbidität und seltenen Störungen.
    o Die individuelle Beziehungsgestaltung ist leichter zu realisieren.
    o Interventionen sind tlw. besser individualisierbar, z. B. die Konfrontation mit idiosynkratischen (d. h. besonderen oder spezifischen) Ängsten.
    o In Krisensituationen ist ein individuelles Eingehen leichter möglich, da der Therapeut sich nicht auch noch auf andere Gruppenteilnehmer konzentrieren muss.
    Gruppensetting:
    o Interpersonelle Probleme können in einer Gruppe unmittelbar aktiviert und somit besser bearbeitet werden. Dies gilt in besonderem Maße für den Spezialfall der Paar- oder Familientherapie, bei denen konkrete zwischenmenschliche (bzw. systemische) Probleme oft der hauptsächliche Behandlungsanlass sind.
    o Bestimmte Techniken (z. B. Rollenspiele, psychoedukative Elemente) können leichter umgesetzt werden.
    o Gruppenteilnehmer können wechselseitig Ressourcen aktivieren (z. B. Motivation, Verstärkung; dies gilt besonders, wenn wie in Paar- oder Familientherapie reale Bezugspersonen beteiligt sind), sich aber andererseits auch behindern.
    o Modellwirkung durch andere Teilnehmer (zugleich: Gefahr dysfunktionaler Vorbilder).
    o Versorgungseffizienz bzw. Kosteneffektivität
    o Gruppenleiter gibt Struktur und Orientierung vor
    o Auf individuelle Aspekte (z. B. dysfunktionale Kognitionen) kann tlw. nur begrenzt eingegangen werden
    o Organisatorische Probleme: Räumliche, ggf. auch personale Bedingungen (Kotherapeut) müssen gegeben sein, Abrechnung mit der Krankenkasse setzt entsprechende Zulassung voraus, Zusammenstellung der Gruppen be-nötigt je nach Patientenaufkommen besonderen Aufwand.
    b) Vor- und Nachteile einer ambulante vs. stationäre Therapie
    • Frequenz: Ambulante Behandlungen umfassen 1-2 Sitzungen pro Woche; im stationären Setting finden Therapeut-Patienten-Kontakte häufiger statt (Visiten, Kurzkontakte), wobei aber auch selten mehr als 1-2 Sitzungen pro Woche erfolgen.
    • Dauer: Ambulant ist die Behandlung auf 50 Min pro Sitzung beschränkt (Kostenerstattung durch Krankenkassen); Bei bestimmten Störungsbildern bzw. Behandlungsfoki (Exposition) können mehrere Sitzungen nacheinander (max 5) durchgeführt werden. Damit ist jedoch im Vergleich zum stationären Setting die Gesamtdauer der Behandlung kürzer. Im stationären Alltag sind die Patienten häufiger weniger belastbar für derart lange Sitzungen, zudem schränken organisatorische Aspekte (Teilnahme der Therapeuten an Teamsitzungen, Teilnahme der Patienten an anderen Therapieveranstaltungen) die Dauer einer therapeutischen Gesprächs ein. Darüber hinaus schwankt zwischen verschiedenen Institutionen die Dauer der Kontakte mit verschiedenen Behandlern (z. B. 10 Min Visite, 60 Min Psychoedukation, 20-45 Min Ergotherapie)
    • Methoden: Ein ambulanter Behandler orientiert sich vorwiegend auf ein therapeutisches Verfahren (z. B. Verhaltenstherapie). Stationäre Behandlungen basieren meist auf eine Vielzahl von Therapiekomponenten im Rahmen eines komplexen (multimodalen) Therapieprogramms, das von einem therapeutischen Team durchgeführt wird: z. B. tiefenpsychologisch orientierte Therapie in Einzelsitzungen, störungsspezifische (meist verhaltenstherapeutisch orientierte) Gruppentherapie, psychoedukative Gruppen, Ergotherapie, Musiktherapie, Entspannungsgruppen und Sport.
    • Kritik am stationären Setting:
    o Sachlich-inhaltliche und methodische Erwägungen werden oft von ökonomischen und administrativen sowie gesundheitspolitischen Argumenten überlagert.
    o Der Prozess der Indikationsstellung im praktischen Versorgungsalltag erfolgt z. T. durch nicht ausreichend qualifizierte Stellen (z. B. durch die Kostenträger statt durch die Behandler).
    o Patienten selbst werden wenig oder gar nicht in die Indikationsentscheidungen einbezogen.
    o Behandlungsziele, Behandlungsmethoden und Behandlungsablauf sind meist nicht hinreichend transparent.
  • Welches sind die wichtigsten Aufgaben und Ziele von Psychoedukation in der Psychotherapie?

    Lösung

    • Im Rahmen einer Psychotherapie bezeichnet Psychoedukation denjenigen Bestandteil der Behandlung, bei dem die aktive Informationsvermittlung, der Austausch von Informationen unter den Betroffenen (im Gruppen-Setting) und die Behandlung allgemeiner Krankheitsaspekte im Vordergrund stehen.
    • Bei Patienten mit falschen oder dysfunktionalen Krankheitstheorien (z. B. »Ich bin der einzige, der so ein Problem hat«, »Ich bin ein hoffnungsloser Fall«, »Meine unangenehmen Körperempfindungen (Panikattacken) sind Anzeichen einer schweren körperlichen Krankheit«) kann entsprechend ausgerichtete Psychoedukation sehr entlastend wirken.
    • Eine ausreichende Therapiemotivation und aktive Beteiligung der Patienten am psychotherapeutischen Veränderungsprozess ist nur dann zu erwarten, wenn sie von den formulierten Zielen der Therapie, den Erfolgsaussichten und der Zweckmäßigkeit des Vorgehens wirklich überzeugt sind. Hier sollte die Psychoedukation dazu beitragen, das Störungsmodell zu entwickeln, auf dessen Grundlage dann Interventionen abgeleitet werden.
    • Auch der primärpräventive Effekt der generellen Ermutigung und Anleitung zu einem gesundheitsförderlicheren Lebensstil (ausreichende Erholungsphasen, körperliche Bewegung, bewusste Ernährung, Rauchverzicht etc.) sollte nicht unterschätzt werden.
  • Was versteht man unter »informed consent«, und was soll diese im Einzelnen beinhalten?

    Lösung

    • »Informed consent« = Einverständniserklärung des Patienten (bzw. in wissenschaftlichen Studien: des Probanden), nachdem er hinreichend über die ihn erwartenden Schritte aufgeklärt wurde.
    • Neben der Beschreibung der Ziele und Wirkmechanismen therapeutischer Techniken müssen selbstverständlich auch eventuelle Risiken und Nebenwirkungen thematisiert werden (Patientenaufklärung bzw. »informed consent« auch als ethische Notwendigkeit), um die Therapiemotivation dauerhaft zu sichern.
    • Dabei sollte nicht nur der Therapieablauf als Ganzes (Vorgehen des Therapeuten, Strukturierung, Reihenfolge, Therapieverlauf) transparent gemacht werden, sondern der Patient auch auf konkrete therapeutische Übungen und Aufgaben (z. B. bei Reizkonfrontation) sowie auf das interaktionale Therapeutenverhalten vorbereitet werden, um realistische Erwartungen zu erzeugen und Enttäuschungen vorzubeugen. Derartige »sicherheitsgebende Informationen« sind beispielsweise wichtig, um das in der Therapie erforderliche Risikoverhalten des Patienten (z. B. Angstüberwindung in Verhaltensexperimenten) zu ermutigen und zu unterstützen.
  • Welche allgemeinen Regeln zur optimalen Anwendung von Psychoedukation sind in der Praxis zu beachten?

    Lösung

    • Relevanz, Kürze und Prägnanz: Auswahl der für das konkrete und praktische Selbstmanagement relevanten Informationen; Beschränkung auf das Wesentliche
    • Tailoring: Abstimmung der Informationsauswahl auf aktuellen Wissensstand und persönliche Vorerfahrungen des Patienten
    • Transparenz und übersichtliche Strukturierung und Gliederung der Informationen
    • verständliche Sprache: einfache Sätze, Fachjargon oder abstrakte Begriffe vermeiden
    • Einsatz von Veranschaulichungen: Beispiele, Analogien, Metaphern, »Eselsbrücken«, Visualisierungen, multimodale Darstellungsformen (z. B. multimedia-gestützt)
    • Konkrete Handlungsinstruktionen (zusätzlich schriftlichen Aktionsplan mitgeben, z. B. in Form von Hausaufgaben)
    • Praktisches Demonstrieren und Übenlassen
    • Motivierung: Lernerfolge verstärken (Loben, Ermuntern)
    • Bilanzierung: zu Beginn und Ende der Schulung das Wichtigste zusammenfassen; zum Abschluss durch Nachfragen vergewissern, was angekommen ist
  • Wie kann man im Rahmen einer Wirksamkeitsstudie zur Psychoedukation die Compliance messen?

    Lösung

    Colom et al. verglichen i. S. einer Wirksamkeitsstudie über 2 Jahre hinweg eine störungsspezifische Gruppen-Psychoedukation mit einem rein unterstützenden Gruppenprogramm ohne psychoedukative Elemente, das die Kontrollgruppe erhielt. Die Compliance (in diesem Falle definiert als sachgerechte Medikamenteneinnahme) wurde sowohl über Selbstbericht, als auch anhand von Laborparametern gemessen. Solche objektiven Maße sind – ebenso wie ambulante Assessment-Systeme zur Überprüfung der Erledigung therapeutischer Hausaufgaben – oft besser geeignet als Tagebuchberichte oder Fragebogenangaben, weil sie u.a. eine alltagsnahe Datenerhebung und Verlaufsmessung (mit oder ohne online-Datenübertragung), und eine automatisierte Selbstkontrolle (Erinnerungsfunktion, bspw. zur Medikamenteneinnahme) erlauben.
  • Was ist unter »Ressourcen« und »Ressourcenaktivierung« zu verstehen?

    Lösung

    • Ressourcen sind alle Stärken und Potenziale einer Person, d. h. jegliche funktionalen oder positiv evaluierten Aspekte der Lebenssituation (z. B. Ziele, Werte, Interessen, Fähigkeiten, Gewohnheiten, zwischenmenschliche Beziehungen, finanzielle Möglichkeiten etc.)
    • Ressourcenaktivierung beinhaltet einerseits, an die beim Patienten vorhandenen Potenziale anzuknüpfen und diese zu fördern, und darüber hinaus neue Ressourcen zu entwickeln. Sie gilt als Voraussetzung für eine erfolgreiche Problembearbeitung.
  • Wie ist es zu erklären, dass es gerade zu Beginn der Therapie zu schnellen Verbesserungen in der Symptomatik kommt, wenn der Therapeut auf die Stärken und Potenziale des Patienten fokussiert?

    Lösung

    Im Rahmen einer gezielten Ressourcenaktivierung kommt es zu einem positiven Rückkopplungsprozess, der sich schließlich selbst aufrechterhält. Die inhaltliche und prozessuale Aktivierung von Stärken und Potenzialen einer Person geht mit einer Wahrnehmung des positiven Selbst und positiven Gefühlen einher. Über ein verbessertes Selbstwertgefühl und Wohlbefinden werden durch den Patienten positive Effekte der Therapie wahrgenommen, was wiederum die Aufnahmebereitschaft und das Engagement in der Therapie stärkt. Somit werden schnelle Symptomverbesserungen bereits in frühen Therapiephasen erklärbar.
  • Welcher Forscher hat die Ressourcenaktivierung als eine der vier Wirkfaktoren wirksamer Psychotherapien benannt?

    Lösung

    Klaus Grawe (1943-2005). Dieser herausragende deutsche Psychotherapieforscher, der zuletzt Lehrstuhlinhaber der Klinischen Psychologie an der Universität Bern war, widmete sein Leben der Suche nach den wirksamsten psychotherapeutischen Behandlungselementen über Schulengrenzen hinaus und benannte in diesem Rahmen die Ressourcenaktivierung neben Problemaktualisierung, Problembewältigung und motivationaler Klärung als einen der vier wichtigsten Wirkfaktoren psychologischer Therapien. Klaus Grawe war wie kaum ein anderer darum bemüht, Psychotherapie wissenschaftlich zu fundieren und stetig zu verbessern. Leider ist er am 10. Juli 2005 unerwartet und viel zu früh verstorben.
  • Welche Grundbedingungen fördern die Motivation des Patienten (nach Kanfer)?

    Lösung

    Kanfer, Reinecker und Schmelzer (2005) nennen sog. Grundbedingungen, die die Motivation des Patienten erhöhen sollen: 1. Motivierung durch Maximierung des Ausmaßes an persönlicher Kontrolle beim Patienten,
    2. selbst gesetzte Ziele als Motivationsquelle,
    3. Motivierung durch Steigerung von Selbstwirksamkeit,
    4. Motivierung durch Selbststeuerung und Selbstmodifikation des Verhaltens,
    5. Motivierung durch maximale Transparenz,
    6. Motivierung durch das Prinzip der Freiwilligkeit
  • Was versteht man unter motivorientierter/komplementärer Beziehungsgestaltung?

    Lösung

    • Der Therapeut befriedigt kurzfristig die Beziehungsziele und -wünsche des Patienten, um anschließend eine inhaltliche Bearbeitung von Problemen zu ermöglichen.
    • Bsp.: ein (oft nicht bewusstes) Oberziel des Patienten ist sein Schutzbedürfnis; Therapeut deaktiviert dieses Oberziel, indem er Patient Schutz gewährt ? daraufhin kann sich Patient inhaltlichen Problemen zuwenden
  • Welches sind die fünf Prinzipien des Motivational Interviewing?

    Lösung

    1. Empathie ausdrücken 2. Diskrepanz entwickeln
    3. Beweisführung vermeiden
    4. Widerstand aufnehmen
    7. Selbstwirksamkeit fördern
  • Welche Analyseebenen schlägt Schulte bei motivationalen Problemen in der Therapie vor?

    Lösung

    • Analyse des subjektiven Störungsmodells
    • prüfen, ob das Störungs- und Behandlungsmodell des Patienten mit dem des Therapeuten übereinstimmt
    • Analyse der äußeren Folgen
    ? Störungs- und Therapiefolgen analysieren;
    wichtig: Folgen, die durch die Störung für den Patienten verhindert werden
    • Analyse der psychologischen Folgen
    • Analyse der psychologischen Störungsgewinne; z. B. Selbstwertstabilisierung, Konfliktvermeidung
  • Verstärker spielen eine wesentliche Rolle in der operanten Verhaltenssteuerung (Auf- und Abbau von beobachtbaren oder verdeckten Verhaltensweisen). Was sollte man bei der Auswahl systematisch genutzter Verstärker beachten und wie sind sie einzusetzen?

    Lösung

    • Auswahl sollte die Valenz eines spezifischen Verstärkers für eine bestimmte Person berücksichtigen, z. B. ein Buch, CD oder Zigaretten je nach Interesse der Person und nach dem spezifischen Einsatzfeld; günstig in vielen Fällen universell einsetzbare Wertpunkte (Token); soziale Verstärker (z. B. Lob) häufig wirksamer als materielle Gegenstände
    • Wertigkeit eines Verstärkers kann bei einer Person in Abhängigkeit von ihrem kognitiv-affektiven bzw. motivationalen Zustand zu verschiedenen Zeitpunkten variieren; flexibel wählbare Verstärker (innerhalb eines festgelegten und transparenten Rahmens) günstig
    • Einsatz eines Verstärkers möglichst kontingent, d. h. regelmäßig und unmittelbar, mit dem zu verstärkenden Verhalten verknüpft; kontinuierliche oder intermittierende Verstärkungspläne möglich
  • Verschiedene Strategien zum systematischen Aufbau komplexer Verhaltensweisen stehen im Rahmen operanter Methoden zur Verfügung. Stellen Sie sich vor, Sie möchten einem schüchternen, sozial isolierten elfjährigen Kind beibringen, wie es sich an den Spielen anderer Kinder in der Gruppe beteiligen kann. Wie würden Sie vorgehen?

    Lösung

    • Verknüpfung verschiedener Strategien möglich: z. B. Shaping und Prompting
    • Shaping: Kind wird für jede Annäherung an die Kindergruppe verstärkt; dabei Belohnung zunehmend komplexerer sozialer Verhaltensweisen (z. B. zur Gruppe gehen; eine Weile bei der Gruppe bleiben; ein Kind ansprechen; bitten, mitspielen zu dürfen; um ein konkretes Spielzeug bitten, mit dem gerade ein anderes Kind spielt; selbst ein Spiel vorschlagen etc.)
    • Vorher Vereinbarung von Belohnungen für jeden erfolgreich umgesetzten Schritt einzeln oder z. B. im Rahmen eines Token-Programms; zunehmender Schwierigkeitsgrad
    • Prompting: zusätzlich Erteilung von Handlungsaufforderungen, Instruktionen sowie verbalen Rückmeldungen; ggf. kann Therapeut als Modell dem Kind mögliche Formulierungen für eine Kontaktaufnahme »soufflieren« (Modelllernen)
    • Fading: Ausschleichen der externen Belohnungen und »Prompts« (Anweisungen), wenn das Kind die vereinbarten Fortschritte erzielt hat
    • Chaining: beim Aufbau sozialer Kompetenzen - insbesondere bei großer Ängstlichkeit - weniger geeignet, da hierbei mit der Verstärkung des letzten Glieds in der Handlungskette begonnen wird; affektive Beteiligung könnte einer Ausführung der Aktion im Wege stehen und zu einem Misserfolg führen
  • Sie arbeiten als Psychologe oder Psychologin auf einer psychosomatischen Station für essgestörte Patientinnen. Mit Hilfe eines Token-Programms soll erreicht werden, dass die Patientinnen regelmäßig und ausreichend essen, an den Therapieangeboten aktiv teilnehmen, sich in Gruppenaktivitäten adäquat einbringen etc. Wie könnte ein Konzept für ein solches Token-Programm aussehen und was ist bei dessen Umsetzung zu beachten?

    Lösung

    • Entwicklung des Konzeptes:
    1. Zusammentragen, Aufschreiben und Einschätzen der (therapeutischen) Wertigkeit aller Aktivitäten, die von den Patientinnen durchgeführt werden müssen; möglichst konkret (wann?, was?, wo?, wie? etc.: z. B. Was heißt »regelmäßig und ausreichend« essen? Wo findet das Essen statt? Wer ist dabei? - hier z. B.: 5 Mahlzeiten am Tag, davon eine warm, je nach Therapieziel vordefinierte Nahrungsmenge; gegessen wird im Speiseraum der Station zusammen mit den anderen Patienten)
    2. Festlegen, ob und wie viele Token es für jede Einzelaktivität gibt (z. B. für jede komplett eingenommene Mahlzeit 1 Token sowie 1 Zusatzpunkt, wenn alle Mahlzeiten des Tages eingenommen wurden); Definition, ob es Tokenabzug (Response Cost) gibt, wenn Regeln verletzt werden (z. B. wenn Essen versteckt wird)
    3. Festlegung des Gegenwertes der Token, der Modalitäten der Registrierung sowie der Möglichkeiten des Eintauschens (Bsp.: 15 Token/Woche = 2 Stunden Ausgang; 30 Token/Woche = 1 CD)
    4. Implementierung
    • Praktische Umsetzung: auf Transparenz und Zusammenarbeit zwischen dem Stationspersonal und den Patientinnen bei Entwicklung und Umsetzung des Programms achten; konsistentes Vorgehen aller behandelnden und pflegerisch tätigen Personen; möglichst unmittelbare Rückmeldung und kontingente Ausgabe der Token
    • Ausblenden der Token Economy vor Entlassung von der Station; parallel Aufbau intrinsischer Motivation
  • Was ist beim Einsatz operanter Methoden generell zu beachten, wenn man eine langfristig stabile Verhaltensänderung sicherstellen will?

    Lösung

    • Wahl der Verstärker orientiert am natürlichen Umfeld und Einbezug möglichst verschiedener Verstärkerarten, z. B. materiell, sozial (Erreichbarkeit auch außerhalb der therapeutischen Situation zur Selbstbelohnung)
    • Bestrafung oftmals weniger geeignet, da durch reine Sanktionsmaßnahmen noch kein konstruktives Alternativverhalten erworben wird
    • Frühzeitiger Aufbau intrinsischer Motivation und rechtzeitiges Ausschleichen extrinsischer Verstärker
    • Training von Belohnungsaufschub (innere Befriedigung wg. Aufgabenerfüllung erfahren und auf langfristige übergeordnete Ziele hinarbeiten, statt kurzfristig kleine materielle Belohnungen anzustreben)
  • Welche Arten der Reizkonfrontation in vivo und in sensu gibt es? Wie nennt man die spezifischen Vorgehensweisen?

    Lösung

    In vivo:
    • Habituationstraining
    • Flooding
    In sensu:
    • systematische Desensibilisierung
    • Implosion
    Vorgehensweisen:
    • graduiert
    • massiert
  • Welche Eigenschaften sollte ein patientengerechtes Störungsmodell haben?

    Lösung

    Der Patient soll ein verständliches und umfassendes Bild von seiner Störung bekommen, welches ihm hilft zu verstehen, welche Prozesse an der Entstehung und Aufrechterhaltung dieser Störung beteiligt sind. Dazu muss der/die TherapeutIn folgende Aspekte im Rahmen der Psychoedukation beachten:

    Kompatibilität:
    • der/ die TherapeutIn sollte seine Wortwahl weitgehend der des Patienten anpassen und ggf. auf die Verwendung von Fachbegriffen verzichten
    Nichtfalsifizierbarkeit:
    • Das Störungsmodell soll nicht durch Einzelerfahrungen der Patienten widerlegt werden können
    • Daher sollte der/die TherapeutIn keine allgemeingültigen Aussagen treffen, sondern die Kernaussagen als Wahrscheinlichkeitsaussagen formulieren
    Perspektivität:
    • Der Fokus sollte sich nicht auf die an der Entstehung beteiligten Faktoren richten, sondern auf die an der Aufrechterhaltung beteiligten Faktoren
    Plausibilität:
    • Der Patient soll aktiv an der Erarbeitung des Störungsmodells mitwirken und durch Hilfestellungen und Hinweise des/der TherapeutIn selbst Schlussfolgerungen ziehen können
  • Bei welchen Konfrontationsverfahren wird mit Entspannung gearbeitet und bei welchen wird dies ausgeschlossen?

    Lösung

    Entspannung:
    * Systematische Desensibilisierung
    * Angstbewältigungstraining
    Keine Entspannung
    * Graduierte Exposition in vivo
    * Massierte Exposition in vivo
  • Welches sind typische kognitive Fehler, die zur Entstehung bzw. Aufrechterhaltung von psychischen Störungen beitragen können?

    Lösung

    • Dichotomes oder Schwarz-Weiß-Denken
    • Katastrophisieren
    • Übergeneralisieren
    • Muss- Denken oder Absolutes Fordern
    • Versicherungsdenken
    • Bezugnahme auf die eigene Person
    • Annahme von zeitlicher Kausalität/ Vorhersage ohne zeitliche Evidenz
  • Nennen und erläutern Sie die im Anschluss an die diagnostische Phase kommenden drei Kernkomponenten kognitiv-behavioraler Therapieverfahren!

    Lösung

    • Psychoedukative Komponente: Diese Komponente hat zum Ziel, dem Patienten bereits zum Therapiebeginn die Grundannahmen und Wirkmechanismen des kognitiven Therapieansatzes zu erklären. Der Patient sollte erkennen, dass seine psychische Situation nicht direkt auf äußere Umstände zurückzuführen ist, sondern dass eigene Interpretations- und Bewertungsprozesse entscheidend zu seinem emotionalen Zustand beitragen. Bereits dieser Perspektivenwechsel besitzt therapeutisches Potenzial
    Zur Psychoedukation gehört auch, dem Patienten relevantes abgesichertes Wissen über seine Störung zu vermitteln, soweit dies im Rahmen der Entwicklung eines schlüssigen Erklärungsmodells bedeutsam und therapeutisch sinnvoll ist (z. B. Erklärung der autonomen physiologischen und endokrinen Stressreaktion bei einer Panikstörung; neurochemische Veränderungen bei einer Depression).
    • Explorative Komponente: Im Mittelpunkt dieser Komponente steht die Identifizierung konkreter dysfunktionaler Wahrnehmungs- und Denkmuster des Patienten. Während zu Beginn dieser Phase konkrete situationsgebundene Interpretationen und Bewertungen exploriert werden, geht es später um die Identifikation zugrunde liegender Denkmuster, Schemata und Grundannahmen. Funktionale Problemanalyse, Plananalyse und ABC-Analyse sind verschiedene Techniken in der Explorationsphase.
    • Interventionskomponente: Die Interventionsphase beginnt mit der Überprüfung und Hinterfragung der erarbeiteten dysfunktionalen Denkmuster. Ist der Patient zu der Einsicht gekommen, dass seine Denkmuster nicht hilfreich und veränderungsbedürftig sind, beginnt das Erarbeiten alternativer rationaler Gedanken. Diese werden anschließend eingeübt und im Alltagskontext trainiert.
  • Beschreiben Sie den prototypischen Ablauf einer kognitiven Umstrukturierung anhand eines Beispiels!

    Lösung

    Beispiel: Patientin (19), Soziale Phobie: Angst vor Teamsitzungen, Referaten

    Schritt 1: Herausarbeiten dysfunktionaler Gedanken
    • Mittels einer ABC-Analyse einer kürzlich stattgefundenen Situation, soll die Patientin situative Kognitionen entdecken
    • Situation: Projektvorstellung in Teamsitzung
    • Reaktionen: Schwitzen, Rotwerden, Nervosität, Versprecher
    • Gedanken: »Ich werde mich blamieren«
    • Vertikale Analyse: Exploration von Grundannahmen
    • Fragen: Was wäre das Schlimmste daran? Was bedeutet das für Sie?
    • Annahme: »Wenn ich einen Fehler mache, bin ich ein Versager«, »Versager sind nichts wert«
    Schritt 2: Disputation dieser Gedanken
    • Auswahl eines Themas; Definieren und Konkretisieren, Disputieren
    • »Was meinen Sie mit dem Begriff Versager?«(Definieren)
    • »Woran lässt sich Erfolg messen?« (Konkretisieren)
    • »Für sich selbst legen Sie einen härteren Bewertungsmaßstab an als für Ihre Kollegen?« (logische Disputation)
    • »Ist das fair?« (normative Disputation)
    Schritt 3: Aufbau alternativer rationaler Konzepte
    • Erarbeiten von Merksätzen
    • »Welche Gedanken wären hilfreicher?«
    Schritt 4: Training neuer Konzepte
    • Verhaltensexperimente im Alltag, Rollenspiele
    • Bsp.: freie Rede vor Gruppe
  • Welche therapeutischen Techniken und Selbst-Dokumentationsverfahren zur Identifizierung dysfunktionaler Gedanken und Schemata sind Ihnen bekannt?

    Lösung

    • ABC-Analyse
    • Funktionale Analyse
    • Plananalyse
    • Spezifische Fragebögen (z. B. »Fragebogen irrationaler Einstellungen«, FIE, Klages, 1989)
    • Gezielte therapeutische Fragen (geleitetes Entdecken) (z. B. Konkretisieren, Rekonstruktion)
    • Rollenspiele/ Videofeedback
    • Gedankentagebuch (5-Spalten-Technik)
    • Selbstbeobachtungsbögen
  • Welche Disputationstechniken werden zur Prüfung der Kognitionen auf Realitätsangemessenheit eingesetzt?

    Lösung

    • Empirische Disputation
    • Logische Disputation
    • Normative Disputation
    • Hedonistische Disputation
    • Definieren und Operationalisieren
    • Entkatastrophisieren
    • Benennen kognitiver Fehler
    • Selbstbewertung
  • Was unterscheidet Selbstsicherheitstrainings von Trainings sozialer Kompetenzen?

    Lösung

    Unterschiede liegen auf konzeptueller und Interventionsebene:
    • Selbstsicherheitstrainings zielen auf Veränderung der intraindividuellen Prozesse in sozialen Situationen und lassen soziale Umwelt außer Acht,
    • Trainings sozialer Kompetenzen beziehen soziale Normen (interpersonelle Aspekte des sozialen Geschehens) mit in das Training und den Verhaltensaufbau ein
  • Welche Kritikpunkte lassen sich gegen Selbstsicherheitstrainings vorbringen?

    Lösung

    a) Fehlende wissenschaftliche Bestätigung der physiologischen Grundannahmen
    b) Fehlende Abgrenzung zwischen selbstsicheren und aggressiven Verhaltensweisen
  • Wo kommen Kommunikationstrainings typischerweise zum Einsatz?

    Lösung

    a) In der Paartherapie
    b) Als Bestandteil von Fertigkeitentrainings
  • Nennen Sie ein Trainingsprogramm sozialer Fertigkeiten und beschreiben Sie dessen Komponenten.

    Lösung

    • z. B. Gruppentraining sozialer Kompetenzen (GSK; Pfingsten & Hinsch)
    • Komponenten: Psychoedukation (Vermittlung eines Modells zur Entstehung sozial angemessenen Verhaltens), Wahrnehmungsübungen und Differenzierung angemessenen und unangemessenen Verhaltens, Rollenspiele (Videofeedback), Entspannungstraining (PMR), Hausaufgaben zum Transfer
  • Was ist beim Einsatz sozialer Fertigkeitentrainings im Rahmen der Therapie bei Sozialen Phobien zu beachten?

    Lösung

    • Bei sozialer Phobie kann ein Fertigkeitendefizit vorliegen, muss aber nicht
    • Indikation für das Fertigkeitentraining muss daher individuell geprüft werden
    • Fertigkeitentrainings und insbesondere Gruppentrainings ersetzen keinesfalls die Bearbeitung ideosynkratischer auslösender und aufrechterhaltender Bedingungen und Kognitionen
  • Welche grundlegenden Ziele verfolgen Stressbewältigungstrainings?

    Lösung

    • 2 Ziele: Reduktion aktuellen Stresses sowie Prävention zukünftigen Stresserlebens
    • Dies wird durch den Aufbau bzw. die Erweiterung von Stressbewältigungskompetenzen erreicht
  • Welche Interventionsarten kommen bei Stressbewältigungstrainings primär zum Einsatz?

    Lösung

    • Kognitive Interventionen zur Analyse und Neubewertung von Stressoren, z. B. Problemlösetrainings, Kognitive Umstrukturierung, Selbstinstruktion
    • Verhaltensbezogene Interventionen zum Einüben von Strategien zur Selbstregulation, z. B. Rollenspiele, Entspannungsverfahren, Genusstraining, Übungen zur Sozialen Kompetenz
  • Aus welchen Schritten besteht typischerweise das Vorgehen beim Problemlösetraining?

    Lösung

    • Vorgehen aus 5-7 Schritten; Anzahl von Schritten kann sich je nach Konzeption unterscheiden
    • Wesentliche Schritte sind dabei
    1. Identifikation und Beschreibung des Problems sowie Zieldefinition (Was soll erreicht werden?)
    2. Entwicklung von Lösungsmöglichkeiten durch Brainstorming
    3. Bewertung der Lösungsalternativen und Entscheidung für die Lösung mit dem günstigsten Kosten-Nutzen-Verhältnis
    4. Planung von Handlungsschritten und Festlegung von Teilzielen
    5. Durchführung der geplanten Handlungen
    6. Bewertung der Umsetzung und, bei auftretenden Problemen, Analyse und Neuinitiierung des Problemlöseprozesses auf der relevanten Stufe des Prozesses
  • In welchen Populationen können Stressbewältigungstrainings sinnvoller Weise eingesetzt werden?

    Lösung

    • In nicht-klinischen bzw. subklinischen Populationen zur Primärprävention (z. B. bei Lehrern, Kindern und Jugendlichen, Pflegeberufe) • Als begleitende Maßnahme in der Therapie und Rehabilitation bei Störungen, die mit einem erhöhten Anspannungsniveau verbunden sind. Dazu gehören fast alle psychosomatischen Erkrankungen (z. B. Bluthochdruck, Reizdarmsyndrom) und psychische Störungen wie Depressionen, Angst- und Schlafstörungen
  • Welches gemeinsame Prinzip nutzen die verschiedenen Entspannungsverfahren?

    Lösung

    Die verschiedenen Entspannungsverfahren nutzen die Entspannungsreaktion.
    Diese lässt sich auf drei verschiedenen Ebenen beschreiben und untersuchen: • körperliche Ebene
    • Ebene des Verhaltens
    • Ebene der Emotionen und Kognitionen

  • Worin unterscheiden sich Entspannungsverfahren?

    Lösung

    Zum einen unterscheiden sich die verschiedenen Entspannungsmethoden nach der Art der Entspannungsinduktion:

    Autoinstruktiv vs. Heteroinstruktiv: während z. B. bei der Meditation der Zustand der Entspannung durch die Person selbst herbeigeführt wird, geschieht dies bei Imaginativen Verfahren durch eine andere Person, die von außen die Impulse zur Entspannung gibt

    Aktiv vs. Passiv: Damit ist im Prinzip das Ausmaß an »Eigenleistung« zur Entspannungsreaktion gemeint. Passive Entspannungsinduktion finden wir demnach bspw. bei Hypnose und Autogenem Training, während z. B. die Effektivität der Progressiven Muskelrelaxation abhängig von der Mitarbeit der betreffenden Person ist.

    Des Weiteren können Entspannungsverfahren nach dem Schwerpunkt der Entspannungsreaktion unterschieden werden, d. h. auf welcher der o.g. Ebenen die Entspannung bezweckt wird bzw. eintritt. Während alle der in Tab. 21.1. angeführten Entspannungsmethoden eine somatische Entspannungsreaktion bewirken, zielen nur einige auf die Entspannung im Bereich der psychischen Ebene ab. Dazu zählen die Hypnose, die Meditation und Imaginative Verfahren.
  • Beschreiben Sie das Wirkprinzip der PMR!

    Lösung

    Grundlage bildete die Entdeckung, dass eine wechselseitige Beziehung zwischen ZNS-Aktivität und dem Muskeltonus besteht (=Reziprozität). Auf der Basis dieser Wechselbeziehung ist es das Ziel der PMR, über die Lockerung von einzelnen Muskelgruppen eine kognitiv/emotionale Entspannung zu erzielen. Es handelt sich somit um eine sensorisch induzierte Entspannung, die darauf basiert, einzelne Muskelgruppen bewusst anzuspannen, um sie in der Folge zu entspannen. Die Klienten sollen für die Wahrnehmung der Entspannung sensibilisiert und entspannte Körperteile intensiver wahrnehmen.
  • Was versteht man unter dem Begriff »cue controlled«?

    Lösung

    Bei der cue-controlled-Technik wird auf der Grundlage der PMR eine konditioniere Entspannungsreaktion über eine einzelne Instruktion aufgebaut.

    Bsp.: Das Ausatmen wird mit dem verbalen cue »Ruhe« verbunden, nach erfolgreichen Training kann durch das Wort »Ruhe« die Entspannungsreaktion vom Pat z. B. in Anspannungssituationen erzeugt werden ohne die gesamte PMR durchführen zu müssen.
  • Nennen Sie Kontraindikationen für Entspannungsverfahren!

    Lösung

    Kontraindiziert sind Entspannungsverfahren bei:
    • regressiven und stark sozial gehemmten Kindern
    • akuten gastrointestinale Erkrankungen
    • Blutphobien
    • neurologischen Erkrankungen wie Epilepsie
    • Atemwegserkrankungen
    • Psychotischen Erkrankungen
    Bei den genannten Erkrankungen können aufgrund der Entspannungsreaktion Probleme auftreten, z. B. kann es bei akuten gastrointestinalen Erkrankungen zu einer erhöhten Bildung von Magensäure kommen. Es handelt sich aber zumeist um relative Kontraindikationen, d. h. bei sorgfältiger Beachtung der Grunderkrankung kann ggf. ein Entspannungsverfahren in entsprechend adaptierter Form angewandt werden. Beispielhaft hierfür kann auf die Anwendung bei Atemwegserkrankungen verwiesen werden.

    Bei Blutphobien sollte aufgrund des gegenteiligen Behandlungsparadigmas (Anspannung) auf die Anwendung von Entspannungsverfahren verzichtet werden.
  • Was ist unter spezifischen und unspezifischen Wirkweisen therapeutischer Vereinbarungen zu verstehen?

    Lösung

    • Spezifische Wirkungen: direkte Funktionen der jeweiligen Aufgabe, z. B.: Aufbau sozialer Fähigkeiten (z. B. bei der Aufgabe, ein Gespräch mit einem Kommilitonen zu beginnen oder etwas reklamieren zu gehen), Aushalten von Spannungszuständen (z. B. bei der Aufgabe, eine bisher vermiedene oder mit Angst verbundene Situation aufzusuchen), Diagnostik von Denkweisen (z. B. durch das Führen eines Gedankentagebuchs, Protokollieren von negativen Gedanken)
    • Unspezifische Wirkungen: treten bei allen therapeutischen Vereinbarungen auf; werden entsprechend den allgemeinen Wirkfaktoren von Psychotherapie (nach Klaus Grawe) eingeteilt in: 1. Intentionsrealisierung, 2. Intentionsveränderung, 3. Prozessuale Aktivierung und 4. Ressourcenaktivierung
  • Gibt es eine wissenschaftliche Begründung für den Einsatz von Hausaufgaben in der Psychotherapie?

    Lösung

    • Ja, die Meta-Analyse von Kazantis, Deane & Ronan (2000) über 11 Studien hat gezeigt, dass bei Therapien, die Hausaufgaben einsetzten, bessere Ergebnisse erreicht wurden als bei Therapien, die ohne Hausaufgaben arbeiteten
    • Dabei scheint der Hausaufgabeneinsatz aber nicht bei allen Problembereichen gleich effektiv zu sein; am effektivsten bei Depression und bei Sozialen Kompetenzdefiziten
    • Ausmaß der Hausaufgaben-Erledigung (Compliance) ebenfalls mit dem Therapie-Outcome assoziiert - für eine effektiven Einsatz von Hausaufgaben sollte der Therapeut daher auf Hausaufgabenvergabe und Kontrolle große Aufmerksamkeit legen
    • Effektivität von Verhaltensverträgen nur in Einzelfallstudien belegt
  • Nennen Sie ein Beispiel für einen Verhaltensvertrag und beschreiben Sie kurz den Inhalt!

    Lösung

    • Wichtiger Anwendungsbereich: Antisuizid- bzw. Lebensverträge: enthält eine Vereinbarung zwischen Therapeut und Patient, dass dieser in einem festgelegten Zeitraum (meist bis zur nächsten Sitzung) weder bewusst noch unbewusst sein Leben gefährdet. Darüber hinaus sollte ein Notfallplan enthalten sein, der Verhaltensalternativen zu suizidalen Verhalten enthält.
    • Verhaltensverträge können auch die Rahmenbedingungen für die Durchführung einer Therapie enthalten, z. B. bei der Therapie von Süchten. Vereinbarungen können dabei sein, dass der Patient für den Zeitraum der Therapie auf Alkohol oder andere Substanzen verzichtet, nüchtern zu den Sitzungen erscheint, etc. Bei dieser Art von Verhaltensverträgen sollten unbedingt Konsequenzen für die Nichteinhaltung der Absprachen vereinbart werden (z. B. der Abbruch der Therapie).
    • weitere Beispiele sind Verträge zur Gewichtszunahme bei der Therapie der Anorexia nervosa, Verträge über Verhaltensänderungen im Rahmen einer Zwangsbehandlung
  • Wann sollten Hausaufgaben nicht eingesetzt werden?

    Lösung

    • Frühere Auffassungen: Hausaufgaben können unter Umständen ungünstige Tendenzen beim Patienten verstärken (z. B. bei selbstkritischen oder ängstlichen Patienten)
    • Heutige Auffassung: keine generellen Kontraindikationen; es muss jedoch darauf geachtet werden, eine für den Patienten und die Therapie angemessene Aufgabe auszuwählen: Die Aufgabe sollte u.a. den Patienten nicht überfordern, sich konkret an Therapiezielen orientieren, im Einverständnis mit dem Patienten vergeben werden, möglichst im Zusammenhang mit den Stundeninhalten stehen
    • Frühere Auffassungen: Hausaufgaben können unter Umständen ungünstige Tendenzen beim Patienten verstärken (z. B. bei selbstkritischen oder ängstlichen Patienten)
    • Heutige Auffassung: keine generellen Kontraindikationen; es muss jedoch darauf geachtet werden, eine für den Patienten und die Therapie angemessene Aufgabe auszuwählen: Die Aufgabe sollte u.a. den Patienten nicht überfordern, sich konkret an Therapiezielen orientieren, im Einverständnis mit dem Patienten vergeben werden, möglichst im Zusammenhang mit den Stundeninhalten stehen
  • Die Forschung zu klinisch-psychologischen Interventionen befasst sich sowohl mit der Beurteilung bzw. Legitimation bereits bestehender Behandlungsprogramme als auch mit deren (Weiter-)Entwicklung. Erläutern Sie diese beiden Aspekte anhand von Beispielen!

    Lösung

    Vorbemerkung: Wir müssen bei der wissenschaftlichen Fundierung klinisch-psychologischer Interventionen zwischen der »progressiven« Neuentwicklung von Verfahren im Zuge der theoretischen und empirischen Weiterentwicklung von Konzepten und der »konservativen« Bewertung bzw. Evaluation bereits bestehender Verfahren trennen. Beide Ansätze sollten dabei nicht gegeneinander ausgespielt werden. Auch wenn etwa ein Wirksamkeitsnachweis oder ein Befund zur differentiellen Effektivität eines Verfahrens zunächst erst einmal nichts Neues schafft bzw. nichts verbessert, sondern eher bereits bestehendes oder soeben neu entwickeltes bestätigt, ist der »konservative« Ansatz aus zwei Gründen unerlässlich. Erstens müssen neue, anhand neuer Prozess-Theorien entwickelte Verfahren regelmäßig wieder neu getestet werden, um auf dieser Grundlage weiterzuarbeiten oder nötige Modifizierungen vorzunehmen (»Passen die Daten der neuen Intervention immer noch zu meiner Theorie, die der Neuentwicklung zugrunde liegt?«; vgl. Phasen der Therapieforschung und Therapietheorien neuerer Generation sensu Grawe). Zweitens kann die bestehende Versorgungslandschaft durch den legitimierenden Ansatz dahingehend verbessert werden, dass auf wissenschaftlicher Grundlage Entscheidungshilfen bereitgestellt werden, welche Patienten bei welchen Problemen am besten welche Behandlung erhalten sollten.

    Vier Beispielbereiche, anhand derer man das Wechselspiel zwischen Entwicklung und Beurteilung erläutern kann:
    1. Ein Beispiel liefert die Systematische Desensibilisierung, deren Wirksamkeit zur Besserung umschriebener Ängste als gesichert angesehen werden kann. Doch die ursprünglich vom Entwickler dieser Methode (Wolpe, 1958) angenommenen zugrunde liegenden lerntheoretischen Konzepte (u.a. reziproke Hemmung) konnten die Wirkung nur unbefriedigend erklären, und der große Erfolg weiterer Reizkonfrontations-basierter Behandlungen (z. B. flooding) stand dem ursprünglichen Wolpe´schen Erklärungsansatz der notwendigen Gegenkonditionierung sogar diametral entgegen. Es wurde also ein Verfahren entwickelt, dass hochwirksam war (d. h. diesbezüglich eine gute Legitimation aufwies), dessen theoretische Fundierung aber noch unbefriedigend blieb.
    Schließlich legte Bandura (1977) mit seiner Theorie der self-efficacy-expectation eine »Theorie zweiter Generation« vor, die die bis dahin bekannten verschiedenen Angstbehandlungsmethoden aus einer einheitlichen Perspektive überzeugender erklären konnte als irgendeine der diesen Methoden ursprünglich zugrunde liegenden Theorien. Allerdings ist auch die Reichweite von Bandura´s »Theorie zweiter Generation« noch unbefriedigend, da etwa motivationale Aspekte des Erlebens und Verhaltens oder mittlerweile vorliegende biopsychologische Befunde ausgeklammert sind. Doch dies liegt im Grawe´schen Sinne durchaus in der Natur der Sache: wir stehen angesichts der relativ jungen Geschichte der Interventionsforschung noch am Anfang des Weges von Innovationen über ihre wissenschaftliche Überprüfung hin zu einer neuen Faktenbasis, die wieder neue Entwicklungen hervorbringt, die sich wiederum empirisch bewähren müssen.
    2. Eine interessante Verbindung von Legitimation und Weiterentwicklung stellt der Ansatz der »patient focused psychotherapy research« dar (Abschnitt 30.2.5), dessen Prinzip darin besteht, kontinuierlich Daten über Therapieverläufe zu sammeln und hinsichtlich der Patienten- oder Problemmerkmale Profile von erfolgreichen und nicht erfolgreichen Therapien herauszukristallisieren. Zeigt sich beispielsweise bei einem »typischen« Patienten mit Diagnose A mit Schweregrad B und weiteren spezifizierten Randbedingungen im Verlauf ein Muster, das den bislang im System gespeicherten Verläufen ähnlich ist, die am Ende nicht erfolgreich waren, so könnte dem Therapeuten dies im Sinne eines Warnhinweises rückgemeldet werden (z. B.: »Achtung, eine ausbleibende Stimmungsaufhellung gemäß Fragebogen X nach bereits sechs Therapiesitzungen lässt bei diesem Patienten auch im Bereich Y einen ungünstigen Verlauf erwarten!«). Solche Rückmeldeprozeduren können auf Grundlage einer ständig wachsenden Datenbasis, verbesserter mathematischer Modellbildung und einem gelungenen Umgang mit der Rückmeldung seitens der klinischen Praktiker, die an einem solchen System teilnehmen (z. B. Reflektion und Hypothesenbildung, Inanspruchnahme von Supervision), die Qualität der Behandlungen über die Zeit verbessern. Z. B. können so Misserfolge und Therapieschäden minimiert, positive Effekte systematisch verstärkt oder Behandlungsdauern reduziert werden - auch wenn im therapeutischen Alltag nicht in jede einzelne Fallkonzeption das theoretische und empirische Gesamtverständnis einfließen kann. Eine solche Praxisforschung kann die Qualität klinischer Interventionen also nicht nur (»konservativ«) sichern, sondern konkret weiterentwickeln und optimieren.
    3. Als Beispiel für ein Forschungsprogramm, bei dem eine Behandlungsmaßnahme durch die Nutzung von experimentellen Befunden kognitionspsychologischer Natur systematisch weiterentwickelt wurde, sei die kognitive Therapie der Posttraumatischen Belastungsstörung genannt (Ehlers et al., 2005; Abschnitt 4.3). Ehlers et al. (2005) modifizierten bislang existierende Therapiebausteine (z. B. Art und Weise der Exposition mit dem Trauma) und gingen in zwei Schritten vor, um die Wirksamkeit ihrer Therapie-Modifikation zu testen (Kombination von Phase-II- und Phase-III-Studien). Erst wurde eine fortlaufende Pilotstudie von Einzelfällen durchgeführt, um dann nach erfolgreichem Abschluss einen echten RCT anzuschließen (Kognitive Therapie vs. Wartegruppe). Die Ergebnisse waren ausgesprochen positiv; insbesondere scheint angesichts sehr niedriger drop-out-Raten die Verträglichkeit der PTB-Therapie gestiegen zu sein.
    4. Der enorme Zuwachs an Wissen über neuronale Korrelate klinisch relevanter Probleme und die zunehmenden Erkenntnisse über neurobiologische Regelkreise und Mechanismen, wie sie zum Beispiel auch bei Grawe (2004) dargelegt sind, haben dabei für die Entwicklung und Beurteilung klinisch-psychologischer Interventionen (sowie auch innovativer diagnostischer Verfahren) mehrere Implikationen:
    o Psychologische Störungs- und Therapietheorien werden zunehmend auf den Prüfstand gestellt werden. Sie sind nur so lange gültig, wie sie nicht in Widerspruch zu psychobiologischen Erkenntnissen stehen. Wir haben also mit einer neuen Faktenlage zu tun, für deren bestmögliche Erklärung wiederum neue Theorien der nächsten Generation gefunden werden müssen.
    o stetig wachsenden neurobiologischen Verständnisses (einschließlich der spezifischen genetischen Mechanismen) ist zu erwarten, dass nicht nur hoch spezifische Pharmakotherapie sondern auch entsprechende klinisch-psychologische Interventionen großes Entwicklungspotenzial haben, bei der Manipulation solcher Mechanismen eine wichtige Rolle zu spielen.
    o Insbesondere in Bereichen, in denen die psychotherapeutische Ergebnislage unbefriedigend ist (Non-Responder, »chronische Fälle«, seltene komplexe Störungsbilder) würden neue diagnostische Methoden hilfreiche Anstöße zur differenziellen bzw. Kontraindikation geben, falls man einen Misserfolg - z. B. einer Expositionstherapie bei neurobiologisch beschreibbarer Habituationsunfähigkeit - vorhersagen könnte.
    o Bereits bewährte psychologische Interventionen könnten systematisch durch neue spezifische unterstützende Therapiebausteine in ihrer Wirkung hinsichtlich der Veränderung neuronalen Geschehens optimiert werden.
  • Innerhalb der »4 Phasen der Therapie-Evaluation« kommt der Phase III - den Wirksamkeitsstudien im engeren Sinne (randomized controlled trials, RTC) - eine besondere Bedeutung zu. Stellen Sie sich vor, Sie hätten alle Mittel zur Verfügung, um ein neuartiges Therapieprogramm zur Behandlung von Drogenabhängigkeit in einer Phase-III-Studie zu prüfen. Erläutern Sie an diesem Beispiel die folgenden Begriffe:
    1. Ein- und Ausschlusskriterien
    2. Treatmentintegrität
    3. Randomisierung
    4. Verblindung
    5. Primäre und sekundäre Erfolgskriterien
    6. Power-Analyse
    7. Standardisierung vs. Individualisierung
    8. »Intention-to-treat« (ITT), »drop-outs«
    9. Katamnese, Follow-up
    10. CONSORT-Statement
    11. »Allegiance«
    12. Identifikation von Wirkfaktoren

    Lösung

    Einige Stichpunkte, die man hier heranziehen könnte:
    1. Ein- und Ausschlusskriterien
    a) Steht eine bestimmte Substanz im Vordergrund? Wenn ja, dann müsste ggf. Polytoxikomanie ausgeschlossen werden.
    b) Falls Jugendliche eingeschlossen werden, sind u.U. besondere (rechtliche) Aspekte zu beachten (z. B. Einverständnis der Eltern).
    c) Im Studienprotokoll muss festgelegt werden, wie mit Mehrfachbehandlung bzw. Betreuung verfahren wird (z. B. falls Studienteilnehmer sich zusätzlich in sozialtherapeutischer Betreuung befinden oder im Verlauf der Behandlung im Rahmen einer suizidalen Krise für kurze Zeit stationär behandelt werden). Auch muss für den Follow-Up-Zeitraum eine Lösung gefunden werden, wie mit denjenigen, die nach der Studientherapie weitere Behandlungen erhalten haben, verfahren werden soll (z. B. Ausschluss aus Follow-Up-Analyse, getrennte Analyse).
    d) Es muss eine Abwägung zwischen Power-Gesichtspunkten (Effekte können eher aufgedeckt werden, wenn Ausgangsstichprobe aufgrund strenger Ein- und Ausschlusskriterien niedrige Varianz aufweist) und externer bzw. ökologischer Validität (heterogene Patientenpopulation im Versorgungsalltag) getroffen werden.
    e) Ein Kritikpunkt an den meisten RCT ist, dass unter den ursprünglich in Frage kommenden Patienten (Anmeldungen) nur ein Bruchteil letztendlich in die Studie hineinrandomisiert wird. Besonders interessant wäre deswegen eine Folge-Studie an denjenigen, die aufgrund verletzter Einschlusskriterien (z. B. keine Abhängigkeits- sondern nur eine Missbrauchs-Diagnose) oder Ausschlusskriterien (z. B. Vorliegen weiterer, neben der Drogen-Problematik als mindestens gleichschwer bewerteter anderer psychischen Störungen) nicht in die Hauptstudie aufgenommen werden konnten, um den Einfluss der Ein- und Ausschlusskriterien auf den Therapieerfolg abzuschätzen.
    f) Ein- und Ausschlusskriterien müssen entsprechend CONSORT exakt und nachvollziehbar spezifiziert werden.
    2. Treatmentintegrität
    meint die gesamte Umsetzung der intendierten Behandlungsmaßnahme auf Therapeutenseite (»Manualtreue«). Zur Sicherung der Treatmentintegrität ist es wichtig, dass
    o eine ausführliche Manualisierung jeder Sitzung und des gesamten Therapieablaufs mit genauer Operationalisierung von Gütekriterien vorliegt, so dass im nächsten Schritt diese Umsetzung anhand von Videoaufzeichnungen systematisch bewerten werden kann.
    o eine umfangreiche Schulung und Zertifizierung der Studientherapeuten, sowie Auffrischung/Nachschulungen, um die Kontinuität der Adherence aufrechtzuerhalten, durchgeführt werden, und
    o eine kontinuierliche Supervision (incl Video- und Dokumentationsanalyse) stattfindet.
    3. Randomisierung
    o Die Methode der Randomisierung muss bestimmten Regeln folgen und vorher genau spezifiziert werden (optimal: Randomisierung vom technischen Personal am Telefon anhand von Zufallszahlen; ungenügend: Bei Anmeldung persönliche Zuordnung durch den Therapeuten zu der Gruppe, in der »zufällig« gerade Platz ist).
    o Insbesondere in kleineren Studien ist es u. U. angebracht, blockweise zu randomisieren, um die Untersuchungsgruppen möglichst vergleichbar zu halten (z. B. drei Schweregrad-Kategorien bilden und so verfahren, dass der Schweregrad jeweils in 10er-Blöcken gleichmäßig auf Treatment- und Kontrollgruppe verteilt wird).
    o Bei Vorliegen mehrerer Studienzentren sollte die Randomisierung zentral und möglichst hinsichtlich prognostisch wichtiger Faktoren stratifiziert erfolgen (d. h. Balancierung der Stichprobe über die verschiedenen Zentren hinweg).
    o Art und Weise der Randomisierung muss entsprechend CONSORT exakt und nachvollziehbar spezifiziert werden.
    4. Verblindung
    o Bei Psychotherapiestudien ist echte (Doppel-) Verblindung nur begrenzt möglich; z. B. weiß der behandelnde Therapeut immer, welche Behandlung er einsetzt, im Gegensatz zu einer Pharmastudie, in der aktive und Placebo-Pillen äußerlich nicht zu unterscheiden sind (allerdings sind auch in Pharmastudien Teilnehmer und Forscher oft nicht wirklich blind, da sie Hypothesen aufgrund der erlebten (Nicht-) Wirkung anstellen)
    o Optimal ist in diesem Bereich, zumindest die Ergebnisbeurteilung von externen Evaluatoren vornehmen zu lassen, denen der Behandlungsstatus des Patienten unbekannt ist.
    o Ferner ist wichtig, dass Versuchsleiter bzw. Behandler blind gegenüber Zwischenergebnissen der Studie sind, denn wenn sie erste Tendenzen der Ergebnisse vor Abschluss der Studie mitgeteilt bekommen, könnte dies u.U. deren Einstellung und Verhalten im Versuch - bewusst oder unbewusst - beeinflussen und damit die Ergebnisse verfälschen (z. B. Veränderungen bei Rekrutierung und Behandlungsdurchführung).
    5. Primäre und sekundäre Erfolgskriterien
    o Es müssen vorab nicht nur die Maße, sondern auch die Kriterien ihrer Verrechnung festgelegt werden (z. B. klinisch signifikante cut-off-Werte)
    o Die Zahl der primären Outcome-Maße ist möglichst stark zu begrenzen. Beispiele für geeignete primäre Outcome-Maße: Abstinenz in den 12 Monaten nach Therapie (ja/nein); Zeit der Abstinenz in den 12 Monaten nach Therapie (in Wochen); Nicht-mehr-Erfüllen der diagnostischen Abhängigkeitskriterien im Follow-Up-Zeitraum (ja/nein)
    o Beispiele für geeignete sekundäre Outcome-Maße (müssen jeweils vorab genau spezifiziert bzw. operationalisiert werden): soziales Funktionsniveau (z. B. hinsichtlich Ausbildung, Arbeitsfähigkeit); Anzahl krimineller Delikte; Stressbewältigungskompetenz; allgemeine psychische Belastung; drop-out-Raten (z. B. zum Vergleich der Verträglichkeit verschiedener Behandlungs-Optionen); globale Besserungs-Einschätzung von Patient und Therapeut
    o Beachte: ggf. müssen getrennte Power-Analysen berechnet werden, z. B. wenn vorab nur kleine Effekte hinsichtlich völliger Abstinenz, aber mittlerer Effekte hinsichtlich des sozialen Funktionsniveaus angenommen werden.
    6. Power-Analyse
    o Power-Analysen werden oft nur unzureichend durchgeführt bzw. hinter Praktikabilitäts-Erwägungen nicht ausreichend berücksichtigt (z. B. finanzierbare Obergrenze = 100 Patienten, aber dennoch werden Berechnungen angestellt, bei denen man zur Aufdeckung reell vorhandener kleiner Effekte mit Beta= 0.10 eigentlich 400 gebraucht hätte)
    o In klinischen Studien gilt es zu beachten, dass bei bestimmten Konstellationen, z. B. bei einer Vielzahl primärer und sekundärer Auswertungen, oder wenn der Fokus auf Unbedenklichkeit und Verträglichkeit liegt (unerwünschte Ereignisse/adverse events sind meist selten!), größere Stichproben benötigt werden.
    o Siehe auch unter a), d), k)
    7. Standardisierung vs. Individualisierung
    o Das therapeutische Vorgehen sollte manualisiert festgelegt werden (einschließlich möglicher ?Freiheitsgrade?, die die Studientherapeuten haben sollen)
    o Der Grad der Standardisierung ist dabei von der Forschungsfrage abhängig (z. B. kann bzw. sollte der Standardisierungsgrad eines psychoedukativen Behandlungsbausteins, der zukünftig auch von nicht-psychologischem Hilfspersonal durchgeführt werden soll, größer sein als etwa ein Therapiebaustein »Motivierung zum Rauch-Stopp mittels Motivational Interviewing«)
    o Der Grad der Umsetzung der untersuchten Intervention (»Manualtreue«, adherence) sollte messbar sein (z. B. Rating anhand von Video-Ausschnitten) und ggf. auch als Kontrollvariable bei der Interpretation der Studienergebnisse berücksichtigt werden.
    8. »Intention-to-treat" (ITT), »drop-outs«
    o Gemäß dem intention-to-treat-Prinzip (ITT) sollen möglichst alle Personen, die zu Studienbeginn eingeschlossen waren, in die Analyse eingehen (d. h. auch diejenigen, die die Intervention nicht vollständig erhalten bzw. abgebrochen haben).
    o Kann dies nicht realisiert werden, muss die Art und Weise, wie mit unrealistischen Ausreißerwerten oder mit missings umgegangen wird, genau spezifiziert und begründet werden; die Möglichkeiten reichen hier von der einfachen Verwendung des jeweils letzten Wertes eines Teilnehmers, bevor er aus der Studie ausgeschieden ist (last observation carried forward, LOCF) bis hin zu komplexen mathematischen Modellierungen für die Schätzungen bei missings anhand der vorhandenen Daten.
    o Gerade im Drogenbereich ist eine niedrige drop-out-Rate bzw. hohe »Halte-Quote« (attrition) aufgrund der häufig anzutreffenden Motivationsprobleme (z. B. Inanspruchnahme der Therapie aufgrund behördlicher Auflagen oder elterlichen Drucks) anzustreben; deshalb sollte dieses Maß ggf. auch im Sinne eines Erfolgskriteriums analysiert werden.
    o Das ITT-Vorgehen ist aus zweierlei Gründen für Psychotherapiestudien eher selten: erstens verschlingt es deutlich mehr Forschungs-Ressourcen, auch alle Abbrecher nachzuuntersuchen und in die Analysen mit einzubeziehen - und andererseits fallen damit die Erfolgsquoten zwar realistischer, aber auch deutlich unvorteilhafter aus.
    9. Katamnese, Follow-up
    o Gerade im Drogenbereich, in dem es neben dem Stopp des Substanzkonsums in hohem Maße auch um die Rückfallprophylaxe geht, sind Katamnesen (möglichst 6 oder 12 Monate) unerlässlich.
    o Da es ggf. unethisch oder unpraktikabel ist, eine Kontrollgruppe gar nicht zu behandeln oder eine Wartegruppe 12 Monate warten zu lassen, kann die Katamnese bisweilen nur für die Treatmentgruppe durchgeführt werden.
    o Je länger der Katamnesezeitraum, desto höher die Gefahr der Verzerrung der Ergebnisse durch externe Einflüsse, die nicht mit der Therapie zusammenhängen und die u.U. auch nicht durch die eingangs durchgeführte Randomisierung über die verschiedenen Versuchsgruppen vollständig konstant gehalten werden können.
    10. CONSORT-Statement
    o Da einer der wichtigsten Forschungs-Standards darin besteht, dass die Studienergebnisse vor dem Hintergrund von Studiendesign und Studiendurchführung transparent und intersubjektiv nachvollziehbar berichtet werden müssen, existiert ein verbindlicher Leitfaden gemeinsamer Standards für die Beschreibung von Studien (Consolidated Standards of Reporting Trials, CONSORT Statement).
    o Da empirische Evidenz gezeigt hat, dass das Nicht-Berichten von Information mit verzerrten Schätzungen des Behandlungseffektes verbunden ist, existiert eine Checkliste mit 22 Punkten, über die die Studienautoren verbindlich berichten müssen (Abbildung 2). Besonders wichtig ist hier etwa die genaue Dokumentation aller einbezogenen Fälle (einschließlich Abbrecher und nicht auswertbare Fälle zu verschiedenen Zeitpunkten! Vgl. Flussdiagramm in Abbildung 3).
    o Diese Standardisierung der Ergebnisdarstellung dient nicht zuletzt auch dazu, die Ergebnisse mehrerer Studien zu einem ähnlichen Untersuchungsgegenstand vergleichbar und aggregierbar (z. B. in Meta-Analysen) zu machen.
    o Zusätzlicher Aspekt zum Thema »Leitlinien der Interventionsforschung«: Die Registrierung einer Therapiestudie vor ihrem Beginn ist unter anderem deswegen mittlerweile verpflichtend, da verhindert werden soll, dass eine Reihe von Studien zum gleichen Verfahren durchgeführt wird, solange, bis in einer Studie signifikante Ergebnisse ermittelt werden (und die nicht-signifikanten Studien in den Papierkorb wandern).
    11. »Allegiance«
    o Ausgangsproblem: Beachtet man die Varianz, die durch die Identifikation der Forschergruppe mit dem jeweils untersuchten Verfahren aufklärt wird, so könnte man zu dem Schluss kommen, dass ein (hinreichend umgrenztes) Verfahren lediglich von seinen eigenen Anhängern beforscht werden muss - es wird schon etwas Signifikantes dabei herauskommen. Oder, anders ausgedrückt: Was ist das Ergebnis einer Wirksamkeitsstudie wert, wenn es mit hoher Sicherheit bereits aus den Präferenzen der Untersucher vorausgesagt werden kann?
    o Die Ergebnisse aus Therapiestudien sollten daher immer auch von Forschergruppen repliziert werden, die nicht an der Entwicklung der zu überprüfenden Intervention beteiligt waren, denn besonders starke Identifikation mit und eine außergewöhnliche Expertise in dem beforschten Ansatz können zu unrealistisch hohen (so genannten allegiance-) Effekten führen und damit in ihrer Generalisierbarkeit für den späteren Einsatz im Behandlungsalltag eingeschränkt sein.
    o Eine gute Kontrolle von allegiance-Effekten bietet die Mulicenter-Studie, wie sie z. B. beispielhaft in derjenigen von Barlow et al. (Abschnitt 30.2.4) realisiert wurde.
    o Beispiel Drogenbereich: Möglicherweise könnte eine Therapie, die nicht totale Abstinenz, sondern ein verbessertes Management des Konsums anstrebt (z. B. Methadon plus begleitende psychotherapeutische Maßnahmen, oder »kontrollierter Konsum«), von solchen Behandlern schlechter umgesetzt werden, die einer anderen Behandlungsphilosophie (?Kontrollierter Konsum ist bei Süchtigen unmöglich!?) als das ursprüngliche Studienteam anhängen.
    12. Identifikation von Wirkfaktoren
    o Begleitend sollten in Wirksamkeitsstudien nach Möglichkeit zur Erfassung potenzieller Wirkfaktoren zusätzlich eine Prozess-Outcome-Forschung durchgeführt, d. h. nach möglichen Ursachen für die gefundenen Ergebnissen gesucht werden.
    o Entsprechende Forschungsdesigns könnten zum Beispiel zusätzliche aktive Interventionsbedingungen mit mehr oder weniger potenziell wirkenden Elementen enthalten (z. B. dismanteling design, component control design), um einzelne Komponenten hinsichtlich ihrer Wirksamkeit beurteilen zu können. Eine solche dismanteling-Strategie ist allerdings nur dann nützlich, wenn eher kurze, gut umschriebene und strikt manualisierte spezifische Behandlungsprozeduren untersucht werden; ihr Einsatz für die Erforschung umfassender Behandlungs-Pakete, die sich nicht einfach additiv aus einzelnen Behandlungsmodulen zusammensetzen, wäre eher problematisch.
    o Eine weitere Möglichkeit wäre, die Umsetzung allgemeiner Wirkfaktoren durch die jeweiligen Studientherapeuten zu messen, die Therapeuten dann dahingehend zu gruppieren und dies als Kontrollvariable bei der Interpretation der Ergebnisse einzubeziehen.
    o Optimal ist es, wenn Wirkfaktoren (einschließlich der Operationalisierung der Erfassung) bereits vorab spezifiziert werden. Beispiele aus Drogenbereich: a) Wenn man annimmt, dass das Wissen um die schädlichen Wirkungen einer Substanz zum Aufhören beiträgt, könnte man den Wissenszuwachs von Prä zu Post messen und auf Zusammenhänge zum Therapieerfolg untersuchen. b) Wenn man annimmt, dass Drogenkonsum Ausdruck mangelnder sozialer Kompetenzen ist, könnte man analog mit dem Zuwachs sozialer Kompetenzen im Zuge der Therapie verfahren. c) Wenn man die Hypothese hat, dass eine individualisierte Passung eines Therapieprogramms bei Drogenabhängigen eine notwendige Bedingung für Therapieerfolg ist, könnte man das Design hinsichtlich der Standardisierung variieren (vgl. »gekettete Kontrollgruppe« aus Abschnitt 30.4.2).
    o Differenzierende Zusatzanalysen zu Wirkfaktoren können natürlich nur bei entsprechender Teststärke angestellt werden, d. h. bei der Power-Analyse zur Bestimmung der Stichprobengröße muss neben den primären Outcome-Maßen auch an die entsprechende Wirkfaktoren-Suche gedacht werden.
  • Analog zur »Evidence Based Medicine« wurde in den 1990er Jahren ein Konzept der »Empirically Supported Treatments« (EST) für klinisch-psychologische Interventionen entwickelt. Damit sollte - störungsspezifisch - eine Liste »wissenschaftlich anerkannter Verfahren« erstellt werden. Stellen Sie Pro und Kontra dieses Ansatzes dar!

    Lösung

    Entsprechende Argumente sind in Abschnitt 30.3.2 versammelt, weswegen auf eine entsprechende Wiederholung hier verzichtet wird.
  • Eine Methode, die Vielzahl von Einzelergebnissen aus Studien zur Interventionsforschung zu integrieren, ist die Meta-Analyse.
    a) Nennen Sie die Gründe, die Meta-Analysen sinnvoll und vorteilhaft erscheinen lassen!
    b) Nennen Sie typische Probleme, mit denen Meta-Analysen zu kämpfen haben, einschließlich möglicher Lösungsansätze!

    Lösung

    Die Argumente des Kastens in Abschnitt 30.3.1 können anhand von Rosenthal und DiMatteo (2001) noch folgendermaßen erweitert bzw. differenziert werden:

    a) Vorteile der Meta-Analyse:
    • Betrachtung der Landschaft eines Forschungsunternehmens (Mehrdeutigkeit der Vielzahl an Forschungsergebnissen reduzieren, Schärfen des Blicks für Publikationslage, Kumulation von Erkenntnissen auch über verschiedene methodische Ansätze hinweg)
    • Förderung des Verständnisses von ?Signifikanz? (Signifikanz = Effektstärke x Studiengröße; die Akkumulierung mehrerer insignifikanter Ergebnisse u. U. bedeutungshaltiger als 1 signifikantes Ergebnis, z. B. ist 10 x p<0.1 aussagekräftiger als 5 x p<0.05)
    • Hilfreich gegen »Daten-Verschwendung« (Einbezug »grauer Literatur«, Integration von Studien mit niedriger Teststärke)
    • Sorgfältige Einarbeitung in die Datenlage (für Einschluss/Ausschluss und Auswertung erforderliche Präzision geht weit über das Studium von Abstracts und Discussions hinaus, schärft den Blick für die den Primärstudien zugrunde liegende Methodik)
    b) Probleme der Meta-Analyse:
    • Bias hinsichtlich Ein-/Ausschlusskriterien und Suchmethoden (einbezogene Studien nicht repräsentativ; Beispiele: »Schubladen-Problem«, unterschiedlicher Informationsgehalt zwischen Publikationen; Lösung: Replizierbarkeit herstellen durch transparentes Vorgehen)
    • »Garbage in and garbage out« (unterschiedliche Studienqualität; Lösung: Qualitäts-Gewichtung oder Sub-Analysen mit Studien der jeweils als gleich erachteten Qualität)
    • Überbewertung von Einzel-Befunden (Blick fürs Gesamte geht verloren, wenn Interaktionen übersehen werden)
    • Nicht-Unabhängigkeit von Effekten (Kombination von Effektstärken aus einer Studie oder von einer Forschergruppe; Lösung: mit entsprechenden Berechnungen kontrollierbar, vgl. Alpha-Adjustierung)
    • Kombination von »Apples and Oranges« (Kombination ähnlicher, aber dennoch definitiv unterschiedlicher Studien liefert evtl. irrelevante Befunde, kann aber auch bei geeigneter Fragestellung zu höherer Generalisierbarkeit führen; Beispiel: Aussagen zu »Flooding bei Agoraphobie« vs. »Psychotherapie bei Ängsten«)
    • Kombination nicht-vergleichbarer Effektstärken (gleicher Effekt bei unterschiedlichen Ausgangsvarianzen; Lösung: mit entsprechenden Berechnungstechniken kontrollierbar)
  • Viele Psychotherapiestudien, die ganz unterschiedliche Verfahren hinsichtlich Wirksamkeit und Effektivität geprüft haben, kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Heißt das, dass alle diese Verfahren gleich wirksam sind? Oder dass ihrer Wirksamkeit lediglich allgemeine unspezifische Faktoren zu Grunde liegen? Oder dass Psychotherapie im Grunde ein »Placebo« darstellt?

    Lösung

    • In der Tat erweist sich aus verschiedenen Gründen ein direkter Vergleich beispielsweise zwischen Verhaltenstherapie und Psychoanalyse in ein und derselben Studie als äußert schwer durchzuführen, u.a. weil externe Einflüsse insbesondere bei unterschiedlich langen Behandlungen (unterschiedliche Therapiedosis) nicht ohne weiteres über die untersuchten Gruppen hinweg konstant gehalten werden können.
    • Unter anderem deswegen ist die Frage noch unzureichend geklärt, warum über viele Studien hinweg die unterschiedlichsten Ansätze und therapeutischen Herangehensweisen in unterschiedlichsten Settings doch oft zu ähnlichen Ergebnissen kamen. Teils wird dies als Artefakt einer zu wenig differenzierten Methodik angesehen (unzureichende Operationalisierung von Wirkfaktoren oder -mechanismen, zu heterogene Patientenpopulationen, zu wenig Messzeitpunkte etc.), teils als Auswirkung allgemeiner »unspezifischer« Wirkfaktoren (wie der Therapiebeziehung), teils als Teststärkeproblem insbesondere dann, wenn man nicht ein Behandlungspaket insgesamt, sondern einzelne Komponenten testen möchte (weder Stichprobengröße noch Therapieeffekt können beliebig vergrößert werden). Auch der so genannte »allegiance«-Effekt (allegiance: Gefolgschaft, Untertanentreue) wirft entsprechende Fragen auf (s.o.).
    • Abschnitt 30.4.1 informiert über »Placebo-Effekte« und allgemeine Wirkfaktoren. Entscheidend für die Wirkung einer Behandlung ist beispielsweise, wie glaubwürdig im konkreten Einzelfall positive Erwartungen bezüglich des Therapieerfolgs hergestellt werden. Durch die Induktion positiver Erwartungen wird demnach ein sich selbst aufrechterhaltender Prozess in Gang gebracht (Zuversicht ? mehr Energie, an Dinge heranzugehen ? erste kleine Erfolgserlebnisse -> erhöhte Kooperationsbereitschaft und Engagement ? weitere Erfolge ? mehr Zuversicht etc.), der wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung schließlich dazu führt, dass beim Patienten irgendwann tatsächlich eine positive Änderung eingetreten ist.
    • Die wahrgenommene Kompetenz und Glaubwürdigkeit des Therapeuten zählt zu den empirisch gut abgesicherten Prozessmerkmalen, die einen positiven Einfluss auf das Therapieergebnis haben. Geht es also bei klinisch-psychologischen Interventionen nur um die Durchführung eines möglichst glaubwürdigen Rituals, und sollte man also eher von »Placebo-« als von »echten« Effekten sprechen? Grawe (1998, S. 26ff) problematisiert die Anwendung der Placebo-Begrifflichkeit auf psychotherapeutische Verfahren, da einerseits meist unklar bleibt, um was es sich bei der Placebo-Wirkung überhaupt handelt und andererseits, weil dadurch das Schulendenken im Rahmen von Therapietheorien älterer Generation gefördert wird. Einflüsse, die nicht in der speziellen Theorie der jeweiligen Therapieschule vorgesehen sind, werden zum Placebo oder zu unspezifischen Wirkfaktoren erklärt, wobei diese Begriffe etwas weniger wichtiges suggerieren - als »wirklich wichtige« Einflussfaktoren werden dagegen die spezifischen Wirkfaktoren der jeweiligen Therapietheorie postuliert. Warum sollte aber zum Beispiel der durch die Induktion positiver Veränderungserwartungen angestoßene positive Rückkopplungsprozess zu einem unspezifischen oder in irgendeiner Hinsicht zweitrangigen Wirkmechanismus erklärt werden, wenn er zu so bedeutsamen Verbesserungen führt, wie es den Anschein hat?
    • Fazit: Dass alle Therapieformen vor allem unspezifisch wirken und letztlich äquivalent seien, muss aus heutiger Sicht bestritten werden, insbesondere angesichts der so genannten störungsspezifischen Perspektive, der Wirkfaktoren-Forschung, sowie aufgrund der zunehmenden Nutzung und Weiterentwicklung psychologischer Grundlagenforschung. Dennoch ist die Existenz allgemeiner Wirkfaktoren, die prinzipiell in verschiedensten Interventionen zum Einsatz kommen können, nicht zu bestreiten.
  • Auf welche Informationsquellen stützt sich die Diagnostik psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter?

    Lösung

    Der diagnostische Prozess stützt sich auf unterschiedliche Informationsquellen (z. B. Angaben des Kindes und der Eltern oder Dritter wie KindergärtnerIn oder LehrerIn) und Erhebungsmodalitäten (z. B. Interviews, Spielverhalten oder Papier-und-Bleistift-Tests) und kann in die drei Phasen (1) vor dem Erstgespräch, (2) Erstgespräch, und (3) nach dem Erstgespräch, therapiebegleitend, gegliedert werden.
    Neben Fragebogen- und Interviewverfahren kommt der Verhaltensbeobachtung besonderer Stellenwert zu: So ergeben sich aus dem Spiel des Kindes möglicherweise Hinweise auf das Alltags- und Beziehungserleben, Ängste, Wünsche und Bewältigungsstrategien, verdeutlicht durch die Wahl von Spielfiguren und Materialien.
  • Welche Faktoren werden mit der Entwicklung von depressiven Störungen im Kindes- und Jugendalter in Verbindung gebracht?

    Lösung

    Im Sinne eines bio-psycho-sozialen Modells werden Faktoren auf 3 Ebenen diskutiert:
    • Zu den biologischen Faktoren zählen
    o neurochemische Prozesse (z. B. Dysregulationen in der Aktivität von Transmittersystemen)
    o Störungen in der Aktivität der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse mit ihren Botenstoffen Corticotropin Releasing Hormone (CRH), adrenocorticotropes Hormon (ACTH) und Cortisol)
    o neuroanatomische Veränderungen (z. B. im limbischen System, Präfrontalen Cortex)
    o Familiale und genetische Einflussgrößen
    • Zu den Kognitiv-behavioralen Faktoren zählen
    o Maladaptive Denkmuster ähnlich wie bei Erwachsenen (kognitive Trias)
    o niedriges Selbstwertgefühl
    o negative automatische Gedanken
    o dysfunktionale Einstellungen
    o kognitive Verzerrungen
    o fehlende Selbstwirksamkeitserwartungen
    o negative Attributionsstile
    • Zu den Interpersonalen Faktoren zählen
    o das familiäre Umfeld
    o Bindungsentwicklung
    o wahrgenommene Zurückweisung von Gleichaltrigen und Lehrern
    o wichtig ist hierbei dass interpersonale Probleme der Depression vorausgehen können, und/oder auch Folge einer Depressiven Erkrankung sein mögen
  • Stellen Sie die verschiedenen Formen der Störungen des Sozialverhaltens vergleichend nebeneinander.

    Lösung

    Zu den Störungen des Sozialverhaltens gehören:
    • Auf den familiären Rahmen beschränkte Störung des Sozialverhaltens
    • Störungen des Sozialverhaltens bei fehlenden sozialen Bindungen - Störungen des Sozialverhaltens bei vorhandenen sozialen Bindungen
    • Störungen des Sozialverhaltens mit oppositionellem, aufsässigen Verhalten
    Allen Formen der Störungen des Sozialverhaltens gemeinsam sind wiederholt auftretende Ausgeprägte Verletzungen der sozialen Regeln und Normen, wie z. B. ein extremes Maß an Streiten oder Tyrannisieren, ungewöhnlich häufige oder schwere Wutausbrüche und Ungehorsam, Grausamkeit gegenüber Menschen oder Tieren, aber auch Beschädigungen von Eigentum, Brandstiftung, Stehlen, Lügen bis hin zu Schulabsentismus oder dem Weglaufen von Zuhause. Die einzelnen Formen unterscheiden sich dahingehend, in welchem Kontext derartige Verhaltensweisen (nicht) gezeigt werden.
    Auf den familiären Rahmen beschränkte Störung des Sozialverhaltens: Verhaltensstörung (fast) nur auf den häuslichen Rahmen, Interaktionen mit Mitgliedern der Kernfamilie oder unmittelbaren Lebensgemeinschaft beschränkt Störungen des Sozialverhaltens bei fehlenden sozialen Bindungen: Verhaltensstörung mit einer deutlichen und tiefgreifenden Beeinträchtigung der Beziehungen des Betroffenen zu anderen Kindern und Jugendlichen Störungen des Sozialverhaltens bei vorhandenen sozialen Bindungen: Verhaltensstörung tritt bei Kindern auf, die allgemein gut in ihrer Altersgruppe eingebunden sind Störungen des Sozialverhaltens mit oppositionellem, aufsässigen Verhalten Gewöhnlich bei jüngeren Kindern, Verhaltensstörung ohne delinquente Handlungen oder schwere Formen aggressiven oder dissozialen Verhaltens
  • Wie kann exzessives Schreien im Gegensatz zum normalen Schreien im Säuglingsalter unterschieden werden. Beschreiben sie die Symptomatik dieser Regulationsstörung. Welches sind die häufigsten psychischen Begleitstörungen?

    Lösung

    Exzessiven Schreien ist gekennzeichnet durch anfallsartiges Schreien ohne erkennbaren Grund, das nicht durch angemessene Zuwendung beruhigt werden kann.
    In Ermangelung expliziter diagnostischer Kriterien gilt ein Kind dann als auffällig (»Schreibaby, Schreikind«), wenn es um die 6. Lebenswoche herum
    • eine durchschnittliche Dauer des Schreiens und der Unruhe von mehr als drei Stunden am Tag zeigt,
    • an drei oder mehr Tagen der Woche und
    • über einen Zeitraum von drei Wochen und länger.
    Häufige Begleitsymptome sind ein geblähter Bauch, ein wechselseitiges Beinanziehen oder -Überstreckung, andauernde motorische Unruhe, erhöhte Schreckhaftigkeit, Hyperreaktivität und Irritierbarkeit, häufiges Quengeln sowie die Ablehnung von horizontaler Rücken- oder Bauchlagerung. Über den Tagesverlauf steigert sich bei diesen Säuglingen die Übermüdung und Überreiztheit häufig, dennoch können sie tagsüber nur selten erholsamen Schlaf finden und sind insgesamt nicht in der Lage, sich selbst zu beruhigen.
  • Was sind die Symptomkriterien der ADHS?

    Lösung

    1. Aufmerksamkeitsstörungen: vorzeitiges Abbrechen von fremdbestimmten Aufgaben, hohe Ablenkbarkeit und Nichtbeenden einer Tätigkeit
    2. Impulsivität auf kognitiver, emotionaler und motivationaler Ebene, z. B. wechselnde Ideen, rasche Stimmungswechsel, rascher Wechsel von Handlungen.
    3. Hyperaktivität: mangelhafte regulierte, überschießende motorische Aktivität und Ruhelosigkeit.
  • Wie sind die Prävalenzraten der ADHS und wie verändert sich das Erscheinungsbild im Verlauf?

    Lösung

    • 3-5% bei Kindern im Schulalter
    • Bei Verwendung von ICD-10 Kriterien sinkt die Prävalenz auf ca. 2%
    • Im Erwachsenenalter noch ungenaue Schätzungen; die Persistenz von ADHS-Symptomen im Erwachsenenalter wird zwischen 30-70% angegeben.
    Besonderheiten in allen Entwicklungsphasen
    • Säugling und Kleinkind: Schlaf- und Essprobleme
    • Kindergarten und Vorschule: motorische Unruhe, ziellose Aktivitäten, geringe Spielintensität und -ausdauer, Trotzverhalten
    • Grundschule: Unruhe und Ablenkbarkeit im Unterricht, Lernschwächen, oppositionelles Verhalten
    • Spätadoleszenz: Abschwächen der Symptome, ein Drittel behält Symptome bis ins Erwachsenenalter, motorische Unruhe tritt in Hintergrund, dagegen eher oppositionelles Verhalten, Autonomiebestrebungen und Impulsivität im Vordergrund
    • Erwachsenenalter: innere Ruhelosigkeit, Entspannung fällt schwer, eher Wahrnehmung der eigenen Unaufmerksamkeit und Organisationsdefizite
  • Beschreiben Sie Barkleys Konzeption zur Erklärung der ADHS!

    Lösung

    Barkleys neuropsychologische Konzeption der ADHS wird als wichtigste Konzeption angesehen. Sie sieht ADHS als Folge unzureichende Verhaltenshemmung (Inhibition) an. Diese fehlende Hemmung ist in der Störung exekutiver Funktionen (Arbeitsgedächtnis, Selbstregulation von Affekt, Motivation und Aufmerksamkeit, Verinnerlichung der Sprache zur Handlungsregulation, planerisches und problemlösendes Denken) nachweisbar. Die unzureichende Inhibition und die Störung der exekutiven Funktionen wirken sich auf das sichtbare Verhalten aus (z. B. verringerte motorische Kontrolle). Barkley bezieht sich allerdings lediglich auf den ADHS-Mischtyp und schließt den unaufmerksamen Typ aus.
  • Welche kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ansätze werden bei ADHS verwandt?

    Lösung

    Selbstinstruktionstraining
    • Anregung von Verhaltensreflexion
    • Lernen des schrittweisen Vorgehens bei der Lösung einer Aufgabe
    Selbstmanagementtraining
    • Gezielte Verhaltensänderung
    • Anregung zur Selbstbeobachtung, um in kritischen Situationen angemessenes Verhalten zeigen zu können
    • Selbstbelohnung nach erfolgreicher Bewältigung
    Kombination der beiden Ansätze zur Therapie wichtig
    Selbstinstruktionstraining und Selbstmanagementtraining sind die hinsichtlich der Effektivität am besten untersuchten Ansätze in der kognitiven Verhaltenstherapie. Hinsichtlich der Wirksamkeit von Stressbewältigungsprogrammen liegen erst wenige Studien vor, auch in Hinblick auf das auf dem Wirkmechanismus des Biofeedback beruhende Neurofeedback liegen nur einige erste Wirksamkeitsstudien vor.
  • Was sind Inhalte eines familienorientierten Behandlungsansatzes bei ADHS?

    Lösung

    Nach erfolgter Psychoedukation und Erarbeitung von Behandlungszielen geht es bei familienorientierten Behandlungsansätzen um die Förderung einer positiven Eltern-Kind-Beziehung. Konkret wird hierzu in einer fest vereinbarten Spielzeit das Kind gezielt verstärkt. Bei Befolgung von elterlichen Aufforderungen erfolgt gleichfalls eine vereinbarte operante Verstärkung, z. B. im Rahmen eines Token-Programms. Um dieses Konzept umzusetzen müssen mit den Eltern im Sinne einer Unterbrechung der negativ-kontrollierenden Teufelskreise eine Reihe von Schritten eingeübt werden: Herstellen der Aufnahmebereitschaft des Kindes, Umsetzen der Aufforderung durch das Kind, systematische Verstärkung und ggf. Modifikation der Aufforderung. Hierzu wird eine problemlöseorientierte Kommunikation sowie ein Reiz- bzw. Kontingenzmanagement mit den Eltern in Rollenspielen eingeübt (effektive Aufforderung, wirkungsvolle Kontrolle, Verstärkung und konstruktive Bestrafung).
  • Worin unterscheidet sich die störungsspezifische Betrachtung von der substanzspezifischen?

    Lösung

    Störungsspezifische Betrachtung: Betonung der gemeinsamen Merkmale des Substanzkonsums
    • psychische und körperliche Abhängigkeit bzw. Formen des schädlichen Gebrauchs
    • langfristige negative Auswirkungen (psychisch, somatisch, sozial)
    • Entzugserscheinungen
    • geringe Bereitschaft zur Einschränkung bzw. Aufgabe des Konsums und zur Behandlung
    • Rückfall
    Substanzspezifische Betrachtung: Betonung der Unterschiede zwischen Konsumenten unterschiedlicher Substanzen (z. B. Heroin- und Alkoholkonsumenten)
    • unterschiedliche Entwicklung und Ausprägung
    • sozioökonomische Unterschiede
    • Verhaltensunterschiede
    • unterschiedliche Behandlungsprognose
  • Wie hat sich die Problemsicht des Substanzkonsums im Laufe der Jahrhunderte bis heute entwickelt?

    Lösung

    • traditionell: Rauschmittel oder Rauschdrogen bei fast bei allen Naturvölkern
    • im Mittelalter:
    o selbstverständlicher alltäglicher Rausch durch Bier und Wein
    o dauerhafte Schädigungen durch Alkoholkonsum als Gottesstrafe
    o moralisches Modell: Verantwortung für die Entwicklung der Erkrankung beim Trinker (haltlose Persönlichkeit,)
    o einzige Lösung: absolute Abstinenz
    • Beginn des 16. Jahrhunderts:
    o Ideal der individuellen Selbstbeherrschung und Kontrolle der eigenen Gefühle
    o Rausch als Ausdruck fehlender Eigenkontrolle
    • erste Hälfte des 20. Jahrhunderts:
    o medizinisches Modell: nur wenige Personen entwickeln eine Erkrankung; ohne moralische Verantwortung
    • Moderne Konzepte:
    o biopsychosoziales Modell: Schutz- und Risikofaktoren beeinflussen die Wahrscheinlichkeit einer Störungsentwicklung
    o Neukonzeption der Klassifikationssysteme DSM und ICD:
    ? Beschreibung der substanzbezogenen Störungen auf der deskriptiven und beobachtbaren Ebene als Gruppen (Syndrome) von spezifischen Symptomen
    ? keine ätiologischen Modelle, da zu wenig konsensfähig
    o Einflussnahme von Politik und Gesellschaft auf Verfügbarkeit und Behandlung
    ? Rechtliche Einordnung der Substanzen
    ? Eingriffe in die Verfügbarkeit
    ? Art und Ausmaß der Strafbewehrung
    ? Eingriffe in die Behandlung
  • Wie wird Substanzkonsum heute klassifiziert und diagnostiziert?

    Lösung

    Störungen im Zusammenhang mit psychotropen Substanzen nach DSM-IV-TR (American Psychiatric Association, 2003); alternativ ICD-10
    • Störungen durch Substanzkonsum
    o Missbrauch (ICD-10: schädlicher Gebrauch)
    o Abhängigkeit
    o diagnostische Kriterien für alle Substanzen nahezu gleich
    • substanzinduzierte Störungen, z. B.:
    o Intoxikation
    o Entzug
    o spezifisch für jede Substanzklasse
    o auch toxische Substanzen
    • evtl. weitere Zusatzdiagnosen: Achsen des DSM-IV-TR:
    o Achse I: klinische Störungen (hier auch Substanzstörungen)
    o Achse II: Persönlichkeitsstörungen
    o Achse III: medizinische Krankheitsfaktoren
    o Achse IV: psychosoziale und umgebungsbedingte Probleme
    o Achse V: globale Beurteilung des Funktionsniveaus
    Diagnostische Instrumente zur substanzübergreifenden Diagnose
    • CIDI (»Composite International Diagnostic Interview«)
    • ASI (»Addiction Severity Index«)
    • PREDI (»Psychosoziales ressourcenorientiertes Diagnostiksystem«)
  • Welche Ansätze zur Erklärung der Entstehung der Drogenabhängigkeit kennen Sie und worin unterscheiden sich diese?

    Lösung

    Keine einheitliche Entwicklung für alle Abhängige - je nach Fragestellung sind unterschiedliche Ansätze nützlich - es werden drei Erklärungsansätze unterschieden:

    Strukturelle Ansätze
    • Geeignet für Überblick zu Entstehungsfaktoren (Risiko- und Schutzfaktoren) sowie als Grundlage für Kausalmodelle
    • Alle Faktoren lassen sich dem Dreiecksmodell Person - Droge - Umfeld zuordnen
    • Beispiele:
    o Person (genetische Faktoren, komorbide Störungen, Persönlichkeitsfaktoren)
    o Droge (betroffene Neurotransmitter, kurz- und langfristige Wirkungen)
    o Umfeld (Verfügbarkeit, soziale Regeln, Substanzangebot im sozialen Nahraum)
    Funktionelle Ansätze
    • Wichtig für Grundverständnis von Sucht und Ableitung therapeutischer Interventionen
    • Grundgedanke: Konsum einer psychotropen Substanz ist auf verschiedenen Ebenen (neurobiologische, psychisch, sozial) und in verschiedenen zeitlichen Kontingenzen mit positiven und negativen Auswirkungen verbunden
    • Rückkopplungskreise führen automatisch und ohne bewusste Reflexion zu Steuerung und Kontrolle des Konsums (funktionales Rückkopplungsmodell der Substanzabhängigkeit; Küfner, 2000)
    • 3 Hauptmodelle: Modell mangelnder Verhaltenskontrolle, Modelle negativer Affektregulation, Modell einer Disposition zur Suchtentwicklung (Jacobs et al., 2001)
    Verlaufsansätze
    • Besonders wichtig bei Fragen der Prognose
    • Bedingungsfaktoren in verschiedenen Phasen (Erstkonsum, Gewöhnung, Abhängigkeit/Aufrechterhaltung)
    • Erstkonsum: z. B. sozialer Einfluss (peer group)
    • Gewöhnung: neurobiologische, psychische und soziale Veränderungen durch Konsum
    • Abhängigkeit/Aufrechterhaltung: Entwicklung von »Teufelskreisen« (körperlicher Entzug, intrapsychische Entlastung durch Konsum, Probleme in sozialen Beziehungen)
  • Welche grundsätzlichen Probleme treten bei der Behandlung von Drogenabhängigen auf?

    Lösung

    • Ambivalente Motivation bezüglich Beginn der Therapie, aktive Mitwirkung und Erreichung der Therapieziele während der Behandlung, Vermeidung von Rückfällen • Hohes Rückfallrisiko durch verstärkte Wahrnehmung der individuellen Probleme und Schwierigkeiten, die erst durch Abstinenz offensichtlich werden
  • Welche therapeutischen Ziele werden bei der Behandlung Drogenabhängiger verfolgt?

    Lösung

    • Therapeutischen Kontakt aufbauen und halten
    • Basale gesundheitliche Situation verbessern, körperliche Störungen behandeln und Gesundheitsverhalten verbessern
    • Basale Lebensbedingungen verbessern
    • Kontrollierter risikoreduzierter Konsum von legalen Heroinersatzsubstanzen (Substitution), Selbstmanagement des Drogenkonsums
    • Änderungsbereitschaft für Abstinenzorientierung aufbauen
    • Selbstvertrauen in die eigene Änderungskompetenz (self-efficacy) fördern
    • Körperlicher Entzug
    • Rückfallkritische Situationen bewältigen
    • Lebenskompetenzen außerhalb der Drogenszene verbessern, Alltagsstrukturierung
    • Folgestörungen im sozialen Bereich abbauen, Entwicklung und Förderung psychischer und sozialer Kompetenzen
    • Neue Lebensplanung entwickeln, Aufbau sozialer Beziehungen, evtl. wert- und religionsorientierte Themen
    • Individuelle Ziele bei komorbiden Störungen
  • Welche therapeutischen Konzepte zur Behandlung Drogenabhängiger kennen Sie und worin unterscheiden sich diese?

    Lösung

    • Ansätze zur Überlebenshilfe (harm reduction): Reduktion der akuten Risiken
    • Soziotherapeutische Ansätze: Betonung der Gruppe/Gemeinschaft und Alltagsstruktur, wenig individuell
    • Psychotherapeutische Ansätze: individueller Ansatz bei Problemanalyse und Therapieplanung, Betonung motivationaler Aspekte zur Förderung der Änderungsbereitschaft
    • Pharmakologische Ansätze: insbesondere Substitution hochriskanter illegaler Substanzen
    • Selbsthilfeansätze: konfrontative Strukturen und langfristige Orientierung, Ziel ist Abstinenz und Distanz von Drogenszene
  • Worin liegt der Schwerpunkt der Intervention bei den einzelnen Substanzklassen?

    Lösung

    Cannabis
    • Bei abhängigen Konsumenten ist die Berücksichtigung von komorbiden Störungen bei der Interventionsplanung wichtig
    • Psychotherapeutische Behandlung: wirkungsvoll sind kognitiv-verhaltenstherapeutische und motivationsfördernde Gruppeninterventionen sowie Social-Support-Gruppen
    Kokain, Amphetamine, Ecstasy, Halluzinogene
    • Behandlung der psychischen Funktionsstörungen zur Erreichung einer autonomen, kompetenten und handlungsfähigen Lebensführung und Rückfallvermeidung
    • Behandlung körperlicher Begleit- und Folgeerkrankungen
    • Behandlung interaktioneller, psychosozialer und entwicklungsbedingter Störungen
    • Verhaltenstherapie zur Rückfallvermeidung und ?bewältigung, Stärkung der Selbstkontrollfunktion
    Opioide
    • Pharmakotherapie: Erleichterung des Entzugs, Abstinenzunterstützung mit Naltrexon
    • Psychotherapie: Motivational Interviewing, Patientenschulungen
  • Ist Alkohol gesund?

    Lösung

    Die Auswirkungen von Alkohol auf die Gesundheit müssen differenziert betrachtet werden: Nur bei Männern über 65 Jahren bzw. bei Frauen über 55 Jahren übersteigt das durch Alkohol verringerte Risiko für einen Herzinfarkt das alkoholbedingt erhöhte Risiko für andere Todesursachen. In allen anderen Altersgruppen erhöht der Konsum von Alkohol dagegen die Sterblichkeit. Auch wenn sich dadurch die gesundheitlichen Vor- und Nachteile von Alkohol hinsichtlich der Sterblichkeit über alle Altersgruppen insgesamt in etwa ausgleichen, erhöht ein Alkohol oberhalb der medizinisch empfohlenen Grenzwerte deutlich die Sterblichkeit und führt zu einem enormen Verlust an Lebensjahren. Präventionsstrategien sollten vorrangig darauf gerichtet sein, einen gesundheitlich riskanten Alkoholkonsum insbesondere unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu verhindern.
  • Warum ist die Diagnose »Schädlicher Gebrauch von Alkohol« nach ICD-10 in der klinischen Praxis wenig ergiebig?

    Lösung

    Im ICD-10 werden lediglich körperliche und psychische Folgeschäden durch Alkohol erfasst. Die in der klinischen Praxis häufig sehr bedeutsamen sozialen Folgen (z. B. Inhaftierung, Arbeitsplatzverlust oder Eheprobleme) stellen nach ICD-10 dagegen keine Kriterien für die Diagnose eines schädlichen Gebrauchs von Alkohol dar. Um alkoholgefährdete Personen im klinischen Alltag rechtzeitig diagnostizieren zu können, wird daher die Verwendung des DSM-IV empfohlen.
  • Was sind geeignete Screeningmöglichkeiten bei Alkoholproblemen?

    Lösung

    Am validesten hat sich der Einsatz von Kurzfragebogen erwiesen. Im deutschen Sprachraum sind der Lübecker Alkohholismus Screening Test (LAST) und der Münchner Alkohholismus Test (MALT) weit verbreitet (vgl. zusätzlich Tab. 34.1). Darüber hinaus geben diagnostische Interviews (CIDI, MATE) differenziert Informationen über Beginn, Verlauf und Schweregrad bei Alkoholproblemen. Labormarker (z. B. Leberwerte) können Ergebnisse von Screeningfragebogen untermauern. Sie weisen aber für sich allein genommen eine geringere Sensitivität und Spezifität als Kurzfragebogen auf. In sicherheitsrelevanten Bereichen (z. B. Straßenverkehr, Arbeitsplatz) stellt die stichprobenweise Durchführung von Atemalkoholkontrollen eine wirksame Screeningsmethode dar.
  • Wovon wird die subjektiv erlebte Alkoholwirkung beeinflusst?

    Lösung

    Im Vergleich zu anderen Drogen hat Alkohol eine eher langsame und unspezifische Wirkung. Die subjektiv erlebte Alkoholwirkung hängt daher nicht nur von der Trinkmenge ab, sondern wird wesentlich durch Lernerfahrungen und neurophysiologische Adaptionsprozesse des Individuums bestimmt. Entsprechend kann die gleiche Menge Alkohol je nach Situation, Zeit und Ort eine unterschiedliche Wirkung haben. Besonders einflussreich ist hierbei die Wirkungserwartung des Trinkenden: Personen, die irrtümlicher Weise annehmen, keinen Alkohol zu trinken, erleben subjektiv eine deutlich verringerte Alkoholwirkung. Dagegen verspüren Personen, die irrtümlicher Weise annehmen, echten Alkohol zu trinken, subjektiv auch eine tatsächliche Alkoholwirkung, selbst wenn sie in Wirklichkeit lediglich alkoholfreie Getränke getrunken haben.
  • Was versteht man unter einer gestörten Trinkkultur und welche Relevanz hat diese für die Entstehung und Behandlung von Alkoholproblemen?

    Lösung

    In einer gestörten Trinkkultur gibt es keine klaren und verbindlichen Regeln im Umgang mit Alkohol. Vielmehr sind auch schädliche und riskante Formens des Umgangs mit Alkohol weit verbreitet. Eine Alkoholabhängigkeit wird dagegen meist in extremer Form und als Problem von Randgruppen dargestellt. Dadurch werden entscheidende Schritte in Richtung einer Abhängigkeitsentwicklung vom Betroffenen selbst, aber auch seiner Umwelt, oft jahrelang nicht erkannt. Die erst spät, dann aber umso heftiger einsetzende Reaktion der Umwelt auf das Alkoholproblem eines Betroffenen ist nicht mehr dazu geeignet, den Betroffenen zu einem »normalen« Alkoholkonsum zurückzuführen, sondern hat meist nur heimliches Trinken oder andere Vermeidungsstrategien zur Folge, um der befürchteten Stigmatisierung als Alkoholiker zu entgehen. Durch das Behandlungssystem wird dadurch nur ein geringer Teil der Betroffenen erreicht. Die in Behandlung befindlichen Personen, weisen dann allerdings mehrheitlich schwere Formen einer langjährigen Alkoholabhängigkeit auf. Niederschwellige Behandlungsangebote fehlen weitgehend.
  • Welche Präventionsstrategien sind effektiv?

    Lösung

    Eine internationale Expertenkonsensstudie (Babor et al., 2005) ergab: • Maßnahmen zur Einschränkung der Verfügbarkeit und die Besteuerung von Alkohol sind hochwirksam
    • Gegenmaßnahmen zu Alkohol am Steuer sind hoch effektiv
    • Erziehungsprogramme und Konsumempfehlungen sind nur gering effektiv
    • Frühinterventionsstrategien haben höchstens mittlere Effekte, da nur Personen profitieren, die die entsprechenden Einrichtungen nutzen
    • Am effektivsten ist eine Kombination verschiedener Strategien
  • Welche Faktoren schränken die Übertragbarkeit von angloamerikanischen Studien zur Behandlungswirksamkeit bei Alkoholproblemen auf deutsche Verhältnisse ein?

    Lösung

    Die Studien zu spezifischen Interventionsformen aus dem angolamerikanischen Raum erfolgten in der Regel an Probanden mit vergleichsweise leichten Alkoholproblemen (sog. Problemdrinkers), während im deutschen Suchthilfesystem in der Regel Personen mit einer langjährigen Alkoholabhängigkeit behandelt werden. Außerdem handelt es sich in den internationalen Studien vorrangig um ambulante Kurzinterventionen, während in Deutschland stationäre Langzeitbehandlungen dominieren. Schließlich wird die Aussagekraft der Ergebnisse vieler Studien durch die teilweise hohen Dropoutraten und die kurzen Katamnesezeiträume von nur wenigen Wochen eingeschränkt.
  • Welches sind die wichtigsten Indikatoren für eine Tabak- bzw. Nikotinabhängigkeit?

    Lösung

    Es können Indikatoren für eine kategoriale Einteilung in abhängiges und nicht abhängiges Rauchen bzw. für die Bestimmung der Stärke der Tabak- oder Nikotinabhängigkeit unterschieden werden. Für eine kategoriale Klassifikation im Sinne diagnostischer Manuale (ICD-10, DSM-IV) müssen drei von sechs (ICD) bzw. sieben (DSM) Kriterien innerhalb von 12 Monaten zutreffen. Dabei werden das Auftreten von Entzugssymptomen, andauerndes Rauchen trotz schädlicher Konsequenzen, Toleranzentwickung sowie ein Kontrollverlust bezüglich des Konsums als wichtigste Indikatoren genannt. Die Stärke der Abhängigkeit wird am besten über frühmorgendlichen Zigarettenkonsum sowie die Anzahl der täglich gerauchten Zigaretten vorhergesagt.
  • Nennen Sie psychologische Konzepte zu Erwerb und Aufrechterhaltung des Rauchverhaltens!

    Lösung

    Von entscheidender Bedeutung für den Erwerb des Rauchens sind soziale Verstärkungen (positive Verstärkung) sowie das Lernen am Modell Gleichaltriger. Für die Aufrechterhaltung des Rauchens sorgen zentralnervös vermittelte positive (Lustempfinden, Glücksgefühl, Entspannung) und negative Verstärker (Reduzierung unangenehmer Gefühle, Entzugserscheinungen oder Angst; im Sinne einer unkontrollierten »Selbstmedikation«). Darüber hinaus wirken Prinzipien der klassischen Konditionierung.
  • Welche Phasen beinhaltet die Tabakentwöhnung?

    Lösung

    Multimodale Ansätze der Tabakentwöhnung beinhalten gewöhnlich die drei Phasen:
    1. Vorbereitung des Rauchstopps - Ziel: klare, ausgewogene Entscheidung zum Rauchstopp; Beispiele möglicher Interventionen: Motivierung zum Rauchstopp durch Selbstbeobachtung, Verhaltensanalyse, Auflistung der Vor- und Nachteile, Techniken der Motivierenden Gesprächsführung, Stärkung des Vertrauens in die Abstinenzfähigkeit
    2. Beendigung des Rauchens - Ziel: Abstinenz; Beispiele möglicher Interventionen: Festlegung eines Stopp-Tages oder Reduktionsmethode
    3. Stabilisierung des rauchfreien Lebens - Ziel: Stabilisierung der Abstinenz; Beispiele möglicher Interventionen: Etablierung einer neuen kognitiven Bewertung des (Nicht-)Rauchens, Förderung sozialer Unterstützung, Vertragsmanagement, Einüben von Alternativverhalten
  • Wie erklärt man die Gewichtszunahme nach einem Rauchstopp?

    Lösung

    Viele Raucher nehmen nach einem Rauchstopp an Gewicht zu, auch ohne dass sie mehr essen als zuvor. Dies kann durch Änderungen im Stoffwechsel erklärt werden, die mit der Beendigung des Rauchens eintreten. Darüber hinaus ist bekannt, dass Nikotin eine Appetit zügelnde Wirkung hat, die mit dem Rauchstopp wegfällt. Aus diesem Grund kann es zu gesteigertem Appetit, Hungergefühlen und daraus resultierenden vermehrtem Essen bis hin zu Heißhungerattacken kommen, die letztlich zu einer weiteren Gewichtszunahme führen.
  • Welches sind laut Metaanalysen die effektivsten Bausteine verhaltenstherapeutischer Interventionen zur Tabakentwöhnung?

    Lösung

    Zu den effektivsten Bausteinen verhaltenstherapeutischer Entwöhnungsangebote zählen die soziale Unterstützung außerhalb der Behandlung (geschätzte Abstinenzquote 16.2 %), das allgemeine Problemlösen (16.2 %) sowie aversive Methoden wie z. B. das schnelle Rauchen (bis zu 19.9 %). Darüber hinaus lässt sich festhalten:
    • Bereits das Screening des Rauchstatus kann die darauf folgenden Erfolgsraten verdoppeln
    • Als am wirksamsten, allerdings in relativ wenig Studien nachgewiesen, erwiesen sich pharmakologische Behandlungsformen mit Buproprion oder Nikotinersatztherapie
    • Beratungen >10 Minuten weisen Erfolgsraten von 22% im Vergleich zur Kontrollgruppe auf
    • Je intensiver eine Beratung, umso größer ist ihre Effektivität
  • Wo wird aktuell pathologisches Glücksspielen nosologisch eingeordnet und wie unterscheiden sich ICD-10 und DSM-IV in den diagnostischen Kriterien?

    Lösung

    Aktuell wird pathologisches Glücksspielen, sowohl im ICD-10 als auch im DSM-IV, als Störung der Impulskontrolle klassifiziert. In beiden Diagnosesystemen wird demnach Pathologisches Glücksspielen als ein permanentes Fehlen oder Versagen der Unterdrückung des Impulses Glücksspiele zu spielen gesehen, was ausgeführt wird, obwohl das Verhalten für die Person oder andere schädlich ist. Die diagnostischen Kriterien des ICD-10 fokussieren dabei auf die negativen Folgen, die durch das Glücksspielen entstehen wie Verarmung oder gestörte soziale Beziehungen. Die Kriterien des DSM-IV sind präziser und beziehen zusätzlich psychopathologische Veränderungen auf kognitiver (z. B. häufig an Glücksspielen oder Geldbeschaffung denken) und emotionaler Ebene (z. B. Gereiztheit bei ausbleibendem Glücksspielen) sowie die gestörte Funktionalität des Glücksspielens (z. B. Spielen als Flucht aus stressigen Situationen) mit ein.
  • Welche Risikofaktoren bzw. Korrelate stehen mit pathologischem Glücksspielen im Zusammenhang?

    Lösung

    Die Risikofaktoren und Korrelate im Zusammenhang mit pathologischem Glückspielen können zur besseren Übersicht drei Bereichen zugeordnet werden: Der Person des Spielers, dem Glücksspiel und dem sozialen Umfeld.
    Person des Glücksspielers:
    • Soziodemographische Merkmale (Alter, Geschlecht, sozioökonomischer Status, Angehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit)
    • Persönlichkeit im Selbstbericht (Impulsivität, Sensation Seeking)
    • Veränderungen im Neurotransmittersystem (geringe Spezifität der Befunde)
    • Neurobiologische Veränderungen (Belohnungs- bzw. Bestrafungssensitivität, kognitiven Kontrollfunktionen)
    Charakteristika des Glücksspiels:
    • Spielmerkmale (z. B. Ereignisfrequenz, Fastgewinne, Involvierung des Spielers durch Tasten sowie Licht- und Soundeffekte)
    • Aufstellungs- und Zugangsmerkmale (z. B. Ort, Jugendschutz)
    Soziales Umfeld:
    • Einstellung der Gesellschaft zum Glücksspiel
    • Spielumgebung (Casino vs. Kneipe)
    • Familie und Freunde (Modelllernen)
    Insgesamt spielen bei der geringen Prävalenz von pathologischem Glücksspielen innerhalb der spielenden Bevölkerung personenbezogene Faktoren wahrscheinlich die wichtigste Rolle.
  • Welche lerntheoretischen Mechanismen tragen zum exzessiven Ausarten des Glücksspielens bei?

    Lösung

    Bei der Entstehung und Aufrechterhaltung des Pathologischen Glücksspielens tragen sowohl Modellernen als auch Mechanismen des klassischen und operanten Konditionierens bei. Besonders die ersten Glücksspiele können durch Modelllernen ausgelöst werden. Die klassische und operante Konditionierung spielen vermehrt bei der Aufrechterhaltung des Verhaltens und dem Misslingen von Aufhörversuchen eine Rolle.
    Der wichtigste Prozess der klassischen Konditionierung ist die Koppelung der biochemischen Veränderungen im Gehirn an vorher neutrale Reize, wie z. B. der Anblick des Wettscheins. Nach erfolgter Koppelung bzw. Automatisierung ist der neutrale Reiz selbst der Auslöser für Spielverlangen (bei Koppelung an positive Reaktionen) bzw. konditionierte Entzugserscheinungen (bei Koppelung an negative Reaktionen) und damit zum wiederholten Glücksspielen.
    Die operante Konditionierung erfolgt während des gesamten Prozesses der Entstehung und Aufrechterhaltung des Glücksspielverhaltens. Z. B. berichten viele Pathologische Glücksspieler einen unerwarteten Großgewinn am Anfang ihrer Spielerkarriere, der als positive Verstärkung wirkt und damit zum Weiterspielen führt. Die positive Verstärkung von kognitiven Fehlannahmen (»Nach einer Serie von Verlusten muss ein Gewinn folgen. « durch ein zufälliges Eintreten des Geglaubten scheint ebenfalls das Glücksspielverhalten zu fördern. Auch die Ablenkung von negativen Stimmungen ist ein Grund für viele Glücksspieler zu spielen, was als negative Verstärkung das Verhalten fördert. Über die Zeit kann dabei die unangenehme Stimmung zu einem diskriminativen Stimulus dafür werden, erneut zu spielen.
  • Was sind therapeutische Strategien bei der Behandlung von pathologischem Glücksspielen?

    Lösung

    Am Anfang der Therapie steht meist die Motivierung des Patienten im Vordergrund, da viele pathologische Glücksspieler nicht aus eigenem Antrieb sondern durch gerichtliche Auflagen oder auf Wunsch des Partners oder der Familie zu einer Behandlung kommen. Motivierende Gesprächsführung wäre eine mögliche Strategie in diesem Fall. Aus den kognitionstheoretischen Modellen geht hervor, dass kognitive Verzerrungen und Fehlannahmen eine wichtige Rolle in der Aufrechterhaltung der Störung spielen. Daher ist das Aufdeckens und die Umstrukturierung dieser kognitiven Verzerrungen durch entsprechende kognitive Verfahren eine weitere wichtige Strategie. Die aus den lerntheoretischen Modellen abgeleiteten Strategien konzentrieren sich auf das Durchbrechen des hochautomatisierten Verhaltens. Dazu gehören Reizkonfrontationsmethoden in sensu und in vivo sowie Stimuluskontrolle. Ein zentraler Problembereich der pathologischen Glücksspieler sind häufig finanzielle und rechtliche Notlagen. Daher ist eine enge Zusammenarbeit mit Experten im Bereich Geld- und Schuldnerberatung sowie Rechtsberatung angebracht. Zusätzliche Problembereiche des Patienten wie komorbide Störungen, soziale Konflikte oder mangelnde Problemlöse- und Konfliktbewältigungsstrategien sollten individuell ergänzend mit bearbeitet werden. Eine der bedeutsamsten Strategien in der Behandlung der Glücksspieler ist die Rückfallprophylaxe. Schon während der Therapie sollten Hochrisikosituationen und die Vermeidung von Rückfällen aber auch der Umgang mit Rückfällen besprochen werden.
  • Welche Behandlungsmöglichkeiten für pathologisches Glücksspielen bestehen in Deutschland?

    Lösung

    In Deutschland gibt es verschiedene Möglichkeiten für die Behandlung von pathologischen Glücksspielern. Der erste Weg führt meist zu ambulanten Beratungs- und Behandlungsstellen oder Selbsthilfegruppen. Wenn eine Behandlung notwendig ist und der Klient dazu motiviert werden kann, erfolgt diese entweder ambulant im Rahmen der Beratungs- und Behandlungseinrichtung oder durch eine Weiterleitung in eine ambulante oder stationäre Rehabilitationseinrichtung. Einige Patienten werden auch von niedergelassenen Psychotherapeuten behandelt.
  • Was hat Eugen Bleuler zum Verständnis des Störungsbildes »Schizophrenie« beigetragen?

    Lösung

    Bleuler sprach von »der Gruppe der Schizophrenien« und hat somit grundlegend zum Ausdruck gebracht, dass es sich nicht um ein einzelnes homogenes Krankheitsbild, sondern um eine Gruppe von Krankheiten mit Kernsymptomen handelt. Ihre von Bleuler vorgenommene Beschreibung hat auch im heutigen Klassifikationssystem (DSM-IV) noch Gültigkeit. Durch die Ablösung des von Kraepelin geprägten Begriffs der »Dementia Praecox« (»vorzeitige Verblödung«) hat er zudem wesentlich zur Entstigmatisierung beigetragen.
  • Welche unterschiedlichen Einteilungen der Symptomatologie Schizophrener gibt es?

    Lösung

    Die Symptome lassen sich im Wesentlichen in positive und negative Symptome unterteilen. Positive Symptome sind durch ein pathologisches exzessives Niveau an sich normaler psychischer Funktionen gekennzeichnet (z. B. Halluzinationen), wohingegen negative Symptome eine pathologisch ausgeprägte Reduktion psychischer Funktionen sind (z. B. Affektverflachung). Beide Symptomarten können zu jedem Zeitpunkt der Erkrankung in mehr oder weniger starkem Ausmaß gleichzeitig vorhanden sein. Jedoch grenzt man die so genannte akute Phase mit ihren überwiegend positiven Symptomen von der Residualphase ab, die hauptsächlich durch eine Negativsymptomatik gekennzeichnet ist.
  • Welche Familienuntersuchungen liefern Hinweise auf biologische und welche auf psychosoziale Faktoren?

    Lösung

    Hinweise auf biologische Faktoren, d. h. einer genetischen Beteiligung, können Zwillingsstudien liefern, bei denen man die Konkordanzraten von ein- und zweieiigen Zwillingen miteinander vergleicht. High-Risk-Studien untersuchen darüber hinaus das Zusammenwirken genetischer Disposition und Umweltfaktoren. Die Wirkung psychosozialer Faktoren ist Gegenstand von Adoptivstudien, die eine exakte Anlage-Umwelt-Abgrenzung ermöglichen (genetisch verwandte Individuen in unterschiedlichen Lebenskontexten bzw. genetisch nicht verwandte Personen, die den gleichen familiären und umweltbedingten Erfahrungshintergrund haben).
  • Kann man die Ätiologie der Schizophrenie durch psycho- und neurophysiologische Auffälligkeiten erklären?

    Lösung

    Schizophreniepatienten zeigen deutliche psychophysiologische Auffälligkeiten, wie z. B. eine verringerte P50-Amplitude des akustisch evozierten Potentials (geringerer Supressionseffekt als bei gesunden Personen), verringerte Habituationsraten bei Schreckreizen (verminderte Präpulsinhibition). Ebenso treten Störungen des Arbeitsgedächtnisses auf, was neurophysiologisch mitunter auf geringere Volumina und Zelldichte im Frontallappen bei Schizophreniepatienten zurückgeführt werden kann. Eine weitere hirnanatomische Anomalie sind vergrößerte Ventrikel bzw. die bei Schizophreniepatienten um 30-50% erhöhte »Ventricel-Brain-Ratio (VBR)«.
  • Mit welchen medikamentösen und/oder psychotherapeutischen Methoden kann man welche schizophrenen Störungen behandeln?

    Lösung

    Als Basis der medikamentösen Akutbehandlung und Rückfallprophylaxe werden Neuroleptika eingesetzt, mit deren Hilfe man die autonome Hypererregung dämpft. Hochpotente Neuroleptika haben eine antipsychotische Wirkung bei geringer Sedation und eignen sich somit bei Wahnsymptomen. Umgekehrt werden niederpotente Neuroleptika verwendet, wenn eine starke Sedierung bei geringer antipsychotischer Wirkung erwünscht ist. Bei der Auswahl von Neuroleptika muss immer das Risiko von Nebeneffekten (z. B. Bewegungsstörungen, vegetative Störungen) berücksichtigt werden.
    Nach wie vor, wenn auch unter sehr enger Indikation, wird bei Patienten mit einer schweren Katatonie oder mit äußerst schwerer akuter Positivsymptomatik die Elektrokrampftherapie (EKT) eingesetzt. Voraussetzung hierfür ist u.a. die ausbleibende positive Wirkung auch hoher Dosen von Neuroleptika in einer angemessenen Zeit, und die Einbettung der EKT in medikamentöse psychotherapeutische Behandlungsstrategien zur Erhaltung der erreichten Besserung.
    Außerhalb von Akutphasen ist der Einsatz verhaltenstherapeutischer Interventionen möglich, z. B. das Psychoedukative Training für schizophrene Patienten (PTS; Kieserg & Hornung, 1995) oder das Integrierte psychologische Therapieprogramm (IPT; Roder; Brenner, Kienzle & Hodel, 1988). Sie haben neben der Rückfallprophylaxe und Erhöhung der pharmakotherapeutischen Compliance vor allen Dingen zum Ziel, die kognitiven, kommunikativen und sozialen Fertigkeiten der Patienten zu verbessern sowie Wissen über die Krankheit zu vermitteln (Psychoedukation). Daneben kommen Familieninterventionen in Frage, deren Hauptziel die Veränderung einer emotional belastenden Familieninteraktion ist, aber auch die Entlastung der Familie durch Vermittlung von Störungswissen und Fertigkeiten zum Problemlösen und zur Krisenintervention.
  • Grenzen Sie emotionale Zustände wie Glück und Freude, die beispielhaft für eine gehobene Stimmungslage sein können, von einer Manie ab!

    Lösung

    Die meisten Menschen kennen Momente des Glücks, Freude oder Stolzes usf. Wer frisch verliebt ist, glaubt Berge versetzen zu können, gibt vielleicht unbedarfter Geld aus oder tut sonst Dinge, die nicht von ihm erwartet werden. Ähnlich kennen viele das Gefühl des Genervtseins, an Tagen, an denen selbst Kleinigkeiten aufregen.
    Von Manien spricht man allerdings erst dann, wenn die Stimmung vorwiegend gehoben, expansiv oder gereizt und für den Betroffenen deutlich abnorm ist, und diese Zustände mindestens eine Woche lang anhalten (es sei denn eine Klinikeinweisung wird notwendig). Symptome einer Manie betreffen Veränderungen im emotionalen, kognitiven und behavioralen Bereich: Merkmale einer Manie sind u.a. gesteigerte Aktivität und Antrieb bzw. Ruhelosigkeit, Rededrang bzw. gesteigerte Gesprächigkeit, und ein vermindertes Schlafbedürfnis. Auch sind Betroffene leicht ablenkbar, klagen ihre Gedanken würden nur so rasen, und neigen zu Größenideen und gehen vielerlei Aktivitäten nach, die oftmals unangenehme Konsequenzen nach sich ziehen (z. B. hohe Ausgaben durch unbedachte Vertragsabschlüsse, Spontankäufe o.ä.).
  • Was wird unter einer zyklothymen Störung verstanden?

    Lösung

    Das Hauptmerkmal der zyklothymen Störung sind über mindestens 2 Jahre andauernde Stimmungsschwankungen mit hypomanen und depressiven Symptomen, die jedoch in Intensität, Anzahl und Dauer in den ersten zwei Jahren nie die Kriterien einer Manie oder Major Depression Episode erfüllen. Charakteristisch sind Schwankungen in der Stimmung, im Antrieb, im Schlaf, im Selbstwert und anderen Bereichen. Phasen stabiler ausgeglichener Stimmung dauern weniger als zwei Monate an.
  • Beschreiben Sie das diagnostische Vorgehen bei Verdacht auf eine bipolare Störung!

    Lösung

    Die Diagnostik bipolarer Erkrankungen erfordert die Berücksichtigung des aktuellen Zustands (Querschnittsdiagnostik) im Hinblick auf die Präsenz von Kernsymptomen einzelner Krankheitsphasen (manisch, hypomanisch, depressiv, gemischt) sowie entsprechender biographischer Informationen zur Beurteilung des bisherigen Krankheitsverlaufs (Längschnittdiagnostik) bezüglich Erstmanifestation, Episodenlänge, Anzahl der Zyklen, Syndromstabilität. Hierzu ist der Einsatz strukturierter oder standardisierter Interviews hilfreich. Zwischen einer ausgeprägten depressiven und manischen Episode gibt es fließende Übergänge, ebenso fließende Übergänge zwischen subsyndromalen und normalen Zuständen. Ferner sind bei jedweder Diagnostik auch organische Ursachen (z. B. Hirntumore, neurologische Krankheitsbilder) abzuklären. Eine Herausforderung stellt die Differentialdiagnostik zu Erkrankungen des schizophrenen Formenkreises dar (vgl. Kap. 36).
  • Was sind die Grundannahmen des Kindlings- und Switch-Modells?

    Lösung

    Beide Modelle dienen der Beschreibung möglicher Ätiopathogenetischer Mechanismen zur Progredienz bipolarer Erkrankungen.
    Das Kindling-Modell nimmt auf Basis eines Diathese-Stress-Modells an, dass durch den zunehmenden Wechsel zwischen manischen und depressiven Phasen zukünftige Krankheitsphasen intensiver in ihrer Symptomatik, rascher in ihrer wechselnden Abfolge und zunehmend unabhängiger von äußeren Einflussfaktoren wie z. B. Lebensereignissen und damit therapieresistenter werden.
    Das Switch-Modell folgt dagegen chronobiologischen Annahmen: Es nimmt eine im Krankheitsverlauf zunehmende Schwächung eines stimmungswirksamen Oszillators im Hirnstamm und eine Abschwächung der Top-Down-Regulation dieses Oszillators an, was zu einer erhöhten Sensitivität für externe Stimuli und damit zu einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für den Wechsel in eine manische bzw. depressive Phase beiträgt.
  • Was können psychotherapeutische und psychoedukative Maßnahmen zur Behandlung bipolarer Erkrankungen sein?

    Lösung

    Den meisten Maßnahmen ist ein Modul zur Psychoedukation gemeinsam und Ziel ist neben der Vermittlung von Störungswissen in der Regel die Rezidivprophylaxe.
    • Basierend auf der Annahme, dass bestimmte familiäre Interaktionsmuster das Risiko für Rezidive erhöhen, können familientherapeutische Ansätze i.R. eines Training der Betroffenen mit ihren Bezugspersonen kommunikative und Problemlösefertigkeiten stärken (sog. Family-Focused Treatment)
    • Um das Auftreten erneuter affektiver Episoden zu verhindern, werden i. R. der interpersonellen und sozialen Rhythmus-Therapie mit Hilfe von Techniken aus der Interpersonellen Psychotherapie (z. B. Reflexion von Beziehungen, Analyse von Kommunikationsprozessen) und verhaltenstherapeutische Techniken (z.B Selbstbeobachtung von Stimmung und Symptomen, Aktivitätenplanung) der eigenverantwortlichen und bewussten Umgang mit der Medikation fokussiert, eine regelmäßige Tagesstruktur und Schlaf-Wach-Rhythmus angestrebt, und versucht, interpersonelle Schwierigkeiten abzubauen (z. B. durch Hinzuziehung von Sozialpartnern, rechtliche Unterstützung).
    • Ansätze zur Kognitiven Verhaltenstherapie bedienen sich genauer Verhaltens- und Bedingungsanalyse früherer affektiver Episoden, um u.a. die Auslöser, die ersten Frühwarnsymptome sowie vorherige erfolgreiche und weniger erfolgreiche Bewältigungsstrategien zu identifizieren. Darauf aufbauend wird gemeinsam erarbeitet, auf welche Ziele die Behandlung im Einzelfall fokussieren sollte, z.B geht es primär um eine bessere Strukturierung des Alltags, um eine Bearbeitung dysfunktionaler Einstellungen, um Verbesserung interpersoneller Kompetenzen. Eine Förderung des Selbstmanagement, z. B. in Form des selbständigen Erkennen von potentiellen ersten Symptomen und Auslösern für erneute depressive und manische Phasen, die Differenzierungsfähigkeit zwischen normalen Stimmungsschwankungen und Krankheitssymptomen, wird als entscheidend gewertet, um in Zukunft eigenverantwortlich und adäquat mit entsprechenden Warnsymptomen umgehen zu können. Hilfreich sind in diesem Zusammenhang der Einsatz von Stimmungskalendern und Tagebüchern, als Quelle für Informationen aber auch als Möglichkeit zur Selbstbeobachtung der Betroffenen (und damit einhergehend möglicherweise Stärkung der Selbstwirksamkeit).
  • Was versteht der DSM-IV unter depressiven Störungen?

    Lösung

    Depressive Störungen werden den affektiven Störungen zugeordnet. Zur Gruppe der depressiven Störungen gehören laut DSM-IV die Major Depression, die Dysthyme Störung und die Nicht Näher Bezeichnete Depressive Störung. Depressive Störungen sind gekennzeichnet durch eine depressive Stimmungslage, welche nicht nur vorübergehend, z. B. in belastenden Situationen, auftritt, sondern welche bestimmte Zeit- und Intensitätskriterien überschreitet. Darüber hinaus treten bei depressiven Störungen eine Vielzahl weiterer Symptome auf, z. B. Gewichtsverlust, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen etc.
  • Was sind die diagnostischen Kriterien der Major Depression und der Dysthymie?

    Lösung

    Major Depression: Es bestehen über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen mindestens 5 aus 9 Symptomen, darunter entweder eine depressive Verstimmung an fast allen Tagen über die meiste Zeit des Tages oder ein deutlich vermindertes Interesse oder Freude. Unter den weiteren Symptomen sind zu nennen: Gewichts- / Appetitveränderungen, Schlafstörungen, Veränderungen der Psychomotorik, Müdigkeit / Energieverlust, Wertlosigkeit / Schuldgefühle, Konzentrations- / Entscheidungsprobleme sowie Suizidgedanken / -versuche. Diese Störung kann nur kodiert werden, wenn die Symptome 1) mit Leiden oder Einschränkungen einhergehen, 2) nicht auf Substanzkonsum oder einen medizinischen Krankheitsfaktor zurückzuführen sind, und 3) kein Bestandteil eines natürlichen Trauerprozesses sind. Darüber hinaus ist auszuschließen, dass in der Vorgeschichte keine hypomane, manische oder gemischte Episode vorlag, was zur Diagnose einer Bipolaren Störung führen würde.

    Dysthymie: Diese Störung wird kodiert, wenn über mindestens zwei Jahre an der Mehrzahl der Tage depressive Verstimmungen auftreten und zusätzlich mindestens zwei der folgenden sechs Symptome vorliegen: Appetitveränderungen, Schlafstörungen, Energiemangel / Erschöpfung, geringes Selbstwertgefühl, Konzentrations-/ Entscheidungsschwierigkeiten oder Hoffnungslosigkeitsgefühl. Darüber hinaus gibt es im betreffenden 2-Jahres-Zeitraum keine Periode von zwei Monaten oder länger ohne Symptome und in den ersten zwei Jahren der Störung ist keine Major Depression aufgetreten.
  • Skizzieren Sie die Komponenten und die Interaktionen des Vulnerabilitäts-Stress-Modells der Depression!

    Lösung

    Im Vulnerabilitäts-Stress-Modell der Depression wird angenommen, dass sowohl prädisponierende Faktoren, welche genetisch/(neuro-)biologischer (z. B. HPA-Achse, familiäre Vorbelastung mit depressiven aber auch anderen psychischen Störungen) oder umweltbedingter Art (frühe adverse Ereignisse und Traumata, z. B. Trennungen von den Eltern, Vernachlässigung) sein können, als auch auslösende kritische, stressreiche Lebensereignisse und -konstellationen in komplexer Weise aufeinander treffen und zur Ausbildung eines depressiven Syndroms durch biologische und psychologische Prozesse beitragen.
    Eine depressive Episode kann durch spezifische Trigger ausgelöst werden, bspw. durch stressige Lebensereignisse (z. B. Trennungen, Arbeitslosigkeit, finanzielle Schwierigkeiten). Ob diese tatsächlich als Auslöser wirken, hängt von intraindividuellen Faktoren und der sozialen Vorgeschichte (= Vulnerabilitäten) ab. So weisen allein oder getrennt lebende Menschen ein deutlich erhöhtes Erkrankungsrisiko auf. Auch gelten vorbestehende psychische Störungen wie Angststörungen, Schmerzstörungen oder Störungen durch Substanzkonsum als Risikofaktoren für depressive Störungen.
  • Beschreiben Sie die Modellkomponenten der Theorie der erlernten Hilflosigkeit (Seligman) und skizzieren Sie die wesentlichen Grundannahmen und Erweiterungen!

    Lösung

    Nach Seligman sind Depressionen erlernbar. Auf Grundlage von Tierexperimenten entwickelte er das »Modell der erlernten Hilflosigkeit» (1974), welches postuliert, dass sich bei einer Person ein Gefühl der Hilflosigkeit einstellt, wenn sie wiederholt eine Unkontrollierbarkeit von aversiven Ereignissen erfährt. Wenn das eigene Verhalten wiederholt nicht zum gewünschten Ergebnis führt, kommt es zur Hilflosigkeit und weitere Handlungsversuche unterbleiben mit der Zeit, obwohl sie zielführend wären. Es entwickelt sich eine Depression.
    Seligman beobachtete das Verhalten von Hunden, die in einer experimentellen Anordnung schmerzhaften Elektroschocks ausgesetzt waren, aber diese nicht vermeiden konnten. Nach nur wenigen Minuten zeigten die Hunde ein passives Verhalten, ließen die Elektroschocks über sich ergehen und rannten nicht mehr aufgebracht umher. In einem zweiten Versuch gab man ihnen die Möglichkeit die Schocks zu vermeiden, doch sie lernten das Verhalten nicht so effektiv und effizient wie die Kontrollhunde. Seligman ging davon aus, dass sich die Hunde auf Grund des massiven Stresses hilflos fühlten und demnach Motivation und Fähigkeiten verloren, eine angemessene Reaktion zu erlernen, die auch in späteren stressreichen aber kontrollierbaren Situationen hilfreich war. Ein ähnliches Verhalten lässt sich auch bei depressiven Menschen feststellen.
    Im Jahre 1978 wurde das Modell von Abramson, Seligman und Teasdale um attributionstheoretische Annahmen (»kognitive Attributionsversion») erweitert, da es in der ursprünglichen Form nicht auf den Großteil der Menschen anwendbar war und einige Aspekte der Störung nicht berücksichtigte. Nach der revidierten Fassung des Modells entsteht eine Depression, wenn die betroffene Person meint, sie habe keine Kontrolle über spezifische Ereignisse und auch keine Möglichkeit die Situation zu verändern. Entscheidend für die Manifestierung einer Depression ist hier ein globaler, internaler und stabiler Attributionsstil. Ein globaler Attributionsstil ist dadurch gekennzeichnet, dass Effekte des Versagens über viele Situationen hinweg gesehen und daher verallgemeinert werden (z. B. »Ich bin in allem eine Niete«, »Ich schaffe gar nichts«). Das Beziehen von Misserfolgen auf die eigene Person (»Das war mein Fehler«, »Nur ich bin dafür verantwortlich«) mindert das Selbstwertgefühl und wird als internale Ursachenzuschreibung bezeichnet. Eine stabile Attribuierung liegt vor, wenn Versagen als dauerhaft, d. h. über lange Zeit hinweg, angesehen wird (»Das habe noch nie etwas geschafft und das wird sich auch nicht ändern«).
    Das Modell wurde später von Abramson, Metalsky und Alloy (1989) durch den Begriff der »Hoffnungslosigkeitsdepression« (»Theorie der Hoffnungslosigkeit«) weiter spezifiziert. In diesem Fall wird nicht nur auf globale, internale und stabile Faktoren attribuiert, sondern auch auf andere kognitive Faktoren. Das Gefühl der Hoffnungslosigkeit stellt sich ein, wenn zum Einen keine Möglichkeit gesehen wird, die Situation zu verändern und man zum Anderen davon ausgeht, ein unerwünschtes Ereignis nicht vermeiden zu können bzw. erwünschte Ereignisse nicht eintreten werden. Daraus kann schlussendlich eine Depression entstehen.
    Die zentrale Kritik am Modell der erlernten Hilflosigkeit (und seiner Erweiterungen) bezieht sich auf den mangelnden Nachweis, dass Hilflosigkeitserfahrungen (bzw. auch bestimmte Attributionsstile) der Entwicklung der Depression tatsächlich vorausgehen. Zusammenhänge zwischen Hilflosigkeit und Depression sind zwar nachweisbar, allerdings sind diese korrelativer Natur. So können diese Zusammenhänge auch dadurch entstehen, dass sich depressive Menschen Misserfolge selbst zuzuschreiben und für die Zukunft pessimistische Erwartungen haben.
  • Welche gedanklichen Verzerrungen (kognitive Fehler) stehen im Vordergrund der kognitiven Therapie (Beck)?

    Lösung

    Nach Beck weisen Personen mit Depression eine kognitive Störung auf, gekennzeichnet durch wiederholte, automatisch ablaufende und unfreiwillige logische Fehler im Denken, welche die Realität verzerren. Die kognitive Triade (negative Sicht von sich selbst, der Umwelt und der Zukunft) bleibt dadurch aufrechterhalten. Ziel der kognitiven Therapie nach Beck ist es daher, logische Denkfehler zu entdecken, zu benennen und zu hinterfragen, um alternative Interpretationen und Denkstile zu implementieren. Beispiele für kognitive Verzerrungen sind:
    • Voreilige, willkürliche Schlussfolgerungen: »Er mag mich nicht. Ich habe ihn in der Stadt gesehen und er hat vermieden, mich anzusehen. «
    • Übergeneralisierung: »Ich habe dieses Kapitel nicht verstanden. Ich werde das gesamte Buch nicht verstehen und lese deshalb nicht weiter.«
    • Gedankenlesen: »Er hält mich für dumm und denkt, ich bin langweilig. Deshalb will er sich nicht mit mir abgeben.«
    • Untertreibung: »Ich habe eine 1 bekommen, aber nur, weil der Lehrer Mitleid mit mir hatte.«
    • Übertreibung: »Ich habe letzte Woche den Kurs verpasst und werde nun das ganze Semester im Stoff hinterher sein.«
    • Selektive Abstraktion: »Der Vortrag ist nicht gut gelaufen; ich habe mich zweimal verhaspelt.«
    • Personalisierung: »Während ich mein Referat gehalten habe, hat sogar der Dozent gegähnt. Mein Vortrag muss so langweilig gewesen sein.«
  • Welche Rolle spielt die Verstärker-Verlusttheorie von Lewinsohn für unser Verständnis von depressiven Erkrankungen?

    Lösung

    Lewinsohn's Verstärker-Verlusttheorie ist eine lernpsychologisch-verstärkungstheoretische Depressionstheorie. Sie geht davon aus, dass eine Reduktion von positiven Verstärkungen und Rückmeldungen aus der Umwelt mit der Herausbildung der depressiven Störung zusammenhängt. Die Verstärkerverluste entstehen durch ungünstige Umweltaspekte (z. B. wenige Freizeitaktivitäten, geringe finanzielle/räumliche Spielräume) und Verhaltensmerkmale (z. B. mangelnde soziale Fertigkeiten) und führen schließlich zur Herausbildung der depressiven Symptomatik. Nachdem die soziale Umwelt kurzfristig möglicherweise durch Empathie und Aufmerksamkeit verstärkend wirkt, so stellt sich doch langfristig eine soziale Vermeidung ein, die mit weiterem Verstärkerverlust einhergeht und die depressive Symptomatik, inkl. Passivität, Interessenmangel und interaktionellen Auffälligkeiten, aufrechterhält.
    Obwohl dies durch Lewinsohn postuliert wird, ist die Verstärker-Verlust-Theorie weniger im Kontext einer ätiologischen Theorie, welche die erstmalige Entstehung einer depressiven Störung erklärt, zu verstehen, sondern sie vermag vielmehr die Aufrechterhaltung der Symptomatik zu erklären und ist daher für die Ableitung verhaltenstherapeutischer Interventionen in der Depressionstherapie von Bedeutung. Ziel ist die Modifikation ungünstiger Umweltbedingungen und Verhaltensweisen, so beispielsweise der Aufbau positiver Aktivitäten sowie die Verbesserung sozialer Fertigkeiten und Interaktionsmuster, um neue Verstärkerbedingungen zu schaffen.
  • Was ist bei der diagnostischen Kodierung der Panikattacke zu beachten?

    Lösung

    Im DSM-IV-TR werden Panikattacken nicht als eigenständige Störung klassifiziert. Es werden lediglich die spezifischen Störungen klassifiziert, innerhalb derer Panikattacken auftreten können (z. B. Panikstörung, Spezifische Phobie, Soziale Phobie, PTSD).
  • Gibt es die Panikstörung im Kindes- und Jugendalter?

    Lösung

    • Panikstörungen sind bis zur Pubertät äußerst selten, können aber vorkommen
    • Ab Adoleszenz deutlicher Anstieg Panikattacken und Panikstörungen
  • Durch was zeichnen sich kognitive (kognitive und psychophysiologische) Modelle der Panikstörung aus?

    Lösung

    • Aufschaukelungsprozess zwischen körperlichen und kognitiven Vorgängen
    • Panikanfälle und Panikstörungen etablieren sich erst dann, wenn die während eines Panikanfalls auftretenden Symptome mit Gefahr assoziiert werden.
  • Welche drei Vulnerabilitätsfaktoren postulieren Bouton et al. (2001) in ihrer modernen Lerntheorie der Panikstörung?

    Lösung

    • Unspezifischer biologischer, unspezifisch psychologischer und spezifischer psychosozialer Vulnerabilitätsfaktor.
    • Unter dem unspezifischen biologischen Vulnerabilitätsfaktor verstehen sie die biologische Prädisposition (genetisch vermittelte Trait-Angst) auf negative Lebensereignisse mit Emotionalität, negativer Affektivität und vielleicht falschem Alarm (Panikanfälle) zu reagieren.
    • Als unspezifische psychologische Vulnerabilitätsfaktoren würden möglicherweise frühe Erfahrungen von Unvorhersagbarkeit und Unkontrollierbarkeit fungieren.
    • Als spezifische Vulnerabilitätsfaktoren betrachten die Autoren spezifische Lernerfahrungen, die über Modell- und operantes Lernen vermittelt werden.
  • Welches sind die Behandlungsschwerpunkte der Verhaltenstherapie bei der Panikstörung mit Agoraphobie?

    Lösung

    • Panikstörung: Kombination von kognitiven Methoden, die auf eine veränderte Interpretation der ursprünglich als bedrohlich erlebten Angstsymptome abzielen, Konfrontation mit internen Reizen (hauptsächlich körperliche Symptome) und die Vermittlung von Strategien zur Bewältigung von Angst und körperlichen Symptomen.
    • Agoraphobie: Die Konfrontationsbehandlung ist die Methode der Wahl.
  • Welches sind - neben den unkontrollierbaren Sorgen - die Begleitsymptome der Generalisierten Angst? Bitte nennen Sie die Unterschiede zwischen DSM und ICD!

    Lösung

    Nach DSM IV müssen drei von sechs Symptomen vorliegen:
    1. Ruhelosigkeit oder ständiges »Auf- dem- Sprung- sein«
    2. Leichte Ermüdbarkeit
    3. Konzentrationsschwierigkeiten oder Leere im Kopf
    4. Reizbarkeit
    5. Muskelspannung
    6. Schlafstörungen
    Zusätzlich: klinisch bedeutsames Leiden oder Beeinträchtigung

    Nach ICD-10 müssen vier Symptome aus sechs Bereichen vorliegen, dabei mindestens ein vegetatives Symptom:
    1. Vegetative Symptome
    2. Symptome, die Thorax und Abdomen betreffen
    3. Psychische Symptome
    4. Allgemeine Symptome
    5. Symptome der Anspannung
    6. Andere unspezifische Symptome
    Unterschiede:
    Im DSM sind die Symptome genau präzisiert, im ICD sind lediglich die Bereiche angegeben, in denen Symptome vorliegen sollten;
    Klinisch bedeutsames Leiden oder Beeinträchtigung ist nur im DSM ein Kriterium, im ICD jedoch nicht.
  • Welches sind die Probleme bei der Informationsverarbeitung, die als typisch für die generalisierte Angststörung angenommen werden?

    Lösung

    • Aufmerksamkeitsbias:
    Aufmerksamkeit ist auf Gefahr und Bedrohung gerichtet
    • Interpretationsbias:
    Mehrdeutige Situationen werden als bedrohlich interpretiert und negative Ereignisse werden als wahrscheinlich angenommen
    • Gedächtnisbias:
    Bedrohliche Informationen werden schneller enkodiert als nicht bedrohliche Informationen
    • Geringe Problemorientierung:
    Geringes Vertrauen in die Problemlösung und geringe wahrgenommene persönliche Kontrolle
    • Inadäquate Problemlösung:
    Längere Entscheidungsprozesse, umfangreiches Sammeln von Beweisen, mehr abstrakte im Vergleich zu konkreten Problemelaborationen
  • Nennen Sie einige Kernaussagen der Vermeidungstheorie der Sorgen!

    Lösung

    • Sorgen tragen dazu bei, physiologischen Stress zu reduzieren
    • Sie verhindern starke autonome Erregung, wie sie z. B. durch überraschende oder bildhafte Reize hervorgerufen wird
    • Die Vermeidung der starken autonomen Erregung durch die Sorgen führt zu einer negativen Verstärkung der Sorgen
    o Annahme, dass Sorgen die Wahrscheinlichkeit senken, dass etwas Negatives eintritt, d. h. dass negative Konsequenzen durch Sorgen verhindert werden können ? »beliefs«
    o Bleibt die negative Konsequenz dann aus, so werden diese »beliefs« bestätigt und aufrechterhalten
  • Welches sind die Bestandteile des therapeutischen Vorgehens bei der Sorgenexposition?

    Lösung

    • Psychoedukation
    • Vermittlung der grundlegenden Therapieprinzipien
    • Konfrontationsübungen (zunächst in sensu, dann ergänzend in vivo)
    • Rückfallprophylaxe
  • Gibt es Geschlechtsunterschiede bei der sozialen Phobie? Gehen Sie hierbei sowohl auf die Ergebnisse epidemiologischer als auch klinischer Studien ein!

    Lösung

    Epidemiologischen Studien zufolge haben Frauen ein 1,5 bis 2fach höheres Risiko von einer sozialen Phobie betroffen zu sein als Männer (Kessler et al., 1994; Wittchen, 2000).

    In den meisten klinischen Studien wird hingegen ein annähernd gleiches Geschlechterverhältnis berichtet (Heimberg & Juster, 1995). Erklärt werden könnte diese Überrepräsentierung nach Turk et al. (1998) sowie Weinstock (1999) dadurch, dass Männer einem gesellschaftlich höheren Druck unterliegen, sich selbstsicher und durchsetzungsfähig zu präsentieren, eine höhere Veränderungsmotivation haben und demzufolge häufiger in Therapien zu finden sind.
  • Erläutern Sie den Begriff »Behavioral Inhibition« und seine Bedeutung für die Entstehung von sozialen Phobien!

    Lösung

    Das Konstrukt »Behavioral Inhibition« wurde Mitte der 80er Jahre von einer Forschergruppe um Jerome Kagan entdeckt und beschreibt einen temperamentsbedingten Reaktionsstil bei Kindern, der durch stark zurückhaltendes, ängstliches und vermeidendes Verhalten in den meisten neuartigen Situationen gekennzeichnet ist (Garcia-Coll et al., 1984; Kagan et al., 1984). Der Unterschied zu dem Konzept der Schüchternheit, mit dem sich »Behavioral Inhibition« stark überlappt, besteht darin, dass sich die Furchtreaktion auch bei nicht-sozialen Situationen, also unabhängig von einer Angst vor Bewertungen, zeigt (z. B. neuartige Spielzeuge, Tiere, Dunkelheit).
    »Behavioral Inhibition« ist schon sehr früh, ungefähr ab dem Alter von 21 Monaten erkennbar, tritt nach Schätzungen bei 10-15% aller Kinder auf und ist mäßig stabil; Korrelationen zwischen wiederholten Messungen ab dem 2. Lebensjahr liegen zwischen r = 0.24 und r = 0.67 (Kagan et al., 1988). Neben der beschriebenen Verhaltenskomponente wurden bei Kindern mit hohen »Behavioral Inhibition«-Werten stabil erhöhte Herzraten, Muskelspannungen sowie überdurchschnittlich hohe Noradrenalin- und Speichelkortisolwerte festgestellt (Kagan et al., 1987,1988). »Behavioral Inhibition« wird derzeit als ein möglicher temperamentsbedingter Risikofaktor für spätere Angsterkrankungen, insbesondere der Sozialen Phobie diskutiert. Sowohl Prospektiv- als auch Querschnittstudien konnten bei Kindern, bei denen »Behavioral Inhibition« anhand von Beobachtungsdaten festgestellt wurde, ein erhöhtes Risiko für spätere soziale Phobien feststellen (Biedermann et al., 2001; Hirshfeld et al., 1992; Schwartz et al., 1999).
  • Welche Ergebnisse liefern retrospektive und prospektiv-longitudinale Studien zur Frage der Stabilität der sozialen Phobie?

    Lösung

    Retrospektiven Daten zufolge scheint der Verlauf der sozialen Phobie persistierend zu sein, Betroffene berichteten häufig vom jahrzehntelangen Bestehen der Störung (Davidson et al., 1993; DeWit et al., 1999). Ein abweichendes Bild zeigt sich hingegen bei prospektiven Längsschnittstudien. So zeigte sich in der Studie Early Developmental Stages of Psychopathology (EDSP), dass nur 11% der Probanden, bei denen eine soziale Phobie diagnostiziert wurde, diese auch 42 Monate später noch aufwiesen (Müller, 2002). Diese Ergebnisse deuten also eher auf einen schwankenden Verlauf hin. Die voneinander abweichenden Ergebnisse könnten durch die schwächere Methodik retrospektiver Verfahren erklärt werden. Das grundsätzliche Problem von Erhebungsmethoden, die rückwirkend erhoben werden, besteht in der Verfälschungsgefahr durch verzerrte autobiographische Erinnerungen. Diese Verzerrungen können beispielsweise durch das Vorhandensein einer psychischen Störung und der möglicherweise damit einhergehenden subjektiven Theorien über die Störungsursachen entstehen, aber auch durch die einfache Tatsache, dass sich Vergangenes oft nur schwer rekonstruieren lässt.
  • Nennen Sie zwei wichtige Aufgaben der Vorbesprechung einer Konfrontationsübung für einen Patienten mit sozialer Phobie!

    Lösung

    Damit die Konfrontationsübungen den gewünschten Effekt zeigen, ist eine gezielte Vorbereitung auf diese Behandlungsform unerlässlich. So ist es äußerst wichtig, dass dem Betroffenen klar ist, warum das jeweils (auf diagnostischen Informationen basierende) erarbeitete Vorgehen notwendig ist und worauf er während der Durchführung achten muss. Dem Patienten muss verstanden haben, dass es nicht um die Unterdrückung von Angst geht, sondern um das Abwarten des auf Gewöhnung beruhenden und sich von selbst einstellenden Angstrückganges. Nur so können den negativen, angstbesetzten Erlebnissen, neue positive Erfahrungen entgegengesetzt werden.
    Nachdem sich der Therapeut gemeinsam mit dem Patienten ein genaues Bild über die angstauslösenden Situationen gemacht hat und alle Angst verstärkenden Aspekte sowie Sicherheitsverhalten identifiziert hat, kann eine Hierarchie für die Übungen entwickelt werden. Vor der Übung sollten die Befürchtungen des Patienten bezüglich der Konfrontation so detailliert und konkret wie möglich herausgearbeitet werden. Hierbei kann es sich um eigene Symptome bzw. Verhaltensweisen als auch um sichtbare Reaktionen anderer handeln. Des Weiteren ist es äußerst wichtig zu definieren, woran der Patient den Erfolg der Übung festmachen würde. Hierbei sollte der Therapeut darauf achten, dass die Vorstellungen realistisch sind. Darüber hinaus sollten das Verhalten des Patienten wie auch des Therapeuten vorbesprochen werden (z. B. Aufgabe des Patienten ist das Unterlassen von Sicherheitsverhalten, Aufgabe des Therapeuten ist es, ihn dabei zu unterstützen).
  • Erläutern Sie Vor- und Nachteile von realen und virtuellen Selbsthilfegruppen für Personen mit einer sozialen Phobie!

    Lösung

    Reale Selbsthilfegruppen können für Sozialphobiker eine wichtige Hilfestellung in der Bewältigung ihrer Störung sein. Für viele Phobiker wirkt allein das Wissen, dass andere Personen unter ähnlichen Ängsten leiden sehr entlastend. Der regelmäßige Kontakt und Austausch mit anderen Betroffenen kann sehr motivierend wirken, die einzelnen Mitglieder können voneinander lernen und ihre Erfahrungen miteinander austauschen. Darüber hinaus wird durch die regelmäßig stattfindenden Treffen einer sozialen Isolation entgegengewirkt.
    Leider stellt das Aufsuchen von Selbsthilfegruppen für sehr ängstliche Personen eine nicht zu überwindende Hürde dar; für diese Personen könnte eine virtuelle Selbsthilfegruppe eine Alternative darstellen. Eine internetbasierte Studie mit über 400 Teilnehmern (Erwin et al. 2004) zeigte jedoch, dass durch die Nutzung von internetbasierten Foren die Symptomatik nur selten gemindert wurde.
  • Wie lautet die Zwei-Faktoren-Theorie von Mowrer? Welche Kritik gibt es gegen diese Theorie?

    Lösung

    Bei den beiden Faktoren handelt es sich um die klassische und die operante Konditionierung. Mowrer nahm an, dass bei Phobien ursprünglich neutrale Reize aufgrund traumatischer Ereignisse mit einem zentralen motivationalen Angstzustand assoziiert (klassische Konditionierung) und die darauf folgende Vermeidung dieser Reize durch den Abbau dieses unangenehmen Zustandes verstärkt werden (operante Konditionierung).
    Kritik:
    • Ein großer Teil der Phobiker kann sich nicht an traumatische Ereignisse zu Beginn der Störung erinnern.
    • Die meisten Versuche, Phobien bei Menschen zu konditionieren, scheiterten.
    • Die auslösenden Reize für phobische Ängste zeigen eine charakteristische und über verschiedene Kulturen hinweg stabile Verteilung, die weder der Häufigkeit dieser Reize im täglichen Leben noch der Wahrscheinlichkeit unangenehmer (traumatischer) Erfahrungen entspricht. Äquipotentialität im Sinne gleich wahrscheinlicher Angstauslösung ist also nicht gegeben.
  • Was wird unter »preparedness« verstanden? Können sie wissenschaftliche Untersuchungen beschreiben, die diese Theorie stützen?

    Lösung

    Preparedness: Bestimmte Reiz-Reaktions-Verbindungen werden leichter gelernt, weil sie biologisch »vorbereitet« - im Englischen »prepared« - sind.

    Untersuchungen: z. B. Minekas Studien zum Angsterwerb bei Affen
  • Was sind die Wirkmechanismen der Konfrontationsbehandlung?

    Lösung

    Wirkmechanismen der Konfrontationsbehandlung sind sowohl die Habituation als auch die kognitive Neubewertung der Situation bzw. ihres Gefahrenpotentials.
  • Wie kann eine spezifische Phobie des Typus »Blut-Verletzungs-Spritzen« behandelt werden?

    Lösung

    Mit der »applied-tension«-Methode von Öst. Dabei wird den Patienten beigebracht, wie sie durch Anspannen der großen Skelettmuskeln ihren Blutdruck kurzfristig stark steigern und so die Ohnmachtgefahr bekämpfen können. Wenn der Patient die Anspannung beherrscht, wird diese kombiniert mit einer Konfrontationsbehandlung.
  • Nennen Sie die drei Symptomgruppen der PTB (B, C und D)!

    Lösung

    • B: Intrusive Wiedererinnerungen an das Trauma: Dazu gehören Bilder, Filme, Flashbacks und Albträume. Zu den Symptomen dieser Gruppe gehört auch eine emotionale und psychophysiologische Belastung in Reaktion auf Auslösereize.
    • C: Vermeidung internaler wie externaler Reize, die in assoziativer Nähe mit dem Trauma stehen. Teilamnesien, Entfremdungsgefühl, der Eindruck einer eingeschränkten Zukunft und eingeschränkter Affektspielraum und Interessensminderung.
    • D: Symptome der Übererregung: Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafstörungen, erhöhte Wachsamkeit und Schreckhaftigkeit, sowie erhöhte Reizbarkeit.
  • Was unterscheidet die akute von der posttraumatischen Belastungsstörung? Nennen Sie die Unterschiede bzgl. Dauer, Art der Symptome und Verlauf!

    Lösung

    Die akute Belastungsstörung (ABS) geht vielfach einer posttraumatischen Belastungsstörung voraus (PTB). Sie muss innerhalb der ersten vier Wochen nach einem Trauma beginnen. Die ABS soll mindestens zwei Tage andauern und darf höchstens vier Wochen anhalten. Wird die Dauer von vier Wochen überschritten, sollte eine PTB diagnostiziert werden. Die ABS besteht aus den Symptomen der PTB und mindestens drei dissoziativen Symptomen. Beide Störungen unterliegen einer hohen Spontanremissionsrate.
  • Welches sind die Ziele der Verhaltenstherapie der posttraumatischen Belastungsstörung?

    Lösung

    Die Ziele der Verhaltenstherapie PTB lauten:
    • Reduzierung der intrusiven Symptomatik
    • Modifikation negativer Bewertungen des Traumas und seiner Konsequenzen
    • Abbau von Sicherheits- und Vermeidungsverhalten
    • Triggeranalyse und -modifikation
  • Welche vier Merkmale sind für Zwangsstörungen entscheidend?

    Lösung

    1. Innerer, subjektiver Drang, bestimmte Dinge zu denken oder zu tun
    2. Widerstand gegen den Drang
    3. Erkennen der Sinnlosigkeit der Gedanken und Handlungen
    4. Massive Beeinträchtigung des Lebensvollzugs
  • Wie lassen sich Zwänge von Angststörungen, Depressionen oder Schizophrenien abgrenzen?

    Lösung

    Die bei Zwangsstörungen relevante Emotion muss nicht unbedingt Angst sein, sondern eher Unruhe, Anspannung, Ekel, etc. Zudem sind die Zwangshandlungen eine aktive Vermeidungsstrategie.
    Personen mit Zwangsgedanken erkennen den Gedanken als ihren eigenen an im Gegensatz zu eingegebenen Gedanken im Rahmen einer Schizophrenie.
  • Welche Vor- und Nachteile bietet das Zwei-Faktoren-Modell Mowrers bei der Erklärung der Entstehung und Aufrechterhaltung der Zwangsstörung?

    Lösung

    Vorteil: Der zweite Faktor erklärt die sofortige Verminderung der Unruhe und Angst durch die Zwangsrituale.

    Nachteile: Traumatisierende Bedingungen im Sinne des ersten Faktors sind fraglich. Entstehung der Zwangsgedanken, Qualität der Emotion und aktives Vermeidungsverhalten werden zu wenig berücksichtigt.
  • Welche Komponenten beinhaltet das Modell Salkovskis?

    Lösung

    1. Aufdringliche Gedanken,
    2. Bewertung des Gedankens,
    3. Emotionale, physiologische Unruhe und
    4. Neutralisieren, Ritual sind die entscheidenden Komponenten. Das Neutralisieren führt wiederum zur Verstärkung der vorangehenden Komponenten.
  • Schildern Sie das entscheidende Prinzip der Therapie von Zwangsstörungen und dessen Einbettung in den therapeutischen Prozess!

    Lösung

    Konfrontation mit Reaktionsverhinderung gilt als entscheidendes Prinzip in der Therapie von Zwangsstörungen. Es ist dabei in einen therapeutischen Prozess eingebettet, der von Kanfer, Reinecker und Schmelzer (2005) i. R. der Selbstmanagement-Therapie beschrieben wurde:
    1. Klärung von Eingangsbedingungen
    2. Klärung motivationaler Aspekte, Aufbau einer therapeutischen Beziehung
    3. Präzise Verhaltens- und Bedingungsanalyse
    4. Zielklärung
    5. Konkrete Durchführung der Therapie
  • Was sind die zentralen Merkmale einer somatoformen Störung und welche Untergruppen werden in den Klassifikationssystemen unterschieden?

    Lösung

    Zentrale Merkmale:
    • Körperliche Beschwerden, die das Vorliegen eines medizinischen Krankheitsfaktors nahe legen, ohne dass jedoch eine hinreichende pathophysiologische Ursache für die Beschwerden festgestellt werden kann.
    • Beschwerden müssen in klinisch bedeutsamer Weise zu Leiden und zur Beeinträchtigung in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen führen.
    • Typische Verhaltensweisen sind körperliches Schonverhalten, Medikamenteneinnahme, häufige Arztwechsel und erhöhte medizinische Inanspruchnahme.
    • Kriterien: Siehe DSM-IV oder im Lehrbuch S. 858
    Unterscheidung in Untergruppen:
    • Somatisierungsstörung, Undifferenzierte somatoforme Störung, Konversionsstörung, Schmerzstörung, Hypochondrie, Körperdysmorphe Störung, Nicht näher bezeichnete somatoforme Störung
    Zentrale Merkmale:
    • Körperliche Beschwerden, die das Vorliegen eines medizinischen Krankheitsfaktors nahe legen, ohne dass jedoch eine hinreichende pathophysiologische Ursache für die Beschwerden festgestellt werden kann.
    • Beschwerden müssen in klinisch bedeutsamer Weise zu Leiden und zur Beeinträchtigung in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen führen.
    • Typische Verhaltensweisen sind körperliches Schonverhalten, Medikamenteneinnahme, häufige Arztwechsel und erhöhte medizinische Inanspruchnahme.
    • Kriterien: Siehe DSM-IV oder im Lehrbuch S. 858
    Unterscheidung in Untergruppen:
    • Somatisierungsstörung, Undifferenzierte somatoforme Störung, Konversionsstörung, Schmerzstörung, Hypochondrie, Körperdysmorphe Störung, Nicht näher bezeichnete somatoforme Störung
  • Wie verbreitet sind somatoforme Störungen?

    Lösung

    Allgemeinbevölkerung
    • 4-Wochen-Querschnittsprävalenz der somatoformen Störungen: 7,5% (Bundesgesundheitssurvey)
    • Vollbild Somatisierungsstörung: <0,01-0,84%
    • Vollbild Hyperchondrie: <0,01-0,2%
    • Vollbild Konversionsstörung: 0,3-0,7%
    • Schmerzstörungen und undifferenzierte somatoforme Störungen stellen eine größere Gruppe dar
    • Somatisierungssyndrom: 4,4-19%
    • Unterschwellige Hyperchondrie: 1,3-10,7%
    Kinder und Jugendliche (14-24 Jahre)
    • Lebenszeitprävalenz irgendeiner somatoformen Störung: 12,5% (undifferenzierte somatoforme Störung: 9%)
    Medizinische Behandlungseinrichtungen
    • Somatisierungsstörung: 2,8%
    • Hyperchondrie: 4,2%
    • Somatisierungssyndrom: 16,6%
    • Hypochondrische Beschwerden 6,7%
    • Frauen doppelt so häufig betroffen wie Männer
    • Assoziation mit niedriger Bildung und niedrigem sozioökonomischen Status
  • Welche Faktoren sind für die Entstehung und Aufrechterhaltung einer somatoformen Störung relevant?

    Lösung

    Die Entstehung ist zwar multipel verursacht, jedoch sind die verschiedenen Einflussfaktoren nicht vollständig bekannt. Es existiert auch kein einheitliches Erklärungsmodell.
    Genetisches Risiko:
    • Wurde anhand von Zwillingsstudien untersucht, konnte allerdings nicht sicher belegt werden
    Neurobiologische und physiologische Risikofaktoren:
    • Erhöhte Muskelanspannung
    • Erhöhte kardiovaskuläre Aktivität und Reaktivitätsunterschiede
    • Immunologische Besonderheiten
    • Beteiligung des serotonergen Neurotransmittersystems
    • veränderte Atmungsmuster
    Psychologische Risikofaktoren:
    • Persönlichkeit
    o Neurotizismus
    o Alexithymie
    • Kritische Lebensereignisse
    o Belastende Erfahrungen in zwischenmenschlichen Beziehungen
    o Tod
    o Schwere Krankheit von Bezugspersonen
    o Traumatische Ereignisse (z. B. Krieg)
    o Sexuelle Übergriffe/Missbrauch
    • Modelllernen und Verstärkungslernen
    o Somatoforme Störungen finden sich häufig bei Kindern von Eltern mit somatoformen Störungen (krankes Elternteil als Modell für das Kind, dieses nimmt die positiven Konsequenzen von Krankheit wahr [Verstärkung])
    ? Positive Verstärkung: Aufmerksamkeit, Trost
    ? Negative Verstärkung: Schmerzabnahme
    o Gesundheitsverhalten hat für die betreffenden Personen keinen positiven Verstärkungscharakter, da es z. B. die Aufnahme von Arbeit oder Alltagsaktivitäten bedeutet
    • Kausalattribution und katastrophisierende Bewertung der Symptome
    o Organisch-somatische Kausalattributionen und katastrophisierende Bewertung der eigenen Beschwerden
    o Negative Verlaufserwartungen
    o Niedrige Kontrollerwartungen
    • Selektive Aufmerksamkeit für körpereigene Vorgänge (somatosensorische Verstärkung)
    • Dysfunktionales Krankheitsverhalten
    o Schon- und Vermeidungsverhalten
    o Rückversicherung
    o Checking
    Übergreifendes Störungsmodell nach Rief und Hiller (1998): s. Lehrbuch
    Dysfunktionales Krankheitsverhalten trägt zur Symptomverstärkung und -aufrechterhaltung bei. Langfristig kann dies zum Abbau körperlicher Kondition, negativen affektiven Reaktionen und übermäßiger gedanklicher Beschäftigung mit den Beschwerden führen. Rief und Hiller unterscheiden dabei einen inneren und äußeren Kreislauf:
    • Innerer Kreislauf: selektive Aufmerksamkeit und katastrophisierende Fehlinterpretationen
    • Äußerer Kreislauf: aufrechterhaltende Rolle von ungünstigem Krankheitsverhalten (Schonung, Vermeidung, Rückversicherung, Checking)
  • Was versteht man unter somatosensorischer Verstärkung?

    Lösung

    Nach dem Konzept von Barsky und Wyshak (1990) versteht man unter »somatosensorischer Verstärkung« Hypochondrie als Resultat perzeptueller und kognitiver Anomalien. Sie bezeichnet einen störungsspezifischen Wahrnehmungsstil.
    Die betreffende Person neigt dazu körperliche Funktionen und Empfindungen genau zu beobachten. Sie bemerkt so auch alltägliche, schwache und vorübergehende körperliche Reaktionen, die andere Menschen wegen mangelnder Bedeutung nicht beachten.
    Die Bewertung der Beobachtungen erfolgt katastrophisierend. Angst, Aufmerksamkeitsfokussierung und eine weitere Intensivierung der Körperreaktionen und Symptomwahrnehmung sind das Resultat.
  • Wie effektiv ist die Psychotherapie bei den somatoformen Störungen?

    Lösung

    • Positiver Effekt vor allem auf die körperliche Symptomatik
    • Wiederholt evaluierte Methoden sind: kognitive, operante und respondente Methoden
    • Keine systematische Überlegenheit einer bestimmten Methode belegt
    • Mittlere Effektstärken kognitiv-verhaltenstherapeutischer Maßnahmen: Hypochondrie (1,43), körperdysmorphe Störungen (1,34-2,65), Konversionsstörungen ungenügend evaluiert, Somatisierungsstörung/Undifferenzierte somatoforme Störung, chronische Schmerzen (0,38-0,88)
    • Kognitive VT, behaviorale Methoden, Biofeedback bzw. Entspannung sind Wartekontrollbedingungen überlegen
    • Kognitiv-behaviorale Methoden haben positiveren Effekt auf Schmerzintensität als auf funktionellen Status und Verhaltensergebnisse
  • Wie lässt sich Stress definieren?

    Lösung

    Unter dem Begriff »Stress« versteht man hauptsächlich die Auswirkungen (Symptome), die durch auslösende Faktoren - sogenannte Stressoren - entstehen können. Beispiele für Stressoren sind bestimmte physikalische Umstände (Hitze, Kälte, starke Sonnenbestrahlung), der Einfluss toxischer Substanzen (Zigarettenrauch), bestimmte Lebensumstände (Tod eines Angehörigen, Arbeitsplatzwechsel, Mobbing, Umzug), körperliche Zustände (Krankheit, Schlafmangel, Schmerzen) und viele andere Aspekte. Stress ist also die Anpassung des Körpers an wahrgenommene Stressoren bzw. seine Reaktion auf diese.
    Jedoch führt nicht jede potentiell Stress auslösende Situation bei jedem Individuum zu einer Stressreaktion. Ob Stress erlebt wird, hängt neben der objektiven Situation von der individuellen Wahrnehmung dieser ihrer kognitiven und emotionalen Verarbeitung, dem individuell zur Verfügung stehendem Verhaltensrepertoire sowie der abschließenden Bewertung der Situationsbewältigung ab. Dieser interaktive Prozess wurde von Lazarus und Folkman (1984) als transaktionales Stressmodell beschrieben. Jede Situation wird diesem Modell zufolge primär (Ausmaß der Bedrohung) und sekundär (Bewältigungsmöglichkeiten) bewertet. Aus diesen Bewertungsprozessen resultierend, werden eine Reihe von Kognitionen (automatische Gedanken, Annahmen, Erwartungen, Einstellungen) aktiviert, die wiederum zu Emotionen, physiologischen Vorgängen und schließlich Verhalten führen.
  • Was ist Allostatic Load?

    Lösung

    Vereinfacht kann Stress als eine Bedrohung der Homöostase betrachtet werden, also als eine Bedrohung des Gleichgewichts innerhalb der Körpersysteme.
    Als Allostase bezeichnet man Strategien des Organismus, das Gleichgewicht innerhalb der Körpersysteme trotz widriger Umstände aufrecht zu erhalten (z. B. ph-Wert, Körpertemperatur). Wenn eine Stressreaktion zulange persistiert, entsteht nach McEwen (1998) allostatische Belastung (»allostatic load«).
    Die Konsequenzen dieser allostatischen Belastung sind ein »Raubbau am Körper«, der zu einer Schädigung der körperlichen Systeme führen kann.
  • Welche physiologischen Systeme spielen bei Stress eine Rolle?

    Lösung

    Physiologisch führt Stress zur erhöhten Aktivität der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HHNA) und des autonomen Nervensystems. Das Freiwerden von biologischen Substanzen wie Kortisol und Adrenalin bzw. Noradrenalin hat eine Reihe von physiologischen Veränderungen im Körper zur Folge, die den Organismus in optimaler Weise auf den Stressor und dessen Bewältigung vorbereiten. Gleichzeitig findet eine Aktivierung des Immunsystems statt; bei akutem Stress werden die Immunfunktionen erhöht, bei chronischem Stress hingegen unterdrückt. Die Verteilung von Immunzellen im Körper findet in einem engen Zusammenspiel von Stresshormonen und Immunsystem statt. Das Bindeglied zwischen den genannten Systemen ist das Gehirn, das auf die sich verändernden Umweltbedingungen reagiert und die entsprechenden Stresssysteme reguliert.
  • Für welche Schwangerschaftskomplikationen wird eine Beteiligung psychischer Faktoren bei ihrer Verursachung und/oder Aufrechterhaltung angenommen?

    Lösung

    1. Hyperemesis gravidarum (schweres Schwangerschaftserbrechen) führt zur Beeinträchtigung des körperlichen und psychischen Befindens der Schwangeren
    2. Hypertensive Erkrankungen während und unmittelbar nach der Schwangerschaft (Präeklampsie, Eklampsie, HELLP- Syndrom)
    3. Frühgeburten
  • Welches sind die wesentlichen diagnostischen Kriterien für Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und Binge-Eating-Störung nach DSM-IV und wodurch unterscheiden sich die Störungsbilder?

    Lösung

    Anorexia nervosa
    • Weigerung der Patientin, ein minimales normales Körpergewicht zu halten bzw. zu erreichen
    • Ausgeprägte Angst vor einer Gewichtszunahme trotz bestehenden Untergewichts
    Der Gewichtsverlust wird überwiegend über eine Reduktion der Nahrungszufuhr erreicht, hinzukommen können selbstinduziertes Erbrechen, Laxantien- oder Diuretikamissbrauch sowie exzessive körperliche Aktivität als weitere Maßnahmen der Gewichtsreduktion. Der Gewichtsverlust ist begleitet von einer starken Angst vor dem Dickwerden und ggf. einer Leugnung des Untergewichts.
    [Untergewicht wird üblicherweise über einen Body Mass Index (BMI = Gewicht [kg] / Größe [m²]) von kleiner oder gleich 17.5 definiert, während die DSM-Kriterien davon ausgehen, dass das Körpergewicht weniger als 85% des gemäß Alter und Größe erwarteten Gewichts der Person entspricht, wobei diese Angaben als ungefähre Richtwerte zu verstehen sind.]
    • Eine Wahrnehmungsstörung bezogen auf Figur und Gewicht bzw. die übermäßige Bedeutsamkeit von diesen für das Selbstkonzept
    • Eine Amenorrhoe
    [Amenorrhoe tritt überwiegend als Folge des Gewichtsverlusts bzw. im Zusammenhang mit den damit verbundenen verringerten Hormonausschüttungen von Östrogen auf. Bei präpubertären Frauen kann die Menarche durch den Erkrankungsbeginn verzögert werden. Bei Einnahme von Kontrazeptiva kann dieses Kriteriums nicht eindeutig entschieden werden, das Vorliegen einer Amenorrhoe wird in diesem Fall aber dennoch angenommen.]
    • Das DSM-IV unterscheidet zwischen einem »restriktivem Typ« und einem sogenannten »Binge-Eating-/Purging-Typ« bzw. bulimischem Typ der Anorexia nervosa in Abhängigkeit davon, ob Heißhungeranfälle oder »Purging-Verhalten« (d. h. selbstinduziertes Erbrechen oder Missbrauch von Laxantien, Diuretika und Klistieren) regelmäßig auftreten.
    • Wesentliche Unterschiede: Die Diagnose einer Bulimia nervosa darf nach DSM-IV bei gleichzeitig bestehendem Untergewicht nicht mehr gestellt werden (s.u.).
    Bulimia nervosa
    • Heißhunger- oder »Fressanfälle«
    [Im DSM-IV wird ein Fressanfall definiert als der Verzehr einer Nahrungsmenge innerhalb eines bestimmten Zeitraums (z. B. zwei Stunden), wobei die Menge der gegessenen Nahrung eindeutig größer sein muss als die Menge, die die meisten Menschen innerhalb des gleichen Zeitraums und unter vergleichbaren Umständen (also z. B. auch an bestimmten Fest- oder Feiertagen) zu sich nehmen würden = »objektive Fressanfälle«.
    Ein weiteres Kriterium im Zusammenhang mit den Essanfällen stellt der Kontrollverlust dar: Die Betroffenen beschreiben oftmals das Gefühl, mit dem Essen nicht mehr aufhören zu können und/oder die Art und Menge des Essens nicht mehr kontrollieren zu können].
    • Verschiedene unangemessene Maßnahmen der Kompensation zur Verhinderung einer Gewichtszunahme (z. B. Erbrechen, Diäten, Laxantien- oder Diuretikaabusus, stark gezügeltes Essverhalten, Fasten oder übermäßiges Sporttreiben)
    [Zur Diagnosestellung ist es ausreichend, wenn eine der genannten Maßnahmen der Kompensation regelmäßig eingesetzt wird.]
    • Essanfälle und kompensatorische Maßnahmen müssen mindestens zweimal pro Woche über einen Zeitraum von drei Monaten auftreten
    • Figur und Gewicht wird auch bei bulimischen Patientinnen eine besondere Bedeutsamkeit für die Selbstbewertung eingeräumt
    • Wesentliche Unterschiede: Zur Abgrenzung von der Anorexia nervosa fordert das DSM-IV, dass die bulimische Störung nicht ausschließlich im Verlauf einer Anorexia nervosa auftreten sollte. Das Vorhandensein einer bulimischen Symptomatik bei gleichzeitigem erheblichen Gewichtsverlust bzw. Untergewicht würde die Diagnose einer Anorexia nervosa »Binge-Eating-/Purging-Subtyp« zur Folge haben.
    • Das DSM-IV unterscheidet bei der Bulimia nervosa weiterhin einen »Purging-Typ« mit regelmäßigem Laxantienabusus oder selbstinduziertem Erbrechen von einem »Nicht-Purging Typ«. Das Auftreten von selbstinduziertem Erbrechen oder der Einsatz von Laxantien ist also für die Diagnose einer Bulimia nervosa keine zwingende Voraussetzung.
  • Welche Merkmale sind prognostisch ungünstige Merkmale für Anorexia und Bulimia nervosa?

    Lösung

    Anorexia nervosa: Ein jüngeres Alter bei Erkrankungsbeginn, eine kürzere Erkrankungsdauer sowie histrionische Persönlichkeitszüge gelten als prognostisch günstige Merkmale. Prognostisch ungünstig sind hingegen das Vorliegen von Heißhungeranfällen und Erbrechen, längere Krankheitsdauer bzw. Chronizität der Erkrankung, ein besonders niedriges Gewicht zu Behandlungsbeginn und erhöhte Zwanghaftigkeit oder das Vorliegen einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung.
    Bulimia nervosa: Prognostisch ungünstige Merkmale des langfristigen Verlaufs sind eine Vorgeschichte von Substanzmissbrauch und erhöhte Impulsivität.
  • Über welche differentialdiagnostischen Merkmale lassen sich Essstörungen von den meisten anderen psychischen oder somatischen Erkrankungen mit Symptomen gestörten Essverhaltens oder von Gewichtsverlust abgrenzen?

    Lösung

    Einzelne Symptome psychogener Essstörungen (wie Gewichtsverlust, Erbrechen, Veränderung von Essverhalten und Appetit) können auch bei anderen psychischen Erkrankungen auftreten.
    Bei den meisten differentialdiagnostisch auszuschließenden Erkrankungen berichten Patientinnen aber in aller Regel, essen zu wollen bzw. ihr Gewicht halten oder steigern zu wollen. Ferner fehlt die für Essstörungen charakteristische übermäßige Bedeutsamkeit von Gewicht und Figur für das Selbstwertgefühl der Patienten. Es handelt sich in diesen Fällen eher um einen ungewollten Gewichtsverlust, für den auf Nachfrage andere Gründe angegeben werden: so etwa Übelkeit oder Schmerzen (bei körperlichen Erkrankungen), Appetitlosigkeit (bei Depressionen oder Anpassungsstörungen) oder andere Befürchtungen (bei Zwangsstörungen, Ängsten oder Psychosen).
    Die unrealistische Angst, zu dick zu werden, findet sich allenfalls (selten) bei körperdysmorphen Störungen, sie ist sehr spezifisch für die Anorexia und Bulimia nervosa.
  • Welche Risikofaktoren haben Anorexia und Bulimia nervosa gemeinsam?

    Lösung

    Weibliches Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, genetische Faktoren, Schwangerschaftskomplikationen, kindliche Gesundheitsprobleme, adoleszentes Alter, früher Pubertätsbeginn, Diätverhalten/restriktives Essverhalten und übermäßige Bedeutsamkeit von Figur und Gewicht
  • Welche psychotherapeutischen Verfahren werden zur Behandlung der Bulimia nervosa und der Binge-Eating-Störung eingesetzt, und wie ist ihre Wirksamkeit einzuschätzen?

    Lösung

    Bulimia nervosa:
    • Im Rahmen kontrollierter randomisierter Studien wurden überwiegend verhaltenstherapeutische bzw. kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze (CBT) sowie in geringerem Umfang auch psychodynamische Verfahren (insbesondere Interpersonale Psychotherapie, IPT) auf ihre Wirksamkeit hin untersucht.
    • Zu Therapieende sind etwa 61% der Patientinnen bezogen auf die Heißhungerattacken symptomfrei und 51% bezogen auf Erbrechen. Darüber hinaus kommt es zu einer Reduktion von Heißhungerattacken und Erbrechen um durchschnittlich 76%. Positive Veränderungen zeigen sich auch in Bezug auf Depressivität und spezifischen Einstellungen zu Körper und Gewicht. Die Effekte sind langfristig stabil.
    • Langfristig ähnlich wirksam wie CBT ist die Interpersonale Psychotherapie (IPT) für Bulimia nervosa und Binge-Eating-Störung adaptiert.
    • Eine erste kleinere Studie mit Dialektisch-Behavioraler Therapie (DBT), die emotionale Dysregulation als zentrales Problem bulimischer Patientinnen betont, fand ebenfalls ermutigende Effekte.
    Binge-Eating-Störung (BED):
    • Die psychotherapeutischen Verfahren zur Behandlung der Binge-Eating-Störung sind größtenteils von Ansätzen zur Behandlung der Bulimia nervosa abgeleitet und für BED adaptiert. Die Normalisierung des Essverhaltens ist hier vorrangiges Ziel vor einer Gewichtsreduktion.
    • Am häufigsten wurden bislang kognitiv-behaviorale Verfahren überprüft. Diese haben sich - ebenso wie IPT - als wirksam in der Reduktion der Heißhungeranfälle erwiesen.
    • Die Abstinenzraten im Rahmen kontrollierter Studien liegen bei etwa 50%, die Reduktionsraten schwanken zwischen 48% und 98%, ohne dass zusätzlich eine bedeutsame Gewichtsreduktion eintritt. Allerdings scheint Abstinenz bezogen auf die Heißhungeranfälle (vor allem zu einem relativ frühen Zeitpunkt in der Behandlung) zu größerem Gewichtsverlust zu führen. Daher wird von einigen Autoren auch die Behandlung der Essstörung vor der Behandlung des Übergewichts priorisiert.
  • Beschreiben Sie den sexuellen Reaktionszyklus!

    Lösung

    • Appetenz: Bedürfnis und Phantasien zu sexueller Aktivität
    • Erregungsphase: Zunahme sexueller Lust mit dem Einsetzen physiologischer Veränderungen wie Puls- und Blutdruckanstieg und vermehrter Schweißabsonderung; bei der Frau Anschwellen von Klitoris sowie kleinen und großen Schamlippen, beim Mann Peniserektion und Hodenanschwellung
    • Plateauphase: Verstärkung der Prozesse der Erregungsphase, Atmungsbeschleunigung, Hautrötungen, beim Mann maximale Erektion
    • Orgasmusphase: höchste sexuelle Lust, bei der Frau rhythmische Kontraktion der Scheide und eventuell der perinealen Muskulatur, beim Mann rhythmische Kontraktion der Samenleiter, Samenblasen und Prostata, Ejakulation
    • Entspannungsphase: muskuläre Entspannung, Abnahme der Klitoris- und Schamlippenschwellung bei der Frau und der Erektion und Hodenschwellung beim Mann
  • Mit welchen diagnostischen Kernfragen können Sie das Vorliegen einer sexuellen Funktionsstörung abschätzen?

    Lösung

    • Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Sexualität?
    • Wie häufig haben Sie Sex mit Ihrem Partner/Ihrer Partnerin und sind Sie damit zufrieden?
    • Wie häufig empfinden Sie sexuelles Verlangen?
    • Erleben Sie Schwierigkeiten während des Sexualverkehrs und wenn ja, welche?
    • Wie genau sieht Ihr derzeitiges Sexualverhalten aus?
  • An welchem Beispiel kann man den Einfluss gesellschaftlicher Beurteilung bezüglich vermeintlicher sexueller Abweichungen gut verdeutlichen?

    Lösung

    Am Beispiel der gewandelten gesellschaftlichen Auffassungen zur Homosexualität: von der Strafbarkeit homosexueller Aktivitäten und der Einordnung als psychische Störung bis zur Gleichstellung mit der heterosexuellen Orientierung als gesund.
  • Erörtern Sie das Vorgehen beim »Sensate Focus«!

    Lösung

    • Diagnose einer sexuellen Funktionsstörung und Ausschluss organischer Ursachen
    • Zunächst Koitusverbot zur Verringerung von Leistungsdruck und Erwartungsängsten
    1. Phase: abwechselndes gegenseitiges streichelndes Erkunden der Körper, ohne Erregungsaufbau
    2. Phase: oberflächliches Einbeziehen der Genitalien, ohne Erregungsaufbau
    3. Phase: verstärktes Einbeziehen der Genitalien, ohne Erregungsaufbau
    4. Phase: verstärktes Einbeziehen der Genitalien mit dem Ziel des Erregungsaufbaus
    5. Phase: Koitus ohne rhythmische Bewegung bis die Erektion abnimmt
    6. Phase: koitales Experimentieren
  • Was versteht man unter dem Konzept einer »affirmativen Psychotherapie«?

    Lösung

    Therapeutische Grundauffassung über die Zielstellung einer Akzeptanz von weniger problematischen Paraphilien beim Patienten und der Minderung von Scham- oder Schuldgefühlen. Methode: kognitive Therapie
  • Unter welchen Voraussetzungen darf die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung vergeben werden? Wann und warum sollte eher von akzentuierten Persönlichkeitsstilen und nicht von Störungen gesprochen werden?

    Lösung

    Persönlichkeitsstörungen dürfen nur diagnostiziert werden, wenn:
    1. Denken, Verhalten, Wahrnehmen und Fühlen ein überdauerndes, durchgängig unflexibles und wenig angepasstes Muster darstellen,
    2. im privaten oder beruflichen Umfeld durch Persönlichkeitsmerkmale wesentliche Beeinträchtigungen der Funktionsfähigkeit verursacht werden und/oder
    3. wenn Persönlichkeitsmerkmale zu klinisch bedeutsamen Leiden beim Betreffenden führen.
    Liegen Merkmale von Persönlichkeitsstörungen nicht in extremer Form vor - wie z. B. bei der narzisstischen Persönlichkeitsstörung das Empfinden der eigenen Großartigkeit -, sondern lediglich als tendenzielle Neigung, dann sollte man eher von Persönlichkeitsstil sprechen.
    Diese Unterscheidung ist vor allem deswegen wichtig, da es sich bei Persönlichkeitsstörungen im Gegensatz zu Persönlichkeitsstilen um ein klinisch bedeutsames - d. h. pathologisches - Phänomen handelt.
  • Wie häufig lassen sich Persönlichkeitsstörungen in der Bevölkerung beobachten und wie häufig wird die Diagnose in klinischen Einrichtungen vergeben?

    Lösung

    Weitgehend übereinstimmende Angaben verschiedener Studien über Prävalenzraten von Persönlichkeitsstörungen von 5% bis 10%:
    • am häufigsten schizotypische (2-6%)
    • dependente (2-7%)
    • zwanghafte (2-6%)
    • unter 1%: narzisstische, paranoide und schizoide Persönlichkeitsstörung
    Höhere Prävalenzraten in ambulanten und stationären Einrichtungen:
    • selbstunsicher-vermeidende (11-16%)
    • Borderline (5-14%)
    • histrionische (2-7%)
    • dependente (2-7%)
  • Welche unterschiedlichen Faktoren und Entwicklungsbedingungen können dazu beitragen, dass es zur Ausbildung einer Persönlichkeitsstörung kommt?

    Lösung

    • Entwicklung von Persönlichkeitsstilen (bereits in der Kindheit) durch Zusammenspiel von Temperamentseigenschaften und Lernprozessen (belastende Kindheitserfahrungen als wichtiger Faktor vermutet)
    • Persönlichkeitsstörung als unangemessener Einsatz von Persönlichkeitsstilen bezüglich Kontext und Situation
    • genetische, biologische, psychologische und soziale Vulnerabilitätsfaktoren für die Entwicklung von individuellen Persönlichkeitsstilen zu Persönlichkeitsstörungen
  • Was wird in der Resilienzforschung untersucht?

    Lösung

    Die Rolle verschiedener protektiver Faktoren (z. B. supportive soziale Umwelten) für die Nichtentwicklung von psychischen Störungen oder Persönlichkeitsstörungen trotz traumatischer Erfahrungen.
  • Welche Überlegungen sollten angestellt werden, um in der Behandlung eines Patienten mit Persönlichkeitsstörungen die angemessenen Ansatzpunkte für eine Behandlung zu finden?

    Lösung

    • Welche Störungen in der sozialen Interaktion zeigen sich?
    • Welche Auffälligkeiten im emotionalen Erleben berichtet der Patient?
    • Welche Abweichungen in der Wahrnehmung des (sozialen) Umfelds und im Selbstbild des Patienten von der Realität sind zu vermuten?
    • Lässt berichtetes oder beobachtetes Verhalten auf eine Störung der Impulskontrolle schließen?
  • Psychotherapeutische Maßnahmen sind nicht die einzige Möglichkeit, Persönlichkeitsstörungen zu behandeln. Welche zusätzlichen Aspekte sollten Psychotherapeuten bedenken?

    Lösung

    • beratende Hilfeleistung bei begleitenden schwierigen Lebenssituationen, z. B. Verschuldung
    • psychosoziale Komponenten, z. B. Familientherapie, Angehörigentreffen
    • pharmakologische Behandlung, bei z. B. begleitenden Angstzuständen
  • Fertig!

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