Klinische Psychologie und Psychotherapie (3. Aufl.)

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Klinische Psychologie und Psychotherapie

ISBN: 
978-3-662-61813-4

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Dieses Lehrbuch der Klinischen Psychologie und Psychotherapie stellt das Fach in seiner ganzen Breite – von den psychologischen Grundlagen über Psychotherapieverfahren bis hin zu den häufigsten Störungsbildern – wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig anwendungsorientiert und verständlich dar. Es wurde für die dritte Auflage komplett überarbeitet und um zahlreiche Kapitel, unter anderem zu psychodynamischen, systemischen und humanistischen Psychotherapieverfahren oder E-Mental-Health-Interventionen, maßgeblich erweitert. Auch ein ausführliches Kapitel zu psychischen Störungen des Kindes- und Jugendalters wurde ergänzt.

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BegriffErklärung
AbhängigkeitssyndromCharakteristisches Muster körperlicher, kognitiver, verhaltensbezogener, sozialer und emotionaler Symptome, das durch den kontinuierlichen Konsum von psychotropen Substanzen entsteht.
AblehnungstrainingTechnik zur Rückfallprävention, die speziell bei der Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen eingesetzt wird. Der Patient soll im Rollenspiel geeignete soziale Fertigkeiten entwickeln, um in „sozialen Verführungssituationen“ die Aufforderung durch andere (z. B. zum Alkoholkonsum) selbstsicher ablehnen zu können.
AbsentismusFernbleiben von Terminen, Verpflichtungen wie etwa der Schule, dem Ausbildungs- oder Arbeitsplatz, obgleich es keine Verhinderungsgründe wie Krankheit o. Ä. gibt. Mögliche Ursachen sind z. B. fehlende Arbeitsmotivation oder fehlende Leistungsbereitschaft.
AbulieWillenlosigkeit, unangemessene Schwäche bzw. Unvermögen, Entscheidungen zu treffen, Entschlüsse zu fassen und durchzuführen. Tritt u. a. auf bei einigen Formen depressiver Störungen sowie verschiedenen organischen Hirnschädigungen.
AbwehrmechanismusEin Konstrukt, das in der psychoanalytischen Theorie einen automatisierten psychischen Prozess beschreibt, der das Individuum vor Angst und vor der Wahrnehmung innerer und äußerer Belastungen und Gefahren schützt. Abwehrmechanismen regulieren die Reaktion des Individuums auf emotionale Konflikte und auf äußere Belastungen. Einige Abwehrmechanismen (z. B. Projektion, Spaltung und Ausagieren) sind fast immer unangepasst. Andere, wie Unterdrückung und Verleugnung, können in Abhängigkeit von ihrem Ausprägungsgrad, ihrer Flexibilität und dem Kontext, in dem sie auftreten, sowohl unangepasst als auch angepasst sein.
Weitere Begriffe
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Frage 1 von 292
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  • Was ist der Unterschied zwischen Klinischer Psychologie und Psychotherapie?

    Lösung

    Psychotherapie ist nur ein Teilgebiet des Faches Klinische Psychologie.

    Klinische Psychologie
    • Auf dem Boden aller psychologischen Fächer umfasst die Klinische Psychologie alle grundlagen- und anwendungswissenschaftlichen Aspekte im Zusammenhang mit abweichendem Verhalten, psychischen Störungen sowie psychologischen Faktoren bei körperlichen Störungen und Erkrankungen
    • Dies schließt auch weite Bereiche der Gesundheitspsychologie, des Gebiet Occupational Health sowie der Beratungspsychologie mit ein; z. B. im Zusammenhang mit Prävention, Lebensberatung und Rehabilitation (vgl. Matrix von Baumann und Perrez, S. 5)
    • Das Spektrum des Faches geht weit über die im DSM-5 und ICD-10 definierten psychischen Störungen hinaus, was zu einer engen Verschränkung nicht nur mit anderen Teilbereichen der Psychologie (z. B. Arbeits- und Organisationspsychologie) sondern auch mit medizinischen Fachbereichen (z. B. Neurologie) führt
    Psychotherapie
    • ist ein Teilbereich der Klinischen Psychologie, der sich mit der psychologischen Therapie von behandlungsbedürftigen Menschen mit einer definierten psychischen Störung befasst
    • ist ein bewusster und geplanter interaktioneller Prozess, bei dem in einem festgelegten räumlich-zeitlichen Rahmen mit Hilfe erlernbarer Techniken (psychologische Interventionen) zur Beeinflussung von Verhaltensstörungen und Leidenszuständen im Hinblick auf ein gemeinsam erarbeitetes Ziel eingesetzt werden
    • ist (im Gegensatz zu dem weiten Spektrum klinisch-psychologischer Verfahren) dem Bereich der gesetzlich-rechtlich streng geregelten Heilkunde zuzuordnen. Das Psychotherapeutengesetz regelt die entsprechenden Ausbildungs- und Berufsausübungsbestimmungen
  • Was sind die wesentlichen Merkmale der neurobiologischen Perspektive bei psychischen Störungen?

    Lösung

    • Annahme, dass alle psychischen Funktionen und das Verhalten direkt wechselseitig abhängig von biochemischen, anatomischen, neuroendokrinen, physiologischen und genetischen Faktoren sind
    • demzufolge sind auch psychische Störungen auf diese Faktoren zurückzuführen; hierzu sind verschiedenen Vulnerabilitäts-Stress-Modelle entwickelt worden
  • Warum wird die Verhaltenstherapie als „genuin psychologisches Verfahren“ eingeordnet?

    Lösung

    • Sie beruht als einziges psychotherapeutisches Verfahren auf allen Erkenntnissen der empirischen und experimentellen Psychologie in ihrer gesamten Breite (Definition von Verhaltenstherapie nach Margraf und Lieb)
    • Sie beruht konsequent auf der Umsetzung der Lerngesetze
    • die zunächst behavioristisch orientierte Verhaltenstherapie war von Beginn an offen für die Erweiterung durch verschiedene Annahmen (z. B. kognitive und psychophysiologische Modelle)
    • die kognitiv-behaviorale Orientierung der heutigen Verhaltenstherapie bietet die Grundlage für die Integration von Erkenntnissen der gesamten empirischen Psychologie
    • deshalb wird die Verhaltenstherapie als genuin (eigenständiges) psychologisches Behandlungsverfahren definiert und nicht schulenspezifisch eingeordnet
  • Was sind die wesentlichen Bausteine des „Vulnerabilitäts-Stress-Modells“?

    Lösung

    Vulnerabilitäts-Stress-Modelle:
    • sind integrative Wechselwirkungsmodelle und erklären das menschliche Verhalten und das Auftreten psychischer Störungen als Interaktion von biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren vor dem Hintergrund entwicklungsbezogener Aspekte
    • sie erlauben eine widerspruchsfreie Integration neuer Erkenntnisse, haben heuristischen Wert für die therapeutische Praxis, sind jedoch für die einzelnen psychischen Störungen noch weit von einer umfassenden wissenschaftlichen Absicherung entfernt
    Zentrale Komponenten:
    1. Vulnerabilität: angeborene und/oder erlernte Anfälligkeit oder Disposition (auf biologischer, psychologischer und sozialer Ebene), die in Wechselwirkung mit einer „passenden“ Auslösesituation zu einer pathogenen Dynamik führen kann
    2. Stress bzw. Exposition: alle Anforderungssituationen (kritische Lebensereignisse, diffuse Belastungsbedingungen) auf die eine Person / ein Organismus mit einer Anpassungsreaktion reagieren muss
    3.
    a) Resilienz als modifizierende Variable: Fähigkeit einer Person, unter extremen Belastungsbedienungen (ggf. auch bei hoher Vulnerabilität) proaktiv zu handeln, um eine erfolgreiche Anpassung an die veränderten Bedingungen zu erreichen
    b) Coping als modifizierende Variable: Handlungskompetenzen die es einer Person erlauben in verschiedenen Anforderungssituationen flexibel und effizient zu reagieren
    4. kurz- und langfristige Konsequenzen
    Diese Faktoren werden den Stadien der Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Störungen (Prodromalphase, Störungsbeginn, Störungsverlauf) zugeordnet.
  • Was verstehen wir unter einer operationalisierten Diagnostik? Erläutern Sie dies an einem Beispiel!

    Lösung

    Im Gegensatz zur psychometrischen Diagnostik werden in der operationalisierten Diagnostik alle Entscheidungsschritte und Elemente des diagnostisch-klassifikatorischen Prozess detailliert und zumeist kategorial beschrieben und festgelegt, um zu einer klassifikatorischen Diagnose entsprechend der etablierten Klassifikationssysteme zu kommen. Operationalisierte Diagnostik einer psychischen Störung erfordert die Spezifizierung der Symptom- und Verhaltensmerkmale und der Zusatzkriterien (z. B. Zeitkriterium) sowie die Angabe des Algorithmus, wie die syndromale Verrechnung der Einzelkriterien oder Symptomgruppen zu einer Diagnose erfolgen soll (Beispiel: DSM-5-Kriterien einer Major Depression).
  • Auf welchen Grunddimensionen und nach welchen Merkmalen lassen sich psychische Störungen definieren?

    Lösung


























    Grunddimension Kriterium
    1. Symptomatologie (Erscheinungsbild) Art der Symptome
    Konfiguration von Symptomgruppen, Syndrome
    2. Zeit- und Verlaufscharakteristika Erkrankungsalter
    Tempo des Ersterkrankungsbeginns (Akuität)
    Verlauf (z. B. intermittierend, chronisch)
    Dauer
    Ausgang
    3. Vermutete Ätiologie Disposition (genetisch, Persönlichkeitsstruktur)
    Auslösende Merkmale (psychoreaktiv, somatisch, therapeutisch)
    Aufrechterhaltende und Verlaufsmerkmale (Veränderbarkeit, Persistenz)
    4. Intensität Die meisten Kriterien auf den Dimensionen 1–3
    5. Sicherheit Jedes Kriterium auf den Dimensionen 1–3
    Verbale Diagnose
    Codierte Diagnose
  • Welche Arten von Diagnostik unterscheiden wir in der Klinischen Psychologie?

    Lösung

    • Klassifikatorische Diagnostik:
    Zuweisung von Diagnosen zum Symptomkomplex der Person
    Funktionale Diagnostik:
    Bedingungsanalyse (Mikroanalyse zur Indikation und Therapie)
    Prozessdiagnostik:
    Verlaufs- und Erfolgsmessung, Steuerung und Adaptation von Interventionen und Veränderungen
    Strukturdiagnostik:
    Zuweisung zu dispositionellen Typen, Zuweisung zu Typen von Behandlungskonstrukten
    Diagnostisches Verhalten (z. B. Gesprächsführung)
  • Was versteht man unter Differenzialdiagnostik?

    Lösung

    Differenzialdiagnostik beschreibt den klinischen Prozess, bei dem die Symptome, Syndrome und ätiologischen sowie pathogenetischen Besonderheiten des vorliegenden Krankheitsbildes von anderen Krankheitsbildern abgegrenzt werden. Dies kann mit Hilfe von „diagnostischen Ausschlusskriterien“ und Entscheidungsbäumen operationalisiert erfolgen.
  • Erläutern Sie die „Epidemiologische Trias“!

    Lösung

    Die epidemiologische Trias bezeichnet in der Epidemiologie das Zusammenspiel von Personen-, Auslöse- und Umweltfaktoren. Diese Trias beschreibt die wechselseitige Interaktion von Wirt (betroffene Person mit ihren individuellen genetischen, biochemischen, physiologischen und psychologischen Dispositionen), schädlichen Agenzien oder Noxen (wie z. B. akute oder chronische Einflüsse der psychischen, physikalischen oder psychologischen Umgebung) und der Umwelt (aktuelle soziale oder physische Umgebung, in der ein Wirt vom schädlichen Agens getroffen wird).

    Dieses von dem Mediziner Robert Koch ursprünglich für Infektionskrankheiten entwickelte Modell lässt sich gut auch auf nichtinfektiöse Störungen und Krankheiten übertragen (z. B. in der sog. Life-Event-Forschung). Allerdings werden bei psychischen Störungen wie auch chronischen Erkrankungen in der Regel Erweiterungen der Zusatzannahmen erforderlich. Ein Beispiel ist hier, dass in der Forschung zu psychischen Störungen häufig Art und Intensität der schädlichen Agenzien (z. B. kritische Lebensereignisse) getrennt von modifizierenden Variablen, z. B. protektive („social support“) und Vulnerabilitätsfaktoren (familiäre Belastung mit psychischen Störungen) zu berücksichtigen sind.
  • Geben Sie Beispiele für unterschiedliche Falldefinitionen, die in einer epidemiologischen Studie herangezogen werden können!

    Lösung

    Die exakte Falldefinition in einer epidemiologischen Studie kann deckungsgleich mit dem Vorliegen einer spezifischen Diagnose sein. Beispiel: Um die Prävalenz der Major Depression in der Bevölkerung festzustellen, sollten die Kriterien von DSM-IV oder ICD-10 – erfasst mit einem darauf zugeschnittenen reliablen (Interview-)Instrument – zum Tragen kommen. Da sich bei diesen beiden Klassifikationssystemen die Kriterien leicht unterscheiden (bei ICD-10 ein Symptom weniger erforderlich), sollten entweder beide Werte genannt, oder die Entscheidung für das eine oder andere System begründet werden (vgl. Kap. 2);
    •   z. B. pro DSM-IV: gradlinigere Operationalisierung, bestimmte Instrumente (z. B. CIDI) wurden am DSM und nicht an ICD validiert, ICD-Code kann leicht aus DSM-Diagnose abgeleitet werden (umgekehrt nicht immer);
    •   pro ICD-10: Diagnose ist evtl. besser vergleichbar mit Versorgungsdaten, da die ICD-10 in der Praxis häufiger eingesetzt wird.

    Hinsichtlich des eingesetzten Instruments können bei einer Studie auch Kostengründe eine Rolle spielen: Wird statt eines State-of-the-Art-Interviews ein kurzer Screeningfragebogen eingesetzt, reduzieren sich zwar Sensitivität und Spezifität (die beim validierten Interview als „Goldstandard“ mit 100 % angesetzt werden können) – dies kann aber u. U. hinsichtlich der Studienziele in Kauf genommen werden. Ebenso verhält es sich in Bezug auf die Power für eine angestrebte Analyse: In einer Studie mit nur 1000 Personen aus der Allgemeinbevölkerung wäre es z. B. unmöglich, den Zusammenhang zwischen dem Fallstatus „rezidivierende Major Depression, schwer, mit psychotischen Symptomen“ und bestimmten weiteren Personenmerkmalen zu untersuchen, weshalb man hier eher als Falldefinition „irgendeine Major Depression“ wählen würde, um hinreichend viele Fälle in der gegebenen Stichprobe zu finden.

    Eine epidemiologische Untersuchung könnte aber auch zum Ziel haben, einzelne Symptome, Syndrome bzw. unterschiedliche Komplexitätsgrade von Beschwerdebildern und Risikofaktoren depressiver Probleme zu untersuchen, z. B. ob eine Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen familiengenetischer Faktoren und aktueller Depressivität besteht. In diesem Fall wäre eine kategoriale Falldefinition entsprechend der derzeitigen Diagnosesysteme weniger zielführend als etwa die Einteilung hinsichtlich eines dimensionalen Instrumentes wie dem BDI, hinsichtlich dessen Gesamtwertes man die Fälle nach Schweregrad ordnen könnte (selbstverständlich bei nachvollziehbarer Angabe der jeweiligen Cut-off-Werte).
    Denkbar wäre auch eine Analyse lediglich einzelner interessierender Symptome, z. B. verschiedener Formen der Suizidalität, die zwar meist im Verbund mit einer depressiven Störung auftreten, aber weder notwendig noch hinreichend für eine Depressions-Diagnose sind.
    Eine weitere mögliche epidemiologische Fragestellung könnte sein, im Zuge der Weiterentwicklung klassifikatorischer Diagnosesysteme die Validität unterschiedlicher Symptomkonstellationen (z. B. Weglassen bestimmter Symptome oder Hinzufügen alternativer Kriterien) hinsichtlich relevanter Außenkriterien (z. B. Befunden aus der psychophysiologischen oder neurobiologischen Forschung) zu prüfen.
    Da selbst minimale Unterschiede in der Falldefinition sowie selbst kleine Variationen in den Fallfindungsinstrumenten große Effekte z. B. auf die Prävalenzschätzung oder auf Assoziationen zwischen Fall-Status und anderen Variablen haben können, muss die Fallfindung exakt beschrieben werden (Replizierbarkeit!).
  • Definieren Sie folgende Begriffe: Prävalenz, Inzidenz, Risikofaktor, Komorbidität, Odds Ratio.

    Lösung

    Prävalenz: Vorhandensein eines Merkmals oder Häufigkeit einer Erkrankung in einer definierten Population zu einem definierten Zeitpunkt oder über eine definierte Zeitspanne
    Inzidenz: Häufigkeit des Neuauftretens einer Erkrankung in einer bestimmten Zeiteinheit und einer definierten Region
    Risikofaktor: In der epidemiologischen Forschung jeder Faktor, der die Auftretens-wahrscheinlichkeit eines Krankheitszustands statistisch bedeutsam anhebt oder senkt
    Komorbidität: Vorliegen mehrerer spezifischer Diagnosen bei einer Person innerhalb eines definierten Zeitraums
    Odds Ratio: Maßzahl, anhand der die Größe eines Zusammenhangs zwischen einem bestimmten Faktor und einer Erkrankung quantifiziert wird; Odds = Quotient aus Risiko und Gegenwahrscheinlichkeit; Odds Ratio (OR) = Quotient aus den Odds in zwei Gruppen
  • Welche Heuristiken kann man im epidemiologischen Kontext heranziehen, um gefundene (korrelative) Zusammenhänge hinsichtlich der Kausalität praktisch zu beurteilen?

    Lösung

    [Ausführlich im Abschnitt 3.2.3 des Lehrbuchs]
    •   Zeitliche Kontingenz
    •   Plausibilität
    •   Kohärenz
    •   Effektstärke
    •   Dosis-Wirkungs-Beziehung
    •   Spezifität
    •   Konsistenz und Replikation
  • Welche Qualitätskriterien zeichnen gute bzw. valide epidemiologische Studien aus?

    Lösung

    • Stichprobenziehung
    • möglichst repräsentativ für Population
    • möglichst hohe Ausschöpfungsquote unter denjenigen, die für eine Stichprobe in Frage kommen, und keine Verzerrungen dahingehend dass bestimmte Bevölkerungsgruppen systematisch seltener vertreten sind
    • angemessene Stichprobengröße
    • Datenerhebung
    • Einsatz bewährter standardisierter Verfahren und diagnostischer Interviews, insbesondere zur exakten Falldefinition
    • Optimierung der Durchführung
    • Auswahl und Optimierung geeigneter zusätzlich zu erhebender Variablen, wenn nicht nur Prävalenz einbezogener Diagnosen, sondern auch Korrelate untersucht werden sollen
    • Auswertung und Darstellung der Ergebnisse
    • Nachvollziehbarkeit aller Interpretationen und ihrer Generalisierbarkeit
    • Angabe von Konfidenzintervallen, um die Genauigkeit des Ergebnisses beurteilen zu können
    • angemessene statistische Methoden
  • Wie häufig sind psychische Störungen? Hierbei kommt es nicht auf exakte Prozentangaben an, sondern um einige zentrale Aussagen, aus denen hervorgeht, dass Sie wissen, dass es die Prävalenz psychischer Störungen so nicht gibt, d. h., dass Sie die Randbedingungen kennen, hinsichtlich derer die letztendlichen Prozentwerte zu interpretieren sind!

    Lösung

    Zusätzlich zu den Häufigkeitsangaben in Abschnitt 3.3.1 des Lehrbuchs seien an dieser Stelle folgende Punkte aufgeführt, die bei der Interpretation der jeweiligen Werte zu berücksichtigen sind:
    • Zeitfenster (z. B. unterschiedliche Werte, je nachdem ob Punkt-, 12-Monats- oder Lebenszeit-Prävalenzen oder das Lebenszeit-Risiko betrachtet werden)
    • Falldefinition (Beispiel: Mussten alle Diagnosekriterien im untersuchten Zeitraum gleichzeitig vorgelegen haben, oder wurden auch unterschwellige Syndrome einbezogen? Letzteres ist z. B. der Fall, wenn man einen „12-Monats-Fall“ so definiert, dass irgendwann im bisherigen Leben einmal alle Kriterien gleichzeitig vorgelegen haben und zumindest einige dieser Kriterien auch im letzten Jahr erfüllt waren)
    • Diagnostische Methode, z. B.:
    – Major Depression im Sinne des DSM-IV erhoben mit CIDI
    – Major Depression im Sinne des DSM-IV erhoben mit Screening-Fragebogen
    – BDI-Gesamtscore > 18
    – Angabe „Depression“ des Hausarztes
    – Selbsteinschätzung des Probanden anhand eines Fragebogen-Items
    – ICD-10-Code F32.x/F33.x in administrativen Statistiken aller Behandlungs-einrichtungen einer Region
    • Setting der Stichprobenziehung (z. B. ist die Punkt-Prävalenz von Depressionen bei Hausarztpatienten etwa doppelt so hoch wie in repräsentativen Bevölkerungsstichproben)
    • Soziodemografische Merkmale der zugrunde gelegten Population (z. B. ist die Punkt-Prävalenz von Essstörungen bei Schülerinnen um ein vielfaches höher als wenn man die Gesamtbevölkerung als Grundgesamtheit betrachten würde)
    • Regionale Unterschiede (z. B. sind psychische Störungen in Ballungsgebieten häufiger; ggf. unterscheidet sich auch das Antwortverhalten in unterschiedlichen (Sub-) Kulturen)
  • Überlegen Sie sich mögliche inhaltliche und methodische Gründe für den Befund aus dem Kasten zu psychischen Störungen in Ost- und Westdeutschland (S. 76).

    Lösung

    Es ist zu bedenken, dass die gefundenen Unterschiede zwar (statistisch) signifikant, aber relativ klein waren. Zentrales Ergebnis der Studie war, dass wie erwartet psychische Störungen im Osten nicht häufiger sind als im Westen.
    Drei Beispiele für inhaltliche Gründe bzw. Hypothesen:
    • Personale Variablen werden weniger durch Makrobedingungen ökonomischer oder politischer Art, sondern im sozialen Nahbereich (Familie, Schule) vermittelt. Eine globale Erklärung für die Ergebnisse „zugunsten“ der Neuen Bundesländer könnte darin liegen, dass hier protektive Variablen im Bereich sozialer Unterstützung günstiger ausgeprägt sein könnten
    • Umgekehrt könnten mögliche Vulnerabilitäts- oder Stressbedingungen für psychische Störungen wie etwa Konkurrenz, Neid und die Neigung zum sozialen Vergleich für den Osten weniger charakteristisch sein
    • Bei substanzinduzierten Störungen zum Beispiel war die Zugänglichkeit illegaler Drogen vor der Wende deutlich eingeschränkt, was als Erklärung für die deutlich erhöhten Lebenszeit-Prävalenzen im Westen dienen kann. Andere Befunde sind schwerer zu erklären, so zum Beispiel, dass Alkoholstörungen trotz höherer Raten gesundheitsschädlichen Konsums im Osten seltener sind. Es ist unklar, ob vielleicht geselliges Trinken verbreiteter, einsames (funktionales) Trinken aber seltener ist
    Drei Beispiele für methodische Gründe bzw. Hypothesen:
    • Anderes sozialisationsbedingtes Antwortverhalten im Osten (z. B. könnten aufgrund möglicher stärkerer Stigmatisierung psychischer Störungen oder psychiatrischer/psychotherapeutischer Behandlung zu DDR-Zeiten bestimmte Symptomfragen eher verneint werden)
    • Die Auswahl der Diagnosen könnte eine Rolle spielen, z. B. wäre es möglich, dass im Osten mehr Fälle als im Westen hinzukommen könnten, wenn man die kürzlich vorgeschlagene Forschungsdiagnose „Posttraumatische Verbitterungs-Störung“ einbezogen hätte
    • Vielleicht war der Zeitraum von 10 Jahren seit Wiedervereinigung zu lang, um „echte" Ost-West-Unterschiede, die im Sinne der ursprünglichen „Hilflosigkeits“-Hypothesen zu DDR-Zeiten noch vorgelegen haben mögen, aufzudecken
  • Beziehen Sie Stellung zur Lage der Versorgung psychischer Störungen!

    Lösung

    Einige Stichpunkte hierzu:
    • Auch wenn man „Behandlung“ sehr weit fasst („Kontakt mit professionellem Behandler oder Institution, ungeachtet Dauer, Intensität, Qualität und Ort“), berichten nur weniger als 40 % derjenigen mit einer aktuellen Diagnose einer psychischen Störung, eine Behandlung wegen ihrer Störung aufgesucht bzw. erhalten zu haben
    • Unter den Fällen mit einer Behandlung ergibt sich für die Mehrzahl, dass sie ausschließlich im primärärztlichen Sektor versorgt werden. Nur eine Minderheit wird im psychiatrisch-psychotherapeutischen Sektor behandelt
    • Befunde aus großen Hausarztstudien zur Depression zeigen, dass zwar etwa 75 % der depressiven Fälle vom Hausarzt als behandlungsbedürftige Störung erkannt werden, aber nur bei 55 % wurde auch eine Depression diagnostiziert. Diese diagnostische Unsicherheit hatte erheblichen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Patient auch formal adäquat behandelt wurde
    • Diese Zahlen weisen auf eine gravierende Unterversorgung im Bereich psychischer Störungen hin, auch wenn es praktisch unmöglich ist, alle Fälle mit einer psychischen Störung (in Deutschland immerhin geschätzt 15 Mio. Betroffene) zu behandeln. Insbesondere im Kinder- und Jugendbereich liegen Defizite vor
    • Im Zusammenhang mit o. g. Behandlungsquoten muss jedoch betont werden, dass alleine das Vorliegen einer Diagnose nicht automatisch mit Behandlungsbedarf gleichgesetzt werden darf. Behandlungsbedarf ist, obwohl jeder eine intuitive Vorstellung davon haben mag, ein relativ unscharfer Begriff. Als behandlungsbedürftig werden Zustände angesehen, die beim Betroffenen zu Funktionseinschränkungen führen und die auf eine (behandelbare!) Ursache zurückgeführt werden können sowie auch eine subjektive Komponente („wahrgenommene Behandlungsbedürftigkeit“) enthalten. Behandlungsbedarf ist nicht einfach nur gegeben oder nicht gegeben, sondern Teil einer komplexen Indikationsentscheidung (Erst- und wiederholte Behandlung, zeitliche Dringlichkeit, Dauer und Qualität der Behandlung etc.)
    • Bemerkenswert ist, dass Betroffene häufig nicht von selbst eine Behandlung aufsuchen bzw. beim Hausarzt psychische Probleme berichten. Mögliche Gründe dafür könnten sein: Selbst- und Fremdstigmatisierung in Bezug auf psychische Störungen, Unwissenheit oder Voreingenommenheit gegenüber psychologischen oder psychopharmakologischen Behandlungsmöglichkeiten, die unzureichende Motivation von Diagnostikern (z. B. Hausarzt), schlechte Erfahrungen mit früheren Behandlungen. Zudem gilt es bei einigen Diagnosen zu beachten, dass krankheitstypisch keine Krankheitseinsicht vorliegt (z. B. bei manchen Formen psychotischer Störungen sowie bei Suchterkrankungen) und dass speziell bei psychotherapeutischen Interventionen bestimmte Behandlungsvoraussetzungen zu beachten sind (z. B. Motivation)
  • Nennen Sie Ansätze, um mit epidemiologischen Studien ätiologische Fragestellungen zu untersuchen (analytische Epidemiologie)!

    Lösung

    In der analytischen Epidemiologie geht es um die Aufdeckung von Determinanten, die die Entstehung, den Verlauf und den Ausgang einer Krankheit in einer bestimmten Population beeinflussen und die ätiologische Bedeutung haben können. Dies betrifft die Entwicklung von ätiologischen (Entstehung) und pathogenetischen (Ausformung im Verlauf) Bedingungsmodellen. Der Nachweis kausaler Zusammenhänge bleibt allerdings solchen epidemiologischen Studien vorbehalten, die über ein adäquates Design verfügen; d. h. insbesondere prospektiven Longitudinalstudien unter Einschluss von (quasi-) experimentellen Designs an Kohorten sowie Fall-Kontroll- und hybriden Designs.

    Beispiele aus der EDSP-Studie
    • Familiengenetische Untersuchung: Durch direkte Untersuchung der Eltern mit dem gleichen diagnostischen Interview wurden deren psychische Störungen sowie die elterliche psychopathologische Entwicklung erfasst und versucht, mit einem „family history approach“ über die Eltern und die Kinder zu einer Störungscharakteristik aller Angehörigen ersten Grades sowie der Geschwister zu kommen. Ein typisches Problem solcher Ansätze besteht übrigens darin, dass bei den Elternbefragungen die Väter deutlich schwieriger zur Mitarbeit bewogen werden können als die Mütter
    • Molekularbiologische Untersuchung: Wenn möglich wurden von allen Eltern und Familienangehörigen und ihren Kindern Blutproben gesammelt, um molekulargenetische Mechanismen, Zusammenhänge und Polymorphismen aufzudecken
    • Untersuchungen mit „nested designs“: Im Rahmen eines „nested Design“ wurden z. B. auf der Grundlage von familiengenetischen oder anderen Risikomerkmalen ausgesuchte Probanden der ersten Untersuchung eingeladen, zusätzlich an experimentellen Kohortenstudien teilzunehmen, z. B. zur Prüfung von Hypothesen zur Interaktion von Vulnerabilitätsfaktoren und Risikofaktoren bei der Entwicklung substanzbezogener Störungen (Alkoholabhängigkeit, Ecstasy-bezogene neuropsychologische Defizite)
  • Inwiefern sind psychische Störungen teure (d. h. mit hohen gesellschaftlichen Kosten verbundene) Störungen?

    Lösung

    • Dass psychische Störungen „teure“ Störungen sind, ist spätestens seit der WHO-Studie zum „burden of disease“ weitgehend bekannt. Dort wurden die Kosten, bei denen die Depression einen vorderen Rangplatz unter allen Krankheiten einnimmt, jedoch nicht anhand „harter“ Daten (z. B. direkte Kosten durch Behandlungen oder indirekte Kosten durch Produktivitätsminderung) ermittelt, sondern lediglich anhand von Schätzungen aufgrund expertengestützter Schweregradindizes, z. B. QALY („quality adjusted life years“)
    • Nach neueren Überblicksarbeiten betragen die jährlichen Kosten für neuropsychiatrische Störungen in Europa mehr als 380 Mrd. Euro; den größten Anteil an diesen Kosten haben psychische Störungen mit insgesamt 290 Mrd. Euro. Dabei ist in Gegenüberstellung zu den hohen direkten (z. B. neurochirurgischen) Behandlungskosten bei Erkrankungen wie Hirntraumata zu beachten, dass für alle psychischen Störungen zumeist die indirekten Kosten - also vor allem Produktivitätsminderung – den Großteil der Kosten ausmachen
    • Suizide (= verlorene Lebensjahre) stellen ebenfalls einen relevanten Kostenfaktor dar, und der Großteil der Suizide steht im Zusammenhang mit psychischen Störungen
    • Angesichts der niedrigen Behandlungsquoten kann spekuliert werden, inwieweit durch eine höhere Behandlungsquote und den breiteren Einsatz effektiver Interventionen hier eine positivere Bilanz zwischen erhöhten direkten Behandlungskosten und möglicherweise wesentlich niedrigeren indirekten Kosten aufgrund günstigerer Verläufe erzielbar wäre
    • Zu den Faktoren, die psychische Störungen - auch im Vergleich mit vielen körperlichen Erkrankungen - teuer machen, zählen a) die Häufigkeit (vgl. o. g. hohe Prävalenzzahlen), b) oftmals früher Beginn und c) oftmals persistierender (fluktuierender oder chronischer) Verlauf; d. h. der Zeitraum, den einmal Betroffene über die Lebensspanne hinweg mit ihrer Störung und den damit verbundenen Einschränkungen verbringen, ist größer als bei vielen anderen Erkrankungen
  • Das Nahrungsvermeidungslernen gilt als ein besonders beeindruckendes Beispiel für klassische Konditionierung durch eine einmalige Koppelung von NS und US. Aber was genau sind in dieser Situation der US, der NS, der zum CS wird, und die UR, welche zur CR wird?

    Lösung

    US: Ein bestimmtes Gericht, das gegessen wird
    NS: Anblick/Geruch des Gerichts
    UR: Übelkeit
    CS: Der Reiz, der zuvor NS war
    CR: Übelkeit, Aversion
  • Die Klingelmatte ist ein Beispiel für eine sehr erfolgreiche therapeutische Anwendung des klassischen Konditionierens. Ihre Benutzung ist einfach – schwierig ist es hingegen, ihren Wirkmechanismus zu erklären: Welcher Reiz ist der US, welche Reaktion ist die UR und später CR, welcher Reiz wird durch die Therapie vom NS zum CS?

    Lösung

    US: Wahrnehmung des lauten Tons
    NS: Physiologische Reize, die durch volle Harnblase ausgelöst werden („Harndranggefühl“)
    UR: Erwachen, Schließmuskel zusammenziehen, zur Toilette gehen
    CS: Die Reize, die zuvor NS waren
    CR: Erwachen, Schließmuskel zusammenziehen, zur Toilette gehen
  • Warum arbeitet man bei der Verwendung des „Chaining“ rückwärts, d. h., warum wird zuerst nur das letzte (und nicht das erste) Verhalten der Kette verstärkt?

    Lösung

    Weil dabei immer das gleiche Verhalten am Ende der Kette verstärkt wird. Beim „forward chaining“ muss hingegen ständig umgelernt werden, welches Verhalten verstärkt wird.
  • Ein Vater beobachtet, wie sein Sohn die kleine Schwester schlägt. Der Vater gibt dem Sohn zur Strafe dafür eine Ohrfeige. Welche Lernprinzipien werden bewirken, dass der Sohn das Verhalten „Schwesterschlagen“ in Zukunft häufiger oder seltener zeigen wird?

    Lösung

    Vordergründig betrachtet führt die Ohrfeige (positive Bestrafung = unangenehmer Reiz als Verhaltenskonsequenz) zu seltenerem Auftreten des Verhaltens.

    Allerdings wird hier vermutlich das Modellernen (Bandura) wirksam: Der Junge wird in Zukunft häufiger schlagen, da
    a) er ein Verhaltensmodell sieht, das schlägt
    b) zu diesem Verhaltensmodell auch noch eine enge Bindung besteht
    c) der Junge beobachtet, dass das Schlagen dem Vater zu – zumindest kurzfristigem – Erfolg verhilft
  • Ein 2-jähriges Mädchen wacht nachts auf und weint. Dies ist schon häufiger passiert. Wie immer wachen die Eltern auf und versuchen das Weinen zu ignorieren. Das Mädchen hört aber nicht auf zu weinen, sodass der Vater schließlich aufgibt und das Mädchen in das Bett der Eltern holt. Dort schläft sie schnell ein, gefolgt von den Eltern. Analysieren Sie die Situation mit Hilfe der operanten Konditionierung: Welche Verhaltensweisen werden von wem, wie und nach welchem Verstärkungsplan verstärkt oder bestraft? Welche Folgen wird dies haben?

    Lösung

    •  Positive Verstärkung des Weinens durch Herstellung von Nähe zu vertrauten Personen
    •  Negative Verstärkung des Weinens, da das Kind durch das Weinen seine evtl. unangenehme Situation (allein im Kinderzimmer) erfolgreich beendet
    •  Verhalten der Erwachsenen: Entspricht am ehesten variablem Intervallplan
    •  Konsequenz: Das Kind wird nachts weiter anhaltend weinen, das Verhalten wird schwer zu löschen sein
    •  Ein weiterer Lernprozess: Holen die Eltern das Kind zu sich, können sie wieder schlafen und das störende Weinen hört auf (positive und negative Verstärkung kontinuierlich). Dies wird die Eltern nicht gerade motivieren, ihr Verhalten zu ändern

    Kommentar: Die Einordnung bezüglich der Verstärkungspläne ist schwierig, da bei Intervallplänen immer auf das erste Verhalten in einem Intervall reagiert wird, das Weinen im Beispielfall aber ein kontinuierliches Verhalten darstellt.
  • Der sog. „sekundäre Krankheitsgewinn“ stellt häufig ein Therapiehindernis dar. Was sind Beispiele für sekundären Krankheitsgewinn und durch welche Arten von Bestrafung und Verstärkung lassen sie sich erklären?

    Lösung

    Positive Verstärkung durch Anteilnahme, Hilfe, Zuwendung bei Klagen kann zu der primären Quelle von Belohnung werden; dadurch werden alternative Lösungen behindert und blockiert.
    Wenn nach einiger Zeit der Therapeut oder die Umwelt genervt das Klagen ignoriert oder bestraft, führt dies möglicherweise initial aufgrund der vorangehenden Lernprozesse zu einer verstärkten Krankheitshaltung.
  • Einige Studien haben gezeigt, dass Patienten mit einer spezifischen Phobie entgegen der Theorie von Mowrer meist kein traumatisches Erlebnis als Auslöser der Phobie berichten können (z. B. Hundephobiker, die nie von einem Hund gebissen wurden). Wie lässt sich die Entstehung der Phobie dann erklären?

    Lösung

    Der Gegenstand der Phobie (Hund) war ein NS, der durch zeitliches Zusammentreffen mit einer negativen Erfahrung (UR auf US, z. B. Lärm löst Schreck aus) assoziiert und so zum CS für eine CR (Angst) wurde. Da diese Prozesse häufig in der Kindheit auftreten, z. B. in entwicklungsbezogen frühen sensiblen Phasen, ist die initiale erste Auslösungssituation kognitiv nicht präsent (erinnerlich). Eine Alternativerklärung beruht auf dem Modelllernen: Kinder haben durch Beobachtung (z. B. ihrer ängstlichen Eltern) gelernt, dass Hunde gefährlich seien.
  • Die Entstehung und Aufrechterhaltung von Spielsucht wird dadurch begünstigt, dass Glücksspiele einem bestimmten Verstärkungsplan folgen. Welches Verhalten wird hier wie und wodurch verstärkt, und warum wird dadurch das Aufhören schwierig?

    Lösung

    Plan: Verstärkung im Sinne des variablen Quotenplan führt zu sehr stabilen und löschungsresistenten Mustern; (schwierige Löschung). Gewinn wirkt als pos. Verstärkung, intermittierende Gewinne führen zu besonders stabilem Lernen. Aufhören wirkt als neg. Bestrafung, da angenehme Erlebnisse (Gewinn) wegfallen.
  • Stellen Sie sich vor, dass Sie eine „token economy“ entwerfen sollen, mit der Patienten einer psychiatrischen Klinik zu selbstständigerer Körperpflege motiviert werden sollen. Wie sollte diese „token economy“ aussehen (Verhaltensweisen, Verstärker, Kontingenzen etc.)? Welche Probleme sind bei der Umsetzung zu erwarten?

    Lösung

    Anforderungen: Exakt definierte Aufgaben und Belohnungen, Übergang vom kontinuierlichen zum intermittierenden Verstärkungsplan, Entwicklung von einfachen zu komplexen Aufgaben, schließlich „Ausschleichen“ der „token economy“

    Probleme: Keine Verstärkung des Verhaltens nach Entlassung aus der Klinik
  • Bei der Therapie von Adipositas wird häufig das Prinzip der „Stimuluskontrolle“ angewendet. Wie sollte dies getan werden? Welche Stimuli sollten wie kontrolliert werden? Welche Probleme sind dabei zu erwarten?

    Lösung

    Ziel der Stimuluskontrolle in der Adipositastherapie ist es, mit dem Essen assoziierte Situationen zu erkennen und zu reduzieren, um dadurch die Häufigkeit und Menge der Nahrungsaufnahme zu senken. Dazu können zunächst entsprechende Zeiten, Orte und Aktivitäten protokolliert werden, zu denen gegessen wird, ohne dass wirklich Hunger besteht. Anschließend wird das Essen auf ganz bestimmte Zeiten, Orte und Settings beschränkt.
    Konkrete Strategien beinhalten:
    1.  Einkauf: nicht hungrig einkaufen gehen, eine Liste mit ausgewogenen Nahrungsmitteln machen, die einen begrenzten Zeitraum abdeckt (z. B. nur für den nächsten Tag einkaufen) und nur so viel Geld mitzunehmen, dass eben diese vorher ausgewählten Lebensmittel bezahlt werden können
    2.  Lebensmittel außer Sicht lagern
    3.  Essen übrig lassen und direkt nach dem Essen entsorgen
    4.  Feste Essenszeiten und -orte einführen, Essen ohne Ablenkung (Lesen, TV, ...)
    5.  Auslösende Situationen (nach einem Streit, Langeweile, „Nebenbei essen“ vor dem Fernseher etc.) erkennen und Alternativverhaltensweisen einüben
    6.  Lebensmittel, die bei Essanfällen gegessen werden, nicht im Haus haben bzw. durch „sichere“ Lebensmittel ersetzen

    Schwierigkeiten der Stimuluskontrolle liegen in dem möglicherweise weitreichenden Eingriff in das tägliche Leben des Patienten, bei dem die Kontrolle der auslösenden Stimuli schwerer gelingt. Viele Abläufe und Routinen (z. B. Essensgewohnheiten, Wocheneinkauf, Freizeitgestaltung) im Alltag werden durch die Stimuluskontrolle durchbrochen und Betroffene laufen mitunter Gefahr, leicht in gewohntes (bequemes) Verhalten zurückzufallen. Weitere Schwierigkeiten können bei mangelnder Unterstützung durch die Familie auftreten (Partner kauft Großpackung Schokolade) sowie in Situationen, die vom Alltag des Patienten abweichen (Urlaub mit Frühstücksbüffet usw.).
  • Bei der stationären Anorexia-Therapie werden mit den Patientinnen häufig Kontingenzverträge mit dem Ziel der Gewichtszunahme geschlossen. Wie sollte solch ein Vertrag aussehen (Verhaltensweisen, Verstärker, Kontingenzen etc.)? Welche Probleme sind dabei zu erwarten?

    Lösung

    Für viele Patientinnen sind die Bedingungen des Kontingenzvertrages aversiver als die von ihnen erwartete Gewichtszunahme. Es gelingt daher häufiger, die Angst vor dem Essen und der Gewichtszunahme zu überwinden, um Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit zu vermeiden oder aufzuheben. Es wird so ein Zielkonflikt im Sinne eines Vermeidungs-Vermeidungs-Konfliktes hergestellt. Viele (nicht alle) Patientinnen entscheiden sich dann für die Gewichtszunahme. Kontingenzverträge können also zu Beginn der Therapie dazu beitragen, eine Veränderungsmotivation aufzubauen. Im Behandlungsverlauf ist aber darauf zu achten, dass zusätzlich eine intrinsische Veränderungsmotivation aufgebaut wird. Eine fehlende Veränderungsmotivation kann sich als problematisch erweisen, wenn Patientinnen ihr Gewicht zur Messung manipulieren (Auftrinken, schwere Kleidung, etc.) und eine reale Gewichtszunahme vermeiden wollen. Die Programmbedingungen stellen keine Bestrafung dar und sollten den Patientinnen auch nicht als solche vermittelt werden.

    Im Rahmen eines Kontingenzvertrages wird z. B. eine wöchentliche Mindestzunahme von 700g bis zu einem Zielgewicht entsprechend einem BMI von 20 schriftlich vereinbart. Wird diese Mindestzunahme nicht erreicht, werden die Patientinnen in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Die Einschränkungen werden bei steigendem Gewicht schrittweise wieder aufgehoben
    Im Einzelnen könnte ein Kontingenzvertrag folgendermaßen aussehen:
    •  Wenn Gewichtszunahme von 700g erreicht wird: positive Verstärkung – d. h. keine Einschränkungen, darf sich auf dem gesamten Klinikgelände bewegen, die Klinik verlassen, an allen Therapiemaßnahmen teilnehmen, Anrufe und Besuch bekommen, Mahlzeiten im Speisesaal einnehmen (Selbstkontrollphase)
    •  Wenn Gewichtszunahme von 700g nicht erreicht: Programm mit 3 Phasen
    –  Phase I: Patientin darf die Station nicht verlassen, nur an ausgewählten Therapie-maßnahmen teilnehmen (z. B. keine Ergotherapie, Musiktherapie etc.), nicht telefonieren und keinen Besuch erhalten, Mahlzeiten auf dem Zimmer einnehmen (Entzug positiver Verstärker; indirekte Bestrafung)
    –  Phase II: Pat. darf sich auf dem gesamten Klinikgelände aufhalten, an allen Therapien teilnehmen, Anrufe bekommen, Mahlzeiten im Speisesaal einnehmen, die Klinik aber nur 1x/Woche nach Absprache für 2 Stunden verlassen und 1x/Woche nach Absprache Besuch erhalten
    –  Phase III: wie Selbstkontrollphase

    Zusätzlich ist geregelt, welche Maßnahmen ergriffen werden, wenn das Ziel der jeweiligen Phase nicht erreicht wird (z. B. wenn in Phase I oder II die Gewichtszunahme nicht erreicht wird, gelten für 3 Tage Sonderbedingungen: Bedingungen von Phase I, zusätzlich darf Pat. das Zimmer nur zu ausgewählten Therapiemaßnahmen verlassen, innerhalb der 3 Tage muss das nicht erreichte Gewicht aufgeholt werden etc.).

    Die Patientinnen müssen zu Beginn der Therapie über alle Bedingungen aufgeklärt werden und sich damit einverstanden erklären.
    Mögliche Probleme:
    1. Patientinnen hungern sich aus der Behandlung: Es wird keine Gewichtszunahme erreicht und die Behandlung von ärztlicher Seite beendet
    2. Patientinnen essen sich aus der Behandlung, d. h. nehmen schnell zu, ohne entsprechende gewichts- und figurbezogene Einstellungen zu verändern, um die Behandlung schnell beenden zu können. Rückfälle sind so sehr wahrscheinlich
    3. Patientinnen brechen die Behandlung wegen der Einschränkungen vorzeitig ab
    4. Patientinnen erleben die Einschränkungen als Strafe, nicht als Hilfestellung
    5. Wenn es innerhalb einer Klinik oder Gruppe unterschiedliche Vereinbarungen mit verschiedenen Patientinnen gibt, kann es zu Rivalitäten kommen
  • Wie kann man Emotionen definieren und klassifizieren und welche adaptiven Funktionen erfüllen sie?

    Lösung

    •  Emotionen werden definiert als psychophysische Reaktionsmuster, die auf einer mehr oder weniger komplexen kognitiven Bewertung einer Situation beruhen und mit einer Reihe peripher-physiologischer Reaktionsmuster und der Aktivierung zentralnervöser und endokriner Systeme einhergehen. Emotionen können sich in charakteristischer Mimik und Körperhaltung manifestieren und sind zumeist mit einer subjektiven Erlebnisqualität verbunden. Emotionen sind zudem häufig mit spezifischen Motivationszuständen und Handlungsbereitschaften assoziiert
    •  Bei der Klassifikation werden 1. dimensionale und 2. kategoriale Ansätze unterschieden:
    1. Wundt (1905): drei bipolare Erlebnisdimensionen Lust–Unlust, Erregung–Beruhigung, Spannung–Lösung; in neueren Untersuchungen konnten zumeist die ersten beiden Dimensionen konsistent repliziert werden
    2. Darwin: Annahme von (kulturunabhängigen angeborenen) Basisemotionen, z. B. Wut, Ekel, Trauer, Freude, Angst, Überraschung; durch Ekman-Studien (1982) gut belegt; allerdings besteht Unklarheit über die Art und Anzahl möglicher Basisemotionen sowie die Frage, wie aus einigen wenigen Basisemotionen die weit größere Anzahl von spezifischen Gefühlen entstehen könnte
    •  Adaptive Funktionen
    – Motivation (Aufsuchen versus Vermeiden)
    – Handlungsvorbereitung (z. B. Kampf oder Flucht)
    – Lernen anhand positiver oder negativer emotionaler Konsequenzen
    – Kognition (z. B. Lenkung der Aufmerksamkeit auf motivational relevante Reize)
    – Kommunikation über emotionales Ausdrucksverhalten
  • Welche Rolle spielen körperliche Reaktionen bei der Emotionsentstehung?

    Lösung

    Diese Frage ist bislang nicht eindeutig geklärt; wichtige theoretische Ansätze dazu sind:
    1. James-Lange-Theorie: Emotionale Reize lösen eine jeweils spezifische körperliche Reaktion aus und die Wahrnehmung dieser körperlichen Reaktion erleben wir als Emotion („Wir haben Angst, weil wir zittern“). Dabei reicht es nicht aus, den Reiz einfach wahrzunehmen, sondern er muss als bedeutsam bewertet werden
    2. Zwei-Faktoren-Theorie von Schachter und Singer: Emotionen entstehen, wenn ein zunächst diffuser physiologischer Erregungszustand kognitiv interpretiert und auf eine emotionale Ursache attribuiert wird. Dabei ist die Art der erlebten Emotion abhängig davon, wie der Erregungszustand kognitiv interpretiert wird
    3. Kognitive Bewertungstheorien: Emotionen beruhen auf einer kognitiven Einschätzung einer Situation in Bezug auf eine Reihe von Bewertungsdimensionen (Neuigkeit, Erwartungsdiskrepanz, Valenz, Zielrelevanz, Bewältigungspotenzial). Spezifische Emotionen sind mit jeweils spezifischen Bewertungsmustern auf diesen Dimensionen assoziiert
  • Was ist die anatomische Verschaltung und vermutete Funktion der zwei Wege der Furchtauslösung in der Theorie von LeDoux?

    Lösung

    Die Amygdala ist eine wichtige Struktur für die Furchtverarbeitung und die Assoziation von Reizen mit emotionalen Reaktionen (z. B. bei der klassischen Furchtkonditionierung).

    Der laterale Kern der Amygdala erhält sensorischen Input aus verschiedenen Sinnesmodalitäten über zwei neuronale Verarbeitungswege:
    • Von Assoziationsarealen des Neokortex sowie vom hippocampalen System (das am deklarativen Gedächtnis und der Einbettung von Reizen in einen raumzeitlichen Kontext beteiligt ist). Über diesen Verarbeitungsweg wird hoch verarbeitete Reizinformation mit Gedächtnisinhalten, Erwartungen und Zielen integriert. Über den zentralen Kern der Amygdala können diese Informationen Prozesse in vegetativen, endokrinen und motorischen Hirnstrukturen steuern, die viszerale und neuroendokrine Körperreaktionen kontrollieren
    • Direkt vom sensorischen Thalamus: über diese Verbindung können emotionale Reaktionen wie Furcht durch einfache Reizmerkmale ohne Beteiligung neokortikaler Prozesse ausgelöst werden. LeDoux interpretiert diesen Verarbeitungsweg als „Frühwarnsystem“ und misst Bedeutung bei einfachen Formen der klassischen Furchtkonditionierung bei
  • Welche Belege gibt es dafür, dass Emotionen auch unbewusst ausgelöst werden können und welche Konsequenzen für die Verhaltenssteuerung lassen sich daraus ableiten?

    Lösung

    • Verhaltensexperimente haben gezeigt, dass bedrohliche Reize automatisch die Aufmerksamkeit auf sich ziehen können
    • Studien mit bildgebenden Verfahren haben gezeigt, dass die emotionsrelevante Hirnregionen wie die Amygdala durch kurzzeitig dargebotene oder unterschwellige (maskierte) emotionale Reize aktiviert werden können
  • Welche Rolle spielt der Neurotransmitter Dopamin bei der Anreizmotivation?

    Lösung

    Grundlage sind tiefexperimentelle Befunde zur intrakraniellen Selbstreizung von Olds und Milner, die ursprünglich als Belege dafür interpretiert wurden, dass eine direkte elektrische Reizung im Bereich des Hypothalamus verstärkend/belohnend wirkt. Spätere Studien zeigten, dass der kritische Ort für intrakranielle Selbstreizungseffekte das mediale Vorderhirnbündel als Teil des mesolimbischen Dopaminsystems ist.

    Dopamin ist ein Neurotransmitter, der an zahlreichen Funktionen beteiligt ist. Für Belohnungseffekte und Anreizmotivation ist insbesondere das mesolimbische Dopaminsystem von zentraler Bedeutung, das seinen Ursprung im ventralen Tegmentum im Hirnstamm und von dort zum Nucleus accumbens und weiter zu verschiedenen Regionen des limbischen Systems projiziert. Zahlreiche tierexperimentelle Beobachtungen belegen, dass dieses System an Belohnungswirkungen beteiligt ist. So ist eine elektrische Direktreizung besonders effektiv, wenn sie im mesolimbischen Dopaminsystem (oder in Regionen, die in dieses System projizieren) erfolgt. Primäre Verstärker (Nahrung, Wasser, Zugang zu Sexualpartnern) ebenso wie erlernte Belohnungssignale führen zu einer erhöhten Dopaminausschüttung im Nucleus accumbens.

    Entgegen der ursprünglichen Annahme, dass Dopamin subjektive Glücks- oder Lustgefühle vermittelt, geht man heute davon aus, dass Dopamin relevant für die Initiierung instrumenteller Verhaltensweisen zur Erlangung antizipierter Belohnungen ist („wanting“), aber nicht die lustvollen Empfindungen vermittelt, die durch die Belohnung ausgelöst werden („liking“). Darüber hinaus spielen phasische Dopaminausschüttungen eine wichtige Rolle bei der Vorhersage von Belohnungen und codieren einen Belohnungsvorhersagefehler, der signalisiert, dass eine Belohnung unerwartet ist oder größer ausfällt als erwartet, sodass assoziative Verknüpfungen zwischen Hinweisreizen und Belohnungen modifiziert werden müssen, um Belohnungen in Zukunft besser vorhersagen zu können.
  • Könnten Menschen rationale Entscheidungen treffen, wenn es ihnen gelänge, ihre Emotionen „abzuschalten“?

    Lösung

    Dies ist grundsätzlich möglich, aber nicht immer adaptiv. Da Emotionen die motivationale Bedeutsamkeit von Reizen und Handlungskonsequenzen signalisieren, können affektive und somatische Signale, die aufgrund früherer Lernerfahrungen mit positiven oder negativen Verhaltenskonsequenzen assoziiert wurden, adaptive Entscheidungen unterstützen (s. Damasio, These der somatischen Marker).
  • Was wurde mit der IOWA-Glücksspielaufgabe untersucht und welche Kritik wurde daran geübt?

    Lösung

    Bechara und Damasio et al. (1994) untersuchten mit dieser Aufgabe die Rolle des ventromedialen präfrontalen Kortex für das Entscheidungsverhalten. Ziel der Probanden ist es, möglichst viel (Spiel-)Geld zu gewinnen, indem sie nacheinander Karten von vier Stapeln ziehen. Bei zwei Stapeln werden in den meisten Durchgängen relativ hohe Gewinne erzielt, aber vereinzelt sind auch überproportional hohe Verluste möglich, sodass langfristig die Verluste überwiegen. Bei den zwei übrigen Stapeln sind die Gewinne generell kleiner, aber auch die mitunter auftretenden Verluste sind moderat, sodass es langfristig zu einem Gewinn kommt.

    Hirngesunde Probanden erkennen das Prinzip relativ schnell und ziehen Karten zumeist von den langfristig vorteilhafteren Stapeln und zeigen zudem erhöhte physiologische Erregung vor riskanten Entscheidungen (d. h., bevor sie eine Karte von den ungünstigen Stapeln ziehen). Dagegen erkannten Personen mit Läsionen im ventromedialen präfrontalen Kortex zwar das Prinzip, das hinter den Kartenstapeln liegt, hielten sich aber nicht daran und wählten durchweg Karten von den ungünstigen (mit kurzfristigen Gewinnen aber großen seltenen Verlusten verbundenen) Stapeln. Ferner zeigten die Patienten keine erhöhte physiologische Erregung, bevor sie eine Karte von einem der riskanten Stapel zogen. Die Autoren schlossen daraus, dass unbewusste körperlich-emotionale Signale (sog. „somatische Marker“) unser Entscheidungsverhalten in adaptiver Weise beeinflussen.

    Nachfolgende Untersuchungen konnten diese Befunde allerdings nicht immer replizieren und haben einige der Annahmen von Damasios Theorie in Frage gestellt. Kritisch diskutiert wird u. a., ob Probanden tatsächlich körperlich-emotionale Signale vor riskanten Entscheidungen zeigen, noch bevor sie sich der zugrunde liegenden Kontingenzen in der Aufgabe bewusst werden. Weitere Befunde legen nahe, dass die physiologische Erregung vor riskanten Entscheidungen auch daher rühren könnte, dass in der ursprünglichen Version der Aufgabe die Gewinne und Verluste bei den ungünstigen Stapeln generell höher sind als bei den günstigen Stapeln. Die Kartenwahl scheint primär durch die antizipierten Konsequenzen der Entscheidung bestimmt zu werden, wohingegen die physiologische Erregung eher die absolute Höhe der Gewinne und Verluste widerspiegelt, was nicht ohne Weiteres mit der von Damasio angenommenen Rolle von somatischen Signalen bei Entscheidungen vereinbar ist.
  • Was sind typische Merkmale von Situationen bzw. Aufgaben, in denen kognitive Kontrolle benötigt wird?

    Lösung

    Kognitive Kontrolle wird in Situationen oder Aufgaben benötigt, in denen
    • Absichten gegen automatisierte Gewohnheiten oder konkurrierende motivationale Tendenzen durchgesetzt werden sollen
    • Flexibel zwischen Zielen, Aufgaben oder Reiz-Reaktionsregeln gewechselt werden muss
    • Neue Handlungspläne generiert werden müssen
    • Wenig geübte oder schwierige Handlungen ausgeführt werden müssen

    Gemeinsam ist diesen Situationen die Abschirmung von Absichten gegen bzw. die Unterdrückung störender bzw. irrelevanter Reize sowie und die flexible Anpassung des Verhaltens an neue oder wechselnde Reizkonstellationen und Aufgabenanforderungen.
  • Welche Gehirnareale sind an der Emotionskontrolle beteiligt und wie wurden sie nachgewiesen?

    Lösung

    In Bildgebungsstudien wurden Probanden aufgefordert, ihre emotionale Reaktion auf z. B. sehr negative Bilder (z. B. von Unfallopfern) zu unterdrücken oder sich kognitiv vom emotionalen Gehalt der Bilder zu distanzieren oder diesen umzuinterpretieren. Die Regulation des negativen Affekts ging dabei mit einer reduzierten Aktivität in Zentren der emotionalen Verarbeitung wie der Amygdala und gleichzeitig einer erhöhten Aktivität im exekutiven Kontrollnetzwerk (u. a. im dorso- und ventrolateralen Präfrontalkortex, Parietalkortex und dorsalen anterioren cingulären Kortex) einher (z. B. Ochsner et al., 2002).

    Auch bei der Unterdrückung positiver Emotionen beim Anschauen erotischer Filme zeigte sich eine erhöhte Aktivierung im lateralen und medialen präfrontalen Kortex und reduzierte Aktivierung in limbischen Hirnregionen wie der Amygdala und dem Hypothalamus (Beauregard et al., 2001)
  • Was ist der Unterschied zwischen deklarativen (expliziten) und nichtdeklarativen (impliziten) Gedächtnisformen?

    Lösung

    Das deklarative Gedächtnis>/i> bezeichnet die Fähigkeit, sich Erlebnisse oder Fakten bewusst abzurufen und diese sprachlich beschreiben zu können. Das deklarative Gedächtnis umfasst das episodische Gedächtnis für Ereignisse in einem raumzeitlichen, autobiografischen Kontext sowie das semantische Gedächtnis für Fakten und Wortbedeutungen, bei denen man sich nicht notwendig daran erinnert, in welcher Situation man die Fakten enkodiert hat.

    Als nichtdeklaratives Gedächtnis werden eine Reihe von Gedächtnisformen bezeichnet, denen gemeinsam ist, dass sie nicht notwendigerweise mit bewussten Erinnerungen verbunden sind, sondern sich im Verhalten manifestieren. Dazu gehört der Erwerb von Fertigkeiten (prozedurales Lernen), das implizite Lernen von regelhaften Strukturen oder Sequenzen sowie implizite Primingeffekte.
  • Welche Rolle spielt der Hippocampus beim Gedächtnis und was besagt die Konsolidierungshypothese?

    Lösung

    Der Hippocampus ist nicht der anatomische Ort, an dem Gedächtnisspuren langfristig gespeichert werden. Er hat vielmehr die Funktion, in Interaktion mit anderen medial-temporalen Strukturen einzelne Elemente eines Reizes oder einer Episode mit Aspekten des raumzeitlichen Kontexts zu einer integrierten Repräsentation im deklarativen Gedächtnis zusammenzubinden.

    Die Konsolidierungshypothese besagt, dass neue Gedächtnisspuren anfänglich labil und störanfällig sind und deren Abruf die Beteiligung des hippocampalen Systems erfordert, das die schnelle Enkodierung neuer Episoden vermittelt. Es wird vermutet, dass es als Folge der wiederholten Reaktivierung einer neuen Gedächtnisrepräsentation zunächst zu lokalen strukturellen Veränderungen synaptischer Verknüpfungen und im weiteren Verlauf der Konsolidierung zur Bildung von assoziativen Verknüpfungen der Elemente einer Repräsentation in neokortikalen Hirnregionen kommt. Nach hinreichender Konsolidierung reicht die Aktivierung einzelner Elemente einer gespeicherten Episode, um die gesamte Episode zu reaktivieren, ohne dass das hippocampale System noch dafür notwendig ist. Dies erklärt, warum Läsionen dieses Systems länger zurückliegende Erinnerungen zumeist weniger stark beeinträchtigen als kürzlich enkodierte Inhalte.
  • Nennen Sie drei Beispiele dafür, wie sich Emotionen und Stimmungen auf Gedächtnisleistungen auswirken!

    Lösung

    • Erinnerungen an emotional aufwühlende Ereignisse werden oft als besonders lebhaft und detailgetreu eingeschätzt. Diese Erinnerungen sind allerdings nicht immer, wie ursprünglich angenommen, präziser als Erinnerungen an neutrale Ereignisse, sondern unterliegen ähnlichen Gedächtnisverzerrungen wie sie auch für neutrale Ereignisse gefunden werden
    • Stimmungskongruenzeffekte manifestieren sich darin, dass man sich besser an Ereignisse erinnern kann, die kongruent zur Stimmung während des Einprägens oder Abrufens sind
    • Unter stimmungsabhängigem Lernen versteht man den Befund, dass man sich besser an Ereignisse erinnert, wenn man beim Enkodieren und Abrufen in der gleichen Stimmung ist
  • Welchen Einfluss hat Stress auf das Gedächtnis und wie werden diese Effekte vermittelt?

    Lösung

    Eine stressbedingte Erhöhung des Glukokortikoidspiegels während der Enkodierung kann die Konsolidierung von emotional erregendem Material zunächst verbessern, zu starke Stresslevel können aber beeinträchtigend wirken.

    Der Abruf bereits gespeicherter Inhalte aus dem deklarativen Gedächtnis ist bei höherem Glukokortikoidspiegel demgegenüber in der Regel beeinträchtigt.
  • Welche Beeinträchtigungen von Gedächtnisfunktionen können bei der posttraumatischen Belastungsreaktion beobachtet werden und welche Erklärungen gibt es dafür?

    Lösung

    Bei Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) sind Erinnerungen an das traumatisierende Ereignis häufig fragmentiert und nicht kohärent in das übrige autobiografische Wissen integriert, wohingegen zentrale, insbesondere wahrnehmungsnahe sensorische Elemente der traumatischen Episode unwillkürlich durch traumabezogene Reize reaktiviert werden können und sich in schwer kontrollierbaren Intrusionen manifestieren.

    Dies ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass Gehirnsysteme, die an nichtdeklarativen Gedächtnisformen beteiligt sind, auch bei starkem Stress funktionsfähig bleiben, sodass sensorische Einzelaspekte der traumatischen Episode mit Furchtreaktionen assoziiert werden und durch traumabezogene Reize automatisch reaktiviert werden können. Dagegen ist die über den Hippocampus vermittelte Integration von Einzelelementen in eine kohärente Episode beeinträchtigt.

    Tierexperimentelle Ergebnisse haben gezeigt, dass chronischer Stress zu einer Schrumpfung und geringeren Verzweigungsdichte der Dendriten hippocampaler Neurone und die Neurogenese im Hippocampus beeinträchtigen kann. Bei zeitlich begrenztem Stress sind diese Effekte vermutlich reversibel. Neuere Bildgebungsstudien bei Menschen sprechen ferner dafür, dass die PTBS auf der Ebene globaler neuronaler Netzwerke mit einem hyperaktiven Salienznetzwerk bei gleichzeitig hypoaktiven exekutiven Kontrollnetzwerk assoziiert ist. Inwieweit strukturelle Schädigungen des Hippokampus und/oder eine erhöhte Responsivitität des Salienznetzes prädisponierende Faktoren für die Entwicklung einer PTBS oder aber eine Folge traumatischer Erfahrungen sind, ist bislang nicht abschließend geklärt. Insgesamt sprechen die Ergebnisse am ehesten für interaktive Modelle, denen zufolge genetische Prädispositionen im Zusammenspiel mit traumatischen Erfahrungen in sensitiven Entwicklungsphasen zu strukturellen Veränderungen des Hippocampus und anderer Regionen mit einer hohen Dichte an Gluokortikoidrezeptoren führen können, die wiederum das Risiko erhöhen, im Erwachsenenalter in Reaktion auf extremen oder chronischen Stress eine PTBS zu entwickeln.
  • Wie wirken sich positive Stimmung und Belohnung auf den Informationsverarbeitungsmodus aus?

    Lösung

    Zahlreiche Befunde sprechen dafür, dass positive Stimmungen die Art der Informationsverarbeitung beeinflussen können. U. a. wurde gezeigt, dass milde positive Stimmungen

    • die Fähigkeit zu flexiblem Problemlösen verbessern können
    • die Aktivierung entfernter semantischer Assoziationen fördern
    • die kognitive Flexibilität erhöhen, was aber auf Kosten erhöhter Ablenkbarkeit und reduzierter Stabilität geht

    Leistungskontingente Belohnungen, die zwar meist auch mit positiven emotionalen Reaktionen einhergeht, führt dagegen zu erhöhter kognitiver Stabilität und zur verstärkten Mobilisierung kognitiver Kontrollprozesse.
  • Welche generellen Faktoren beeinflussen den Zusammenhang von Persönlichkeitstraits mit psychischen Störungen? Oder anders formuliert: Wovon hängt das Ausmaß an Varianzaufklärung zwischen beiden ab?

    Lösung

    Spezifisches mit Spezifischem vorhersagen:
    Stark generalisierte Superfaktoren bzw. Faktoren zweiter Ordnung (z. B. Neurotizismus) ergeben sich faktorenanalytisch aus noch miteinander korrelierenden Faktoren erster Ordnung (z. B. den Neurotizismus-Subskalen). In einer bestimmten Situation (z. B. soziale Situation) wird eine spezifische Subskala (z. B. „Soziale Befangenheit“) das Verhalten einer Person meist besser vorhersagen als ein Superfaktor (Neurotizismus).
    Bedeutung situativer Faktoren:
    Ein Trait zeigt sich in sichtbarem Verhalten i.d.R. erst bei Vorliegen einer Trait-spezifischen Situation. Analog wird auch beim Diathese-Stress-Modell davon ausgegangen, dass Vulnerabilitäten und Protektivfaktoren erst bei zusätzlichen externen Stressoren verhaltenswirksam werden.
    Bedeutung von States:
    Auch aktuelle Zustände (States) haben einen Einfluss. So könnte z. B. ein akuter grippaler Infekt die Tendenz zu einer Störung (z. B. Panikattacken) manifest werden lassen.
    Reziproke Wirkungen:
    Auch die Störung selbst hat einen Einfluss auf die Persönlichkeit. Daher unterscheidet man die morbide Persönlichkeit (depressive Phase erhöht z. B. Neurotizismuswerte), postmorbide Persönlichkeit (Nachwirkungen der Störung oder ihrer Behandlung spiegeln sich wider) und prämorbide Persönlichkeit (wird in Längsschnittstudien vor Ausbruch einer Störung erfasst).
    Multitraitkonzepte:
    Simultane Berücksichtigung mehrerer Traits und deren Wechselwirkungen kann Vorhersage verbessern.
  • Was haben die Begriffe „Trait“ und „Diathese-Stress-Modell“ gemeinsam?

    Lösung

    Ein Trait bezeichnet eine relativ überdauernde Disposition, in Trait-spezifischen Situationen mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit ein Trait-spezifisches Verhalten zu zeigen. In diesem Ansatz ist Verhalten also das Ergebnis einer Interaktion aus Trait-Ausprägungen und Situationsvariablen. Ohne Trait-spezifische Situation wird ein Trait nicht verhaltenswirksam. Insofern entspricht das Trait-Situations-Verhaltensmodell dem Diathese-Stress-Modell, bei dem ebenfalls Dispositions- bzw. Vulnerabilitätsfaktoren erst in Kombination mit externen Stressoren (Situationsvariablen) zum Auftreten einer Störung führen.
  • Welche Bedeutung hat Ihrer Meinung nach das Konzept Neurotizismus in der Klinischen Forschung? Wofür könnte es nützlich sein?

    Lösung

    Neurotizismus weist eine hohe Erblichkeit auf und teilt mit Depression gemeinsame genetische Grundlagen. Einige Autoren sehen Neurotizismus als Mediator in der Kausalkette von genetischer Vulnerabilität bis zum Phänotyp einer Depression. Auch als psychometrischer Endophänotyp von Depression wurde Neurotizismus vorgeschlagen. Allerdings dürfte Neurotizismus ähnlich heterogen und komplex sein wie psychische Störungen selbst. Das Heranziehen homogenerer Subskalen dürfte also hier vielversprechender sein als ein Gesamtsummenscore des globalen Superfaktors Neurotizismus.

    Zu beachten ist, dass Neurotizismus ein multidimensionales Konstrukt darstellt, das verschiedene miteinander korrelierende Facetten emotionaler Instabilität zusammenfasst. Je nach Fragestellung können diese Facetten ganz unterschiedliche Validität und Nützlichkeit aufweisen. Als Beispiele wurden die Vorhersage von Schüchternheit (NEO-PI-R Subskala „Soziale Befangenheit“) und die Korrelate des Serotonintransporterpolymorphismus 5-HTTLPR (Subskala „Angry-Hostility“) genannt.

    Neurotizismus korreliert positiv mit Depression und negativ mit deren Behandlungserfolg und ist darüber hinaus auch längsschnittlich ein Risikofaktor für Depression, sodass es grundsätzlich als Prädiktor für Auftreten und Verlauf depressiver Störungen interessant sein kann. Ebenso könnte man mit Neurotizismusskalen High-Risk-Probanden in einer Population identifizieren.

    Neurotizismus überlappt mit vielen Vulnerabilitäts- und Protektivfaktoren und ist daher eine wichtige Variable bei allen Forschungsbemühungen, bei denen es um die Entstehung, Aufrechterhaltung oder den Verlauf verschiedenster Erkrankungen geht. Dabei ist vorstellbar, dass Neurotizismus zusammen mit Extraversion dieselben Vorhersagen erlaubt, wie manche der vorgeschlagenen speziellen Risiko- und Protektivfaktoren.

    Allerdings können dabei Effekte erhöhter Werte in Neurotizismus ganz unterschiedlich ausfallen: Zwar ist Neurotizismus mit einer erhöhten Stressanfälligkeit assoziiert, kann aber auch damit einhergehen, (Früh-)Warnsymptome rechtzeitig wahrzunehmen und sich in Behandlung zu begeben.

    Querschnittlich sind Neurotizismusskalen von Interesse, da man beispielsweise in Studien zu Stress am Arbeitsplatz ermitteln könnte, wie viel von der erlebten Belastung auf Persönlichkeitseigenschaften, bzw. deren Wechselwirkung mit der Situation, zurückzuführen ist. Dabei klärt Neurotizismus nicht nur Varianz an subjektiven Beschwerden auf, sondern auch an objektiven Parametern wie Immunreaktionen. Insofern können Neurotizismus-Skalen auch als Kontrollvariable und zur Parallelisierung von Stichproben in einer Vielzahl von Studien sinnvoll sein.
  • Könnte Neurotizismus auch ein Protektivfaktor und Optimismus ein Vulnerabilitätsfaktor sein? Und auf genetischer Ebene: Ist das s-Allel des Serotonintransporterpolymorphismus pathogen oder salutogen?

    Lösung

    Neurotizismus könnte auch ein protektiver Faktor für Gesundheit sein, da höhere Neurotizismuswerte auch damit einhergehen können, (Früh-)Warnsymptome rechtzeitig wahrzunehmen und sich in Behandlung zu begeben. Umgekehrt kann Optimismus dann als Vulnerabilitätsfaktor verstanden werden, wenn man die Zweidimensionalität des Konstruktes (Optimismus-Pessimismus) in Betracht zieht, und zwischen Konsequenzerwartung und Kompetenzerwartung differenziert. Ob man beispielsweise mit dem Rauchen aufhört, hängt von der Konsequenzerwartung ab, damit tatsächlich Lungenkrebs zu vermeiden, und außerdem von der optimistischen Kompetenzerwartung, zu diesem Verhalten auch in der Lage zu sein.

    Was das s-Allel des Serotonintransportergens anbelangt, so spricht allein schon dessen hohe Häufigkeit von über 50 % in zentraleuropäischen Populationen gegen die Annahme, dass es sich dabei allein um einen Risikofaktor für psychische Störungen handelt. Stattdessen wird das s-Allel, wie viele andere Polymorphismen mit hoher Allelhäufigkeit, in bestimmten Umwelten zwar einen Risikofaktor darstellen, in anderen Umwelten jedoch eher von Vorteil sein (ganz im Sinne des Diathese-Stress-Modells). Eine wegweisende Studie von Caspi et al. (2003) zeigte eine solche Interaktion des Serotonintransporterpolymorphismus mit kritischen Lebensereignissen auf – auch wenn insgesamt die Befundlage nachfolgender Studien eher heterogen war: Das Depressionsrisiko erwies sich bei Caspi et al. bei s-Allel-Trägern nur dann als erhöht, wenn zusätzlich aversive Lebensereignisse vorlagen.
  • Sie vermuten, dass ein bestimmter Trait ein Vulnerabilitätsindikator für eine Erkrankung ist. Welches Forschungsprogramm würden Sie konzipieren, um diese Annahme zu überprüfen? Worauf sollte besonders geachtet werden?

    Lösung

    Natürlich müssen Design und Methodik je nach konkreter Fragestellung individuell optimiert werden. Hier werden lediglich die allgemeinen methodischen Überlegungen aufgegriffen, die sich aus der Diskussion der im Text dargestellten Studien ergaben. Die Liste hat somit weder den Anspruch auf Vollständigkeit noch auf universelle Gültigkeit.

    • Idealerweise prospektive Längsschnittstudie (beginnend vor Ausbruch der Erkrankung)
    • Bei manchen Fragestellungen sinnvoll: Auswahl von Probanden mit erhöhtem Erkrankungsrisiko (über genetische, endophänotypische oder psychometrische High Risk Indikatoren)
    • Lange Untersuchungszeiträume, damit sich die angenommenen Vulnerabilitäten auch in Erkrankungen manifestieren können
    • Mehrere Persönlichkeitseigenschaften, ggf. auch mehrere Erkrankungen (die ja oft komorbid sind) simultan erfassen, um zu zeigen: Wie spezifisch sind die jeweiligen Persönlichkeitseigenschaften für eine spezifische Erkrankung? Gibt es Wechselwirkungen zwischen einzelnen Vulnerabilitäts- und Protektivfaktoren?
    • Klären, ob eingesetzte Persönlichkeitsinstrumente valide und reliabel sind? Sind ggf. spezifische Subskalen valider als globale Superfaktoren? Wenn nur ein Skalenwert bei einem Inventar errechnet wird: Ist das Verfahren tatsächlich eindimensional?
    • Kontrolle konfundierender Drittvariablen, die die Effekte anstelle der Persönlichkeitseigenschaften erklären könnten, z. B. sozioökonomischer Status, Rauchen, Alkoholkonsum, weitere Vorerkrankungen, Alter, Geschlecht
    • Verwendung objektiver Erkrankungsindikatoren zusätzlich zur Erfassung subjektiver Beschwerden und subjektiven Wohlergehens
    • Auf Itemoverlap achten: Kann man z. B. auch mit einer Sensation Seeking Skala, aus der alle direkt nach Drogenkonsum fragenden Items entfernt wurden, Drogenkonsum vorhersagen?
    • Abschätzen: Unter welchen Bedingungen / in welchen Teilpopulationen wird die Persönlichkeitseigenschaft besonders wichtig sein? Medizinischer Fortschritt kann die durch Persönlichkeitsunterschiede aufklärbare Varianz zum Verschwinden bringen (interindividuelle Unterschiede werden bedeutungslos) oder auch erst ermöglichen (z. B. wenn eine Erkrankung auf Grund neuer Behandlungsmöglichkeiten nicht mehr für alle eine gleich schlechte Prognose hat)
  • Instrumente zur Persönlichkeitserfassung im klinischen Kontext beruhen auf verschieden Konstruktionsprinzipien (kriterienorientiert, deduktiv und induktiv). Können Sie das erläutern und Beispiele geben?

    Lösung

    Kriterienorientiert: Bei kriterienorientiert entwickelten Verfahren werden diejenigen Items zu einer Skala zusammengestellt, die in der Lage sind, klinische Gruppen zu trennen.
    Beispiel: „Minnesota Multiphasic Personality Inventory“ (MMPI; neueste Version: MMPI-2, Hathaway et al. 2000). Dieser Test wurde in den 1940er Jahren zur Trennung von nach damaligem Stand (sic!) diagnostizierten „psychiatrischen“ vs. „unauffällig-normalen“ Personen entwickelt.

    Deduktiv: Items werden speziell als Operationalisierung einer Theorie formuliert.
    Beispiele: Messverfahren der Theorien von Gray und Cloninger.

    Induktiv: Auch wenn Items einer Skala deduktiv aus einer Theorie heraus entwickelt wurden, so werden dennoch zusätzlich faktorenanalytische Techniken und Itemkennwerte herangezogen, um die Skala zu optimieren. Wenn von vornherein die faktorenanalytische Zusammenfassung von Items zu Skalen dominiert, so spricht man von induktiven Verfahren.
    Beispiele: Big-Five (NEO-PI-R)
  • Die Hypothese, mit der IAEP interindividuelle Unterschiede in der serotonergen Neurotransmission abbilden zu können, hat bedeutsames Anwendungspotenzial im klinischen Bereich – welches?

    Lösung

    Es besteht die Hoffnung, mit der IAEP das Ansprechen bzw. die Nonresponse eines Patienten auf eine Antidepressivabehandlung vorhersagen zu können. Dies ist insofern bedeutsam, da viele Patienten mit depressiven Störungen nicht auf das erste Medikament wie erhofft eine Besserung ihrer Symptomatik erleben, sondern häufig eine lange Phase des Auf- und Abdosierens verschiedener Präparate durchmachen, bis das geeignete Antidepressivum gefunden wurde. Daher wäre die Vorhersage des Behandlungserfolges anhand der IAEP bedeutsam, um Leidenszeit, Suizidrisiko und Nebenwirkungen beim Patienten durch eine individualisierte Behandlung zu reduzieren und auch Kosten einzusparen. Bis zur möglichen Anwendung im klinischen Einzelfall bedarf es aber weitere Studien mit ausreichender Power, randomisierter Zuteilung zu verschieden Behandlungsbedingungen und langen Katamnesezeiträumen. Auch weitere mögliche Responseprädiktoren sollten in Konkurrenz zur IAEP berücksichtigt werden, z. B. genetische Polymorphismen. Eventuell erweist sich ein multivariater, aus mehreren gewichteten Prädiktoren zusammengesetzter Wert, in der Therapieresponsevorhersage als optimal.
  • In diesem Kapitel wurden eine Reihe von Vorteilen einer differentiellen Sichtweise im klinischen Bereich vorgestellt. Unter anderem soll ein differentiell denkender Forscher sensitiv gegenüber konfundierenden Faktoren sein. Können Sie dazu ein Beispiel geben?

    Lösung

    Ein differentiell denkender Forscher schaut sich neben den Mittelwertsunterschieden zwischen Gruppen auch sehr genau die Varianz innerhalb der Gruppen an. Ihn interessieren nicht nur, ob sich die Gruppen im Mittel unterscheiden, sondern inwieweit dies auch für verschiedene Subgruppen gilt, z. B. Personen verschiedenen Bildungstandes, Geschlechts, Alters oder Personen mit unterschiedlicher Motivation, Intelligenz, Ängstlichkeit oder unterschiedlichem Substanzkonsums. Insofern ist ein differentiell denkender Forscher sensitiv gegenüber möglichen konfundierenden Variablen, die den beobachteten Mittelwertsunterschied artifiziell herstellen können.

    Beispiel: So ist z. B. bekannt, dass Sensation Seeking mit dem Alter abnimmt, und gleichermaßen die IAEP. Wird der konfundierende Faktor Alter jedoch nicht kontrolliert, so ergibt sich in einer altersheterogenen Stichprobe allein daraus ein artifizieller positiver Zusammenhang zwischen Sensation Seeking und IAEP. Auch die hoch publizierten Befunde zu niedrigen MAO-B Aktivitäten erweisen sich bei differentieller Betrachtung als Artefakt, das auf den Trait „hoher Zigarettenkonsum“ zurückzuführen ist.
  • Erläutern Sie mit klinisch relevanten Beispielen die Begriffe Endophänotyp und Phänotyp!

    Lösung

    Die genetischen Anlagen einer Person bezeichnet man als Genotyp. Dieser bestimmt in Interaktion mit Umwelteinflüssen den sichtbaren Phänotyp, z. B. Körpergröße oder eine psychische Störung. Ein einzelner genetischer Polymorphismus hat in aller Regel nur einen sehr kleinen Einfluss auf den Phänotyp einer komplexen, multideterminierten Erkrankung, wie z. B. einer psychischen Störung. Keiner der häufig vorkommenden genetischen Polymorphismen ist für eine psychische Störung notwendig oder hinreichend; jeder erhöht lediglich die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten der Störung, bzw. das Überschreiten des Diagnose-Cut-off-Wertes etwas. Solche kleinen Effekte sind oft nur in sehr großen Stichproben nachweisbar. Erschwerend kommt hinzu, dass die aufgrund phänotypischer Ähnlichkeiten unter eine Diagnosekategorie fallenden Patienten, genetisch/biologisch ganz unterschiedliche Gruppen darstellen können.

    Wegen solcher Probleme in der molekulargenetischen Erforschung psychischer Störungen wurde das Endophänotypenkonzept vorgeschlagen. Ein Endophänotyp ist ein erbliches Merkmal, das im Vergleich zum Phänotyp, der Erkrankung, „gennäher“ und in der Regel auch genetisch homogener ist. An solchen homogeneren Parametern sollten sich genetische Besonderheiten von Erkrankungen einfacher erforschen lassen als in komplexen, gegebenenfalls heterogenen Diagnosegruppen. Endophänotypen können z. B. biochemische Variablen (MAO-B-Aktivität) oder psychophysiologische Parameter (z. B. akustisch evozierte Potenziale) sein. Auch andere Maße auf basaleren Funktionsebenen kommen in Frage, z. B. Aufmerksamkeitsprozesse, ZNS-Arousal, Arbeitsgedächtnis oder Amygdalaresponsivität in Bildgebungsstudien.
  • Wie erfolgt die Kommunikation zwischen Nervenzellen?

    Lösung

    Nervenzellen kommunizieren vorwiegend über synaptische, chemische Signalübertragung:

    • Das Eintreffen von Aktionspotenzialen im synaptischen Endknöpfchen führt zu einer Freisetzung von Neurotransmittern in den synaptischen Spalt
    • Die Neurotransmittermoleküle diffundieren durch den synaptischen Spalt und binden an entsprechende Rezeptoren auf der postsynaptischen Membran
    • Über die Rezeptorbindung wird eine Veränderung verschiedener Ionenkanäle bewirkt, sodass die postsynaptische Membran, in Abhängigkeit der veränderten Ionenkanäle, depolarisiert (exzitatorisches postsynaptisches Potenzial) oder hyperpolarisiert (inhibitorisches postsynaptisches Potenzial) wird
    • Die Depolarisation macht die Entstehung eines Aktionspotenzials in der postsynaptischen Nervenzelle wahrscheinlicher
  • Was versteht man unter Biofeedback?

    Lösung

    Unter Biofeedback versteht man die bewusste Beeinflussung physiologischer Prozesse, die in der Regel autonom ablaufen. Bei Biofeedback werden den Patienten zunächst physiologische Parameter bzw. zentralnervöse Prozesse rückgemeldet und die Patienten lernen in mehreren Sitzungen, diese Parameter bewusst zu beeinflussen.
  • Inwieweit können Hormone direkte Verhaltenseffekte beim Menschen haben? Bitte nennen Sie ein Beispiel.

    Lösung

    Das Neuropeptid Oxytozin scheint stress- und angstreduzierende Eigenschaften zu besitzen. Wurde Probanden das Neuropeptid intranasal vor einem psychosozialen Stresstest (dem „Trier Social Stress Test“) verabreicht, so zeigten sie gegenüber einer Placebo-Kontrollgruppe eine signifikant geringere psychische Stressantwort (Angst, Unruhe).
  • Was versteht man unter der zweiten Abwehrreihe des Immunsystems?

    Lösung

    Als zweite Abwehrreihe des Immunsystems wird die angeborene Immunität bezeichnet:

    • Der Organismus verfügt seit der Geburt über diese Immunität
    • Die angeborene Immunität ist nicht adaptiv
    • Monozyten, Granulozyten (beides Phagozyten), natürliche Killerzellen und Makrophagen gehören zu den Immunzellen der angeborenen Immunität
    • Binden in den Körper eingedrungene Pathogene über Strukturmerkmale an ihrer Oberfläche an spezifische Rezeptoren beginnen Zellen der angeborenen Immunität mit der Vernichtung der Pathogene
    • Auch wenn körpereigene Zellen mit einem Erreger infiziert sind bzw. entartet wachsen, vernichten die Zellen der angeborenen Immunität diese Zellen
  • Kennen Sie einen Nachweis für die Wirksamkeit psychotherapeutischer Intervention auf das Immunsystem?

    Lösung

    Eine Untersuchung von Spiegel et al. (1989) untersuchte Frauen mit metastasierendem Brustkrebs nach Operation und Bestrahlung. Während eine Gruppe dieser Frauen neben der onkologischen Standardtherapie über ein Jahr lang an einer Gruppentherapie teilnahmen, erhielt die andere Hälfte der Frauen nur die onkologische Standardbehandlung. Interessanterweise zeigten die Frauen, die an der Gruppentherapie teilnahmen, eine signifikant längere Überlebenszeit, als Frauen, die nur die Standardbehandlung erhielten (fast doppelt so lange Überlebenszeit). Dass dieser positive Effekt der Gruppentherapie in dieser Studie allerdings tatsächlich über Effekte auf das Immunsystem vermittelt wurde, kann nur hypothetisch angenommen werden.
  • Wie sind „komplex-genetische Erkrankungen“ definiert?

    Lösung

    Komplex-genetische Erkrankungen sind dadurch gekennzeichnet, dass bei ihrer Entstehung Umweltfaktoren und eine Vielzahl verschiedener risikoerhöhender genetischer Varianten interagieren.
  • Erklären Sie die Grundzüge der synaptischen Übertragung; nennen Sie die wichtigsten Transmitter (inklusive Grundzüge ihrer Synthese und Inaktivierung)!

    Lösung

    Grundzüge der synaptischen Übertragung sind:
    • Ein Aktionspotenzial erreicht über die präsynaptische Zelle die synaptischen Endknöpfchen und bewirkt dort die Freisetzung von Transmittermolekülen in den synaptischen Spalt
    • Die Transmittermoleküle diffundieren durch den synaptischen Spalt und binden an der postsynaptischen Membran an entsprechende Rezeptoren
    • Über die Rezeptorbindung wird eine Veränderung der postsynaptischen Membran induziert, was dazu führt, dass positiv bzw. negativ geladene Ionen in die postsynaptische Zelle einströmen bzw. aus ihr herausströmen können
    • In Abhängigkeit des Ionenflusses kommt es zu einer Verringerung oder zu einer weiteren Negativierung der negativen Ladung der postsynaptischen Zelle (exzitatorisches oder inhibitorisches postsynaptisches Potenzial), was dazu führt, dass die Wahrscheinlichkeit eines Aktionspotenzials in der postsynaptischen Zelle steigt bzw. absinkt

    Man unterscheidet hochmolekulare und niedrigmolekulare Transmitter. Die wichtigsten Transmitter sind:
    Acetylcholin: Wird in den Neuronen aus Cholin und aktivierter Essigsäure durch das Enzym Cholinacetyltransferase gebildet; Inaktivierung im synaptischen Spalt durch enzymatische Zerlegung durch das Enzym Acetylcholinesterase
    Dopamin: Synthese in Neuronen aus der Aminosäure L-Tyrosin über die Zwischenstufe L-Dopa; Inaktivierung vorwiegend durch Wiederaufnahme (über Carrierproteine = Transportereiweiße) in die präsynaptische Zelle, dort z.T. Abbau durch Monoaminooxidase (MAO)
    Noradrenalin: Synthese aus der Aminosäure L-Tyrosin über die Zwischenstufen L-Dopa und Dopamin; Inaktivierung teilweise im synaptischen Spalt über das Enzym Katecholamin-O-Methyltransferase), hauptsächlich aber über Wiederaufnahme in die präsynaptische Zelle, hier z. T. Abbau durch MAO-A
    Serotonin: Synthese aus der Aminosäure L-Tryptophan über die Zwischenstufe L-5-Hydroxy-Tryptophan; Inaktivierung durch Wiederaufnahme in die präsynaptische Zelle, hier z. T. Abbau durch MAO-A
    Histamin: Bildung durch Umwandlung der Aminosäure Histidin; Abbau vergleichsweise kompliziert; ob Carrierproteine dabei eine Rolle spielen, ist unklar
    Gamma-Aminobuttersäure (GABA): Synthese aus Glutamat über Abspaltung einer Carboxylgruppe; Inaktivierung durch Diffusion aus dem synaptischen Spalt, hauptsächlich aber über Wiederaufnahme in die präsynaptische Zelle
    Glutamat: Wird wohl in geringen Mengen über die Nahrung aufgenommen, vornehmlich jedoch vom Körper produziert
    Endogene Opioide: Gehören (im Gegensatz zu den zuvor genannten) zu den hochmolekularen Transmittern; werden durch Aneinanderreihung von Aminosäuren gebildet; sie haben nicht nur die Eigenschaften von Neurotransmitten, sondern auch die von Hormonen
  • Welche prinzipiellen Möglichkeiten der pharmakologischen Beeinflussung der synaptischen Übertragung kennen Sie? Unterscheiden Sie dabei zwischen agonistischen und antagonistischen Effekten; nennen Sie konkrete Beispiele.

    Lösung

    Die synaptische Übertragung kann verstärkt oder geschwächt werden. Die Verstärkung der synaptischen Übertragung wird als agonistischer Effekt bezeichnet, die Schwächung der Übertragung als antagonistischer Effekt.

    Agonistische Effekte: z. B. erhöhte Produktion des entsprechenden Transmitters, Förderung seiner Freisetzung, Hemmung seiner Inaktivierung, direkte Besetzung der postsynaptischen Rezeptoren mittels eines ähnlich wirkenden Stoffes, Erhöhung der Empfindlichkeit der postsynaptischen Rezeptoren, fördernder Eingriff in die nachgeschaltete Signaltransduktion
    Bsp. für agonistischen Effekt: selektive Serotoninwiederaufnahmehemmer blockieren die Wiederaufnahme von Serotonin in die präsynaptische Zelle und führen somit zu einer erhöhten Verfügbarkeit von Serotonin im synaptischen Spalt und an den postsynaptischen Rezeptoren
    Antagonistische Effekte: z. B. Hemmung der Produktion oder Ausschüttung von Transmittern, Beschleunigung ihrer Inaktivierung, direkte Verhinderung ihrer Wirkung an postsynaptischen Rezeptoren durch deren Blockade, Verringerung der Empfindlichkeit postsynaptischer Rezeptoren, hemmende Eingriffe auf die nachgeschaltete Signaltransduktion
    Bsp. für antagonistische Effekte: Antipsychotika blockieren Dopaminrezeptoren (vornehmlich D2-Rezeptoren) an der postsynaptischen Membran und verhindern so die Bindung und Wirkung von Dopamin an den Rezeptoren
  • Was sind (Antipsychotika) Neuroleptika, auf welche Weise wirken sie, was sind ihre Indikationen und Nebenwirkungen?

    Lösung

    Man unterscheidet klassische und atypische Neuroleptika (Antipsychotika der ersten und zweiten Generation):

    Wirkweise: Klassische Neuroleptika blockieren vor allem D2-Rezeptoren im limbischen System, aber auch im (motorisch bedeutsamen) Striatum, atypische Antipsychotika blockieren vermutlich zusätzlich bestimmte Bindungsstellen für den Neurotransmitter Serotonin.; zudem blockieren einige Neuroleptika Noradrenalin-, Histamin- und muskarinerge Acetylcholinrezeptoren
    Indikation: Vor allem produktive Schizophreniesymptomatik (Wahn, Halluzinationen), psychomotorische Symptome (katatoner Stupor, katatone Erregung), psychotische Symptome im Rahmen affektiver Störungen, schizoaffektive Störungen, Manie, Erregungszustände, Entzugssymptomatik, z. T. auch Persönlichkeitsstörungen, neurologische Erkrankungen mit überschießenden Bewegungen, frühkindlicher Autismus; atypische Antipsychotika kommen auch bei schizophrener Negativsymptomatik zum Einsatz
    Nebenwirkungen: Motorische/extrapyramidale Symptome (sog. Frühdyskinesien: Krämpfe und überschießende Bewegungen, motorische Unruhe, Parkinson-Syndrom mit Rigor, Tremor und Akinesie), vegetative Begleiterscheinungen (Mundtrockenheit, Akkommodationsstörungen, Harnverhaltung, Obstipation, Veränderungen des Augeninnendrucks), Störungen des endokrinen Systems (erhöhter Prolaktinspiegel, Zyklusstörungen, Libidoverlust, Brustwachstum und Milchfluss), Gewichtszunahme und Erhöhung des Blutzucker- und Blutfettspiegels (metabolisches Syndrom), Blutbildveränderungen; z. T. kommt es (speziell bei Antipsychotika der ersten Generation) zu Spätdyskinesien (unwillkürliche Bewegungen im Gesichts-, Schlund- und Extremitätenbereich), die eine oft irreversible, langfristige Nebenwirkung darstellen
  • Was sind Antidepressiva, wie werden sie unterteilt, auf welche Weise wirken sie, was sind ihre Indikationen und Nebenwirkungen?

    Lösung

    Antidepressiva sind Substanzen mit stimmungsaufhellender Wirkung. Man unterscheidet verschiedene Klassen von Antidepressiva, die sich in ihrer Wirkweise, z. T. Indikation und in den Nebenwirkungen unterscheiden. Neben der Indikation der Depression besitzen einige Klassen von Antidepressiva auch weitere Indikationen.
    Trizyklische Antidepressiva:
    – Wirkweise: Hemmung der Wiederaufnahme von Serotonin und/oder Noradrenalin; Blockade präsynaptischer Autorezeptoren; Blockade von Histamin- und muskarinergen Acetylcholinrezeptoren
    – Weitere Indikation: Phasenprophylaxe bei rein depressiven, rezidivierenden Störungen, chronische Schmerzen; bei Zwangssymptomatik nur Clomipramin wirksam; bei Essstörungen (Anorexia und Bulimia nervosa) Wirksamkeit fraglich; mögliche Wirksamkeit bei Angststörungen
    – Nebenwirkungen: Sedierung, unerwünschte Antriebssteigerung, Provokation manischer Episoden; vegetative Begleitsymptome (Mundtrockenheit, Akkommodationsstörungen, Störungen der Harnentleerung und der Verdauungstätigkeit, Erhöhung des Augeninnendrucks, orthostatische Hypotonie), Überleitungsstörungen am Herzen und Rhythmusstörungen, sexuelle Funktionsstörungen, Gewichtszunahme, Absinken der Krampfschwelle
    Tetrazyklische Antidepressiva und wirkungsmäßig ähnliche Substanzen (beispielsweise Duloxetin, Mirtazepin, Venlafaxin):
    – Wirkweise: Wiederaufnahmehemmung, Blockade präsynaptischer Autorezeptoren, z. T. Blockade von Histaminrezeptoren; in der Regel keine oder nur geringe anticholinerge Effekte.
    Selektive Serotoninwiederaufnahmehemmer:
    – Wirkweise: ausschließliche Inhibition der Serotoninwiederaufnahme in die präsynaptische Zelle
    – Weitere Indikation: Ess- und Zwangsstörungen
    – Nebenwirkungen: sexuelle Funktionsstörungen (verzögerte Ejakulation), Libido- und Potenzstörungen, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Agitation
    MAO-Hemmer:
    – Wirkweise: Blockade des Enzyms MAO, welches in die präsynaptischen Zelle wiederaufgenommene Monoamine abbaut. Hierdurch kommt es zu einer erhöhten Transmitterverfügbarkeit
  • Nennen Sie Substanzen zur Phasenprophylaxe affektiver Störungen und zur Behandlung manischer Episoden!

    Lösung

    • Trizyklische Antidepressiva, z. B. Amitriptylin, Doxepin, Trimipramin, Clomipramin, Imipramin, Prophylaxe bei depressiven rezidivierenden Störungen (nicht bei bipolaren Störungen)
    • Lithiumsalze, z. B. Lithiumazetat, Lithiumaspartat, Lithiumcarbonat, Prophylaxe bei uni- und bipolaren affektiven Störungen
    • Antikonvulsiva: Carbamazepin – Prophylaxe bipolarer Störungen (v. a. bei Rapid Cycling); Valproinsäure – mit antimanischer Wirkung; Lamotrigin – nicht wirksam zur Prophylaxe manischer Episoden
  • Schildern Sie das demenzielle Syndrom und geben Sie Ursachen dafür an! Welche Gruppen von Antidementiva kennen Sie?

    Lösung

    • Das demenzielle Syndrom ist gekennzeichnet durch Gedächtnisstörungen (zunächst bei der Einspeicherung, später beim Abruf älterer Gedächtnisinhalte) sowie durch weitere kognitive Einschränkungen (Konzentrationsverlust, gestörte Informationsverarbeitung, zunehmender Mangel an Urteilsvermögen), zusätzlich treten affektive und motivationale Veränderungen auf
    • Das demenzielle Syndrom tritt im Rahmen verschiedener Grunderkrankungen auf:
    Demenz vom Alzheimer-Typ (mögliche Ätiopathogenese: neuropathologische Veränderungen wie Alzheimer-Fibrillen, senile Plaques, verminderte Anzahl kortikaler Synapsen, Minderaktivität cholinerger Neurone)
    Vaskuläre Demenz (Ursache: Gefäßveränderungen im Gehirn)
    – Demenz im Rahmen verschiedener hirnorganischer Prozesse wie Parkinson-, Huntington-, Creutzfeldt-Jakob-, Pick-Krankheit (mittlerweile allgemeiner: frontotemporale Demenzen), Demenz mit Lewy-Körperchen
    o Aids-Demenz im Spätstadium der HIV-Infektion
    • Es existieren verschiedene Gruppen von Antidementiva: Nootropika (heterogene Gruppe; Wirkung eher unspezifisch), Acetylcholinesterasehemmer (erhöhen die Konzentration von Acetylcholin im synaptischen Spalt), NMDA-Antagonisten
  • Nennen Sie die wichtigsten Gruppen von Sedativa und Hypnotika und ihre Ansatzpunkte! Welche pharmakologischen Behandlungsmöglichkeiten für Angststörungen kennen Sie?

    Lösung

    Die wichtigsten Gruppen von Sedativa und Hypnotika sind die folgenden:
    • Benzodiazepine: wirken über eine allosterische Verstärkung der GABAergen Hemmung im zentralen Nervensystem, sie haben keine eigene, direkte Wirkung auf den Ionenkanal, sondern sensibilisieren lediglich die
    Bindungsstellen für GABA
    • H1-Antihistaminika: Wirkung über Blockade von H1-Rezeptoren für den Transmitter Histamin
    • Nicht-Benzodiazepinhypnotika: binden auch am GABAA-Benzodiazepin-Rezeptorkomplex

    Es existieren verschiedene pharmakologische Behandlungsmöglichkeiten von Angststörungen:
    • Benzodiazepine
    • H1-Antihistaminika
    • Betablocker
    • SSRI
    • Pregabalin und Gabapentin
    • Buspiron
  • Welche Medikamente zur Behandlung substanzbedingter Störungen gibt es?

    Lösung

    Hierbei sind die verschiedenen Stadien der Behandlung substanzbedingter Störungen zu beachten.

    Folgende Medikamente sind dabei zu unterscheiden:

    • Medikamente gegen Intoxikation
    • Medikamente zur Behandlung von Entzugssymptomatik (Entgiftungsmittel), z. B. Clomethiazol (Distraneurin beim Alkoholentzug)
    • Entwöhnungsmittel (zur Rückfallprophylaxe, etwa Acamprosat und Opiatantagonisten bei Alkoholabhängigkeit) und
    • Substitutionsmittel (z. B. Methadon oder Buprenorphin bei Heroinabhängigkeit).
  • Welche Zusammenhänge werden in der Neuropsychologie untersucht?

    Lösung

    • Zusammenhang zwischen dem Erleben/Verhalten und dem Gehirn
    • Ziel ist es, neuronale Systeme zu identifizieren, die für kognitive Prozesse (z. B. Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Sprache, exekutive Funktionen, Emotion und Motivation) verantwortlich sind
    • Neuropsychologie betrachtet sowohl strukturelle als auch funktionelle Zusammenhänge
    • Unterschieden wird eine kognitive und klinische Neuropsychologie
    a. Kognitive N. = Im Vordergrund steht die Untersuchung und Analyse kognitiver Prozesse
    b. Klinische N. = Diagnostik und Behandlung von Patienten mit Erkrankungen oder Verletzungen des Gehirns
  • Was versteht man unter einer „doppelten Assoziation“?

    Lösung

    = Trennung (Dissoziation) von kognitiver Funktion und Läsionsort
    • Anders als bei einer einfachen Dissoziation werden hier zwei Patienten jeweils bezüglich zweier kognitiver Leistungen untersucht
    • Beispiel: Leseleistung und Erkennen von Gesichtern bei Patient A und B
    • Erbringt der Vergleich, dass Patient A mit einer Schädigung des Areals X zwar lesen, aber keine Gesichter erkennen kann und wiederum Patient B mit einer Schädigung des Areals Y zwar Gesichter erkennen, aber nicht lesen kann, lassen sich daraus Schlussfolgerungen bzgl. der Funktionalität von Hirnarealen treffen bzw. ist ein Rückschluss auf die Lokalisation von kognitiven Prozessen im Gehirn möglich
    • In diesem Beispiel? → Areal X ~ Gesichter erkennen; Areal Y ~ Lesen
  • Nennen Sie Vor- und Nachteile der verschiedenen neuropsychologischen Methoden!

    Lösung

    Es gibt eine Vielzahl neuropsychologischer Methoden, grob unterscheiden kann man folgende:

    a) Papier- und Bleistifttests
    • + Untersuchung elementarer, aber auch komplexer kognitiver Prozesse
    • + zahlreiche Verfahren verfügbar, im klinischen Alltag gut anwendbar
    • – bei mehreren zu testenden Personen mit hohem personellen und zeitlichen Aufwand verbunden
    • – nicht jeder Patient ist auch „testbar“
    b) Computergestützte Tests
    • + ökonomischer als Paper-Pencil-Versionen
    • + wird von einigen Patienten als ansprechender empfunden
    • – oft noch kostenintensiver in der Anschaffung als Paper-Pencil
    c) Experimentelle Einzelfallstudien
    • + Hinweise auf einfache oder doppelte Assoziationen
    • + Informationen werden nicht „weggemittelt“ bzw. gehen nicht in der Heterogenität der Gruppe unter
    • – müssen bestimmten Ansprüchen (standardisierter Tests, kontrollierte Testbedingungen, Replikation, Kreuzvalidierung) genügen
    d) Bildgebende Verfahren
    • + erlauben oft eine Analyse von Strukturen (Morphologie) und Funktionen (Hirnphysiologie und Hirnmetabolismus) des Gehirns (kleinste Areale, rasche aber oft noch begrenzte zeitliche Auflösung)
    • + erlauben die Identifikation neuronaler Netzwerke
    • + liefern zu neuropsychologischen Testverfahren quasi ein organisches Korrelat
    • + modernere Verfahren (z. B. fMRT) kombinieren strukturelle & funktionale Informationen
    • – von hohen Kosten begleitet: Anschaffung, Wartung, technisch geschultes Personal
  • Worin bestehen die Aufgaben der neuropsychologischen Diagnostik?

    Lösung

    • Dokumentation von kognitiven Defiziten in Folge von Erkrankungen oder Verletzungen des Gehirns
    • Darüber hinaus Abschätzung der Alltagskompetenz (z. B. Fahrtüchtigkeit, Berufstätigkeit, Selbständigkeit, Urteilsvermögen)
    • Beschrieben wird der aktuelle Zustand, mögliches Therapiepotenzial und Prognose
    • Verlaufsdiagnostik
  • Welche Belege gibt es für die neuronale Plastizität?

    Lösung

    = synaptische Verbindungen sind flexibel und verändern sich kontinuierlich aufgrund von Umwelterfahrungen und sensorischen Einflüssen, d. h., das Gehirn ist kontinuierlich lernfähig

    • Elbert et al. (1995): Areal zur Repräsentation von Gliedmaßen bei Musikern ist oft größer ausgedehnt als bei Nicht-Musikern
    • Burton et al. (2000): unterschiedliche neuronale Aktivierungsmuster bei genital Blinden im Vergleich zu später Erblindeten
    • Flor et al. (1995): Erleben von Symptomschmerz korreliert mit Umfang der kortikalen Repräsentation (→ dazu auch Weiß et al.)
  • Welche organischen Grunderkrankungen können neuropsychologische Symptome hervorrufen?

    Lösung

    • Schädel-Hirn-Traumata
    • Degenerative Erkrankungen
    • Vaskuläre Erkrankungen (Apoplex, Aneurysma)
    • Entzündungen (Enzephalitis)
    • Intoxikationen (Alkohol, psychotrope Substanzen)
    • Ernährungsstörungen / Mangelerscheinungen (Vitamin B, Folsäure)
    • Metabolische und endokrine Störungen (Diabetes, Urämie)
    • Hirntumore
    • Sauerstoffmangel (prä-, peri-, postnatal, CO2-Vergiftung)
  • Nennen Sie Symptome eines amnestischen Syndroms!

    Lösung

    Nach ICD-10 müssen für eine Diagnose des amnestischen Syndroms vorliegen:

    • Schwerwiegende Probleme neues Material einzuspeichern bzw. zu erlernen (anterograde Amnesie), zeitliche Desorientierung
    • Keine Störung des Arbeits-/Kurzzeitgedächtnis (i. ICD als Immediatgedächtnis bezeichnet)
    • Keine schwerwiegenden intellektuellen Defizite
  • Nennen Sie die diagnostischen Kriterien einer Demenz!

    Lösung

    • Progrediente Störung des Gedächtnisses, d. h. neue Information wird zunehmend schlechter behalten und erinnert
    • Zunehmende Beeinträchtigungen im
        a. Denken
        b. Orientierung
        c. Auffassung
        d. Rechnen, Schreiben, Zeichnen
        e. Sprache
        f. Urteilsvermögen
    • Darüber hinaus Veränderungen der Affekte, des Sozialverhaltens (Rückzug), Motivation (Antriebsarmut)
    • Beeinträchtigung der (instrumentellen) Alltagskompetenz
    • Vgl. auch in DSM-5 die operationalisierten Kriterien einer Demenzdiagnose
  • Welche Aspekte müssen bei einer neuropsychologischen Therapie berücksichtigt werden?

    Lösung

    Bei der neuropsychologischen Therapie müssen auch
    • individuellen physischen und psychischen Ressourcen,
    • biografische Bezüge,
    • interpersonale Beziehungen,
    • soziale und berufliche Anforderungen sowie
    • innere Kontextfaktoren (z. B. Antrieb, Motivation, Anpassungsfähigkeit) berücksichtigt werden.
  • Erläutern Sie die Bezeichnung „auf Kompensation ausgerichtete Interventionen“!

    Lösung

    • Ziel: Erwerb und Gebrauch von Hilfsmitteln und Strategien, aber auch Entwicklung neuer Perspektiven und Ziele, Aufbau funktionaler problem- und emotionsorientierter Bewältigungsstrategien
    • Verschiedene Interventionen: Rollenspiele, Psychoedukation, Training des Gebrauchs von Hilfsmitteln und -strategien, kognitive Techniken (z. B. sokratischer Dialog) zur Veränderung dysfunktionaler Bewertungen, Aktivitätsmanagement, Belastungserprobungen
  • Wie lässt sich Stress definieren?

    Lösung

    • Begriff wird häufig verwendet, und auch unter verschiedenen Gesichtspunkten definiert: a) Anpassung an Alltagsbelastungen, b) Einfluss von Überbelastung auf die Entstehung oder Aufrecherhaltung physischer und / oder psychischer Erkrankungen
    • Allen Definitionen ist gemeinsam
    Wann jemand Stress erlebt, ist abhängig von Merkmalen der gegenwärtigen Situation bzw. der Wahrnehmung dieser Situation, der Bewertung der Situation, dem verfügbaren Verhaltensrepertoire und der abschließenden Bewertung der Situationsbewältigung
    – Stress beinhaltet kognitive, emotionale und physiologische Komponenten
    – Die Schwelle der Belastbarkeit ist dabei jedoch individuell verschieden
    • [weiterführend]: Stressmodell nach Lazarus & Folkman; allgemeines Adaptationssyndrom nach Seyle

    Stress kann daher umschrieben werden als ein Spannungszustand infolge der Auseinandersetzung mit einer Beanspruchung und ihren Ursachen, wobei zwischen Anforderungen der Situation und Bewältigungskapazitäten des Individuums ein Ungleichgewicht besteht. Die Stressreaktion gleicht einem Prozess zur Wiederherstellung dieses Gleichgewichtes, beginnend bei der Wahrnehmung und Interpretation eines oder mehrerer auslösender Reize (sog. Stressoren) und anschließend folgender adaptiver psychophysiologischer Mechanismen (siehe HHNA-Achse). Stressoren können dabei vielfältige innere und äußere Reize sein, z. B. Befürchtungen, Ermüdung, Hitze oder Lärm, die ihrerseits als Bedrohung oder auch Herausforderung bewertet werden können. Ziel einer Stressreaktion ist die Bewältigung von Anforderungen und Belastungen.
  • Worin liegt das Besondere der Verhaltensmedizin?

    Lösung

    • Die Verhaltensmedizin ergibt sich aus der Interdisziplinarität verschiedener Wissenschaften
    • Grundlage ist dabei die empirische Auseinandersetzung von Gesundheit und Krankheit unter weiterer Berücksichtigung psychosozialer, verhaltensbezogener und biomedizinischer Aspekte
    • Ziel ist es, empirisch geprüfte Kenntnisse und Methoden in Prävention, Diagnostik und Behandlung anzuwenden
    • Die Besonderheit ergibt sich außerdem durch die Betonung psychischer Prozesse für die Entstehung, Aufrechterhaltung und Behandlung psychischer, aber eben auch physischer Erkrankungen
    • Daraus ergibt sich ein breites Störungs- und Krankheitsrepertoire
  • Geben Sie ein Beispiel für eine multifaktoriell bedingte chronische Erkrankung!

    Lösung

    Beispiele: Adipositas, Diabetes mellitus oder auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen

    Am Beispiel Adipositas:
    Entstehung:
    • Hochkalorische Essgewohnheiten (z. B. fehlende Unterscheidung Hunger vs. Appetit)
    • Automatisierte Rituale des Essens (z. B. gleichzeitig Essen und Fernsehen, Essen ohne Genuss)
    • Genetische Disposition (Fettpräferenz, Energieverbrauch, Fettverstoffwechslung im Gewebe → siehe auch Set-Point-Theorie)
    • Familiäre Häufung von Adipositas
    • Organische Ursachen, die bislang nicht abgeklärt wurden (Hyperthyreose, Diabetes Mellitus)
    Aufrechterhaltung:
    • Funktionen der Beschwerden oder des Verhaltens für den Betroffenen (z. B. Essen zur Stressbewältigung)
    • Bewegungsmangel
    • Festhalten an falschen Ernährungsgewohnheiten
    Bei multifaktoriell bedingten chronischen Erkrankungen führt das Zusammenspiel mehrerer Faktoren sowohl zur Entstehung, aber auch zur Aufrechterhaltung einer Erkrankung. Daher setzt die Verhaltensmedizin an möglichst vielen dieser Faktoren im Rahmen der Behandlung der Patienten an.
    Mögliche Behandlungsbausteine bei Adipositas sind damit sowohl der Ebene von Verhaltensänderungen, als auch auf der Ebene von Einstellungsänderungen zuzuordnen.
    • Vermittlung von „Ernährungswissen“
    • Umgang mit „verbotenen“ oder „verlockenden“ Nahrungsmitteln
    • Aufdeckung falscher Essgewohnheiten
    • Aufbau und Aufrechterhaltung sinnvoller, angemessener Essgewohnheiten
    • Behandlung von Begleiterkrankungen (Magen-Darm-Beschwerden, Diabetes mellitus, Hyperthyreose)
    • Entwicklung von Alternativen zum Bewegungsmangel und zur Freizeitgestaltung

    Dabei werden nahezu alle Behandlungsbausteine in Zusammenarbeit mit dem Patienten erarbeitet, um ein möglichst individuelles und für den späteren Alltag nützliches Behandlungskonzept zu gestalten
  • Von welchen Faktoren wird die individuelle Belastbarkeit einer Person beeinflusst?

    Lösung

    • Genetische Merkmale (z. B. Ausmaß der Kortisolfreisetzung bei Aktivierung der HHNA)
    • Morphologische Auffälligkeiten (z. B. hippocampale Volumenreduktion)
    • Persönlichkeitsdispositionen (z. B. geringe Selbstwirksamkeitserwartungen; geringere Ausprägung von Verträglichkeit gemäß der Big Five)
    • Lebenslange Lernerfahrungen (z. B. Erleben eines Traumas)
  • Wie lassen sich Risikofaktoren und Vulnerabilität unterscheiden und worin besteht der Unterschied zwischen Schutzfaktoren und Resilienz?

    Lösung

    Risikofaktoren sind i.d.R. mit einem negativem Outcome assoziierte Faktoren. In der epidemiologischen Forschung (vgl. Kap. 3) ist damit jeder Faktor gemeint, der die Auftretenswahrscheinlichkeit eines Krankheitszustands signifikant anhebt oder senkt. Risikofaktoren lassen sich unterteilen in distale Umweltfaktoren, internale Faktoren und proximale Beziehungsfaktoren. Vulnerabilität kennzeichnet eine alleine nicht mit einem negativen Outcome assoziierte Bedingung (z. B. Disposition), die nur bei Zusammenwirken mit einem passenden Risikofaktor bei einem Individuum negativ wirken kann.

    Protektive Faktoren sind mit positivem Outcome bzw. dem Ausbleiben eines negativen Outcomes assoziiert. Auch sie können untereilt werden in distale Umweltfaktoren, internale Faktoren und proximale Beziehungsfaktoren. Resilienz bezeichnet die Fähigkeit einer Person, internale und externale Ressourcen so zu nutzen, dass Entwicklungsaufgaben bewältigt werden können.
  • Nennen Sie jeweils ein Beispiel für Äquifinalität und Multifinalität!

    Lösung

    Äquifinalität: eine stark abgemagerte Patientin

    Dieses Symptom kann sehr verschiedenartig bedingt sein; hier einige denkbare Möglichkeiten:
    1. Es handelt sich um eine essgestörte Patientin im Sinne einer Anorexia nervosa oder
    2. es handelt sich um eine depressive Patientin mit starken Appetitstörungen oder
    3. es handelt sich um eine Angstpatientin, die aus panischer Angst vorm Ersticken kaum noch Nahrung zu sich nimmt oder
    4. es handelt sich um eine psychotische Patientin, der eine Stimme verbietet, Nahrung zu sich zu nehmen oder
    5. es handelt sich um eine körperliche Erkrankung.
    Multifinalität: ein Mann verliert seine Frau bei einem Autounfall

    Dieses Ereignis kann zu unterschiedlichen Reaktionen (bzw. Symptomen) führen; hier einige denkbare Möglichkeiten:
    1. Der Mann verfällt in Trauer, kann aber irgendwann damit abschließen und wieder seinen alltäglichen Anforderungen nachkommen oder
    2. die „normale“ Trauer geht über in eine pathologische Trauer bis hin zu tiefen Depressionen oder
    3. der Mann beginnt zu trinken und entwickelt eine ausgeprägte Suchtproblematik oder
    4. der Mann verdrängt den quälenden Gedanken an den Tod seiner Frau und stürzt sich sofort in eine neue Beziehung.
  • Wann werden kritische Lebensereignisse zu Entwicklungsaufgaben? Nennen Sie konkrete Beispiele!

    Lösung

    Wenn sie gesellschaftlich und entwicklungsbezogen normativ sind, d. h. zum Übergang in eine nächste Entwicklungsstufe erforderlich sind und man sich vor dem Eintreten des Ereignisses damit auseinandersetzen und darauf vorbereiten kann oder muss (z. B. Schuleintritt, Prüfungen, Heirat).
  • Wie lassen sich die Stufen des Selbst therapeutisch nutzen?

    Lösung

    Neben dem Selbst als zentrale regulierende Funktionseinheit wird es auch als Selbstkonzept (= Entwürfe des Individuums über sich selbst) aufgefasst. Klinisch relevant im Hinblick auf die Selbstentwicklung sind v. a. zwei theoretische Aspekte, nämlich die Analyse unvollständiger oder konfligierender Anteile des Selbst und Kontrollüberzeugungen.
  • Nennen Sie einige Vorteile der Konzeptualisierung des Menschen als emergentes System für die Klinische Psychologie!

    Lösung

    Menschliche Entwicklung und Fehlentwicklung kann so zutreffender erklärt werden als durch die Betrachtung von unabhängigen und vermittelnden Variablen, da diese einseitige Kausalität unterstellen. Die Konzeptualisierung des Menschen als emergentes System kann dagegen eine angenommene Zirkularität von Systemen berücksichtigen.

    Dieses Konzept wird der Komplexität des Menschen gerechter als vereinfachende Betrachtungen von Einzelprozessen.
  • Was versteht man unter dem prospektiven Gedächtnis?

    Lösung

    Das prospektive Gedächtnis meint die Fähigkeit, Handlungsabsichten (Intentionen) zu bilden und diese nach einer zeitlichen Verzögerung selbstständig zu einem bestimmten Zeitpunkt (zeitbasiertes prospektives Gedächtnis) oder zu einem bestimmten Ereignis (ereignisbasiertes prospektives Gedächtnis) zu realisieren (z. B. daran zu denken, abends einen Freund anzurufen oder auf dem Heimweg in der Reinigung etwas abholen). Es hat eine zentrale Bedeutung für die Organisation des täglichen Lebens, das Erfüllen beruflicher und sozialer Verpflichtungen und somit für die Entwicklung sowie den Erhalt von Selbständigkeit über die Lebensspanne.
  • Wer legt wie fest, welche Art von Psychotherapie in welchem Umfang von den gesetzlichen Krankenkassen finanziert wird?

    Lösung

    • Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), ein Gremium aus gesetzlichen Krankenkassen, Krankenhäusern und Ärzten, legt nach den allgemeinen Kriterien des Sozialgesetzbuchs fest, welche Leistungen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sind und damit der Solidargemeinschaft angelastet werden dürfen
    • Ein Psychotherapieverfahren wird dann in diesen Katalog aufgenommen, wenn sie die berufsrechtliche und sozialrechtliche Anerkennung erhält
    • Berufsrechtliche Anerkennung (Verfahren darf ausgebildet werden): durch den Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie
    • Sozialrechtliche Anerkennung (Verfahren kann von den Krankenkassen bezahlt werden): durch den G-BA
  • Welche vier unterschiedlichen stationären Systeme behandeln in Deutschland Menschen mit psychischen Störungen?

    Lösung

    • Psychiatrisch-psychotherapeutische Krankenhausversorgung
    • Psychosomatisch-psychotherapeutische Krankenhausversorgung (Akutpsychosomatik)
    • Kinder- und jugendpsychiatrische und -psychotherapeutische Krankenhausversorgung
    • Rehabilitation von Patienten mit psychischen und psychosomatischen Erkrankungen
  • Nennen Sie eine Maßnahme, mit der der Gesetzgeber die Qualität der Behandlung an stationären Einrichtungen sicherstellt?

    Lösung

    • Ab 2020 macht die Richtlinie über die Personalausstattung in Psychiatrie und Psychosomatik (PPP-RL) den Kliniken verbindliche Mindestvorgaben, wie viel Personal aus welchen Berufsgruppen sie pro Station vorhalten müssen
    • Die Pat. werden in einen von 28 Behandlungsbereichen eingeordnet, aus denen sich dann Personalvorgaben ableiten
    • Im Falle der Unterschreitung sind Sanktionen vorgesehen
  • Welche Unterschiede in der Psychotherapeutendichte lassen sich in Deutschland in der ambulanten Versorgung nachweisen?

    Lösung

    • Psychotherapeutendichte bemisst sich aus der Anzahl von Psychotherapeuten pro 100.000 Einwohner ab 18 Jahren
    • Dabei ist ein deutliches Ost-West-Gefälle zu Ungunsten neuer Bundesländer zu sehen (12– 21 vs. 19 – 36)
    • Zudem ist die Dichte in Stadtstaaten deutlich höher (insbesondere in solchen mit psychotherapeutischen Ausbildungseinrichtungen)
    • Tendenziell ist auch ein Nord-Süd-Gefälle zu erkennen, mit der höchsten Dichte in Hessen, Baden-Württemberg und Bayern
    • Situation ist Ergebnis einer Planung, die den historischen Ist-Zustand psychotherapeutischen Versorgung im Jahr 1999 zum Soll-Zustand der Bedarfsplanung erklärt hat
  • Was könnten Indikatoren einer Unterversorgung für psychotherapeutische Leistungen sein?

    Lösung

    • Wartezeit
    • Ablehnungsraten
    • Lange Chronifizierungszeiten
    • Informations- bzw. Wissensstand zu Art, Inhalt, Erreichbarkeit, Erfolg und Kostenübernahme psychischer Erkrankungen in der Bevölkerung = Barrieren für Inanspruchnahme
    • Nichtidentifikation oder verspätete Identifikation von Patienten
    • Umfang/Flächendeckung des (ambulanten) psychotherapeutischen Versorgungssystems (z. B. Psychotherapeutendichte)
  • Wie lautet die Definition von Psychotherapie?

    Lösung

    Vorbemerkung: Psychotherapie ist ein schillernder Begriff, der bei einer liberalen Betrachtung mit einer kaum überschaubaren Vielfalt von Verfahrens-, Technik und Schulenbezeichnungen verknüpft werden kann. Die Übergänge zwischen klinisch-psychologischen Interventionen und „Psychotherapie“ sind fließend und werden in der Praxis stark durch organisatorisch-administrative sowie rechtliche Bestimmungen, wie z. B. die Ausführungsbestimmungen des „Psychotherapeutengesetzes“, beeinflusst. Daher ist der folgende methodenübergreifende Definitionsversuch als Arbeitsdefinition zu verstehen.

    Psychotherapie
    • Psychotherapie ist ein bewusster und geplanter, zielorientierter interaktionaler Prozess zur Beeinflussung von Verhaltensstörungen und Leidenszuständen, die in einem Konsensus (möglichst zwischen Patient, Therapeut und Bezugsgruppe) für behandlungsbedürftig gehalten werden,
    • mit psychologischen Mitteln (durch Kommunikation) meist verbal, aber auch averbal,
    • mittels lehr- und lernbarer Techniken auf der Basis einer Theorie des normalen und pathologischen Verhaltens.
    • In der Regel ist dazu eine tragfähige emotionale Bindung notwendig.
  • Wie sind Verfahren, Methode und Technik im Begriffssystem des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie definiert?

    Lösung

    Psychotherapeutisches Verfahren
    1. Umfassende Theorie der Entstehung und Aufrechterhaltung von Krankheiten und ihrer Behandlung beziehungsweise verschiedene Theorien und Behandlungsmethoden auf Basis theoretischer Grundannahmen
    2. Daraus abgeleitete psychotherapeutische Behandlungsstrategie(n) für ein breites Spektrum von Anwendungsbereichen
    3. Konzepte zur Indikationsstellung, zur individuellen Behandlungsplanung und zur Gestaltung der therapeutischen Beziehung

    Psychotherapeutische Methode
    1. Theorie der Entstehung und der Aufrechterhaltung dieser Störung bzw. Störungen und eine Theorie ihrer Behandlung
    2. Indikationskriterien einschließlich deren diagnostischer Erfassung
    3. Beschreibung der Vorgehensweise und
    4. Beschreibung der angestrebten Behandlungseffekte

    Psychotherapeutische Technik
    Konkrete Vorgehensweise, mit deren Hilfe die angestrebten Ziele im Rahmen der Anwendung von psychotherapeutischen Methoden und Verfahren erreicht werden sollen
  • Was sind die wichtigsten allgemeinen Wirkfaktoren einer Psychotherapie?

    Lösung

    Die vier Wirkfaktoren sensu Grawe (1995):
    • Ressourcenaktivierung (den Patienten sich in seinen positiven Seiten erleben lassen; z. B. Mobilisierung von Stärken, Fähigkeiten und persönlichen Beziehungen, Schaffen von Erfolgserlebnissen in Verhaltensexperimenten)
    • Problemaktualisierung („Reden ist Silber, real erfahren ist Gold“: Veränderungen können nur dann wirksam werden, wenn nicht nur distanziert über ein Problem geredet wird, sondern wenn auch in realen Problemsituationen entsprechend (neu) gehandelt wird)
    • Aktive Hilfe zur Problembewältigung (z. B. konkrete Hilfe beim Aufbau sozialer Kompetenzen, Vermittlung etablierter störungsspezifischer Techniken)
    • Klärungsperspektive (Klärung von Motiven und Zielen: Warum verhält sich der Patient so und nicht anders?)

    Als weitere Wirkfaktoren werden häufig genannt (wobei diese Akzentuierungen im Grunde in den o.g. Wirkfaktoren enthalten sind):
    • Therapeutische Beziehung
    • Aufbau einer positiven Erfolgserwartung
    • Konfrontation mit dem Problem
    • Erlangung der kognitive Kontrolle über das Problem
    • Veränderung der Erfolgs- und Misserfolgsattribution
  • Grenzen Sie „Integration“ von „Eklektizismus“ ab!

    Lösung

    Eklektizismus bezeichnet die freie Kombination ohne einen gemeinsamen theoretischen Bezug derjenigen Interventionen, die ein Therapeut aufgrund seiner individuellen Erfahrung für erfolgreich oder sinnvoll hält – oder von denen er meint, dass er sie am besten beherrscht. Eine solche Strategie, therapeutische Interventionen ohne theoretischen Bezugsrahmen miteinander zu kombinieren.

    Integration meint dagegen bezugnehmend auf ähnliche theoretische Annahmen zu möglichen gemeinsamen Wirkfaktoren z. B. für Therapieerfolg und Rückfall, die Bemühungen einiger Autoren, eine prüfbare Theorie psychischer Störungen und ihrer systematischen Veränderung zu entwickeln, aus der sich der Einsatz bestimmter therapeutischer Methoden theoretisch ableiten lässt (Methodenintegration). Die wichtigsten Beispiele für solche Versuche einer Metatheorie sind die Konzeptionen der „Psychologischen Psychotherapie“ (Grawe, 1998) bzw. der „Neuropsychotherapie“ (Grawe, 2004).
  • Warum sind spezifische Wirkkomponenten einzelner Therapieformen (oder -methoden) schwer zu identifizieren? Welche Faktoren „verschleiern“ diese sensu Cuijpers et al. (2019)?

    Lösung

    Angenommen eine (neuartige) psychologische Behandlungsmethode kann ein spezifisches Defizit besser als alle anderen Methoden beheben, so ist dies wissenschaftlich trotzdem schwer zu identifizieren, weil zahlreiche weitere Faktoren internaler und externaler Art den therapeutischen Prozess beeinflussen und eventuell in der gleichen (positiven) Richtung wirken. Der Anteil des Effekt der neuen Methode am Gesamteffekt ist deshalb schwer zu bestimmen.

    Deskriptive Komponenten der Therapie: Therapien unterscheiden sich in zahlreichen Merkmalen (Sitzungszahl, Kosten pro Sitzung, Geschlecht des Therapeuten), von denen einige den eigentlichen therapeutischen Prozess potenziell nicht beeinflussen (inaktive Komponenten)
    Aktive Komponenten der Therapie: Diese umfassen sowohl allgemeine (s. oben) wie auch die spezifischen von den verschiedenen Therapieschulen aus theoretischen Gründen als notwendig angesehenen Komponenten
    Moderatoren der Therapie: Dieses sind Moderatorvariablen, wie z. B. Alter oder Geschlecht, die mit dem Therapieeffekt systematisch zusammenhängen
    Mediatoren: Mediatoren sind intervenierende Variablen, die zwischen der eigentlichen Intervention und dem später eintretenden Effekt vermitteln. Zum Beispiel könnte die Verhaltensaktivierung (s. Kap. 27) vermittelt über eine höhere Aktivitätenrate (Mediator) den vorausgegangenen Verstärkerverlust ausgleichen und in der Folge die Depression reduzieren. (Dieser Mediator konnte aber wie viele andere empirisch bisher nicht überzeugend gezeigt werden.)
    Mechanismen der Veränderung: Diese Mechanismen sind nicht deckungsgleich mit den Mediatoren. Mediatoren können einen Veränderungsmechanismus darstellen, können aber auch ein Proxy für die eigentlich psychologisch relevanten Prozesse sein, der lediglich statistisch zwischen Intervention und Outcome vermittelt. Im obigen Beispiel könnte die Aktivitätenrate – angenommen sie wäre ein signifikanter Mediator – auch über einen anderen Prozess als die theoretisch angenommene bessere Verstärkerrate psychologisch wirken, nämlich z. B. über eine gestiegende Selbstwirksamkeitserwartung
    Extratherapeutische Faktoren: Zahllose Faktoren außerhalb der Therapie, z. B. Veränderungen in der Lebens- oder Partnerschaftssituation, können einen starken Effekt auf das Therapieergebnis haben. Diese Faktoren können alle anderen Wirkungen in ihrer Bedeutung sogar übertreffen; sie können, müssen aber nicht, mit den therapeutischen Prozessen zusammenhängen oder von diesen provoziert worden sein (Hoyer, 2016)
  • Welches sind die Prinzipien der Verhaltenstherapie?

    Lösung

    Die Prinzipien sind in Tabelle 14.1 aufgelistet und erläutert. Für das vertiefte Verständnis ist es wichtig, bezüglich dieser Prinzipien Vergleiche zu anderen Psychotherapieverfahren (aus den folgenden Kapiteln) zu ziehen. Dann wird deutlich, dass die Verhaltenstherapie diese Prinzipien spezifisch für sich in Anspruch nimmt und sich durch Bezug auf diese Prinzipien von anderen Ansätzen, insbesondere denen der psychodynamischen Therapie, abgrenzen möchte. Wir empfehlen, in Arbeitsgruppen zu diskutieren, inwieweit das zutrifft oder nicht.
  • Wie lässt sich die Struktur des Ablaufs einer Verhaltenstherapie beschreiben?

    Lösung

    Die Abbildung 14.4. nennt die typischen „Meilensteine“ einer Verhaltenstherapie: multidimensionale Diagnostik, kognitive Vorbereitung, therapeutische Interventionen, Selbsterprobungsphase und Evaluation. Gleichzeitig werden Beispiele für die jeweils typischen Teilschritte genannt. Das vertiefende Verständnis kann man sich anhand der Überlegung erarbeiten, inwieweit die genannten Schritte auch in anderen Therapieverfahren durchlaufen werden.
  • Unterscheiden Sie drei Gruppen von Strategien der Verhaltenstherapie!

    Lösung

    Strategien der Verhaltenstherapie mit jeweils typischen, ausgewählten Einzelmethoden werden in Abbildung 14.3. dargestellt. Zum Beispiel werden den „Fertigkeiten- und verstärkungsbasierte Strategien“ zugeordnet: Selbstbeobachtung, Entspannung, Verhaltensaktivierung, Verhaltensverträge, Token Economy und Problemlösetraining. Um sich ein vertieftes Verständnis dieser Abbildung zu erarbeiten, kann es wichtig sein, die entsprechenden einzelnen Techniken nachzulesen. Deren Darstellung ist allerdings über die Kapitel des B- und C-Teils des Buches verteilt. Ferner ist wichtig zu verstehen, dass die verschiedenen Strategien den Schwerpunkt auf unterschiedliche Aspekte des Verhaltens legen: Fertigkeiten- und verstärkungsbasierte Strategien fokussieren auf das Verhalten, kognitive Strategien auf die Kognitionen, Expositionsstrategien auf Gefühle (z. B. Angst). Angesichts der Annahme des reziproken Determinismus wirken Kognitionen, Emotionen und Handeln aber wechselseitig aufeinander ein, was bedeutet, dass z. B. auch verhaltensnahe Strategien deutliche kognitive und emotionale Veränderungen bewirken können.
  • Die Verhaltenstherapie stellt an Patienten auch Anforderungen: Wie sind diese zu beschreiben?

    Lösung

    In Abschn. 14.4. machen wir deutlich, dass die Verhaltenstherapie einen aufgeklärten, mündigen und verantwortlichen Patienten annimmt. Damit stellt sie auch Anforderungen! Patienten sollen bereit sein, neues Verhalten zu erproben; sie sollen bereit sein, bis an ihre Grenzen zu gehen (sodass Überforderungsgefühle nicht auszuschließen sind); sie sollen akzeptieren können, dass die Therapie keinen „großen“ umfassenden Lösungen garantieren kann, sondern in vielen kleinen (aber dafür gut machbaren) Schritten vorangeht; und Patienten müssen sich an therapeutische Vereinbarungen halten.
    Dies genannten Anforderungen sind aber nicht umfassend. Weitere sind z. B. Kapitel 24 zu entnehmen.
  • Was unterscheidet tiefenpsychologische von analytischer Psychotherapie?

    Lösung

    Gemeinsam ist beiden Verfahren das Bewusstmachen einer unbewussten Psychodynamik, Nutzung und Bedeutung des Übertragungs-Gegenübertragungs-Geschehens. Beide Verfahren unterscheiden sich bezüglich Frequenz, Setting, Behandlungsdauer, Behandlungszielen und technischem Vorgehen.

    • Die analytische Psychotherapie arbeitet mit 2–3 Stunden pro Woche mit dem Couch-Setting (liegend) über 2–3 Jahre und fokussiert auf die Bearbeitung unbewusster Störungs- und Strukturanteile des Patienten mit Hilfe der Förderung von Übertragung und Regression.
    • Dagegen findet die tiefenpsychologische Psychotherapie mit 1–2 Stunden pro Woche im Sitzen (face to face) statt und fokussiert überwiegend auf die Bearbeitung einer aktuellen neurotischen Konfliktsituation und der dazugehörigen Symptome, wobei auch Strukturanteile berücksichtigt werden.
  • Was ist durch die Psychotherapie-Richtlinien geregelt?

    Lösung

    1967 erfolgte die Einbeziehung der „psychoanalytisch begründeten Verfahren“, jetzt definiert als „analytische Psychotherapie“, und der „tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie“ und seit 1980 auch der Verhaltenstherapie in die deutsche Richtlinien-Psychotherapie und das medizinische Versorgungssystem.

    Dadurch wurde eine besondere Situation geschaffen, mit der sich die deutsche Psychotherapie in Bezug auf die Finanzierung deutlich von anderen Ländern unterscheidet.
  • Welche Funktion haben Abwehrmechanismen?

    Lösung

    Abwehr bedeutet, dass vom Patienten, ohne bewusste Absicht, Aspekte der Wahrnehmung seiner selbst oder der Umwelt ausgeklammert, ausgeblendet, entstellt oder verzerrt werden, um so diese Wahrnehmungsinhalte für seine Person akzeptabler zu gestalten.
    Es handelt sich grundsätzlich um eine adaptive Regulationsfunktion und bei zu rigidem Einsatz um einen Vorgang des Selbstschutzes auf Kosten der adäquaten Wahrnehmung der Realität mit möglichen Konsequenzen auf Verhaltensebene.
    Es wird zwischen sog. reifen und unreifen Abwehrformen unterschieden.
  • Was charakterisiert Konflikte aus psychodynamischer Sicht und nennen Sie 4 von 7 Kernkonflikten nach der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD)!

    Lösung

    Ein unbewusster Konflikt beinhaltet die Internalisierung von repetitiven, früheren unlösbaren, schwierigen Beziehungserfahrungen mit der Folge abwehrbedingter Einschränkungen des Erlebens und Verhaltens. Grundkonflikte werden als Störungsdisposition in der Lebensgeschichte verinnerlicht und in konflikthaften Situationen des Erwachsenenlebens in einer vulnerablen Situation oder Krise aktualisiert. Unbewusste Konflikte aufzudecken, ist ein basales Ziel der psychodynamischen Therapie. Zusammen mit dem Patienten wird untersucht, in welcher Weise diese unbewussten Konflikte mit biografischem Bezug die gegenwärtigen Verhaltensweisen und interpersonellen Beziehungen behindern bzw. beeinflussen können

    Folgende Kernkonflikte werden anhand der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik unterschieden:
    1. Individuations-Abhängigkeits-Konflikt
    2. Kontrolle-Unterwerfungs-Konflikt
    3. Autarkie-Versorgungs-Konflikt
    4. Selbstwertkonflikt
    5. Schuldkonflikt
    6. Ödipaler Konflikt
    7. Identitätskonflikt
  • Nennen Sie einige störungsspezifische manualisierte psychodynamische Therapien

    Lösung

    Die panikfokussierte psychodynamische Psychotherapie von Milrod et.al. (1997) eignet sich für Kurz- und Langzeitbehandlungen von Panikstörungen.
    Die Kurzzeitbehandlung der PFPP mit je 2 Behandlungsstunden pro Woche lässt sich in 3 Abschnitte gliedern (s. a. bei Beutel et al. 2010):
    Phase 1: Behandlung der akuten Panik (etwa 1.–8. Sitzung)
    Detaillierte Analyse der Paniksymptomatik und die damit verbundenen Gedanken und Gefühle, Herausarbeiten der Kernkonflikte, Analyse der Entwicklungsgeschichte des Patienten in Bezug auf Panik-Vulnerabilität
    Phase 2: Behandlung der Panik-Vulnerabilität (etwa 9.–16. Sitzung)
    Bearbeiten von Beziehungskonflikten in der Übertragung
    Phase 3: Bearbeitung des anstehenden Therapieendes (etwa 17.–25. Sitzung)
    Reaktivierung und Durcharbeiten zentraler Trennungs- und Ärgerthemen in der Übertragung, Aushalten und Besprechen der dabei entstehenden Gefühle, Förderung der Wahrnehmung und des Verstehens der eigenen Muster.

    In der Beendigungsphase der PFPP werden die für Panikpatienten typischen Trennungsprobleme in der Beziehung zum Therapeuten aktiviert, weshalb das Durcharbeiten von damit verbundenem Ärger und Angst erforderlich ist, um die Fähigkeit zur Bewältigung von Trennung und Unabhängigkeit zu stärken. Zwei randomisiert-kontrollierte Studien belegten die Wirksamkeit der PFPP im Vergleich zu einem nachgewiesen wirksamen Entspannungstraining (Milrod et al. 2007, 2015).

    Die übertragungsfokussierte Psychotherapie („Transference-Focused Psychotherapy“, TFP) zur Behandlung von Borderline-Persönlichkeitsstörungen wurde von Kernberg und seiner Arbeitsgruppe entwickelt (Clarkin et al. 2006).
    Das modifizierte psychoanalytische Verfahren liegt in manualisierter Form vor. Die TFP hat ihren theoretischen Hintergrund in der Objektbeziehungstheorie und fokussiert auf die in der therapeutischen Interaktion aktivierten Emotionen, dominanten Objektbeziehungen, Rollenverteilungen, Abwehr- und Übertragungsreaktionen sowie einer Identitätsstörung, die sich in instabilen und nicht-integrierten Selbst- und Objektrepräsentanzen manifestiert.
    Klärung, Konfrontation und Übertragungsdeutungen im Hier und Jetzt erzielen eine Überwindung der Spaltung und eine Integration von Selbst- und Objektanteilen zu ganzheitlichen inneren Bildern von Selbst und Anderen.
    Die Wirksamkeit des TFP-Verfahrens wurde in drei RCT-Studien untersucht. Die Münchner-Wiener-Studie (Doering et al. 2010) zeigte die Überlegenheit der TFP im Vergleich zur TAU-Behandlung durch erfahrene Therapeuten mit weniger Therapieabbrüchen, stärkerer Abnahme der Symptomatik und Verbesserung des Strukturniveaus, weniger Suizidversuchen und einer signifikanten Verbesserung der Mentalisierungsfähigkeit (Fischer-Kern et al. 2015) und Bindungsrepräsentationen (Buchheim et al. 2017).

    Die psychodynamische Kurztherapie der Depression – „unified psychodynamic protocol for depression“ (UPP-DEP, Steinert et al. 2015) ist auf flexible Anwendung von 7 Modulen in einer zirkulären Vorgehensweise ausgerichtet.
    Die 7 Module der UPP-DEP:
    Sozialisationsinterview
    Motivation
    Psychoedukation
    Supportive Interventionen
    Deutende Interventionen
    Offenheit für kulturelle Unterschiede
    Therapieende und Rückfallprävention

    Die UPP-DEP ist offen für das Hinzufügen weiterer psychodynamischer Methoden und Module, da häufig komorbide Persönlichkeitsstörungen das Risiko für ein ungünstiges Therapieergebnis erhöhen.
  • Nennen Sie die wichtigsten behandlungstechnischen Interventionen!

    Lösung

    Die Behandlungstechniken der psychoanalytisch begründeten Therapieverfahren setzen in ihren Interventionen insbesondere ein: Klärung, Konfrontation, Deutung, technische Neutralität, Nutzen der freien Assoziation, Übertragung und Gegenübertragung.
    Klärung:
    • Mit der Klärung kann erfragt werden, was in einem schweigenden Patient gerade vorgeht oder welche Mitteilungen unzureichend oder nicht verständlich sind
    Konfrontation:
    • Der Therapeut macht den Patienten in taktvoller und einfühlsamer Weise auf ein bestimmtes, näher zu untersuchendes Phänomen aufmerksam, z. B. auf ein bestimmtes gelegentlich auch widersprüchliches Verhalten (besonders rasches Reden, Schweigen, Lächeln bei traurigen Themen usw.)
    Deutung:
    • dem Patienten seine unbewussten Dynamiken und Sinnzusammenhänge zur Verfügung zu stellen, damit er diese bearbeiten und in den Kontext seiner Auseinandersetzung mit der Umwelt setzen kann (Thomä & Kächele, 2006, Mertens, 2015). Je nach Inhalt werden dabei u. a. Übertragungsdeutungen und genetische Deutungen unterschieden
    • Übertragungsdeutungen verknüpfen explizit die Interktionen von Patient und Therapeut im „Hier und Jetzt“: „Es scheint mir, dass Sie vermieden haben, über Ihre Traurigkeit und Wut bei Ihrer Scheidung zu reden. Vielleicht vermeiden Sie aus ähnlichen Gründen und Empfindungen, mit mir über Ihre Gefühle über das Ende der Therapie zu sprechen?“
    • Der Beitrag der Säuglingsforschung zur Bedeutungszuschreibung liegt in der Annahme, dass nicht die spezifische inhaltliche Deutung ausschlaggebend ist, sondern die geteilte Bedeutung im interpersonellen Erleben. Die Bostoner Process of Change Study Group betont die Bedeutung emotional dichter Begegnungen zwischen Therapeut und Patient („Momente der Begegnung“) Stern (2010) Gegenwartsmomente sind affektiv aufgeladen und intensiv.
    Technische Neutralität
    • Neutralität setzt klare Objektivität und Unparteilichkeit voraus. Kernberg (1992) schlägt vor, aus einer technisch neutralen Position heraus mit Hilfe der Gegenübertragung zu intervenieren, um die Konflikte im Hier und Jetzt vom inneren Standpunkt des Patienten zu begreifen und sich dabei nicht wertend zu verhalten
    Freie Assoziation und gleichschwebende Aufmerksamkeit
    • Mit der als „Grundregel“ bezeichneten freien Assoziation verbindet sich die Aufforderung an den Patienten, möglichst frei und ungehindert seinen Einfällen, Gedanken und Phantasien zu folgen und diese unzensiert zu äußern. Unter „gleichschwebender Aufmerksamkeit“ versteht man, dass der Therapeut dem Patienten zuhört, ohne bestimmte Inhalte von dessen Äußerungen zu bevorzugen oder zu werten
    Übertragung
    • Die Analyse der Übertragung ist, seit Freud den Begriff 1895 eingeführt hat, ein Herzstück der Psychoanalyse und psychoanalytisch orientierter Psychotherapie
    • Das Konzept der Übertragung ist aus Freuds Sicht eine lebendige Rekonstruktion der verdrängten lebensgeschichtlichen Vergangenheit des Patienten, die dieser auf das aktuelle Beziehungsgeschehen, v. a. auf die Beziehung zum Therapeuten, „überträgt“. Nach Freud haben die Verzerrung der Realität und die Wiederholung aus der Vergangenheit besondere Bedeutung für die Übertragung
    • Ein Beispiel wäre: „Das, was Sie über den Streit mit ihrem Chef erzählen, der sich Ihnen nicht stellen will und einer Konfrontation aus dem Wege geht, das könnten Sie vielleicht auch hier so erlebt haben“. Bei der sog. positiven Übertragung werden positive Anteile früherer Beziehungen (Liebe, Zuneigung, Vertrauen) übertragen, bei der sog. negativen Übertragung negative Anteile (Hass, Abneigung, Wut, Misstrauen). In der übertragungsfokussierten Therapie liegt ein Fokus der therapeutischen Arbeit in der Durcharbeitung der Übertragungsbeziehung im Hier und Jetzt
    Gegenübertragung
    • Die Gegenübertragung wird als Gesamtheit aller emotionalen Reaktionen – auch leibnahen – Empfindungen, Handlungsimpulse und Phantasien des Therapeuten auf den Patienten verstanden und als wichtiges Instrument in der Therapie eingesetzt.
    • Zum Beispiel kann der Therapeut Trauer spüren, während der Patient nüchtern und unbeteiligt etwas Trauriges erzählt und ihm selbst das Gefühl der Trauer in diesem Moment nicht bewusst ist.
    o In der übertragungsfokussierten Therapie stellt die Gegenübertragung neben den mimischen und verbalen Informationen einen wesentlichen Kommunikationskanal in der therapeutischen Dyade dar.
  • Nennen Sie psychodynamisch relevante Auslöser für eine Depression!

    Lösung

    Steinert et al. (2015) fassen in ihrem Konzept einer psychodynamischen Kurzzeittherapie der Depression die psychodynamischen Perspektiven der Entstehung depressiver Erkrankungen zusammen. Dabei werden Aspekte, die historisch bzw. gegenwärtig empirisch und klinisch bedeutsam für das Verständnis dieser Störung sind, unabhängig voneinander als mögliche Auslöser vorgeschlagen:
    • Verlust einer wichtigen Person, der zu Hilflosigkeit führen kann
    • Schmerzhafte Kluft zwischen einem Ideal-Selbst und seinen Wünschen und dem tatsächlichen Selbst
    • Beziehungen zu wichtigen anderen sind ambivalent und charakterisiert durch unbewusste oder latente Aggression
    • Bei Verlassenwerden ist unbewusste Aggression gegen das eigene Selbst und im Sinne einer Abwehr nicht gegen den Anderen gerichtet
    • Unsichere Bindungsmuster (z. B. unverarbeitete Trauer) und Einschränkung über sich Selbst und andere nachzudenken (Mentalisierungsfähigkeit)
    • Mit der Tendenz abhängiger Patienten zur Aggressionsvermeidung bestätigen sich Depressive durch die eigene Abwertung, von niemanden geliebt zu werden
  • Für welche Störungsbilder ist psychodynamische Psychotherapie indiziert?

    Lösung

    Nach den vom Wissenschaftlichen Beirat für Psychotherapie entwickelten Kriterien für die verschiedenen Anwendungsbereiche von psychodynamischer Psychotherapie bei Erwachsenen kann nach ICD-10 die Indikation für folgende 9 Anwendungsbereiche gestellt werden: (http://www.wbpsychotherapie.de):
    • Affektive Störungen (F3),
    • Angststörungen (F40-42),
    • Belastungsstörungen (F43),
    • Dissoziative Störungen, Konversions- und somatoforme Störungen (F 44, 45, 48),
    • Essstörungen (F50),
    • Psychische und soziale Faktoren bei somatischen Krankheiten (F54),
    • Persönlichkeitsstörungen und Verhaltensstörungen (F6),
    • Substanzkonsumstörungen – Abhängigkeit und Missbrauch (F1, 55)
    • Schizophrenie und wahnhafte Störungen (F2)

    Die psychodynamischen Verfahren können den Erfordernissen der Patienten hinsichtlich Störungsbild, Chronifizierung, sozialen Lebensumständen, Ressourcen und Erfolgsaussichten auch in Bezug auf Setting, Behandlungsdauer und Frequenz der Sitzungen angepasst werden.
    Kurzzeittherapien sind vor allem bei umschriebenen Problemen und akuten Belastungsreaktionen (krisenhafte Übergänge in der Entwicklung, traumatische Ereignisse und akute Lebenskrisen) anzuwenden. Langzeitbehandlungen sind vor allem dann indiziert, wenn eine Kurzzeittherapie aufgrund der Schwere oder der Besonderheiten der Störung des Patienten wenig Aussicht auf dauerhaften Erfolg hat. Eine Metanalyse bestätigte, dass Patienten mit überwiegend komplexen, chronischen psychischen Störungen von Langzeitbehandlungen mehr profitieren als von Kurzzeitbehandlungen.
  • Nennen Sie die Inhalte eines psychodynamischen Erstinterviews

    Lösung

    Im psychodynamischen Interview orientiert sich der Therapeut an folgenden Inhalten, wobei der Therapeut es zunächst dem Patienten überlässt, mit welchen Anliegen er das Gespräch beginnt und welche Probleme für ihn Vorrang haben. Im Sinne eines zirkulären Vorgehens kann der Interviewer auf noch fehlende Informationen oder unklar gebliebene Schilderungen im Verlauf des Gesprächs zurückkommen:

    • Inhalte des psychodynamischen Interviews
    • Anlass der Kontaktaufnahme
    • Aktuelle Symptomatik
    • Hinweise für akute Belastungen oder eine Auslösesituation
    • Wichtige aktuelle und frühere Bezugspersonen
    • Persönlichkeitsentwicklung und Lebensgeschichte
    • Ausbildung und beruflicher Werdegang,
    • Familienanamnese
    • Psychische und somatische Vorerkrankungen
    • Übertragung und Gegenübertragung (verbale und nonverbale Kommunikation)
    • Szenische Informationen
  • Beschreiben Sie unterschiedliche zeitliche Verlaufsformen systemischer Psychotherapie!

    Lösung

    Die Sitzungszahl ist in der Regel geringer und die Spannbreite der Zeitabstände größer als in anderen Therapieverfahren. Eine Single Session Therapy (Talmon 1990) beschränkt sich auf eine einmalige, besonders sorgfältig vorbereitete und telefonisch katamnestisch nachbereitete Therapiesitzung. Im Modell der „langen Kurzzeittherapie“ (sog. Mailänder und Heidelberger Ansatz) wird ein Standardangebot von meist 10 Sitzungen gemacht, welche genutzt werden können, aber nicht zwangsläufig genutzt werden müssen: Maximal 10 Sitzungen, lange Abstände dazwischen, Hypothesenbildung vorher anhand eines Genogramms, Beratungspause vor Sitzungsende, Abschlussintervention. Zwischen den Sitzungen werden Abstände von zumindest 4 Wochen, im späteren Verlauf bis zu einem halben oder auch ganzen Jahr eingelegt. Die Sitzungen sollen Anregungen erzeugen, zu deren Umsetzung Lebenszeit außerhalb der Therapie erforderlich ist. Als Regel gilt: Je mehr sich gerade verändert, umso dichtere Zeitabstände sind angezeigt, insbesondere in gefährdenden Krisensituationen; je weniger sich verändert, umso längere Zeitabstände.
  • Wie unterscheidet sich das Krankheits- bzw. Störungskonzept der systemischen Therapie von anderen in diesem Sammelband beschriebenen therapeutischen Ansätzen, z. B. kognitiv-behavioralen und psychodynamischen Ansätze?

    Lösung

    Krankheit wird in der systemischen Therapie nicht als ein persönliches Merkmal verstanden, das ein einzelner Mensch für sich alleine „hat“ („Ich habe ADHS“), mit dem er identisch ist („Ich bin ein Angstneurotiker“, „Ich bin ein Asthmatiker“) oder auf das er von anderen reduziert werden kann („Die Fraktur in Zimmer 13“). Vielmehr wird eine Krankheit als Teil einer größeren Interaktion angesehen, an der eine oder mehrere Personen so sehr leiden, dass ihnen Krankheitswert zugeschrieben wird.
    Symptomfördernde Interaktionen werden auch nicht als dauerhafte „Eigenschaften“ eines sozialen Systems angesehen („Patient Familie“) angesehen, sondern als unglückliche, vorübergehende soziale Konstruktionen („unbeabsichtigte Gemeinschaftsleistungen“), die von den Beteiligten allein oder mit externer Hilfe auch wieder aufgelöst werden können. Deshalb ist keine „Generalsanierung” des sozialen Systems erforderlich, in dem das Problem beklagt wird. Nicht das System an sich muss sich verändern, sondern „nur” die Kommunikation rund um das Problem.
    Symptomfördernde Interaktionen können sich auf sozialer, psychischer, biologischer Systemebene und in mehreren sozialen Systemen (z. B. Familie, Arbeitsplatz, Peergruppe) zugleich abspielen. Das Problemsystem muss nicht aus der Familie bestehen und in ihr gelöst werden. Es kann bei Schulphobien zwischen Schüler, Eltern, Lehrern und Klassenkameraden gelöst werden, bei chronifizierten Psychosen zwischen Patient, Angehörigen, Nachbarn, Nervenarzt, Wohnheim und Rentenantrag.
    Wem – welchem Mitglied eines Problemsystems – eine Störung als Krankheit zugeschrieben wird, ab welcher Intensität, Symptomkombination, Dauer einer Störung Krankheitswert zugeschrieben wird, und ab wann sie als hinreichend gebessert gilt -– all dies ist immer Ergebnis sozialer Konstruktionsprozesse. Diese sind bei psychischen Störungen nicht selten umstritten, in einer Familie oder zwischen Patient und Behandler. Das Problem ist nicht zwangsläufig erst dann gelöst, wenn sich „wirklich” etwas „im System” geändert hat, sondern dann, wenn alle oder zumindest die „wichtigen” Leute meinen, es sei gelöst – wenn sich also die problemzentrierte Kommunikation aufgelöst hat.
    „Heilung“ oder „Besserung“ geschieht in der systemischen Therapie durch die Transformation von symptomfördernden zu gesundheitsfördernden. Wie jede in Sprache stattfindende Psychotherapie interveniert auch systemische Psychotherapie „nur“ auf der Ebene der Kommunikation. „Heilsame“ Kommunikation vermag Gedanken, Gefühle, biologische Prozesse nicht unmittelbar zu beeinflussen (zu „steuern“). Aber sie vermag solche zu „irritieren“ und anzuregen, im synergetischen Sinne günstige prozessuale Bedingungen für deren Veränderungen anzubieten.
  • Legen Sie die Kriterien dar, nach denen systemische Therapie keine Therapieschule (im Sinne des medizinischen Modells) ist, sondern ein schulenübergreifender Ansatz.

    Lösung

    Systemische Therapie und Beratung im weiteren Sinn beziehen sich auf die Erfassung, Analyse und Veränderung von Systemen. Beispiele für solche Systeme sind kommunizierende und sich synchronisierende Individuen (z. B. Paare, Mutter-Kind- oder Therapeut-Patient-Dyaden, Familien, Gruppen, Teams, Organisationen), neuronale Netze mit Neuronen oder funktionell-anatomischen Strukturen als Elementen, oder psychische Strukturen mit Wechselwirkungen zwischen Kognition, Emotion und Verhalten. Für die meisten Zwecke (z. B. Verständnis von klinischen Zustandsbildern, therapeutisches Vorgehen) wird man soziale, psychische und biologische Strukturen in ihrem Zusammenspiel betrachten, in der Tradition der biopsychosozialen Medizin.
    Anders als bei störungsspezifischen Verfahren gibt nicht die Diagnose vor, was therapeutisch zu geschehen hat, sondern die Ziele und das persönliche Entwicklungsprojekt des Patienten (bzw. des Paares, der Familie, des sozialen Netzwerks). Angesichts der Komplexität und Unvorhersehbarkeit von Prozessen verändern sich eingangs formulierte Ziele meist im Therapieverlauf. Zielen kommt daher Orientierungs- und Motivationsfunktion zu (Schiepek 1991; vgl. generisches Prinzip 4). Die Durchführung einer systemischen Fallkonzeption nutzt Verfahren der Ressourcenerfassung (z. B. das Ressourceninterview; Schiepek und Cremers 2003) und der Modellierung der aufrechterhaltenden Bedingungen eines Problemmusters. In einem intensiven Prozess werden gemeinsam mit dem Patienten die beteiligten psychologischen Variablen und deren Interaktion grafisch erarbeitet (s. Abb. 16.3). Unter einer Klärungsperspektive (Grawe 1995) vermitteln die dabei entstehenden Systemmodelle ein vertieftes Verständnis von problem- und lösungsrelevanten psychosozialen Zusammenhängen und zeigen Ansatzpunkte für Interventionen auf. Daran anschließend kann gemeinsam überlegt werden, welche Erfahrungen der Patient machen müsste, um seine veränderungsrelevanten Variablen zu beeinflussen. Hierbei kann auf bewährte Interventionsmethoden unterschiedlicher Therapieschulen zurückgegriffen werden (u. a. auf die in Abschn. 16.1.5 beschriebenen), was die systemische Praxis auf dieser Ebene (allerdings nur auf dieser) eklektisch macht.
    Der Therapieprozess selbst ist ein dynamisches, selbstorganisierendes System. Eine solche Definition von systemischer Therapie bedeutet, dass

    1. im Fokus der Behandlung eine Struktur mit Systemqualität steht (z. B. neuronale Systeme, psychische Strukturen, interpersonelle Systeme) und mit systemtheoretischen Methoden modellierbar ist,
    2. a priori keine Einschränkung auf eine bestimmte biologische, psychische oder interpersonell kommunikative Funktionsebene stattfindet,
    3. systemische Therapie nicht auf Psychotherapie beschränkt ist – neurobiologische oder biomedizinische Behandlungen können in diesem Sinne ebenso systemisch sein wie psychologische oder soziale – und
    4. im Anwendungsfeld der Psychotherapie keine A-priori-Festlegung auf bestimmte Interventionsmethoden oder Therapieschulen erfolgt.

    Nach diesem Verständnis können einerseits auch Methoden aus kognitiv-behavioralen, psychodynamischen und humanistischen Traditionen Teil einer systemischen Therapie sein. Andererseits ist die Arbeit mit Familien, Paaren oder anderen Mehrpersonenkonstellationen noch nicht ausreichend, um diese als „systemisch“ zu bezeichnen. Hinzukommen müsste eine spezifische Konzeptualisierung und Erfassung dieser Konstellationen als dynamische Systeme. Obwohl in der Praxis (neuro-)biologische, intrapsychische und soziale Prozesse kaum immer gleichzeitig erfasst und beeinflusst werden können, sollten alle diese Ebenen berücksichtigt und es sollte im Rahmen einer Fallkonzeption begründet werden, warum man eine Fokussierung auf einen Systemausschnitt oder eine bestimmte Systemebene vornimmt.
  • Inwiefern und mit welchem Theoriebezug können die generischen Prinzipien der Psychotherapie als Bedingungen für Selbstorganisationsprozesse verstanden werden?

    Lösung

    Systemische Therapie besteht damit in einer prozessadäquaten Realisierung von Bedingungen für Selbstorganisationsprozesse in einem biopsychosozialen System, durch die Kaskaden von Ordnungsübergängen angestoßen werden. Diese Bedingungen sind in den „generischen Prinzipien“ ausformuliert. Systemische Therapie ist in diesem Verständnis die Ermöglichung von Veränderungsprozessen von als defizitär oder dysfunktional beurteilten Zuständen eines Systems oder Netzwerks von Systemen. Die hierfür eingesetzten Methoden entstammen dem Theoriespektrum nichtlinearer komplexer Systeme unter kontinuierlicher Erfassung der Systemdynamik, also mit konsequentem Prozessfeedback (Schiepek et al. 2013, 2015). Der Therapieprozess selbst ist damit ein dynamisches, selbstorganisierendes System.

    Eine solche Definition von systemischer Therapie bedeutet, dass
    • im Fokus der Behandlung eine Struktur mit Systemqualität steht (z. B. neuronale Systeme, psychische Strukturen, interpersonelle Systeme) und mit systemtheoretischen Methoden modellierbar ist,
    • a priori keine Einschränkung auf eine bestimmte biologische, psychische oder interpersonell kommunikative Funktionsebene stattfindet,
    • systemische Therapie nicht auf Psychotherapie beschränkt ist – neurobiologische oder biomedizinische Behandlungen können in diesem Sinne ebenso systemisch sein wie psychologische oder soziale –, und
    • im Anwendungsfeld der Psychotherapie keine A-priori-Festlegung auf bestimmte Interventionsmethoden oder Therapieschulen erfolgt.

    Nach diesem Verständnis können einerseits auch Methoden aus kognitiv-behavioralen, psychodynamischen und humanistischen Traditionen Teil einer systemischen Therapie sein. Andererseits ist die Arbeit mit Familien, Paaren oder anderen Mehrpersonenkonstellationen noch nicht ausreichend, um diese als „systemisch“ zu bezeichnen. Hinzukommen müsste eine spezifische Konzeptualisierung und Erfassung dieser Konstellationen als dynamische Systeme. Obwohl in der Praxis (neuro-)biologische, intrapsychische und soziale Prozesse kaum immer gleichzeitig erfasst und beeinflusst werden können, sollten alle diese Ebenen berücksichtigt und es sollte im Rahmen einer Fallkonzeption begründet werden, warum man eine Fokussierung auf einen Systemausschnitt oder eine bestimmte Systemebene vornimmt.

    Die generischen Prinzipien: Bedingungen für gelingende Selbstorganisationsprozesse in Psychotherapie und Beratung
    1. Stabilitätsbedingungen
    2. Identifikation von Mustern des relevanten Systems
    3. Sinnbezug
    4. Kontrollparameter und Veränderungsmotivation
    5. Destabilisierung und Fluktuationsverstärkung
    6. Kairos, Resonanz und Synchronisation
    7. Gezielte Symmetriebrechung
    8. Stabilisierung neuer Muster
  • Erläutern Sie das Vorgehen der idiografischen Systemmodellierung. Inwiefern handelt es sich dabei um eine Methode der systemischen Fallkonzeption?

    Lösung

    Der Ausgangspunkt ist ein Interview zum Problemszenario des Patienten, wobei auch Problemlöseversuche, Coping-Strategien, Ausnahmen von Problemen und konstruktive Umgangsformen mit diesen erfragt werden. Während der Erzählung macht sich der Therapeut Notizen zu den Teilprozessen oder Begriffen, die als Komponenten des Systemmodells verwendet werden können. Dafür kommen „Variablen“ in Frage, deren Ausprägung sich in der Zeit ändert. Die Variablen bezeichnen intraindividuelle oder interpersonelle Aspekte eines umfassenderen Systems, z. B. Kognitionen, Emotionen, Motive oder Verhaltensweisen. Sie werden in Form von theoretischen Konstrukten der Psychologie oder in der Alltagssprache formuliert.
    Nach der Sammlung der Systemkomponenten werden die Wirkungen der einzelnen Komponenten aufeinander grafisch in Form von Pfeilen dargestellt, welche im einfachsten Fall durch + oder – qualifiziert sind: + bedeutet eine gleichgerichtete Relation (z. B. „Je mehr Lebensfreude, umso ausgeprägter das Selbstwertgefühl“), – bedeutet eine gegengerichtete Relation (s. Abb. 16.3). Möglich sind direkte Wechselwirkungen, Schleifen, die mehrere Komponenten einbinden, oder Rekursionen einer Variable auf sich selbst (autokatalytische Effekte). Mit zunehmender Vernetzung der Komponenten werden Zusammenhänge deutlich, die vorher nicht gesehen wurden oder wo nur einseitige Ursache-Wirkungs-Relationen denkbar waren (nach dem Motto: „x ist schuld an y“).
    Im Anschluss daran wird man einzelne Zusammenhänge und Rekursionsschleifen noch einmal detailliert durchgehen, um die Dynamik und Rückkopplung in entsprechenden Teilsystemen zu verdeutlichen. Darauf aufbauend werden Lösungsszenarien durchgespielt und Ansatzpunkte für Veränderungen herausgearbeitet.
    Die Durchführung einer systemischen Fallkonzeption nutzt neben der Modellierung der aufrechterhaltenden Bedingungen eines Problemmusters auch Verfahren der Ressourcenerfassung.
  • Bennen Sie die Kriterien eines integrativen Paradigmas der Psychotherapie.

    Lösung

    Systemische Therapie in dem im Kapitel vorgestellten Verständnis versucht einen Beitrag zur Integration der Psychotherapie zu leisten. Kriterien für die Entwicklung einer integrativen Psychotherapie:
    1. Verfügbarkeit einer Metatheorie bzw. eines wissenschaftlichen Paradigmas
    2. Bezug auf eine konkrete systemische Theorie psychologischer Veränderungsprozesse (Explanans: der Prozess)
    3. Fallkonzeption, welche Bezüge zu unterschiedlichen Teiltheorien verschiedener Therapierichtungen und zu den Wissensbeständen der Psychologie herstellen kann
    4. Möglichkeit der Nutzung unterschiedlicher Interventions- und Behandlungstechniken
    5. Verfügbarkeit von Heuristiken für Mikroentscheidungen und adaptive Indikationen im Prozess (hier: generische Prinzipien)
    6. Prozessmonitoring und Prozessfeedback in der therapeutischen Routinepraxis
    7. Qualitätssicherung und -dokumentation in der Routinepraxis
    8. Verfügbarkeit eines Konzepts therapeutischer Kompetenzen für die Ausbildung und die Kompetenzbeurteilung (hier: Systemkompetenz)
    9. Verschränkung von Grundlagen- und Praxisforschung, Forschungs-Praxis-Transfer in beide Richtungen, Scientist-Practitioner-Modell
  • Nennen und erläutern Sie die grundlegenden Annahmen und Prinzipien der humanistischen Psychotherapien.

    Lösung

    • Die Anerkennung einer kongruenten, empathischen und wertschätzenden therapeutischen Beziehung als wichtigste theoretische Grundlage und notwendige Voraussetzung einer humanistischen Psychotherapie. Dabei ist das subjektive Erleben des Klienten zentraler Ausgangspunkt für die Bemühungen des Therapeuten, den Klienten in seiner Welt empathisch zu verstehen und ihm damit eine neue und emotional wertschätzende zwischenmenschliche Erfahrung zu verschaffen.
    • Die Fokussierung und Förderung von emotionalem Erleben des Klienten im therapeutischen Prozess, verstanden als unmittelbare und fortlaufende Bewusstwerdung von Gedanken, Empfindungen, Wünschen und Gefühlen. Dabei sind emotions- und erfahrungsvertiefende Vorgehensweisen und Reaktionen des Therapeuten im Kontext einer empathischen und unterstützenden Beziehung eingebettet. Der Klient wird in diesem Verständnis als Agent seiner eigenen Bedeutungsgebung und Symbolisierung angesehen, dessen subjektive Erfahrung ein essenzieller Bestandteil seines Menschseins ist.
    • Die Betonung einer integrierenden und gestaltenden Ausrichtung, hin zu persönlichem Wachstum und Bedeutung. Dabei werden das internale und implizite Wahrnehmen und Erleben als essenzieller Ausgangspunkt hin zu einer adaptiven und bewussten Erfahrung im Kontext einer empathischen und unterstützenden Beziehung gesehen.
    • Der Umgang und der Kontakt mit dem Klienten ist personzentriert. Dies bedeutet, dass der Therapeut dem Klienten Wertschätzung und Respekt entgegenbringt und diesen als einzigartiges Individuum wahrnimmt. Die Emotionen, Verhaltensweisen und Fähigkeiten des Klienten können als Ausdruck einer bestimmten klinisch-diagnostischen Kategorie angesehen werden, er wird aber nie auf eine solche reduziert.
  • Warum ist die Nichtdirektivität nicht mit „nicht direktiv“ gleichzusetzen?

    Lösung

    Die Rolle des Therapeuten umfasst die Herstellung und Sicherung der Bedingungen und ist entsprechend nichtdirektiv (was nicht mit „nicht direktiv“ zu verwechseln ist, da Letzteres eine Auslassung, Ersteres aber eine aktive Haltung ist). Diese Nichtdirektivität ist ein aktiver Prozess des aufmerksamen Zuhörens, bei dem keine Richtung vorgegeben wird und bei dem bei eigenen emotionalen und intellektuellen Stellungnahmen – im Sinne von Erklärungen, kausalen Interpretationen, Festlegen von Inhalten und Arbeitsbereichen oder Einbringen eigener Erfahrungen und Meinungen – Enthaltsamkeit praktiziert wird. Dieser Fokus auf das Erleben des Klienten und das Bemühen, sich dem inneren Bezugsrahmen des Gegenübers zuzuwenden ist ein aktiver Prozess, um dem Klienten die Möglichkeit zu geben, sich wahrzunehmen und sich zu verstehen und damit neue Möglichkeiten der Entwicklung und Entfaltung zu bieten. Es ist aber auch anzumerken, dass das Merkmal der Nichtdirektivität nicht als absolutistische Regel anzusehen ist, sondern eher als Haltung auf vor dem Hintergrund des personzentrierten Verständnisses. Entsprechend kann der Therapeut sehr aktiv eigene Wahrnehmungen einbringen und auch seinen Eindruck eines experientiellen Vermeidens aufseiten des Klienten thematisieren, um damit den therapeutischen Prozess zu unterstützen.
  • Nennen und erläutern Sie die vier Emotionsverarbeitungsprinzipien, die für die emotionsfokussierte Therapie handlungsleitend sind.

    Lösung

    1. Steigerung der Emotionsaufmerksamkeit, d. h., Klienten sollen sich ihrer primären adaptiven Emotionen bewusst werden und damit Zugang zu deren adaptiven Informationsgehalt und Handlungstendenzen erhalten. Dabei arbeitet der Psychotherapeut mit dem Klienten daran, dass dieser seine Emotionen akzeptiert anstatt sie zu vermeiden.
    2. Regulation von Emotionen, d. h., den Klienten dabei helfen, Emotionen zu identifizieren und zu benennen, zuzulassen und zu tolerieren, sie zu distanzieren, positive Emotionen zu verstärken, Vulnerabilität gegenüber negativen Emotionen zu verringern, sich selbst zu beruhigen oder sich abzulenken.
    3. Transformation von Emotionen: Der Fokus liegt hier auf dem Leitsatz „fighting fire with fire“, sodass ein maladaptiver emotionaler Zustand am besten durch eine andere adaptivere Emotion aufgelöst wird.
    4. Ausgehend von der Annahme, dass „was wir aus unseren emotionalen Erfahrungen machen, macht uns zu dem, was wir sind“ (Greenberg 2005, S. 335), kommt der Emotionsreflexion eine besondere Bedeutung zu. Durch die symbolische Repräsentation der Emotion entstehen neue Bedeutungen und dadurch ein weiteres Verständnis des eigenen Erlebens.
  • Benennen und erläutern Sie die Behandlungsprinzipien der emotionsfokussierten Therapie und unterscheiden Sie dabei die beziehungs- und aufgabenbezogenen Prinzipien

    Lösung


































    Beziehungsprinzipien Engagement in eine sichere, aufgabenorientierte therapeutischen Beziehung
    Empathische Einstimmung Das unmittelbare Erleben des Klienten erschließen und mitteilen
    Therapeutische Beziehung Dem Klienten gegenüber Wertschätzung und Echtheit entwickeln, aufrechterhalten und mitteilen, da die therapeutische Beziehung als das wesentliche heilende Element der EFT angesehen wird
    Aufgabenorientierte Zusammenarbeit Gegenseitiges Engagement für die Ziele und Aufgaben der Therapie erleichtern und einen klaren gemeinsamen Behandlungsfokus erarbeiten
    Aufgabenbezogene Prinzipien: Produktive Arbeit an spezifischen therapeutischen Aufgaben
    Erlebnisorientierte Verarbeitung Förderung einer optimalen erlebnisorientierten Verarbeitung beim Klienten mit Hilfe verschiedener Modalitäten des Engagements
    Wachstum/Wahl Förderung des Wachstumes des Klienten und seiner Selbstbestimmung, wobei auch die Grenzen des Wachstums berücksichtig werden.
    Lösung von Aufgaben/Fokussierung Unterstützung des Klienten dabei, wesentliche therapeutische Aufgaben zu lösen, Schwierigkeit bei deren Umsetzung zu bewältigen und Aufgaben zu deren Ende zu bringen
  • Nennen und erläutern Sie die Indikations- und Eignungskriterien für die personzentrierte Psychotherapie.

    Lösung

    Die Indikation aus einer theoretischen Perspektive ergibt sich für die personzentrierte Psychotherapie aus den von Rogers (1957) formulierten notwendigen und hinreichenden Bedingungen. Eckert und Petersen (2012b) beschreiben hierzu die folgenden drei Indikationskritierien:

    1. Die Störung ist eine psychische, die eine Inkongruenz zur Grundlage hat
    2. Der Klient nimmt seine Inkongruenz zumindest im Ansatz als solche wahr, und diese Wahrnehmung ist mit einem Wunsch nach Veränderung verbunden 3. Es sind ein Selbstkonzept und ein gewisses Ausmaß an Beziehungsfähigkeit zu sich selbst beim Klienten gegeben

    Anhand dieser Kriterien ist eine personzentrierte Psychotherapie nicht bei Klienten indiziert, die beispielsweise psychische Störungen aufgrund von Hirnfunktionsstörungen (ICD-Code F00-–F09) aufweisen, ihre Beschwerden ausschließlich Ich-synton wahrnehmen und keinen (Ver-)Änderungswunsch haben oder in einem sehr instabilen bzw. desintegrierten Zustand sind, sodass keine Fähigkeit zur Selbstreflektion und -wahrnehmung erkennbar ist.

    Aus den theoretischen Annahmen lassen sich auch Kriterien einer möglichen Eignung für eine personzentrierte Psychotherapie ableiten (nach Eckert und Petersen 2012b):

    1. Der Klient verfügt über die Fähigkeit zur Selbstexploration, d. h., er berichtet von seinen spezifischen persönlichen inneren Erlebnissen
    2. Der Klient beurteilt die Sitzungen und deren Verlauf überwiegend positiv
    3. Der Klient reagiert auf das Beziehungsangebot mit körperlicher An- und Entspannung und zeigt sich emotional berührt
    4. Der Therapeut erlebt bedingungsfreie positive Beachtung und Sympathie gegenüber dem Klienten
  • Welche Hauptziele werden in der ACT verfolgt? Auf welche Komponente soll hingegen weniger Wert gelegt werden?

    Lösung

    Das übergeordnete Ziel ist es, die psychische Flexibilität zu erhöhen, die für ein werteorientiertes Leben unter ständig wechselnden inneren und äußeren Lebensbedingungen erforderlich ist. Es geht somit darum, Menschen zu helfen, ihren unproduktiven Kampf mit dem eigenen Erleben zu beenden und stattdessen ihre Energien auf das Ausleben eines von persönlichen Werten geleiteten Lebens zu richten.
    Dabei werden folgende Hauptziele verfolgt: (1) Das Akzeptieren von unerwünschten Gedanken und Gefühlen, deren Auftreten oder Verschwinden zumeist nur schwer kontrollierbar ist, und (2) eine Neuorientierung und engagiertes Handeln, um ein wertegeleitetes Leben zu leben. In diesem Sinn geht es der ACT gleichzeitig um das Lernen von Akzeptanz und Veränderung.
    Die ACT geht davon aus, dass Symptomfreiheit weder eine Voraussetzung noch eine Garantie für ein solches Leben ist. Daher soll der Fokus nicht auf der Symptomreduktion liegen.
  • Welche sechs Kernprozesse werden in der ACT gefördert?

    Lösung

    In der ACT sollen sechs Kernprozesse gefördert werden. Diese bilden einerseits den Kontext der Behandlung (Haltung des Therapeuten) und sind andererseits die Behandlungsmethode (angewendet durch den Therapeuten) und werden als konkret zu lernende, fördernde und einzuübende Fertigkeiten aufgefasst.

    Folgende Fertigkeiten werden in der ACT gefördert:
    - Akzeptanz und Bereitschaft
    - Kognitive Defusion
    - Im Hier und Jetzt präsent sein
    - Selbst als Kontext
    - Werte
    - Engagiertes Handeln
  • Für welche Diagnosespektren wurde die ACT entwickelt bzw. bei welchen Diagnosen ist der Einsatz der ACT indiziert?

    Lösung

    Die Akzeptanz- und Commitment-Therapie ist ein transdiagnostischer Ansatz, dessen therapeutische Grundprinzipien störungsübergreifend sind. Mit anderen Worten: ACT ist kein Ansatz, der nur für eine eng umschriebene Gruppe psychischer Störungen entwickelt worden ist.
    Bei der Behandlungsplanung orientiert sich die ACT nicht an syndromalen Diagnosen, sondern basiert auf einer funktionalen Analyse von Verhalten mit dem Ziel, dieses vorherzusagen und zu verändern. Diese Vorgehensweise macht die ACT zusätzlich für den Einsatz in verschiedenen Feldern außerhalb des klinischen-therapeutischen Behandlungsbereiches interessant. Sie findet z. B. auch in Bereichen der Gesundheits-, Sport- oder Arbeits- und Organisationspsychologie Anwendung.
  • Die Forschung zu klinisch-psychologischen Interventionen befasst sich sowohl mit der Beurteilung bzw. Legitimation bereits bestehender Behandlungsprogramme als auch mit deren (Weiter-)Entwicklung. Erläutern Sie diese beiden Aspekte anhand von Beispielen!

    Lösung

    Vorbemerkung: Wir müssen bei der wissenschaftlichen Fundierung klinisch-psychologischer Interventionen zwischen der „progressiven“ Neuentwicklung von Verfahren im Zuge der theoretischen und empirischen Weiterentwicklung von Konzepten und der „konservativen“ Bewertung bzw. Evaluation bereits bestehender Verfahren trennen. Beide Ansätze sollten dabei nicht gegeneinander ausgespielt werden. Auch wenn etwa ein Wirksamkeitsnachweis oder ein Befund zur differenziellen Effektivität eines Verfahrens zunächst erst einmal nichts Neues schafft bzw. nichts verbessert, sondern eher bereits Bestehendes oder soeben neu Entwickeltes bestätigt, ist der „konservative“ Ansatz aus zwei Gründen unerlässlich. Erstens müssen neue, anhand neuer Prozesstheorien entwickelte Verfahren regelmäßig wieder neu getestet werden, um auf dieser Grundlage weiterzuarbeiten oder nötige Modifizierungen vorzunehmen („Passen die Daten der neuen Intervention immer noch zu meiner Theorie, die der Neuentwicklung zugrunde liegt?“; vgl. Phasen der Therapieforschung und Therapietheorien neuerer Generation sensu Grawe). Zweitens kann die bestehende Versorgungslandschaft durch den legitimierenden Ansatz dahingehend verbessert werden, dass auf wissenschaftlicher Grundlage Entscheidungshilfen bereitgestellt werden, welche Patienten bei welchen Problemen am besten welche Behandlung erhalten sollten.

    Vier Beispielbereiche, anhand derer man das Wechselspiel zwischen Entwicklung und Beurteilung erläutern kann:
    1. Ein Beispiel liefert die systematische Desensibilisierung, deren Wirksamkeit zur Besserung umschriebener Ängste als gesichert angesehen werden kann. Doch die ursprünglich vom Entwickler dieser Methode (Wolpe, 1958) angenommenen zugrunde liegenden lerntheoretischen Konzepte (u. a. reziproke Hemmung) konnten die Wirkung nur unbefriedigend erklären, und der große Erfolg weiterer reizkonfrontationsbasierter Behandlungen (z. B. „flooding“) stand dem ursprünglichen Wolpe´schen Erklärungsansatz der notwendigen Gegenkonditionierung sogar diametral entgegen. Es wurde also ein Verfahren entwickelt, das hochwirksam war (d. h. diesbezüglich eine gute Legitimation aufwies), dessen theoretische Fundierung aber noch unbefriedigend blieb.
    Schließlich legte Bandura (1977) mit seiner Theorie der Self-Efficacy-Expectation eine „Theorie zweiter Generation“ vor, die die bis dahin bekannten verschiedenen Angstbehandlungsmethoden aus einer einheitlichen Perspektive überzeugender erklären konnte als irgendeine der diesen Methoden ursprünglich zugrunde liegenden Theorien. Allerdings ist auch die Reichweite von Banduras „Theorie zweiter Generation“ noch unbefriedigend, da etwa motivationale Aspekte des Erlebens und Verhaltens oder mittlerweile vorliegende biopsychologische Befunde ausgeklammert sind. Doch dies liegt im Grawe´schen Sinne durchaus in der Natur der Sache: Wir stehen angesichts der relativ jungen Geschichte der Interventionsforschung noch am Anfang des Weges von Innovationen über ihre wissenschaftliche Überprüfung hin zu einer neuen Faktenbasis, die wieder neue Entwicklungen hervorbringt, die sich wiederum empirisch bewähren müssen.
    2. Eine interessante Verbindung von Legitimation und Weiterentwicklung stellt der Ansatz der „patient focused psychotherapy research“ dar (Abschnitt 19.2.4), dessen Prinzip darin besteht, kontinuierlich Daten über Therapieverläufe zu sammeln und hinsichtlich der Patienten- oder Problemmerkmale Profile von erfolgreichen und nicht erfolgreichen Therapien herauszukristallisieren. Zeigt sich beispielsweise bei einem „typischen“ Patienten mit Diagnose A mit Schweregrad B und weiteren spezifizierten Randbedingungen im Verlauf ein Muster, das den bislang im System gespeicherten Verläufen ähnlich ist, die am Ende nicht erfolgreich waren, so könnte dem Therapeuten dies im Sinne eines Warnhinweises rückgemeldet werden (z. B.: „Achtung, eine ausbleibende Stimmungsaufhellung gemäß Fragebogen X nach bereits sechs Therapiesitzungen lässt bei diesem Patienten auch im Bereich Y einen ungünstigen Verlauf erwarten!“). Solche Rückmeldeprozeduren können auf Grundlage einer ständig wachsenden Datenbasis, verbesserter mathematischer Modellbildung und einem gelungenen Umgang mit der Rückmeldung seitens der klinischen Praktiker, die an einem solchen System teilnehmen (z. B. Reflexion und Hypothesenbildung, Inanspruchnahme von Supervision), die Qualität der Behandlungen über die Zeit verbessern. Zum Beispiel können so Misserfolge und Therapieschäden minimiert, positive Effekte systematisch verstärkt oder Behandlungsdauern reduziert werden – auch wenn im therapeutischen Alltag nicht in jede einzelne Fallkonzeption das theoretische und empirische Gesamtverständnis einfließen kann. Eine solche Praxisforschung kann die Qualität klinischer Interventionen also nicht nur („konservativ“) sichern, sondern konkret weiterentwickeln und optimieren.
    3. Als Beispiel für ein Forschungsprogramm, bei dem eine Behandlungsmaßnahme durch die Nutzung von experimentellen Befunden kognitionspsychologischer Natur systematisch weiterentwickelt wurde, sei die kognitive Therapie der posttraumatischen Belastungsstörung genannt (Ehlers et al., 2005; Abschnitt 19.4.3). Ehlers et al. (2005) modifizierten bislang existierende Therapiebausteine (z. B. Art und Weise der Exposition mit dem Trauma) und gingen in zwei Schritten vor, um die Wirksamkeit ihrer Therapiemodifikation zu testen (Kombination von Phase-II- und Phase-III-Studien). Erst wurde eine fortlaufende Pilotstudie von Einzelfällen durchgeführt, um dann nach erfolgreichem Abschluss einen echten RCT anzuschließen (Kognitive Therapie vs. Wartegruppe). Die Ergebnisse waren ausgesprochen positiv; insbesondere scheint angesichts sehr niedriger Drop-out-Raten die Verträglichkeit der PTB-Therapie gestiegen zu sein.
    4. Der Zuwachs an Wissen über neuronale Korrelate klinisch relevanter Probleme und die zunehmenden Erkenntnisse über neurobiologische Regelkreise und Mechanismen, wie sie z. B. auch bei Grawe (2004) dargelegt sind, haben dabei für die Entwicklung und Beurteilung klinisch-psychologischer Interventionen (sowie auch innovativer diagnostischer Verfahren) mehrere Implikationen – allerdings wurden die Möglichkeiten zur Verbesserung von Therapien durch neurowissenschaftliche Erkenntnisse in der Vergangenheit oft stark überschätzt (Abschnitt 19.5).
  • Innerhalb der „4 Phasen der Therapie-Evaluation“ kommt der Phase III – den Wirksamkeitsstudien im engeren Sinne („randomized controlled trials“, RTC) – eine besondere Bedeutung zu. Stellen Sie sich vor, Sie hätten alle Mittel zur Verfügung, um ein neuartiges Therapieprogramm zur Behandlung von Drogenabhängigkeit in einer Phase-III-Studie zu prüfen. Erläutern Sie an diesem Beispiel die folgenden Begriffe:
    1. Ein- und Ausschlusskriterien
    2. Treatmentintegrität
    3. Randomisierung
    4. Verblindung
    5. Primäre und sekundäre Erfolgskriterien
    6. Poweranalyse
    7. Standardisierung vs. Individualisierung
    8. „Intention-to-treat“ (ITT), „drop-outs“
    9. Katamnese, Follow-up
    10. CONSORT-Statement
    11. „Allegiance“
    12. Identifikation von Wirkfaktoren

    Lösung

    Einige Stichpunkte, die man hier heranziehen könnte:
    1. Ein- und Ausschlusskriterien
    a) Steht eine bestimmte Substanz im Vordergrund? Wenn ja, dann müsste ggf. Polytoxikomanie ausgeschlossen werden.
    b) Falls Jugendliche eingeschlossen werden, sind u. U. besondere (rechtliche) Aspekte zu beachten (z. B. Einverständnis der Eltern).
    c) Im Studienprotokoll muss festgelegt werden, wie mit Mehrfachbehandlung bzw. Betreuung verfahren wird (z. B. falls Studienteilnehmer sich zusätzlich in sozialtherapeutischer Betreuung befinden oder im Verlauf der Beandlung im Rahmen einer suizidalen Krise für kurze Zeit stationär behandelt werden). Auch muss für den Follow-up-Zeitraum eine Lösung gefunden werden, wie mit denjenigen, die nach der Studientherapie weitere Behandlungen erhalten haben, verfahren werden soll (z. B. Ausschluss aus Follow-up-Analyse, getrennte Analyse).
    d) Es muss eine Abwägung zwischen Power-Gesichtspunkten (Effekte können eher aufgedeckt werden, wenn Ausgangsstichprobe aufgrund strenger Ein- und Ausschlusskriterien niedrige Varianz aufweist) und externer bzw. ökologischer Validität (heterogene Patientenpopulation im Versorgungsalltag) getroffen werden.
    e) Ein Kritikpunkt an den meisten RCT ist, dass unter den ursprünglich in Frage kommenden Patienten (Anmeldungen) nur ein Bruchteil letztendlich in die Studie hineinrandomisiert wird. Besonders interessant wäre deswegen eine Folgestudie an denjenigen, die aufgrund verletzter Einschlusskriterien (z. B. keine Abhängigkeits-, sondern nur eine Missbrauchsdiagnose) oder Ausschlusskriterien (z. B. Vorliegen weiterer, neben der Drogenproblematik als mindestens gleich schwer bewerteter anderer psychischen Störungen) nicht in die Hauptstudie aufgenommen werden konnten, um den Einfluss der Ein- und Ausschlusskriterien auf den Therapieerfolg abzuschätzen.
    f) Ein- und Ausschlusskriterien müssen entsprechend CONSORT exakt und nachvollziehbar spezifiziert werden.

    2. Treatmentintegrität
    meint die gesamte Umsetzung der intendierten Behandlungsmaßnahme auf Therapeutenseite („Manualtreue“). Zur Sicherung der Treatmentintegrität ist es wichtig, dass
    • eine ausführliche Manualisierung jeder Sitzung und des gesamten Therapieablaufs mit genauer Operationalisierung von Gütekriterien vorliegt, sodass im nächsten Schritt diese Umsetzung anhand von Videoaufzeichnungen systematisch bewertet werden kann,
    • eine umfangreiche Schulung und Zertifizierung der Studientherapeuten sowie Auffrischung/Nachschulungen, um die Kontinuität der Adherence aufrechtzuerhalten, durchgeführt werden und
    • eine kontinuierliche Supervision (inkl. Video- und Dokumentationsanalyse) stattfindet.

    3. Randomisierung
    • Die Methode der Randomisierung muss bestimmten Regeln folgen und vorher genau spezifiziert werden (optimal: Randomisierung vom technischen Personal am Telefon anhand von Zufallszahlen; ungenügend: Bei Anmeldung persönliche Zuordnung durch den Therapeuten zu der Gruppe, in der „zufällig“ gerade Platz ist).
    • Insbesondere in kleineren Studien ist es u. U. angebracht, blockweise zu randomisieren, um die Untersuchungsgruppen möglichst vergleichbar zu halten (z. B. drei Schweregradkategorien bilden und so verfahren, dass der Schweregrad jeweils in 10er-Blöcken gleichmäßig auf Treatment- und Kontrollgruppe verteilt wird).
    • Bei Vorliegen mehrerer Studienzentren sollte die Randomisierung zentral und möglichst hinsichtlich prognostisch wichtiger Faktoren stratifiziert erfolgen (d. h. Balancierung der Stichprobe über die verschiedenen Zentren hinweg).
    • Art und Weise der Randomisierung muss entsprechend CONSORT exakt und nachvollziehbar spezifiziert werden.

    4. Verblindung
    • Bei Psychotherapiestudien ist echte (Doppel-)Verblindung nur begrenzt möglich; z. B. weiß der behandelnde Therapeut immer, welche Behandlung er einsetzt, im Gegensatz zu einer Pharmastudie, in der aktive und Placebo-Pillen äußerlich nicht zu unterscheiden sind (allerdings sind auch in Pharmastudien Teilnehmer und Forscher oft nicht wirklich blind, da sie Hypothesen aufgrund der erlebten (Nicht-)Wirkung anstellen).
    • Optimal ist in diesem Bereich, zumindest die Ergebnisbeurteilung von externen Evaluatoren vornehmen zu lassen, denen der Behandlungsstatus des Patienten unbekannt ist.
    • Ferner ist wichtig, dass Versuchsleiter bzw. Behandler blind gegenüber Zwischenergebnissen der Studie sind, denn wenn sie erste Tendenzen der Ergebnisse vor Abschluss der Studie mitgeteilt bekommen, könnte dies u. U. deren Einstellung und Verhalten im Versuch – bewusst oder unbewusst – beeinflussen und damit die Ergebnisse verfälschen (z. B. Veränderungen bei Rekrutierung und Behandlungsdurchführung).

    5. Primäre und sekundäre Erfolgskriterien
    • Es müssen vorab nicht nur die Maße, sondern auch die Kriterien ihrer Verrechnung festgelegt werden (z. B. klinisch signifikante Cut-off-Werte).
    • Die Zahl der primären Outcome-Maße ist möglichst stark zu begrenzen. Beispiele für geeignete primäre Outcome-Maße: Abstinenz in den 12 Monaten nach Therapie (ja/nein); Zeit der Abstinenz in den 12 Monaten nach Therapie (in Wochen); Nicht-mehr-Erfüllen der diagnostischen Abhängigkeitskriterien im Follow-up-Zeitraum (ja/nein).
    • Beispiele für geeignete sekundäre Outcome-Maße (müssen jeweils vorab genau spezifiziert bzw. operationalisiert werden): soziales Funktionsniveau (z. B. hinsichtlich Ausbildung, Arbeitsfähigkeit); Anzahl krimineller Delikte; Stressbewältigungskompetenz; allgemeine psychische Belastung; Drop-out-Raten (z. B. zum Vergleich der Verträglichkeit verschiedener Behandlungsoptionen); globale Besserungseinschätzung von Patient und Therapeut.
    • Beachte: ggf. müssen getrennte Power-Analysen berechnet werden, z. B. wenn vorab nur kleine Effekte hinsichtlich völliger Abstinenz, aber mittlerer Effekte hinsichtlich des sozialen Funktionsniveaus angenommen werden.

    6. Power-Analyse
    • Power-Analysen werden oft nur unzureichend durchgeführt bzw. hinter Praktikabilitätserwägungen nicht ausreichend berücksichtigt (z. B. finanzierbare Obergrenze = 100 Patienten, aber dennoch werden Berechnungen angestellt, bei denen man zur Aufdeckung reell vorhandener kleiner Effekte mit Beta= 0.10 eigentlich 400 gebraucht hätte).
    • In klinischen Studien gilt es zu beachten, dass bei bestimmten Konstellationen, z. B. bei einer Vielzahl primärer und sekundärer Auswertungen, oder wenn der Fokus auf Unbedenklichkeit und Verträglichkeit liegt (unerwünschte Ereignisse/“adverse events“ sind meist selten!), größere Stichproben benötigt werden.
    • Siehe auch unter a), d), k)

    7. Standardisierung vs. Individualisierung
    • Das therapeutische Vorgehen sollte manualisiert festgelegt werden (einschließlich möglicher „Freiheitsgrade“, die die Studientherapeuten haben sollen)
    • Der Grad der Standardisierung ist dabei von der Forschungsfrage abhängig (z. B. kann bzw. sollte der Standardisierungsgrad eines psychoedukativen Behandlungsbausteins, der zukünftig auch von nichtpsychologischem Hilfspersonal durchgeführt werden soll, größer sein als etwa ein Therapiebaustein „Motivierung zum Rauchstopp mittels Motivational Interviewing“)
    • Der Grad der Umsetzung der untersuchten Intervention („Manualtreue“, „adherence“) sollte messbar sein (z. B. Rating anhand von Videoausschnitten) und ggf. auch als Kontrollvariable bei der Interpretation der Studienergebnisse berücksichtigt werden.

    8. „Intention-to-treat“ (ITT), „Drop-outs“
    • Gemäß dem Intention-to-treat-Prinzip (ITT) sollen möglichst alle Personen, die zu Studienbeginn eingeschlossen waren, in die Analyse eingehen (d. h. auch diejenigen, die die Intervention nicht vollständig erhalten bzw. abgebrochen haben).
    • Kann dies nicht realisiert werden, muss die Art und Weise, wie mit unrealistischen Ausreißerwerten oder mit Missing“ umgegangen wird, genau spezifiziert und begründet werden; die Möglichkeiten reichen hier von der einfachen Verwendung des jeweils letzten Wertes eines Teilnehmers, bevor er aus der Studie ausgeschieden ist („last observation carried forward“, LOCF) bis hin zu komplexen mathematischen Modellierungen für die Schätzungen bei Missings anhand der vorhandenen Daten.
    • Gerade im Drogenbereich ist eine niedrige Drop-out-Rate bzw. hohe „Haltequote“ („attrition“) aufgrund der häufig anzutreffenden Motivationsprobleme (z. B. Inanspruchnahme der Therapie aufgrund behördlicher Auflagen oder elterlichen Drucks) anzustreben; deshalb sollte dieses Maß ggf. auch im Sinne eines Erfolgskriteriums analysiert werden.
    • Das ITT-Vorgehen ist aus zweierlei Gründen für Psychotherapiestudien eher selten: erstens verschlingt es deutlich mehr Forschungsressourcen, auch alle Abbrecher nachzuuntersuchen und in die Analysen mit einzubeziehen – und andererseits fallen damit die Erfolgsquoten zwar realistischer, aber auch deutlich unvorteilhafter aus.

    9. Katamnese, Follow-up
    • Gerade im Drogenbereich, in dem es neben dem Stopp des Substanzkonsums in hohem Maße auch um die Rückfallprophylaxe geht, sind Katamnesen (möglichst 6 oder 12 Monate) unerlässlich.
    • Da es ggf. unethisch oder unpraktikabel ist, eine Kontrollgruppe gar nicht zu behandeln oder eine Wartegruppe 12 Monate warten zu lassen, kann die Katamnese bisweilen nur für die Treatment-Gruppe durchgeführt werden.
    • Je länger der Katamnesezeitraum, desto höher die Gefahr der Verzerrung der Ergebnisse durch externe Einflüsse, die nicht mit der Therapie zusammenhängen und die u. U. auch nicht durch die eingangs durchgeführte Randomisierung über die verschiedenen Versuchsgruppen vollständig konstant gehalten werden können.

    10. CONSORT-Statement
    • Da einer der wichtigsten Forschungsstandards darin besteht, dass die Studienergebnisse vor dem Hintergrund von Studiendesign und Studiendurchführung transparent und intersubjektiv nachvollziehbar berichtet werden müssen, existiert ein verbindlicher Leitfaden gemeinsamer Standards für die Beschreibung von Studien (Consolidated Standards of Reporting Trials, CONSORT Statement).
    • Da empirische Evidenz gezeigt hat, dass das Nichtberichten von Information mit verzerrten Schätzungen des Behandlungseffektes verbunden ist, existiert eine Checkliste mit 22 Punkten, über die die Studienautoren verbindlich berichten müssen (Abbildung 2). Besonders wichtig ist hier etwa die genaue Dokumentation aller einbezogenen Fälle (einschließlich Abbrecher und nicht auswertbare Fälle zu verschiedenen Zeitpunkten! Vgl. Flussdiagramm in Abbildung 3).
    • Diese Standardisierung der Ergebnisdarstellung dient nicht zuletzt auch dazu, die Ergebnisse mehrerer Studien zu einem ähnlichen Untersuchungsgegenstand vergleichbar und aggregierbar (z. B. in Metaanalysen) zu machen.
    • Zusätzlicher Aspekt zum Thema „Leitlinien der Interventionsforschung“: Die Registrierung einer Therapiestudie vor ihrem Beginn ist unter anderem deswegen mittlerweile verpflichtend, da verhindert werden soll, dass eine Reihe von Studien zum gleichen Verfahren durchgeführt wird, so lange bis in einer Studie signifikante Ergebnisse ermittelt werden (und die nichtsignifikanten Studien in den Papierkorb wandern).

    11. „Allegiance“
    • Ausgangsproblem: Beachtet man die Varianz, die durch die Identifikation der Forschergruppe mit dem jeweils untersuchten Verfahren aufklärt wird, so könnte man zu dem Schluss kommen, dass ein (hinreichend umgrenztes) Verfahren lediglich von seinen eigenen Anhängern beforscht werden muss – es wird schon etwas Signifikantes dabei herauskommen. Oder anders ausgedrückt: Was ist das Ergebnis einer Wirksamkeitsstudie wert, wenn es mit hoher Sicherheit bereits aus den Präferenzen der Untersucher vorausgesagt werden kann?
    • Die Ergebnisse aus Therapiestudien sollten daher immer auch von Forschergruppen repliziert werden, die nicht an der Entwicklung der zu überprüfenden Intervention beteiligt waren, denn besonders starke Identifikation mit und eine außergewöhnliche Expertise in dem beforschten Ansatz können zu unrealistisch hohen (sog. Allegiance-) Effekten führen und damit in ihrer Generalisierbarkeit für den späteren Einsatz im Behandlungsalltag eingeschränkt sein.
    • Eine gute Kontrolle von Allegiance-Effekten bietet die Mulicenter-Studie, wie sie z. B. beispielhaft in derjenigen von Barlow et al. (Abschnitt 19.2.3) realisiert wurde.
    • Beispiel Drogenbereich: Möglicherweise könnte eine Therapie, die nicht totale Abstinenz, sondern ein verbessertes Management des Konsums anstrebt (z. B. Methadon plus begleitende psychotherapeutische Maßnahmen oder „kontrollierter Konsum“), von solchen Behandlern schlechter umgesetzt werden, die einer anderen Behandlungsphilosophie („Kontrollierter Konsum ist bei Süchtigen unmöglich!“) als das ursprüngliche Studienteam anhängen.

    12. Identifikation von Wirkfaktoren
    • Begleitend sollte in Wirksamkeitsstudien nach Möglichkeit zur Erfassung potenzieller Wirkfaktoren zusätzlich eine Prozess-Outcome-Forschung durchgeführt, d. h. nach möglichen Ursachen für die gefundenen Ergebnissen gesucht werden.
    • Entsprechende Forschungsdesigns könnten z. B. zusätzliche aktive Interventionsbedingungen mit mehr oder weniger potenziell wirkenden Elementen enthalten (z. B. „dismanteling design“, „component control design“), um einzelne Komponenten hinsichtlich ihrer Wirksamkeit beurteilen zu können. Eine solche Dismanteling-Strategie ist allerdings nur dann nützlich, wenn eher kurze, gut umschriebene und strikt manualisierte spezifische Behandlungsprozeduren untersucht werden; ihr Einsatz für die Erforschung umfassender Behandlungspakete, die sich nicht einfach additiv aus einzelnen Behandlungsmodulen zusammensetzen, wäre eher problematisch.
    • Eine weitere Möglichkeit wäre, die Umsetzung allgemeiner Wirkfaktoren durch die jeweiligen Studientherapeuten zu messen, die Therapeuten dann dahingehend zu gruppieren und dies als Kontrollvariable bei der Interpretation der Ergebnisse einzubeziehen.
    • Optimal ist es, wenn Wirkfaktoren (einschließlich der Operationalisierung der Erfassung) bereits vorab spezifiziert werden. Beispiele aus Drogenbereich: a) Wenn man annimmt, dass das Wissen um die schädlichen Wirkungen einer Substanz zum Aufhören beiträgt, könnte man den Wissenszuwachs von prä zu post messen und auf Zusammenhänge zum Therapieerfolg untersuchen. b) Wenn man annimmt, dass Drogenkonsum Ausdruck mangelnder sozialer Kompetenzen ist, könnte man analog mit dem Zuwachs sozialer Kompetenzen im Zuge der Therapie verfahren. c) Wenn man die Hypothese hat, dass eine individualisierte Passung eines Therapieprogramms bei Drogenabhängigen eine notwendige Bedingung für Therapieerfolg ist, könnte man das Design hinsichtlich der Standardisierung variieren (vgl. „gekettete Kontrollgruppe“ aus Abschnitt 19.4.2). • • • • • • Differenzierende Zusatzanalysen zu Wirkfaktoren können natürlich nur bei entsprechender Teststärke angestellt werden, d. h., bei der Power-Analyse zur Bestimmung der Stichprobengröße muss neben den primären Outcome-Maßen auch an die entsprechende Wirkfaktorensuche gedacht werden.
  • Analog zur „Evidence Based Medicine“ wurde in den 1990er Jahren ein Konzept der „Empirically Supported Treatments“ (EST) für klinisch-psychologische Interventionen entwickelt. Damit sollte – störungsspezifisch – eine Liste „wissenschaftlich anerkannter Verfahren“ erstellt werden. Stellen Sie Pro und Kontra dieses Ansatzes dar!

    Lösung

    Entsprechende Argumente sind in Abschnitt 19.3.2 versammelt, weswegen auf eine entsprechende Wiederholung hier verzichtet wird.
  • Eine Methode, die Vielzahl von Einzelergebnissen aus Studien zur Interventionsforschung zu integrieren, ist die Metaanalyse.
    a) Nennen Sie die Gründe, die Metaanalysen sinnvoll und vorteilhaft erscheinen lassen!
    b) Nennen Sie typische Probleme, mit denen Metaanalysen zu kämpfen haben, einschließlich möglicher Lösungsansätze!

    Lösung

    Die Argumente des Kastens in Abschnitt 19.3.1 können anhand von Rosenthal und DiMatteo (2001) noch folgendermaßen erweitert bzw. differenziert werden:

    a) Vorteile der Metaanalyse:
    • Betrachtung der Landschaft eines Forschungsunternehmens (Mehrdeutigkeit der Vielzahl an Forschungsergebnissen reduzieren, Schärfen des Blicks für Publikationslage, Kumulation von Erkenntnissen auch über verschiedene methodische Ansätze hinweg)
    • Förderung des Verständnisses von Signifikanz (Signifikanz = Effektstärke x Studiengröße; die Akkumulierung mehrerer insignifikanter Ergebnisse u. U. bedeutungshaltiger als 1 signifikantes Ergebnis, z. B. ist 10 x p<0.1 aussagekräftiger als 5 x p<0.05)
    • Hilfreich gegen „Datenverschwendung“ (Einbezug „grauer Literatur“, Integration von Studien mit niedriger Teststärke)
    • Sorgfältige Einarbeitung in die Datenlage (für Einschluss/Ausschluss und Auswertung erforderliche Präzision geht weit über das Studium von Abstracts und Discussions hinaus, schärft den Blick für die den Primärstudien zugrunde liegende Methodik)

    b) Probleme der Metaanalyse:
    • Bias hinsichtlich Ein-/Ausschlusskriterien und Suchmethoden (einbezogene Studien nicht repräsentativ; Beispiele: „Schubladen-Problem“, unterschiedlicher Informationsgehalt zwischen Publikationen; Lösung: Replizierbarkeit herstellen durch transparentes Vorgehen)
    • „Garbage in and garbage out“ (unterschiedliche Studienqualität; Lösung: Qualitätsgewichtung oder Subanalysen mit Studien der jeweils als gleich erachteten Qualität)
    • Überbewertung von Einzelbefunden (Blick fürs Gesamte geht verloren, wenn Interaktionen übersehen werden)
    • Nichtunabhängigkeit von Effekten (Kombination von Effektstärken aus einer Studie oder von einer Forschergruppe; Lösung: mit entsprechenden Berechnungen kontrollierbar, vgl. Alpha-Adjustierung)
    • Kombination von „Apples and Oranges“ (Kombination ähnlicher, aber dennoch definitiv unterschiedlicher Studien liefert evtl. irrelevante Befunde, kann aber auch bei geeigneter Fragestellung zu höherer Generalisierbarkeit führen; Beispiel: Aussagen zu „Flooding bei Agoraphobie“ vs. „Psychotherapie bei Ängsten“)
    • Kombination nicht vergleichbarer Effektstärken (gleicher Effekt bei unterschiedlichen Ausgangsvarianzen; Lösung: mit entsprechenden Berechnungstechniken kontrollierbar)
  • Viele Psychotherapiestudien, die ganz unterschiedliche Verfahren hinsichtlich Wirksamkeit und Effektivität geprüft haben, kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Heißt das, dass alle diese Verfahren gleich wirksam sind? Oder dass ihrer Wirksamkeit lediglich allgemeine unspezifische Faktoren zugrunde liegen? Oder dass Psychotherapie im Grunde ein „Placebo“ darstellt?

    Lösung

    • In der Tat erweist sich aus verschiedenen Gründen ein direkter Vergleich beispielsweise zwischen Verhaltenstherapie und Psychoanalyse in ein und derselben Studie als äußert schwer durchzuführen, u. a. weil externe Einflüsse insbesondere bei unterschiedlich langen Behandlungen (unterschiedliche Therapiedosis) nicht ohne Weiteres über die untersuchten Gruppen hinweg konstant gehalten werden können.
    • Unter anderem deswegen ist die Frage noch unzureichend geklärt, warum über viele Studien hinweg die unterschiedlichsten Ansätze und therapeutischen Herangehensweisen in unterschiedlichsten Settings doch oft zu ähnlichen Ergebnissen kamen. Teils wird dies als Artefakt einer zu wenig differenzierten Methodik angesehen (unzureichende Operationalisierung von Wirkfaktoren oder -mechanismen, zu heterogene Patientenpopulationen, zu wenig Messzeitpunkte etc.), teils als Auswirkung allgemeiner „unspezifischer“ Wirkfaktoren (wie der Therapiebeziehung), teils als Teststärkeproblem insbesondere dann, wenn man nicht ein Behandlungspaket insgesamt, sondern einzelne Komponenten testen möchte (weder Stichprobengröße noch Therapieeffekt können beliebig vergrößert werden). Auch der sog. Allegiance-Effekt („allegiance“ = Gefolgschaft, Untertanentreue) wirft entsprechende Fragen auf (s. oben).
    • Abschnitt 19.4.1 informiert über Placeboeffekte und allgemeine Wirkfaktoren. Entscheidend für die Wirkung einer Behandlung ist beispielsweise, wie glaubwürdig im konkreten Einzelfall positive Erwartungen bezüglich des Therapieerfolgs hergestellt werden. Durch die Induktion positiver Erwartungen wird demnach ein sich selbst aufrechterhaltender Prozess in Gang gebracht (Zuversicht → mehr Energie, an Dinge heranzugehen → erste kleine Erfolgserlebnisse → erhöhte Kooperationsbereitschaft und Engagement → weitere Erfolge → mehr Zuversicht etc.), der wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung schließlich dazu führt, dass beim Patienten irgendwann tatsächlich eine positive Änderung eingetreten ist.
    • Die wahrgenommene Kompetenz und Glaubwürdigkeit des Therapeuten zählt zu den empirisch gut abgesicherten Prozessmerkmalen, die einen positiven Einfluss auf das Therapieergebnis haben. Geht es also bei klinisch-psychologischen Interventionen nur um die Durchführung eines möglichst glaubwürdigen Rituals, und sollte man also eher von „Placebo-“ als von „echten“ Effekten sprechen? Grawe (1998, S. 26ff) problematisiert die Anwendung der Placebobegrifflichkeit auf psychotherapeutische Verfahren, da einerseits meist unklar bleibt, um was es sich bei der Placebowirkung überhaupt handelt und andererseits, weil dadurch das Schulendenken im Rahmen von Therapietheorien älterer Generation gefördert wird. Einflüsse, die nicht in der speziellen Theorie der jeweiligen Therapieschule vorgesehen sind, werden zum Placebo oder zu unspezifischen Wirkfaktoren erklärt, wobei diese Begriffe etwas weniger wichtiges suggerieren – als „wirklich wichtige“ Einflussfaktoren werden dagegen die spezifischen Wirkfaktoren der jeweiligen Therapietheorie postuliert. Warum sollte aber z. B. der durch die Induktion positiver Veränderungserwartungen angestoßene positive Rückkopplungsprozess zu einem unspezifischen oder in irgendeiner Hinsicht zweitrangigen Wirkmechanismus erklärt werden, wenn er zu so bedeutsamen Verbesserungen führt, wie es den Anschein hat?
    Fazit: Dass alle Therapieformen vor allem unspezifisch wirken und letztlich äquivalent seien, muss aus heutiger Sicht bestritten werden, insbesondere angesichts der sog. störungsspezifischen Perspektive, der Wirkfaktorenforschung sowie aufgrund der zunehmenden Nutzung und Weiterentwicklung psychologischer Grundlagenforschung. Dennoch ist die Existenz allgemeiner Wirkfaktoren, die prinzipiell in verschiedensten Interventionen zum Einsatz kommen können, nicht zu bestreiten.
  • Nennen und erläutern Sie Voraussetzungen für ein therapeutisches Gespräch (auf Therapeutenseite)!

    Lösung

    Aktives Zuhören:
    • der Therapeut signalisiert dem Patienten, dass er seinen Erzählungen interessiert folgt;
    • das kann durch verbale Signale („ja“, „gut“, „aha“) oder durch nonverbale Signale (Blickkontakt, Nicken) geschehen
    Empathie:
    • der Therapeut versucht die persönliche Bedeutung des Gesagten zu verstehen; dies beinhaltet gegebenenfalls auch, das vom Patient eigentlich Gemeinte zu erschließen;
    • wichtige Voraussetzung, um den Patienten zu verstehen: präzises Nachfragen
    Akzeptanz:
    • Verständnis für den Patienten entwickeln, dabei aber Bewertungen vermeiden;
    • problematisches Verhalten des Patienten sollte direkt angesprochen werden; trotzdem sollte der Patient als Person wertgeschätzt und ernst genommen werden
  • Nennen und erläutern Sie die sieben Grundprinzipien der Gesprächsführung!

    Lösung

    Transparenz:
    • alle Behandlungsschritte werden offen gelegt, alle diagnostischen und therapeutischen Verhaltensweisen und Übungen werden begründet und erklärt, Ziel: aufgeklärter, aktiver Patient

    Struktur:
    • einzelne Sitzungen und die gesamte Therapie sollten eine vorhersagbare, zielgerichtete Struktur haben;
    • Ziel: mögliche Verunsicherung des Patienten reduzieren, sowie positive Erwartungen und Therapiemotivation fördern

    Konkretisieren, Präzisieren und Spezifizieren:
    • Patienten fühlen sich oft von Emotionen, Gedanken und Verhaltensweisen überwältigt,
    • Patienten werden daher aufgefordert für sie überwältigende Situationen, die Beschwerden, die Auslöser und die damit verbundenen Gedanken und Gefühle präzise zu beschreiben
    • Ziel: verallgemeinernde Bewertungen („das wird mir alles zu viel“) vermeiden und stattdessen genauer differenzieren

    Geleitetes Entdecken:
    • durch gezieltes Fragen oder Beispiele wird der Patient angeregt selbst neue, unangenehme oder für ihn widersprüchliche Informationen zu produzieren (→ der Patient macht Entdeckungen)

    Soziale Verstärkung und Lob:
    • durch Verstärkung und Lob können therapeutische Fortschritte gefördert werden, zusätzlich kann Selbstverstärkung leichter aufgebaut werden; wichtig: Verstärkung und Lob sollten von Anstrengung abhängig und glaubhaft sein

    Zusammenfassen und Rückmelden:
    • Zusammenfassungen am Ende einer Sitzung stellen für Patienten eine Bilanz dar und erleichtern Übertragung des Gelernten in den Alltag;
    • gegenseitige Rückmeldungen über das Erleben der Therapie vermeiden Missverständnisse

    Stringenz und Konsequenz:
    • nur wenn Gesprächsprinzipien stringent und konsequent angewendet werden, kann Patient therapiegerechtes Verhalten entwickeln (z. B. nur wenn Hausaufgaben konsequent gemeinsam besprochen werden, ist Patient motiviert diese zu machen)
  • Nennen Sie mindestens fünf typische Fehler bei der therapeutischen Gesprächsführung!

    Lösung

    Beispielantwort:
    • Voreilige Ratschläge geben
    • Fachausdrücke verwenden
    • Unverständliche Erklärungen abgeben
    • den Patienten nicht einbeziehen
    • Distanzverlust
  • Wie können einzelne therapeutische Sitzungen strukturiert werden?

    Lösung

    1. Tagesordnung klären
    2. Therapeutische Aufgaben und Übungen auswerten
    3. Interventionsbausteine ableiten, begründen und durchführen
    4. Neue Aufgaben absprechen
    5. Patient gibt Zusammenfassung und Rückmeldung
  • Was versteht man unter „Entpathologisieren“?

    Lösung

    • Der Therapeut nimmt die subjektiven Annahmen des Patienten über seine Symptome ernst
    • Unter der Voraussetzung, dass die subjektiven Annahmen des Patienten richtig sind, werden die „pathologischen“ Reaktionen des Patienten (innerhalb des Systems seiner Einstellungen) nachvollziehbar und erklärbar
    • Damit wird deutlich, dass die Reaktionen des Patienten auch und gerade für Experten nicht als Zeichen dafür aufgefasst werden, „verrückt“ oder „andersartig“ zu sein
  • Was ist der psychopathologische Befund? Welche Aufgaben hat er und welches sind seine wichtigsten Beurteilungsaspekte (Symptombereiche)?

    Lösung

    • Der psychopathologische Befund ist das Kernstück der differenzierten klassifikatorischen Störungsdiagnostik.
    • Begriff stammt aus der Psychiatrie und bezieht sich auf die Lehre und die Gliederung der Beurteilung psychopathologischer Grundphänomene nach folgenden Beurteilungsaspekten: Bewusstsein, Orientierung, Verhalten, Kleidung, Physiognomie, Sprache, Intelligenz, Antrieb, Affekt, Psychomotorik, pathologische Affektregulation, Wahrnehmung einschließlich Sinnestäuschungen, Zwänge, Phobien, Ängste und hypochondrische Befürchtungen, inhaltliches Denken, formales Denken, Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Konzentration, Ich-Erleben, Eigen- oder Fremdgefährdung, Krankheitseinsicht, Krankheitsgefühl
    • Bezieht sich in der Regel auf den Querschnittsbefund (Statusdiagnostik)
  • Was ist der Unterschied zwischen freien, halbstrukturierten und standardisierten Interviews? Was sind die Vor- und Nachteile? Geben Sie jeweils ein Beispielverfahren an!

    Lösung

    Freie Interviews:
    Bsp.: offenes Gespräch: Anzahl, Reihenfolge und Wortlaut der Fragen unterliegen ganz der freien Gestaltung des Fragenden. Daraus ergibt sich die größte Bandbreite aller Interviewformen, die jedoch mit der geringsten Reliabilität und der höchsten Auftretenswahrscheinlichkeit von systematischen Fehlern einhergeht.
    • Probleme und Fehlerquellen: Informationsvarianz (es werden jeweils unterschiedliche Fragetechniken verwendet, die in unterschiedlichen Informationen resultieren); Interpretations- und Beobachtungsvarianz (Interpretation sonst gleicher Informationen kann mangels klarer manualisierter Vorgaben von Experte zu Experte unterschiedlich ausfallen
    Halbstrukturierte Interviews:
    Bsp.: Hamilton Depressions- oder Angstskala
    • Vorgegebene Fragen werden durch zusätzlich gestellte Fragen ergänzt. Analog zu den Veränderungen durch Standardisierung ist hierbei eine geringere Reliabilität, aber dafür auch eine höhere Bandbreite an Informationen zu erwarten
    • Vereinheitlichung der psychopathologischen Befunderhebung mit dem Ziel, klinische Syndrome zu bestimmen und den Schweregrad zu beurteilen.
    • (Problem: wegen der Fokussierung auf den Querschnittbefund lässt sich nicht direkt eine Diagnose ableiten)
    Standardisierte Interviews:
    Bsp.: CIDI, DIA-X
    • Höchste Stufe der Formalisierung des diagnostischen Prozesses zur Ableitung von klinischen Diagnosen psych. Störungen. Standardisierung nicht psychometrisch, sondern auf diagnostischen Prozess bezogen (von der Erhebung der Information bis hin zur Auswertung in Form von Diagnosevorschlägen. Ausschließlich die Antworten des Patienten dienen als Beurteilungsgrundlage (Fragen explizit vorgegeben)
    • Verfahren kann von trainierten Laien eingesetzt werden
    • (Problem: bei Patienten mit vielen Diagnosen nehmen die standardisierten Interviews sehr viel Zeit in Anspruch)
  • Was sind die Hauptpunkte der biografischen Anamnese und was versteht man unter inneren und äußeren Lebensgeschichte?

    Lösung

    Hauptpunkte: Familienanamnese (psychosoziale Situation der Eltern, Familiengröße und Familienmilieu, Erziehungsstil der Eltern, familiäre Belastungsfaktoren, psychische Auffälligkeiten/Erkrankungen bei Verwandten 1. und 2. Grades), Biografie des Patienten (Besonderheiten bei der Geburt, frühkindliche Entwicklung, frühneurologische Zeichen, Beziehung zu Eltern/Geschwistern, schulische/berufliche Entwicklung, sexuelle Entwicklung, Ehe und Familie, Lebensgewohnheiten, Werthaltungen, Persönlichkeitszüge, aktuelle Lebenssituation)
    Äußere Lebensgeschichte: Lebenslauf des Patienten, Auflistung der harten Daten von der Geburt bis zur Gegenwart, Möglichkeit zur Verwendung biografischer Inventare oder Fragbögen
    Innere Lebensgeschichte: Darstellung der historischen Entwicklung sowie der Motivation. Fragen nach dem Warum bei einer Entscheidung oder Verhaltensweise sind von Bedeutung. Je nach therapeutischer Grundorientierung unterschiedlich komplex und differenziert (VT eher kursorisch). Abfrage: Erfragung der familiären Situation (Beziehungen zu Bezugspersonen, Weltanschauungen, kulturelle Normen), Entwicklung in Kindheit und Jugend (Auffälligkeiten, körperliche und kognitive Entwicklung), Berufsleben (Jobwahl, Identifikationsfiguren und Leitbilder), Partnerschaft, Ehe, Familie, soziale Beziehungen (Gründe für Partnerwahl, Partnerwechsel, Konflikte...), sexuelle Entwicklung, Freizeitgestaltung, Lebensgewohnheiten, weltanschauliche Bedingungen
  • Was verstehen wir unter der Verhaltensanalyse, der funktionalen Bedingungsanalyse sowie der Plananalyse?

    Lösung

    Ziel aller Analyseansätze: Entscheidungen im Hinblick auf eine therapeutische Gesamtstrategie treffen sowie Auswahl einzelner Interventionskomponenten vornehmen und Behandlungsablauf anpassen.
    Funktionale Verhaltensanalyse: Auf Intervention ausgerichtetes (funktionales) und problemorientiertes Verfahren. Berücksichtigt zeitdynamische Struktur des Problemverhaltens. Spielt über die gesamte Intervention eine Rolle. Dient zunächst der Verhaltensbeschreibung (SORKC-Modell)
    Initiale Analyse: Problembeschreibung und Analyse in ganz konkreten Situationen (auslösende Situation, motorische Ebene, kognitive Ebene, emotionale Ebene, körperliche Ebene, soziale Ebene)
    Klinisches Beispiel: Essstörung? Beschreibung einer Essattacke: Person befindet sich allein zu Hause und fühlt sich etwas niedergeschlagen. Der Kühlschrank ist voll (Situation). Die Person öffnet den Kühlschrank und beginnt sich die Lebensmittel aus dem Kühlschrank zu nehmen (Motorik), zu Anfang nur die kalorienarmen „erlaubten“ Lebensmittel (Bewertung/Kognition). Es setzt kein Sättigungsgefühl ein (Körper) und die Person denkt, dass sie nun „gesündigt“ habe (Kognition). Danach greift die Person zu den kalorienreichen „unerlaubten“ Lebensmitteln (Motorik). Person empfindet Kontrollverlust, Schuldgefühle, aber auch Befriedigung bzw. eine Spannungsreduktion (Emotion/Körper) und isst weiter (Motorik). Der Essanfall dauert ca. 2 Stunden
    Funktionale Bedingungsanalyse (auf die Verhaltensanalyse aufbauend und erweiternd) Abklärung aller Komponenten des SORKC-Modells: (auslösende und mitbedingende Faktoren des Problemverhaltens; Exploration eigener Erwartungen sowie der Organismusvariablen; Beurteilung kurz- und langfristiger, internaler und externaler, positiver und negativer Konsequenzen des Problemverhaltens)
    Motivationale und Entwicklungsanalyse: (Analyse von Erwartungen und Einstellungen in Bezug auf sich selbst, das Problemverhalten, die Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit; Analyse der Selbstkontrollfähigkeit)
    Klinisches Beispiel: Essanfall – Langeweile, Frustration, Einsamkeit bei gleichzeitigem Zustand der Überarbeitung (langer Arbeitstag) (S). Generell Tendenz zur Selbstüberforderung und Selbstabwertung, insbesondere im Zusammenhang mit Figur und Gewicht; deshalb schon seit längerem restriktives Essverhalten bzw. Nahrungsentzug (Diät) (O). Hungergefühl und Nahrungsangebot führen zu übermäßiger Nahrungsaufnahme (R). Die Gedanken kreisen ums Essen. Die Person möchte sich etwas gönnen, erlebt jedoch keinerlei Sättigungsgefühl und isst weiter und erlebt schließlich den totalen Kontrollverlust. Dieses Verhalten hat unterschiedliche positive und negative Konsequenzen (C):
    kurzfristig – Wohlbefinden, Spannungsreduktion, Ablenkung und Beseitigung des Hungerzustandes (negative Verstärkung), aufkommende Übelkeit, Schuld und Versagensgefühle, Erschöpfung)
    langfristig – Selbstvorwürfe, Selbstabwertung, Stoffwechselveränderung und Veränderung der Hunger- und Sättigungsregulation
    Plananalyse: individuelle, innere, kognitive und vermittelnde Prozesse (Grundannahmen der Patienten) und Herausarbeitung ihrer Relevanz für die Handlungsregulation (Herausarbeiten von automatischen Gedanken und Verhaltensregeln – über diese situationsspezifischen Prinzipien Grundannahmen und Oberpläne identifizieren).
    Klinisches Beispiel: Ziel/Oberplan: Attraktiv sein – Regel/Grundannahme: Um attraktiv zu sein, musst du dünn sein – dementsprechendes Verhalten in Situationen (Mahlzeiten auslassen, unbeobachtet essen, Sich mit Essen beschäftigen...)
    Ziel: Erfolgreich sein – Regel: Um Erfolg zu haben, darfst Du keine Fehler machen...
  • Welches sind die wichtigsten Aufgaben und Ziele von Psychoedukation in der Psychotherapie?

    Lösung

    • Im Rahmen einer Psychotherapie bezeichnet Psychoedukation denjenigen Bestandteil der Behandlung, bei dem die aktive Informationsvermittlung, der Austausch von Informationen unter den Betroffenen (im Gruppensetting) über allgemeine und spezifischer Aspekte Störung (Ätiologiemodell, funktionales Bedingungsmodell) sowie deren Behandlung (allg. Behandlungsprinzipien des Verfahrens und der Methode, Wirkmechanismen der Interventionen) im Mittelpunkt stehen
    • Bei Patienten mit inadäquaten oder dysfunktionalen Störungstheorien (z. B. „Ich bin der einzige, der so ein Problem hat“, „Ich bin ein hoffnungsloser Fall“, „Meine unangenehmen Körperempfindungen [Panikattacken] sind Anzeichen einer schweren körperlichen Krankheit“) kann entsprechend ausgerichtete Psychoedukation sehr entlastend wirken
    • Eine ausreichende Therapiemotivation und aktive Beteiligung der Patienten am psychotherapeutischen Veränderungsprozess ist nur dann zu erwarten, wenn sie von den formulierten Zielen der Therapie, den Erfolgsaussichten und der Zweckmäßigkeit des Vorgehens wirklich überzeugt sind. Hier sollte die Psychoedukation dazu beitragen, das Störungsmodell zu entwickeln, auf dessen Grundlage dann Interventionen abgeleitet werden (Therapierational). Ein für die PatientInnen plausibles Therapierational und dessen konsequente Umsetzung erhöht die Therapieerfolgserwartung zu Therapiebeginn und begünstigt den späteren Therapieerfolg
    • Auch der primärpräventive Effekt der generellen Ermutigung und Anleitung zu einem gesundheitsförderlicheren Lebensstil (ausreichende Erholungsphasen, körperliche Bewegung, bewusste Ernährung, Rauchverzicht etc.) sollte nicht unterschätzt werden.
  • Was versteht man unter „informed consent“, und was soll diese im Einzelnen beinhalten?

    Lösung

    • „Informed consent“ = Einverständniserklärung des Patienten (bzw. in wissenschaftlichen Studien: des Probanden), nachdem er hinreichend über die ihn erwartenden Schritte aufgeklärt wurde
    • Neben der Beschreibung der Ziele und Wirkmechanismen therapeutischer Techniken müssen selbstverständlich auch eventuelle Risiken und Nebenwirkungen thematisiert werden (Patientenaufklärung bzw. „informed consent“ auch als ethische Notwendigkeit), um die Therapiemotivation dauerhaft zu sichern
    • Dabei sollte nicht nur der Therapieablauf als Ganzes (Vorgehen des Therapeuten, Strukturierung, Reihenfolge, Therapieverlauf) transparent gemacht werden, sondern der Patient auch auf konkrete therapeutische Übungen und Aufgaben (z. B. bei Reizkonfrontation) sowie auf das interaktionale Therapeutenverhalten vorbereitet werden, um realistische Erwartungen zu erzeugen und Enttäuschungen vorzubeugen. Derartige „sicherheitsgebende Informationen“ sind beispielsweise wichtig, um das in der Therapie erforderliche Risikoverhalten des Patienten (z. B. Angstüberwindung in Verhaltensexperimenten) zu ermutigen und zu unterstützen
  • Welche allgemeinen Regeln zur optimalen Anwendung von Psychoedukation sind in der Praxis zu beachten?

    Lösung

    • Relevanz, Kürze und Prägnanz: Auswahl der für das konkrete und praktische Mitarbeiten in der Therapie bzw. das Selbstmanagement relevanten Informationen; Beschränkung auf das Wesentliche
    • Tailoring: Abstimmung der Informationsauswahl auf aktuellen Wissensstand und persönliche Vorerfahrungen des Patienten
    • Transparenz und übersichtliche Strukturierung und Gliederung der Informationen
    • Verständliche Sprache: einfache Sätze, Fachjargon oder abstrakte Begriffe vermeiden
    • Einsatz von Veranschaulichungen: Beispiele, Analogien, Metaphern, „Eselsbrücken“, Visualisierungen, multimodale Darstellungsformen (z. B. multimediagestützt)
    • Konkrete Handlungsinstruktionen (zusätzlich schriftlichen Aktionsplan mitgeben, z. B. in Form von Hausaufgaben)
    • Praktisches Demonstrieren und Übenlassen
    • Motivierung: Lernerfolge verstärken (Loben, Ermuntern)
    • Bilanzierung: zu Beginn und Ende der Schulung das Wichtigste zusammenfassen; zum Abschluss durch Nachfragen vergewissern, was angekommen ist
  • Wie kann man im Rahmen einer Wirksamkeitsstudie zur Psychoedukation die Compliance messen?

    Lösung

    Colom et al. verglichen i. S. einer Wirksamkeitsstudie über 2 Jahre hinweg eine störungsspezifische Gruppen-Psychoedukation mit einem rein unterstützenden Gruppenprogramm ohne psychoedukative Elemente, das die Kontrollgruppe erhielt. Die Compliance (in diesem Falle definiert als sachgerechte Medikamenteneinnahme) wurde sowohl über Selbstbericht, als auch anhand von Laborparametern gemessen. Solche objektiven Maße sind – ebenso wie ambulante Assessment-Systeme zur Überprüfung der Erledigung therapeutischer Hausaufgaben – oft besser geeignet als Tagebuchberichte oder Fragebogenangaben, weil sie u. a. eine alltagsnahe Datenerhebung und Verlaufsmessung (mit oder ohne Online-Datenübertragung), und eine automatisierte Selbstkontrolle (Erinnerungsfunktion, z. B. zur Medikamenteneinnahme) erlauben.
  • Was ist unter „Ressourcen“ und „Ressourcenaktivierung“ zu verstehen?

    Lösung

    • Ressourcen sind alle Stärken und Potenziale einer Person, d. h. jegliche funktionalen oder positiv evaluierten Aspekte der Lebenssituation (z. B. Ziele, Werte, Interessen, Fähigkeiten, Gewohnheiten, zwischenmenschliche Beziehungen, finanzielle Möglichkeiten etc.).
    • Ressourcenaktivierung beinhaltet einerseits, an die beim Patienten vorhandenen Potenziale anzuknüpfen und diese zu fördern, und darüber hinaus neue Ressourcen zu entwickeln. Sie gilt als Voraussetzung für eine erfolgreiche Problembearbeitung.
  • Benennen Sie mindestens vier praktische Schwierigkeiten, die bei ressourcenorientierten Vorgehensweisen beachtet werden sollten

    Lösung

    - Positive Stimmung des Behandlers kann zu unreflektieren Äußerungen verleiten („Toll, sie haben ihrem Chef so richtig die Leviten gelesen!“)
    - Einseitige Fallkonzeption auf Stärken ausgerichtet.
    - Voreilige Lösungsorientierung („Mischen Sie sich doch einfach unter die Leute, Herr Sozial-Ängstlich!“)
    - Fokus auf den Neuaufbau von Ressourcen ohne das Potenzial der vorhandenen oder brachliegenden Ressourcen wertzuschätzen und zu nutzen („Arbeiten Sie doch endlich an ihren Achtsamkeitsübungen, Herr PMR!“)
    - Zu schwierig gesetzte Therapieziele (Überschätzung der Patientenressourcen)
    - Zu einfach gesetzte Therapieziele (Unterschätzung der Patientenressourcen)
    - Starkes Lob von subjektiv gefühlten Selbstverständlichkeiten kann als Abwertung empfunden werden („Wow, sie haben es heute in die Sitzung geschafft, Herr Stets-Pünktlich.“)
    - Behandler übernimmt zu voreilig eine ressourcenorientierte Sichtweise des Patienten für schwieriges Verhalten („Toll, Frau Unsicher, wie Sie es schaffen ihren Mann immer wieder einzuspannen!“)
  • Benennen Sie die drei Wege der Psychotherapieforschung, die evidenzbasierte Hinweise zur Wirksamkeit der Ressourcenaktivierung bieten.

    Lösung

    1) Hinweise zu Reaktivierung der individuellen Bewältigungsressourcen (z. B. schnelle Veränderungssprünge)
    2) Wahl eines an den motivationalen Bereitschaften und Fähigkeiten angepassten modularen Behandlungspakets (ressourcenorientierte selektive Indikation)
    3) Ressourcenorientierte Prozessgestaltung während der Therapiesitzungen (ressourcenorientierte adaptive Indikation)
  • Welche Grundbedingungen fördern die Motivation des Patienten (nach Kanfer)?

    Lösung

    Kanfer, Reinecker und Schmelzer (2005) nennen sog. Grundbedingungen, die die Motivation des Patienten erhöhen sollen:
    1. Motivierung durch Maximierung des Ausmaßes an persönlicher Kontrolle beim Patienten,
    2. selbst gesetzte Ziele als Motivationsquelle,
    3. Motivierung durch Steigerung von Selbstwirksamkeit,
    4. Motivierung durch Selbststeuerung und Selbstmodifikation des Verhaltens,
    5. Motivierung durch maximale Transparenz,
    6. Motivierung durch das Prinzip der Freiwilligkeit.
  • Was versteht man unter motivorientierter/komplementärer Beziehungsgestaltung?

    Lösung

    • Der Therapeut befriedigt kurzfristig die Beziehungsziele und -wünsche des Patienten, um anschließend eine inhaltliche Bearbeitung von Problemen zu ermöglichen.
    • Bsp.: ein (oft nicht bewusstes) Oberziel des Patienten ist sein Schutzbedürfnis; Therapeut deaktiviert dieses Oberziel, indem er Patient Schutz gewährt → daraufhin kann sich Patient inhaltlichen Problemen zuwenden
  • Welches sind die fünf Prinzipien des Motivational Interviewing?

    Lösung

    1. Empathie ausdrücken
    2. Diskrepanz entwickeln
    3. Beweisführung vermeiden
    4. Widerstand aufnehmen
    7. Selbstwirksamkeit fördern
  • Welches sind Regeln für motivationsförderndes Basisverhalten sensu Schulte?

    Lösung






















































    Ziel | Verhalten des Therapeuten
       
    Um den Patienten seinen Therapeuten und die Beziehung zu ihm positiv erleben zu lassen, | … verhalte dich ihm gegenüber unbedingt wertschätzend und emotional unterstützend.
       
    Um beim Patienten den Eindruck zu erreichen, bei seinem Therapeuten Verständnis zu finden und von ihm akzeptiert zu werden, | … akzeptiere empathisch-mitfühlend, dass der Patient solche Belastungen und Beeinträchtigungen erlebt und dass er leidet.
       
    Um beim Patienten den Eindruck der Transparenz zu erreichen, | … informiere über die Störung, erkläre sie.
       
    Um die Zuversicht des Patienten auf eine erfolgreiche Behandlung zu unterstützen, | … sei zuversichtlich, aber akzeptiere mögliche Bedenken und Sorgen und informiere (in der Regel eher beilläufig) über das Verfahren.
       
    Um beim Patienten den Eindruck der Kompetenz als Therapeut zu erreichen, | … verhalte dich sicher, auch in Situationen der Ungewissheit.
       
    Um beim Patienten den Eindruck der Autonomie zu erreichen, | … sei nicht direktiver als dein Patient, dominiere nicht.
  • Verstärker spielen eine wesentliche Rolle in der operanten Verhaltenssteuerung (Auf- und Abbau von beobachtbaren oder verdeckten Verhaltensweisen). Was sollte man bei der Auswahl systematisch genutzter Verstärker beachten und wie sind sie einzusetzen?

    Lösung

    • Auswahl sollte die Valenz eines spezifischen Verstärkers für eine bestimmte Person berücksichtigen, z. B. ein Buch, CD oder Zigaretten je nach Interesse der Person und nach dem spezifischen Einsatzfeld; günstig in vielen Fällen universell einsetzbare Wertpunkte (Token); soziale Verstärker (z. B. Lob) häufig wirksamer als materielle Gegenstände
    • Wertigkeit eines Verstärkers kann bei einer Person in Abhängigkeit von ihrem kognitiv-affektiven bzw. motivationalen Zustand zu verschiedenen Zeitpunkten variieren; flexibel wählbare Verstärker (innerhalb eines festgelegten und transparenten Rahmens) günstig
    • Einsatz eines Verstärkers möglichst kontingent, d. h. regelmäßig und unmittelbar, mit dem zu verstärkenden Verhalten verknüpft; kontinuierliche oder intermittierende Verstärkungspläne möglich
  • 2. Verschiedene Strategien zum systematischen Aufbau komplexer Verhaltensweisen stehen im Rahmen operanter Methoden zur Verfügung. Stellen Sie sich vor, Sie möchten einem schüchternen, sozial isolierten elfjährigen Kind beibringen, wie es sich an den Spielen anderer Kinder in der Gruppe beteiligen kann. Wie würden Sie vorgehen?

    Lösung

    • Verknüpfung verschiedener Strategien möglich: z. B. Shaping und Prompting
    Shaping: Kind wird für jede Annäherung an die Kindergruppe verstärkt; dabei Belohnung zunehmend komplexerer sozialer Verhaltensweisen (z. B. zur Gruppe gehen; eine Weile bei der Gruppe bleiben; ein Kind ansprechen; bitten, mitspielen zu dürfen; um ein konkretes Spielzeug bitten, mit dem gerade ein anderes Kind spielt; selbst ein Spiel vorschlagen etc.)
    • Vorher Vereinbarung von Belohnungen für jeden erfolgreich umgesetzten Schritt einzeln oder z. B. im Rahmen eines Token-Programms; zunehmender Schwierigkeitsgrad
    Prompting: zusätzlich Erteilung von Handlungsaufforderungen, Instruktionen sowie verbalen Rückmeldungen; ggf. kann Therapeut als Modell dem Kind mögliche Formulierungen für eine Kontaktaufnahme „soufflieren“ (Modelllernen)
    Fading: Ausschleichen der externen Belohnungen und „Prompts“ (Anweisungen), wenn das Kind die vereinbarten Fortschritte erzielt hat
    Chaining: beim Aufbau sozialer Kompetenzen – insbesondere bei großer Ängstlichkeit – weniger geeignet, da hierbei mit der Verstärkung des letzten Glieds in der Handlungskette begonnen wird; affektive Beteiligung könnte einer Ausführung der Aktion im Wege stehen und zu einem Misserfolg führen
  • 3. Sie arbeiten als Psychologe oder Psychologin auf einer psychosomatischen Station für essgestörte Patientinnen. Mit Hilfe eines Token-Programms soll erreicht werden, dass die Patientinnen regelmäßig und ausreichend essen, an den Therapieangeboten aktiv teilnehmen, sich in Gruppenaktivitäten adäquat einbringen etc. Wie könnte ein Konzept für ein solches Token-Programm aussehen und was ist bei dessen Umsetzung zu beachten?

    Lösung

    • Entwicklung des Konzeptes:
    1. Zusammentragen, Aufschreiben und Einschätzen der (therapeutischen) Wertigkeit aller Aktivitäten, die von den Patientinnen durchgeführt werden müssen; möglichst konkret (wann?, was?, wo?, wie? etc.: z. B. Was heißt „regelmäßig und ausreichend“ essen? Wo findet das Essen statt? Wer ist dabei? – hier z. B.: 5 Mahlzeiten am Tag, davon eine warm, je nach Therapieziel vordefinierte Nahrungsmenge; gegessen wird im Speiseraum der Station zusammen mit den anderen Patienten)
    2. Festlegen, ob und wie viele Token es für jede Einzelaktivität gibt (z. B. für jede komplett eingenommene Mahlzeit 1 Token sowie 1 Zusatzpunkt, wenn alle Mahlzeiten des Tages eingenommen wurden); Definition, ob es Token-Abzug (Response Cost) gibt, wenn Regeln verletzt werden (z. B. wenn Essen versteckt wird)
    3. Festlegung des Gegenwertes der Token, der Modalitäten der Registrierung sowie der Möglichkeiten des Eintauschens (Bsp.: 15 Token/Woche = 2 Stunden Ausgang; 30 Token/Woche = 1 CD)
    4. Implementierung
    • Praktische Umsetzung: auf Transparenz und Zusammenarbeit zwischen dem Stationspersonal und den Patientinnen bei Entwicklung und Umsetzung des Programms achten; konsistentes Vorgehen aller behandelnden und pflegerisch tätigen Personen; möglichst unmittelbare Rückmeldung und kontingente Ausgabe der Token
    • Ausblenden der Token Economy vor Entlassung von der Station; parallel Aufbau intrinsischer Motivation
  • Was ist beim Einsatz operanter Methoden generell zu beachten, wenn man eine langfristig stabile Verhaltensänderung sicherstellen will?

    Lösung

    • Wahl der Verstärker orientiert am natürlichen Umfeld und Einbezug möglichst verschiedener Verstärkerarten, z. B. materiell, sozial (Erreichbarkeit auch außerhalb der therapeutischen Situation zur Selbstbelohnung)
    • Bestrafung oftmals weniger geeignet, da durch reine Sanktionsmaßnahmen noch kein konstruktives Alternativverhalten erworben wird
    • Frühzeitiger Aufbau intrinsischer Motivation und rechtzeitiges Ausschleichen extrinsischer Verstärker
    • Training von Belohnungsaufschub (innere Befriedigung wg. Aufgabenerfüllung erfahren und auf langfristige übergeordnete Ziele hinarbeiten, statt kurzfristig kleine materielle Belohnungen anzustreben)
  • Welche Arten der Reizkonfrontation in vivo und in sensu gibt es? Wie nennt man die spezifischen Vorgehensweisen?

    Lösung

    Varianten der Reizkonfrontationsverfahren






























    In-Vivo-Techniken | In-Sensu-Techniken
    Exposition in vivo | Systematische Desensibilisierung
    Interozeptive Exposition | Prolongierte traumafokussierte Exposition
    Angstbewältigungstraining | Sorgenexposition
    Skills geleitete Exposition bei Borderline-Störung | Verkürzte traumafokussierte Exposition
    | Implosion

  • Welche Eigenschaften sollte ein patientengerechtes Störungsmodell haben?

    Lösung

    Der Patient soll ein verständliches und umfassendes Bild von seiner Störung bekommen, welches ihm hilft zu verstehen, welche Prozesse an der Entstehung und Aufrechterhaltung dieser Störung beteiligt sind. Dazu muss der/die TherapeutIn folgende Aspekte im Rahmen der Psychoedukation beachten:
    Kompatibilität:
    • der/die TherapeutIn sollte seine Wortwahl weitgehend der des Patienten anpassen und ggf. auf die Verwendung von Fachbegriffen verzichten
    Nichtfalsifizierbarkeit:
    • Das Störungsmodell soll nicht durch Einzelerfahrungen der Patienten widerlegt werden können
    • Daher sollte der/die TherapeutIn keine allgemeingültigen Aussagen treffen, sondern die Kernaussagen als Wahrscheinlichkeitsaussagen formulieren
    Perspektivität:
    • Der Fokus sollte sich nicht auf die an der Entstehung beteiligten Faktoren richten, sondern auf die an der Aufrechterhaltung beteiligten Faktoren
    Plausibilität:
    • Der Patient soll aktiv an der Erarbeitung des Störungsmodells mitwirken und durch Hilfestellungen und Hinweise des/der TherapeutIn selbst Schlussfolgerungen ziehen können
  • Bei welchen Konfrontationsverfahren wird mit Entspannung gearbeitet und bei welchen wird dies ausgeschlossen?

    Lösung

















    Entspannung | Keine Entspannung
    Systematische Desensibilisierung | Graduierte Exposition in vivo
    Angstbewältigungstraining | Massierte Exposition in vivo

  • Welches sind die Kerninterventionen der Verhaltensaktivierung? Welche sind typische weitere Komponenten? Welche Rolle spielt die kognitive Therapie?

    Lösung

    Aktivitätenmonitoring und Aktivitätenplanung sind immer enthalten und die Kernkomponenten der Verhaltensaktivierung. Einfache Stimmungsprotokolle werden den Patienten schon in der ersten Sitzung mitgegeben. Die Zusammenhänge zwischen bestimmten Verhaltensweisen und der damit verbundenen oder auf sie folgenden Stimmung zu erkennen, ist ein zentrales Ziel für alles Weitere. Gelingt es, diesen Zusammenhang zu identifizieren, so ist auch deutlich, dass der Patient über Möglichkeiten verfügt, seine eigene Stimmung zu beeinflussen. Dabei gilt es, überzogene Erwartungen zu relativieren. Das Ziel ist am Anfang weniger, dass es dem Patienten „wieder gut gehen“ soll (globales, schlecht zu überprüfendes und für Depressive zunächst wenig realistisches Ziel), sondern dass es ihm oder ihr weniger schlecht gehen soll und dass die Häufigkeit mehr oder weniger angenehmer Momente steigt. Eine solche vorsichtige Zielformulierung immunisiert das therapeutische Vorgehen im Übrigen gut gegen Misserfolge. Ferner setzt das Behandlungsrational darauf, dass es (negativ) verstärkend wirkt, wenn zuvor aufgeschobene und tendenziell aversive Aktivitäten (Steuererklärung machen, Problemgespräch mit dem Nachbarn führen) trotz negativer Stimmung angegangen werden können.
    Die Aktivitätenplanung fand in früheren Konzeptionen der Verhaltensaktivierung oft über das Ausfüllen einer Liste positiver Ereignisse statt. In heutigen Programmen ist die Aktivitätenplanung deutlich stärker in einer individuellen Fallkonzeption verankert. So betonen aktuellere Ansätze der Verhaltensaktivierung, dass es darum geht, Dinge zu tun, die funktionale Relevanz besitzen. Im klinischen Alltag trifft man regelmäßig auf Patienten, die potenziell angenehmen Aktivitäten nachgehen (z. B. ins Kino gehen) und/oder beruflich sehr erfolgreich sind und dennoch unter depressiven Symptomen leiden. Verhaltenstheoretisch lässt sich mutmaßen, dass die positiven Aktivitäten oder die erfolgreiche Karriere keine ausreichende antidepressive Funktionalität besitzen. Eine Person, die beruflich große Erfolge hat, aber sich partnerschaftlichen Konflikten nicht stellt, vermeidet ggf. genau das, was einen Einfluss auf ihre Stimmung nehmen könnte. Eine Steigerung beruflicher Erfolgserlebnisse oder angenehmer Aktivitäten wird das Problem nicht lösen – vielmehr bedarf es der Reduktion des bestehenden Vermeidungsverhaltens.
    Grundsätzlich hilfreich für die Bestimmung und Auswahl funktional relevanter Aktivitäten sind die Ziele und Werte einer Person: Aktivitäten, die einem helfen, Zielen näher zu kommen bzw. die den eigenen Werten entspringen und entsprechen, sind solche, die mit hoher Wahrscheinlichkeit positive Verstärkung nach sich ziehen. Patienten werden also angeregt sich konkordant zu ihren Zielen und nicht zu ihrer Stimmung zu verhalten.
    Auch in der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) nach Beck – über Jahrzehnte die Methode der Wahl in der psychotherapeutischen Behandlung der Depression – spielt Verhaltensaktivierung eine zentrale Rolle, sie ist neben der kognitiven Umstrukturierung die zweite Säule der KVT der Depression.
  • Skizzieren Sie die aktuelle Befundlage zur Verhaltensaktivierung

    Lösung

    Die Effektivität der Verhaltensaktivierung ist sehr gut belegt. In einer mittlerweile klassischen Studie untergliederten Jacobsen et al. (1996) das kognitive Therapieprogramm von Beck et al. (1979) in seine unterschiedlichen Bestandteile. Die depressiven Patienten wurden zu diesem Zweck drei unterschiedlichen Behandlungsformen zugewiesen: In der ersten Behandlungsbedingung wurden die Patienten ausschließlich im Sinne der Verhaltensaktivierung behandelt. In der zweiten Behandlungsbedingung wurde die Verhaltensaktivierung ergänzt um die Modifikation automatischer Gedanken, und die dritte Behandlungsbedingung entsprach der vollständigen kognitiven Therapie sensu Beck et al. (1979), d. h., neben der Verhaltensaktivierung und der Auseinandersetzung mit automatischen Gedanken wurden dysfunktionale Grundannahmen disputiert und modifiziert. Erstaunlicherweise fanden sich weder zum Behandlungsende noch 1 bzw. 2 Jahre nach Ende der Behandlung Effektivitätsunterschiede zwischen den Behandlungsbedingungen (Jacobsen et al. 1996; Gortner et al. 1998): Unabhängig davon, ob eine Auseinandersetzung mit kognitiven Inhalten stattgefunden hatte oder nicht, kam es somit zu einer gleichermaßen ausgeprägten und anhaltenden Reduktion selbstberichteter und fremdbeurteilter Depressivität. Diese Untersuchung zog viele weitere Studien nach sich, in denen Verhaltensaktivierungstherapien im Einzel- und im Gruppensetting auf ihre Wirkung hin überprüft wurden. Drei aktuelle Metaanalysen (Cuijpers et al. 2007; Ekers et al. 2008; Mazzucchelli et al. 2009) kommen nunmehr zu dem Schluss, dass die Verhaltensaktivierung eine stärkere Abnahme depressiver Symptome bedingt als verschiedene Kontrollbedingungen (u. a. Bibliotherapie, „treatment as usual“, Wartegruppe, Entspannung), psychodynamische Kurzzeittherapien und supportive Therapien. Im Vergleich mit einer kognitiven bzw. kognitiv-verhaltenstherapeutischen Behandlung fanden sich weder Effektivitätsunterschiede hinsichtlich der Abnahme depressiver Stimmung noch divergierende Abbrecherquoten. Auch im Rahmen katamnestischer Untersuchungen –2–24 Monate nach Therapieende – erwies sich die Verhaltensaktivierung als genauso effektiv wie eine kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlung.
    Dimidjian et al. (2006) untersuchten die therapeutische Wirkung von Verhaltensaktivierung im Vergleich zu kognitiver Therapie und Antidepressiva in einer randomisierten klinischen Studie (n=241). Während Patienten, die an einer moderaten depressiven Symptomatik litten, gleichermaßen von der kognitiven Therapie, der Verhaltensaktivierung und der medikamentösen Behandlung profitierten, fanden sich differenzielle Therapieeffekte bei den schwer depressiven Patienten: Hier profitierten die Patienten der kognitiven Therapiebedingung in geringerem Maße als Patienten, die verhaltenstherapeutisch bzw. medikamentös behandelt wurden. Die reine Verhaltensaktivierung war gleichermaßen effektiv wie die Behandlung mit ADM und ging darüber hinaus mit einer deutlich geringeren Abbrecherquote einher (44 % vs. 16 %; Dimidijan et al. 2006). Insbesondere in der Behandlung schwer depressiver Patienten scheint es entsprechend sinnvoll, auf die inhaltliche Auseinandersetzung mit Kognitionen zu verzichten. In diesem Sinne zeigt sich auch, dass 22 % der kognitiv behandelten Patienten zum Therapieende weiterhin Werte ≥31 im Beck-Depressions-Inventar aufwiesen, also nicht auf die Behandlung angesprochen haben. Dem gegenüber wies in der Verhaltensaktivierungsbedingung zum Therapieende kein Patient derart hohe Symptomwerte auf (Coffmann et al. 2007). Im 2-jährigen Nachuntersuchungszeitraum fanden sich schließlich keine behandlungsabhängigen Unterschiede hinsichtlich der Rückfall- und Wiedererkrankungsraten (Dobson et al. 2008) – die Effekte der verschiedenen Verfahren sind somit gleichermaßen stabil. Auch Fereidooni et al. (2015) und Moradveisi et al. (2013) konnten zeigen, dass Verhaltensaktivierung 8 bzw. 12 Monate nach der Therapie eine positivere Wirkung auf die Depression hatte als eine rein medikamentöse Behandlung.
    In weiteren Studien ließ sich zeigen, dass Verhaltensaktivierung auch als Selbsthilfeangebot geeignet ist. Carlbring et al. (2013) untersuchten beispielsweise die Effekte einer internetbasierten Verhaltensaktivierung mit ACT-Elementen (vgl. Kap. 18) bei Patienten mit mild bis moderat ausgeprägter Depression im Vergleich zu einer Wartekontrollgruppe. Dabei fanden sie recht hohe Effektstärken im BDI-II, die für eine gute Anwendbarkeit dieser Methode sprachen. Ly et al. (2015) verglichen Verhaltensaktivierungsmaßnahmen über das Smartphone in Kombination mit einer verkürzten Therapie (4 Sitzungen) mit einer vollständigen Verhaltensaktivierungsmaßnahme (8 Sitzungen). Sie fanden eine gute Wirksamkeit beider Therapien, aber keine Unterschiede zwischen den Therapien. Auch für Patienten mit geringem Intellekt scheint die Methode der Verhaltensaktivierung geeignet zu sein. So konnten Jahoda et al. (2015) an einer Gruppe von 23 geistig behinderten Patienten zeigen, dass Verhaltensaktivierung gut akzeptiert und auch wirksam war.
    Zusammengefasst stellt die Verhaltensaktivierung ein sehr wirksames Verfahren in der Behandlung unipolarer Depressionen dar. Insbesondere im Fall schwerer depressiver Zustände scheint die Verhaltensaktivierung die psychotherapeutische Behandlung der Wahl zu sein. Verhaltensaktivierende Interventionen sind vergleichsweise simpel und setzen weder beim Patienten noch beim Therapeuten besondere Fähig- und Fertigkeiten voraus. So verweisen die Befunde diverser Studien darauf, dass Verhaltensaktivierung sowohl von weniger gut ausgebildeten Behandlern, als auch in Settings, denen nur geringe Ressourcen zur Verfügung stehen (Moradveisi et al. 2013), effektiv umgesetzt werden kann. Entsprechend bietet sich das Verfahren als niederschwelliges Angebot in diversen Kontexten psychotherapeutischen, psychiatrischen, sozialarbeiterischen und hausärztlichen Arbeitens an.
  • Nennen Sie drei biopsychologische Wirkmechanismen, durch welche vermehrte Bewegung antidepressiv wirken könnte

    Lösung

    Sport, Training und Bewegung sind im Rahmen der Verhaltensaktivierung ein willkommener Baustein. Vermehrte Bewegung regt die Biosynthese von Serotonin an und wirkt damit potenziell ähnlich wie klassische Serotoninwiederaufnahmehemmer. Körperliche Aktivität kann außerdem sowohl das Kortisollevel als auch die Kortisolreaktivität nachweislich reduzieren. Ferner gibt es Hinweise darauf, dass körperliche Aktivität das Wachstum und die Erneuerung von Nervenzellen stimuliert und die Produktion von bestimmten Immunzellen (vor allem Interleukin-6) hemmt. Dies ist bedeutsam, da diese Immunzellen im Zusammenhang mit der Ausschüttung von Kortisol, Antriebslosigkeit, Appetitmangel und auch depressiven Störungen diskutiert werden.
  • Welches sind typische kognitive Fehler nach A.T. Beck, die zur Entstehung bzw. Aufrechterhaltung von psychischen Störungen beitragen können?

    Lösung

    Einige charakteristische kognitive Fehler, die die Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Störungen beeinflussen, sind in Tab. 28.1 dargestellt.





































































    Charakteristische kognitive Fehler  
    Kognitive Fehler Interventionen
    Übergeneralisierung:  
    Wenn es in einem Fall stimmt, dann trifft es in jedem ähnlichen Fall auch zu. Aufdecken der mangelhaften Logik. Suche nach Kriterien, welche Fälle „ähnlich“ sind bzw. in welchem Ausmaß sie es sind.
    Katastrophisieren:  
    Denke immer an das Schlimmste. Es wird Dir sicher zustoßen. Kalkulieren realistischer Wahrscheinlichkeiten. Konzentration auf Ereignisse, bei denen nicht das Schlimmste eintraf.
    Versicherungsdenken:  
    Aus Angst vor Enttäuschung erwarte ich immer erst mal das Negative. Bewusstmachen der absurden Logik.
    Annehmen einer zeitlichen Kausalität, Vorhersage ohne zeitliche Evidenz:  
    Wenn es in der Vergangenheit zutraf, wird es immer zutreffen. Aufdecken der mangelhaften Logik. Benennen von Faktoren, die das Ergebnis ungeachtet früherer Ereignisse beeinflussen können.
    Bezugnahme auf die eigene Person:  
    Ich stehe im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit. Benennen von Kriterien, um festzustellen, wann und unter welchen Bedingungen der Patient im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht.
    Absolutes Fordern (Muss-Denken)  
    Alles hat gefälligst so zu sein, wie ich es für richtig halte. Herausarbeiten der Infantilität und Unerfüllbarkeit (zwangsläufige Misserfolgserlebnisse).
    Dichotomes Denken:  
    Es gibt nur zwei extreme Beurteilungskriterien (schwarz oder weiß, gut oder schlecht). Demonstrieren, dass Ereignisse anhand eines Kontinuums beurteilt werden können.
  • Nennen und erläutern Sie die im Anschluss an die diagnostische Phase zur Anwendung kommenden drei Kernkomponenten kognitiv-behavioraler Therapieverfahren!

    Lösung

    1. Psychoedukative Komponente: Vermittlung der Grundidee des kognitiv-therapeutischen Ansatzes
    • Damit kognitive Interventionsmaßnahmen ihr Wirkpotenzial voll entfalten können, ist es wichtig, dem Patienten zu Therapiebeginn zunächst die Grundannahmen und das Therapierational des Verfahrens und seiner Methoden zu erklären. Das entscheidende Ziel dieser psychoedukativen Phase besteht darin, dem Patienten plausibel zu machen, dass psychisches Leid, emotionale Belastungen oder Probleme nicht direkt durch objektive äußere Bedingungen (z. B. Lebenssituation, Verhalten anderer Personen) verursacht werden, sondern ihre aversive Qualität letztlich durch die eigenen subjektiven Interpretations- und Bewertungsprozesse erhalten.
    2. Explorative Komponente: Herausarbeitung und Explikation bzw. Bewusstmachung dysfunktionaler oder irrationaler Gedanken, Schemata, Interpretations- und Bewertungsmuster, Einstellungen und Glaubenssysteme
    • In der explorativen Phase geht es darum, die konkreten dysfunktionalen Wahrnehmungsmuster und Kognitionen des Patienten zu identifizieren, wobei zunächst konkrete situationsbezogene Interpretationen und Bewertungen exploriert und anschließend sukzessive die zugrunde liegenden automatischen Gedanken, Denkmuster, Schemata und Grundannahmen herausgearbeitet werden. Die Explorationsphase mündet in der Regel in die Erstellung einer kognitiven Fallkonzeption (Beck, 2013), in welcher biografische Informationen, Verhaltens- und Situationsmerkmale, charakteristische automatische Gedanken, zugrundeliegende Axiome, Einstellungen und Regeln sowie die zentralen Grundannahmen des Patienten in Form eines hierarchischen Diagramms systematisiert werden.
    3. Interventionskomponente: Veränderung maladaptiver kognitiver Prozesse und Strukturen.
    • Die eigentliche Interventionsphase beginnt mit einer Überprüfung und Hinterfragung der dysfunktionalen Denkmuster. Diese rationale Analyse und Disputation der herausgearbeiteten irrationalen oder problemverstärkenden Annahmen und Überzeugungen („kognitive Umstrukturierung“) ist das Kernstück und oft die schwierigste Phase einer kognitiven Therapie. Mündet diese in der Einsicht des Patienten, dass die überprüften Denkmuster veränderungsbedürftig sind, beginnt das Erarbeiten positiver/adäquater (rationaler, adaptiver) Alternativen. Durch den Aufbau dieser alternativen Denk- und Bewertungsmuster sollen u. a. der emotionale Problemdruck entschärft, neue Sichtweisen und alternative Lösungsmöglichkeiten entwickelt, die Selbstwirksamkeit verstärkt und letztlich das Problemverhalten bzw. die psychische Störung positiv beeinflusst werden.
  • Beschreiben Sie den prototypischen Ablauf einer kognitiven Umstrukturierung anhand eines Beispiels!

    Lösung

    Diese kognitiv-therapeutische Grundstrategie lässt sich mittels unterschiedlicher Interventionsverfahren und -techniken realisieren. Im Mittelpunkt stehen dabei spezifische Verfahren zur Exploration problematischer Kognitionen sowie zur kognitiven Umstrukturierung
    • Vermittlung der Grundannahmen der kognitiven Verhaltenstherapie und Herstellen eines gemeinsamen Problemverständnisses: Einführung der These, dass Gedanken Stimmungen, Gefühle und körperliche Vorgänge mitbestimmen und Veranschaulichung mittels Verhaltenstest (z. B. Hyperventilationsübung, Imagination).
    • Erläuterung des psychophysiologisches Modells der Panikstörung: Gemeinsame Betrachtung des „Teufelskreises der Angst“.
    • Übertragung auf ein konkretes Beispiel aus dem Alltag des Patienten: z. B. Zeitungsmeldung über Herz-Kreislauf-Erkrankung (äußerer Auslöser) „springt dem Patienten ins Auge“ (Wahrnehmung) und löst automatischen Gedanken aus („Genau wie bei mir, ich bin extrem herzinfarktgefährdet.“). Dieser Gedanke erzeugt Angst, welche von einem Anstieg der Herzrate (physiologische Veränderung) begleitet wird und sich in Herzklopfen und Kurzatmigkeit (körperliche Empfindung) äußert. Diese körperliche Missempfindung (Wahrnehmung) wird wiederum als Symptom und damit als Bestätigung für eine akute Gesundheitsgefährdung gedeutet (Gedanke) und erhöht die Angst (somatosensorische Verstärkung).
    • Ableitung der weiteren Behandlungsschritte aus dem Erklärungsmodell:
    - Identifikation der Fehlinterpretation,
    - Rating des Grades, in dem der Patient von dieser Interpretation überzeugt ist,
    - Sammeln aller „empirischen Beweise“, die für diese Interpretation sprechen (Evidenz),
    - Sammeln aller Belege, die dagegen sprechen (Gegenevidednz),
    - Entwicklung einer alternativen Erklärung,
    - Sammeln aller Daten, die für diese Alternativerklärung sprechen,
    - Überzeugungsrating für die Fehlinterpretation,
    - Überzeugungsrating für die Alternativerklärung.
  • Welche therapeutischen Techniken und Selbst-Dokumentationsverfahren zur Identifizierung dysfunktionaler Gedanken und Schemata sind Ihnen bekannt?

    Lösung

    Techniken zur Identifizierung dysfunktionaler Gedanken und Schemata























































    Bezeichnung Beschreibung Beispiel
    Konkretisierung Gesprächstechnik, um den Patienten zur Explizierung von impliziten Bedeutungen bzw. Bewertungen anzuregen "Was genau heißt das für Sie, die Erwartungen Ihrer Eltern nicht zu erfüllen? Was wäre so schlimm daran, wenn dieser Fall einträte?"
    Rekonstruktion realer Episoden Analysieren automatischer Gedanken bzw. kognitiver Schemata anhand der Rekonstruktion einer konkreten vergangenen Problemsituation "Wann hatten Sie das letzte Mal Angst in der Öffentlichkeit? Was passierte da? Welche Gedanken gingen Ihnen durch den Kopf, als Sie die Angst fühlten?"
    Rollenspiel (in sensu oder in vivo) Diagnostische Exploration von dysfunktionalen kognitiven Schemata mittels Rollenspiel "Was läuft in diesem Moment in Ihrem Kopf ab, während wir die Situation hier nachspielen?"
    Emotionsaktualisierung (Symptominduktion) Auslösung z. B. von Stress oder Ängsten zum gleichen Zweck Zwangspatient wird aufgefordert, unangenehme intrusive Vorstellungsbilder absichtlich im Bewusstsein zu halten: "Was ging in diesem Moment in Ihnen vor, als Ihr Stresspegel die 80%-Marke überschritt?"
    Problemaktualisierung ("exposure tasks") Patienten imaginativ oder im Rollenspiel in Problemsituation bringen, um assoziierte kognitive Schemata wach zu rufen Nachspielen einer Prüfungssituation: "Wenn Sie die Situation dieser Prüfung nun sehr plastisch vor Augen haben – was denken Sie in diesem Moment?"
    Manipulation von Sicherheitsverhalten Analyse der Veränderung der Kognitionen des Patienten (z. B. Katastrophisierung) bei Steigerung oder Verhinderung seines Sicherheitsverhaltens a) Steigerung: Panikpatient wird aufgefordert, das tiefe Durchatmen zur Kontrolle seiner Attacke zu forcieren
    b) Verhinderung: Sozialphobiker, der in Stresssituationen mit einem Stift hantiert, um Händezittern zu überspielen, wird aufgefordert, diesen beiseite zu legen
    Exploration negativer Bilder Mittels Imaginationstechnik werden die intrusiven Bilder identifiziert, verbalisiert (und später verändert) Sorgenexposition bei Patienten mit generalisierter Angststörung: visuelle Angstinhalte zulassen (und zu Ende denken)
    Identifizierung der (latenten) Hauptbefürchtung Herausarbeiten der negativen Kernkognitionen "Was wäre das Schlimmste für Sie?"
    Audio-/Video-Feedback Gemeinsame Analyse von Videoaufzeichnungen einzelner Therapiesitzungen mit dem Patienten "Was ging Ihnen in diesem Moment durch den Kopf, als sich ganz sichtbar Ihre Stimmung veränderte?"
  • Welche vier Disputationsarten werden in der KVT routinemäßig eingesetzt?

    Lösung

    Für die In-Frage-Stellung der irrationalen Grundüberzeugungen werden vier Disputationsarten eingesetzt, die sich auf unterschiedliche Ebenen dysfunktionaler Denkweisen beziehen (Beispiele für konkrete Umsetzung der vier Strategien finden sich in Tab. 28.5):
    Empirisches Disputieren: Prüfung auf empirischen Wahrheitsgehalt, indem der Patient beispielsweise aufgefordert wird, seine Annahmen (empirisch) zu belegen (Evidenz und Gegenevidenz; Tortendiagramm).
    Logisches Disputieren: Prüfung der Schlussfolgerungen und Ableitungen auf Logik und Konsistenz/Widerspruchsfreiheit. Dazu gehören auch Techniken, die die (negativen) Bewertungen und Übertreibungen des Patienten in Frage stellen (Entkatastrophisierungen), indem die befürchteten „Katastrophen“ konsequent zu Ende gedacht und hinsichtlich ihrer Bewertungen relativiert werden.
    Hedonistisches oder funktionales Disputieren: Prüfung der Grundüberzeugungen auf Nützlichkeit in Bezug auf langfristige Lebensziele oder deren Behinderung oder selbstschädigende Tendenzen.
    Normatives Disputieren: Prüfung der Grundannahmen auf unangemessene normative Überzeugungen (überzogene Maßstäbe) oder auf Übereinstimmung mit übrigen ethisch-moralischen Grundsätzen des Patienten.
  • Was ist der wesentliche Unterschied im Therapiefokus zwischen kognitiven und metakognitiven Verfahren

    Lösung

    Seit den 1990er Jahren hat der kognitive Ansatz durch Clark und Wells eine wesentliche Erweiterung um die Dimension der Metakognitionen erfahren. Unter Metakognition werden diejenigen übergeordneten kognitiven Prozesse verstanden, die sich auf die bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen kognitiven Prozessen beziehen, also das „Denken über das Denken“. Der Metakognition wird dabei eine planende, steuernde und kontrollierende Funktion für die Abläufe bei komplexen Informationsverarbeitungsprozessen zugeschrieben. Bei der Enkodierung und Archivierung bedeutungshaltiger Informationen werden diese mit vorhandenen Wissenselementen und -strukturen abgeglichen und mit Bedeutungs- und Bewertungszuordnungen versehen. Dabei lassen sich zwei Ebenen metakognitiver Verarbeitung unterscheiden:
    - die deklarative Ebene („metacognitive knowledge“), die die epistemische (Sachwissen), prozedurale (aufgabenbezogenes Wissen) und heuristische Wissensstruktur (Lösungsstrategien) einschließt und
    - die exekutive Ebene, welche die Prozesse der metakognitiven Steuerung („self-regulation“: Handlungsplanung, -regulierung und -bewertung) und Selbstkontrolle („self-monitoring“: Prüfung der Zielerreichung) umfasst.

    Die metakognitive Therapie bezieht sich damit auf die maladaptive Kognitionen, welche die kognitiven Prozesse steuern („ich muss viel über meine Fehler nachdenken, wenn es mir schlecht geht“) und auf das Wissen darüber; sie bezieht sich weniger auf kognitive Inhalte (wie „ich bin ein Versager“).
  • Erläutern Sie das Konzept der Erwartungsverletzung (ViolEx-Modell) anhand eines Beispiels aus der kognitiv-behavioralen Psychotherapie der Major Depression.

    Lösung

    In aktuellen kognitionspsychologischen Theorien (Hohwy, 2013) wird die Erwartungsbildung als grundlegendes Funktionsprinzip des menschlichen Gehirns postuliert. Danach stellt das Gehirn primär eine Prognosemaschine („predictive mind“ oder „predictive coding“) dar, die permanent Situationen vorausberechnet und unmittelbar bevorstehende Ereignisse antizipiert. „Das Gehirn hasst Überraschungen“ und schafft der menschlichen Spezies durch Antizipation von Gefahren und vorausschauendes Handeln einen entscheidenden Überlebensvorteil. Die automatisierten Situationsprognosen auf Basis bedingter Wahrscheinlichkeiten („bayesianische Gehirn“) werden normalerweise permanent mit den tatsächlich eintretenden Ereignissen (über verarbeitete Sinnesdaten) abgeglichen und in ihrer Vorhersagevalidität kontinuierlich optimiert. Stark stress- oder angstauslösende Erfahrungen können allerdings zu maladaptiven Erwartungsbildungen führen, die anschließend aufgrund des resultierenden Vermeidungsverhaltens nicht korrigiert werden. In diesen Fällen bildet sich ein dysfunktionales Erwartungsmuster aus, das zur Entstehung von psychopathologischen Symptomen wesentlich beiträgt. Pathogene Erwartungsmuster finden sich bei einer Vielzahl psychischer Störungen, zum Beispiel bei Angststörungen, Sucht oder Depressionen, aber auch bei Autismus und Schizophrenie. Um diese Muster verändern zu können, muss therapeutisch eine korrektive Erfahrung induziert werden. Zu diesem Zweck werden die maladaptiven Erwartungen des Patienten mittels therapeutischer Interventionen gezielt verletzt („expectation violation“), indem er in Situationen gebracht wird, wo er erwartungsinkongruente Erfahrungen macht. Ein klassisches Beispiel dafür stellt die Exposition mit Reaktionsverhinderung dar. Tritt die Katastrophenerwartung des Patienten nicht ein, ist sie widerlegt und kann künftig durch eine validere Prädiktion ersetzt werden. Diese Erwartungsveränderung durch korrektive Erfahrung kann allerdings häufig Ihren Effekt nicht entfalten, weil Patienten bei länger bestehender Symptomatik dazu neigen, sich gegenüber neuen Erfahrungen zu immunisieren (z. B. durch Fehlattribuierung auf äußere Faktoren, besondere Umstände u. Ä.). In diesen Fällen ist ein nachhaltiger Therapieeffekt nur zu erreichen, wenn es gelingt, diese Immunisierungsstrategien des Patienten zu disputieren und aufzulösen. Erst dann kann die neue Erfahrung in dauerhaft korrigierte Erwartungshaltungen transformiert und die konditionierte maladaptive Reaktion überwunden werden.
  • Wie ist das Prinzip „Achtsamkeit“ definiert?

    Lösung

    Achtsamkeit bedeutet, die eigene Aufmerksamkeit absichtsvoll und nicht wertend auf das bewusste Erleben des gegenwärtigen Moments, des Hier und Jetzt, zu richten
  • Nennen Sie die wichtigsten achtsamkeitsbasierten und -informierten Therapieansätze

    Lösung

    • Achtsamkeitsbasierten Stressreduktion („Mindfulness-Based Stress Reduction“, MBSR)
    • Achtsamkeitsbasierten Kognitiven Therapie („Mindfulness-Based Cognitive Therapy“, MBCT)
    • Acceptance and Commitment Therapy (ACT)
    • Dialektisch- Behaviorale Therapie (DBT)
  • Welche Wirkmechanismen liegen achtsamkeitsbasierten Ansätzen zugrunde?

    Lösung

    • Achtsamkeit: Es konnte empirisch bestätigt werden, dass achtsamkeitsbasierter Therapie durch die postulierte Erhöhung von Achtsamkeit, d. h. durch die Fähigkeit, mehr mit dem Hier und Jetzt in einer nicht wertenden Art und Weise in Kontakt zu sein, vermittelt wird.
    • Verminderung von repetitivem negativem Denken: Achtsamkeitsbasierte Therapie reduziert die Tendenz, über Vergangenes nachzugrübeln oder sich um die Zukunft Sorgen zu machen. Diese Reduktion konnte als Mediator der Therapiewirkung empirisch belegt werden.
    • Kognitive/emotionale Reaktivität: Die Wirkung achtsamkeitsbasierter Therapie wird über ihren Einfluss auf kognitive und emotionale Reaktivität (d. h. die Tendenz, dass moderate negative Stimmung negative Gedankenmuster reaktiviert) mediiert; d. h., sie wirkt gewissermaßen als „Puffer“ für gedankliche und andere handlungsbezogene Konsequenzen negativer Stimmung.
  • Nennen Sie Gründe, die für den Einbezug des Körpers und des Körpererlebens in die (achtsamkeitsbasierte) Psychotherapie sprechen.

    Lösung

    • Der Körper ist ein Anker in der Achtsamkeitspraxis. Durch den Fokus auf den Körper kann ich bewusst spüren, wann ich abgeschweift bin.
    • Das Körperempfinden kann ein „Seismograf“ für emotionale Zustände sein. Mit seinem Körper in Kontakt zu sein und ihn bewusst zu spüren bedeutet, mit seinen Emotionen in Kontakt zu sein.
    • Körperachtsamkeit kann ein „Gegenmittel“ zu emotionaler Vermeidung sein
    • Der Körper ist ein Ort, an dem Selbst-Mitgefühl konkret erfahren werden kann
    • Bewusstheit für den Köper erlaubt einen Kontakt mit den Bedürfnissen und Grenzen des Organismus
    • Körpererleben als Quelle von positiven Erfahrungen
  • Nennen sie die wichtigsten Befunde zur Wirksamkeit von MBCT.

    Lösung

    • Metaanalyse von Piet und Hougaard (2011): Es zeigte sich, dass MBCT im Vergleich mit einer Standardbehandlung (Treatment-as-Usual) die Rückfallwahrscheinlichkeit im Laufe von 14 Monaten um ca. ein Drittel reduziert – allerdings ausschließlich bei Patienten, die bereits 3 oder mehr depressive Episoden in der Vorgeschichte erlebt haben.
    • Metaanalyse von Kuyken et al. (2016): MBCT reduziert signifikante Rückfallraten im Vergleich zu Kontrollbedingungen(unabhängig von der Anzahl früherer depressiver Episoden). Wurde MBCT mit dem derzeitigen Goldstandard bei rezidivierenden Depressionen verglichen (antidepressive medikamentöse Erhaltungstherapie), zeigte sich eine bessere Rückfallprophylaxe durch MBCT.
  • Was ist das Ziel von Cognitive Bias Modifications Treatments?

    Lösung

    Cognitive Bias Modifications Treatments haben zum Ziel, die verzerrte Verarbeitung von störungsrelevanten Informationen zu modifizieren, um dadurch die Symptomatik verschiedener psychischer Störungen zu reduzieren. Dabei beziehen sie sich hauptsächlich auf Aufmerksamkeitsprozesse, Interpretation und Gedächtnis.
  • Beschreiben Sie die Dot-Probe-Aufgabe.

    Lösung

    Bei der Dot-Probe-Aufgabe werden dem Teilnehmenden nach einem Fixationskreuz zur Aufmerksamkeitsfokussierung zwei Stimuli dargeboten. In der Regel ist einer davon neutral und der andere emotional bedeutsam (z. B. bedrohlich). Die Stimuli können entweder Bilder oder Wörter sein. Danach folgt anstelle einer der beiden Stimuli ein sog. „probe“, z. B. ein oder zwei Punkte (es können auch Pfeile oder Buchstaben sein; hier sind viele Varianten möglich). Die Aufgabe des Teilnehmenden ist es, auf diesen Probe möglichst schnell und korrekt mit einer bestimmten Taste zu reagieren und damit die Art des Probes zu identifizieren. War der Teilnehmende mit der Aufmerksamkeit vorher auf dem Stimulus, an dessen Stelle der Probe erscheint, sollte er schneller in seiner Reaktionszeit sein, als wenn seine Aufmerksamkeit auf den anderen Stimulus gerichtet war.
  • Welche Aufgaben werden hauptsächlich zur Modifikation von Interpretationsverzerrungen verwendet? Nennen und beschreiben Sie diese!

    Lösung

    Zur Veränderung von Interpretationsverzerrungen werden hauptsächlich drei verschiedene Paradigmen verwendet: mehrdeutige Situationen, die Wort-Satz-Assoziationsaufgabe und die Homograph-Aufgabe. Bei der Aufgabe zu mehrdeutigen Situationen werden dem Teilnehmer ambige Beschreibungen von Situationen mit Wortlücken präsentiert. Durch das Einsetzen von Wortfragmenten in der Lücke wird eine bestimmte Valenz (positiv oder negativ) bei der Auflösung vorgegeben. Die Aufgabe des Teilnehmers ist es, die fehlenden Buchstaben einzusetzen. In Trainings zur Reduktion von negativen Interpretationsverzerrungen wird so eine positive Interpretation der Situation nahegelegt. In einigen Varianten der Aufgabe wird zur Verstärkung der jeweiligen Interpretation eine Frage hinzugefügt, deren Beantwortung die entsprechende Interpretation nahelegt.
    Bei der Homograph-Aufgabe werden dem Teilnehmer Begriffe mit mehreren Bedeutungen vorgegeben. Die Aufgabe des Teilnehmers ist es, ein darauf folgendes Wortfragment zu vervollständigen. Die richtige Lösung des Wortfragmentes stellt eine der möglichen Bedeutungen des Wortes dar, welche positiv, negativ oder neutral sein kann. Die Präsentation des vorhergehenden Homographen fungiert als Prime, der für die Lösung der Aufgabe genutzt werden soll. In Trainings zur Reduktion von Interpretationsverzerrungen werden entsprechend neutrale oder positive Wortfragmente zur Vervollständigung präsentiert. Der Teilnehmende soll implizit lernen, die neutrale bzw. positive Bedeutung des Homographs präferiert abzurufen, um das folgende Wort schneller zu vervollständigen. Dadurch soll eine bestimmte Interpretation nicht eindeutiger Stimuli trainiert werden.
    In der Wort-Assoziations-Aufgabe werden nach einem Fixationskreuz negative, positive oder neutrale Wörter präsentiert. Es folgt die Präsentation eines nicht eindeutigen Satzes. Der Teilnehmer soll nun rückmelden, ob das Wort und der Satz im Zusammenhang stehen oder nicht. In der Trainingsphase bekommt der Teilnehmer Feedback zu seiner Antwort entsprechend der zu trainierenden Interpretationsrichtung: Soll eine neutrale oder positive Interpretation trainiert werden, werden entsprechende Antworten durch Rückmeldung („richtig“) verstärkt und nicht passende Antworten als falsch bewertet.
  • Definieren Sie den sog. „approach bias“ und beschreiben Sie die „approach/avoidance task“!

    Lösung

    Definition Approach Bias: Es handelt sich um eine automatische Tendenz, sich appetitiven Stimuli (z. B. Alkohol, Cannabis) im Vergleich zu neutralen Stimuli schneller anzunähern, als sie zu vermeiden.
    Mit der Annäherungs-Vermeidungs-Aufgabe („approach/avoidance task“, AAT) kann man einen Approach Bias im Zusammenhang mit alkoholbezogenen Störungen erfassen. Dabei sollen die Teilnehmenden mit einem Joystick Bilder eines bestimmten Types (z. B. Hochformat) heranziehen und Bilder eines anderen Types (z. B. Querformat) wegdrücken. Die Bilder zeigen suchtbezogene Stimuli (z. B. alkoholhaltige Getränke) oder neutrale Stimuli (z. B. alkoholfreie Getränke). Das Ziehen des Joysticks führt zu einer Vergrößerung des Bildes, während das Drücken mit einer Verkleinerung des Bildes assoziiert ist. Dies soll zu einer Wahrnehmung von Annäherung bzw. Vermeidung führen. Anhand der Reaktionszeiten wird eine Annäherungstendenz zu bestimmten Stimuli berechnet.
  • Was unterscheidet Selbstsicherheitstrainings von Trainings sozialer Kompetenzen?

    Lösung

    Unterschiede liegen auf konzeptueller und Interventionsebene:
    • Selbstsicherheitstrainings zielen auf Veränderung der intraindividuellen Prozesse in sozialen Situationen und lassen soziale Umwelt außer Acht
    • Trainings sozialer Kompetenzen beziehen soziale Normen (interpersonelle Aspekte des sozialen Geschehens) mit in das Training und den Verhaltensaufbau ein
  • Welche Kritikpunkte lassen sich gegen Selbstsicherheitstrainings vorbringen?

    Lösung

    a) Fehlende wissenschaftliche Bestätigung der physiologischen Grundannahmen
    b) Fehlende Abgrenzung zwischen selbstsicheren und aggressiven Verhaltensweisen
  • Wo kommen Kommunikationstrainings typischerweise zum Einsatz?

    Lösung

    a) In der Paartherapie
    b) Als Bestandteil von Fertigkeitentrainings
  • Nennen Sie ein Trainingsprogramm sozialer Fertigkeiten und beschreiben Sie dessen Komponenten.

    Lösung

    • z. B. Gruppentraining sozialer Kompetenzen (GSK; Pfingsten & Hinsch)
    • Komponenten: Psychoedukation (Vermittlung eines Modells zur Entstehung sozial angemessenen Verhaltens), Wahrnehmungsübungen und Differenzierung angemessenen und unangemessenen Verhaltens, Rollenspiele (Videofeedback), Entspannungstraining (PMR), Hausaufgaben zum Transfer
  • Was ist beim Einsatz sozialer Fertigkeitentrainings im Rahmen der Therapie bei sozialen Phobien zu beachten?

    Lösung

    • Bei sozialer Phobie kann ein Fertigkeitendefizit vorliegen, muss aber nicht
    • Indikation für das Fertigkeitentraining muss daher individuell geprüft werden
    • Fertigkeitentrainings und insbesondere Gruppentrainings ersetzen keinesfalls die Bearbeitung ideosynkratischer auslösender und aufrechterhaltender Bedingungen und Kognitionen
  • Welche grundlegenden Ziele verfolgen Stressbewältigungstrainings?

    Lösung

    • 2 Ziele: Reduktion aktuellen Stresses sowie Prävention zukünftigen Stresserlebens
    • Dies wird durch den Aufbau bzw. die Erweiterung von Stressbewältigungskompetenzen erreicht
  • Welche Interventionsarten kommen bei Stressbewältigungstrainings primär zum Einsatz?

    Lösung

    • Kognitive Interventionen zur Analyse und Neubewertung von Stressoren, z. B. Problemlösetrainings, kognitive Umstrukturierung, Selbstinstruktion
    • Verhaltensbezogene Interventionen zum Einüben von Strategien zur Selbstregulation, z. B. Rollenspiele, Entspannungsverfahren, Genusstraining, Übungen zur sozialen Kompetenz
  • Aus welchen Schritten besteht typischerweise das Vorgehen beim Problemlösetraining

    Lösung

    • Vorgehen aus 5–7 Schritten; Anzahl von Schritten kann sich je nach Konzeption unterscheiden
    • Wesentliche Schritte sind dabei
    1. Identifikation und Beschreibung des Problems sowie Zieldefinition (Was soll erreicht werden?)
    2. Entwicklung von Lösungsmöglichkeiten durch Brainstorming
    3. Bewertung der Lösungsalternativen und Entscheidung für die Lösung mit dem günstigsten Kosten-Nutzen-Verhältnis
    4. Planung von Handlungsschritten und Festlegung von Teilzielen
    5. Durchführung der geplanten Handlungen
    6. Bewertung der Umsetzung und, bei auftretenden Problemen, Analyse und Neuinitiierung des Problemlöseprozesses auf der relevanten Stufe des Prozesses
  • In welchen Populationen können Stressbewältigungstrainings sinnvoller Weise eingesetzt werden?

    Lösung

    • In nicht klinischen bzw. subklinischen Populationen zur Primärprävention (z. B. bei Lehrern, Kindern und Jugendlichen, Pflegeberufe)
    • Als begleitende Maßnahme in der Therapie und Rehabilitation bei Störungen, die mit einem erhöhten Anspannungsniveau verbunden sind. Dazu gehören fast alle psychosomatischen Erkrankungen (z. B. Bluthochdruck, Reizdarmsyndrom) und psychische Störungen wie Depressionen, Angst- und Schlafstörungen
  • Welches gemeinsame Prinzip nutzen die verschiedenen Entspannungsverfahren?

    Lösung

    Die verschiedenen Entspannungsverfahren nutzen die Entspannungsreaktion.
    Diese lässt sich auf drei verschiedenen Ebenen beschreiben und untersuchen:
    • körperliche Ebene
    • Ebene des Verhaltens
    • Ebene der Emotionen und Kognitionen
  • Worin unterscheiden sich Entspannungsverfahren?

    Lösung

    Zum einen unterscheiden sich die verschiedenen Entspannungsmethoden nach der Art der Entspannungsinduktion:

    Autoinstruktiv vs. Heteroinstruktiv: während z. B. bei der Meditation der Zustand der Entspannung durch die Person selbst herbeigeführt wird, geschieht dies bei Imaginativen Verfahren durch eine andere Person, die von außen die Impulse zur Entspannung gibt

    Aktiv vs. Passiv: Damit ist im Prinzip das Ausmaß an „Eigenleistung“ zur Entspannungsreaktion gemeint. Passive Entspannungsinduktion finden wir demnach z. B.. bei Hypnose und autogenem Training, während z. B. die Effektivität der progressiven Muskelrelaxation abhängig von der Mitarbeit der betreffenden Person ist.

    Des Weiteren können Entspannungsverfahren nach dem Schwerpunkt der Entspannungsreaktion unterschieden werden, d. h. auf welcher der oben genannten Ebenen die Entspannung bezweckt wird bzw. eintritt. Während alle der in Tab. 33.1. angeführten Entspannungsmethoden eine somatische Entspannungsreaktion bewirken, zielen nur einige auf die Entspannung im Bereich der psychischen Ebene ab. Dazu zählen die Hypnose, die Meditation und imaginative Verfahren.
  • Beschreiben Sie das Wirkprinzip der PMR!

    Lösung

    Grundlage bildete die Entdeckung, dass eine wechselseitige Beziehung zwischen ZNS-Aktivität und dem Muskeltonus besteht (= Reziprozität). Auf der Basis dieser Wechselbeziehung ist es das Ziel der PMR, über die Lockerung von einzelnen Muskelgruppen eine kognitive/emotionale Entspannung zu erzielen. Es handelt sich somit um eine sensorisch induzierte Entspannung, die darauf basiert, einzelne Muskelgruppen bewusst anzuspannen, um sie in der Folge zu entspannen. Die Klienten sollen für die Wahrnehmung der Entspannung sensibilisiert und entspannte Körperteile intensiver wahrnehmen.
  • Was versteht man unter dem Begriff „cue controlled“?

    Lösung

    Bei der Cue-controlled-Technik wird auf der Grundlage der PMR eine konditioniere Entspannungsreaktion über eine einzelne Instruktion aufgebaut.

    Bsp.: Das Ausatmen wird mit dem verbalen Cue „Ruhe“ verbunden, nach erfolgreichen Training kann durch das Wort „Ruhe“ die Entspannungsreaktion vom Patienten z. B. in Anspannungssituationen erzeugt werden, ohne die gesamte PMR durchführen zu müssen.
  • Nennen Sie Kontraindikationen für Entspannungsverfahren!

    Lösung

    Kontraindiziert sind Entspannungsverfahren bei:
    • regressiven und stark sozial gehemmten Kindern
    • akuten gastrointestinale Erkrankungen
    • Blutphobien
    • neurologischen Erkrankungen wie Epilepsie
    • Atemwegserkrankungen
    • psychotischen Erkrankungen
    Bei den genannten Erkrankungen können aufgrund der Entspannungsreaktion Probleme auftreten, z. B. kann es bei akuten gastrointestinalen Erkrankungen zu einer erhöhten Bildung von Magensäure kommen. Es handelt sich aber zumeist um relative Kontraindikationen, d. h. bei sorgfältiger Beachtung der Grunderkrankung kann ggf. ein Entspannungsverfahren in entsprechend adaptierter Form angewandt werden. Beispielhaft hierfür kann auf die Anwendung bei Atemwegserkrankungen verwiesen werden.

    Bei Blutphobien sollte aufgrund des gegenteiligen Behandlungsparadigmas (Anspannung) auf die Anwendung von Entspannungsverfahren verzichtet werden.
  • Was ist unter spezifischen und unspezifischen Wirkweisen therapeutischer Vereinbarungen zu verstehen?

    Lösung

    Spezifische Wirkungen: direkte Funktionen der jeweiligen Aufgabe, z. B.: Aufbau sozialer Fähigkeiten (z. B. bei der Aufgabe, ein Gespräch mit einem Kommilitonen zu beginnen oder etwas reklamieren zu gehen), Aushalten von Spannungszuständen (z. B. bei der Aufgabe, eine bisher vermiedene oder mit Angst verbundene Situation aufzusuchen), Diagnostik von Denkweisen (z. B. durch das Führen eines Gedankentagebuchs, Protokollieren von negativen Gedanken)
    Unspezifische Wirkungen: treten bei allen therapeutischen Vereinbarungen auf; werden entsprechend den allgemeinen Wirkfaktoren von Psychotherapie (nach Klaus Grawe) eingeteilt in: 1. Intentionsrealisierung, 2. Intentionsveränderung, 3. prozessuale Aktivierung und 4. Ressourcenaktivierung
  • Gibt es eine wissenschaftliche Begründung für den Einsatz von Hausaufgaben in der Psychotherapie?

    Lösung

    • Ja, die Metaanalyse von Kazantis, Deane & Ronan (2000) über 11 Studien hat gezeigt, dass bei Therapien, die Hausaufgaben einsetzten, bessere Ergebnisse erreicht wurden als bei Therapien, die ohne Hausaufgaben arbeiteten
    • Dabei scheint der Hausaufgabeneinsatz aber nicht bei allen Problembereichen gleich effektiv zu sein; am effektivsten bei Depression und bei sozialen Kompetenzdefiziten
    • Das Ausmaß der Hausaufgabenerledigung (Compliance) ist ebenfalls mit dem Therapie-Outcome assoziiert – für eine effektiven Einsatz von Hausaufgaben sollte der Therapeut daher auf Hausaufgabenvergabe und Kontrolle große Aufmerksamkeit legen
    • Effektivität von Verhaltensverträgen nur in Einzelfallstudien belegt
  • Nennen Sie ein Beispiel für einen Verhaltensvertrag und beschreiben Sie kurz den Inhalt!

    Lösung

    • Wichtiger Anwendungsbereich: Antisuizid- bzw. Lebensverträge: enthält eine Vereinbarung zwischen Therapeut und Patient, dass dieser in einem festgelegten Zeitraum (meist bis zur nächsten Sitzung) weder bewusst noch unbewusst sein Leben gefährdet. Darüber hinaus sollte ein Notfallplan enthalten sein, der Verhaltensalternativen zu suizidalen Verhalten enthält.
    • Verhaltensverträge können auch die Rahmenbedingungen für die Durchführung einer Therapie enthalten, z. B. bei der Therapie von Süchten. Vereinbarungen können dabei sein, dass der Patient für den Zeitraum der Therapie auf Alkohol oder andere Substanzen verzichtet, nüchtern zu den Sitzungen erscheint etc. Bei dieser Art von Verhaltensverträgen sollten unbedingt Konsequenzen für die Nichteinhaltung der Absprachen vereinbart werden (z. B. der Abbruch der Therapie).
    • Weitere Beispiele sind Verträge zur Gewichtszunahme bei der Therapie der Anorexia nervosa, Verträge über Verhaltensänderungen im Rahmen einer Zwangsbehandlung
  • Wann sollten Hausaufgaben nicht eingesetzt werden?

    Lösung

    • Frühere Auffassungen: Hausaufgaben können unter Umständen ungünstige Tendenzen beim Patienten verstärken (z. B. bei selbstkritischen oder ängstlichen Patienten)
    • Heutige Auffassung: keine generellen Kontraindikationen; es muss jedoch darauf geachtet werden, eine für den Patienten und die Therapie angemessene Aufgabe auszuwählen: Die Aufgabe sollte u. a. den Patienten nicht überfordern, sich konkret an Therapiezielen orientieren, im Einverständnis mit dem Patienten vergeben werden, möglichst im Zusammenhang mit den Stundeninhalten stehen
  • Welche Grundannahmen hinsichtlich des Therapieverständnisses übernehmen onlinebasierte Verfahren von der Verhaltenstherapie?

    Lösung

    • Internetbasierte und mobile Interventionen orientieren sich vorwiegend an evidenzbasierten Therapiemanualen
    • Hoher Grad der Strukturiertheit und Standardisierung
    • Starker Fokus auf das Trainieren von konkreten Strategien und Verhaltensweisen im Alltag
  • Welche potenziellen Vorteile haben internetbasierte Stand-Alone-Ansätze gegenüber Psychotherapie im traditionellen Setting?

    Lösung

    • Zeit- und Ortsunabhängigkeit: Internetbasierte Verfahren können jederzeit von allen Personen mit Internetzugang genutzt werden, u. a. von Menschen in unterversorgten Regionen, mit Mobilitätseinschränkungen oder starker beruflicher Beanspruchung.
    • Anonymität: Patienten können internetbasierte Verfahren nutzen, ohne in persönlichen Face-to-Face-Kontakt mit Therapeuten treten zu müssen.
    • Niedrigschwelligkeit: Internetbasierte Verfahren können ohne längere Wartezeiten oder andere Vorbedingungen in Anspruch genommen werden, und könnten so den Einstieg in andere Versorgungsformen erleichtern.
    • Empowerment: Internetbasierte Interventionen betonen die aktive Rolle von Individuen im Prozess der Veränderung von Verhaltensweisen und unterstützen diese dabei.
    • Verfügbarkeit: Internetbasierte Verfahren könnten Versorgungslücken in der Bevölkerung verringern.
    • Verlängerung des therapeutischen Arms in den Alltag: Internetbasierte Verfahren bieten Hilfestellungen und Vertiefungsmöglichkeiten auch zwischen therapeutischen Sitzungen.
  • Welche Zielstellungen könnte der Einsatz von Blended-Verfahren verfolgen?

    Lösung

    • Ersetzender Ansatz: Reduktion von Face-to-Face-Therapiestudien und Ersatz durch internetbasierte Sitzungen; z. B. zur Reduktion von Kosten, oder um größere Kapazitäten verfügbarer Therapeuten zu schaffen.
    • Ergänzender Ansatz: Verbesserung der Effekte bisheriger Formen von Psychotherapie durch „Anreicherung“ mit digitalen Inhalten zwischen den Sitzungen.
  • Worauf sollte bei der Durchführung internetbasierter und mobiler Ansätze geachtet werden?

    Lösung

    • Herstellung einer Passung zwischen IMI-Inhalten und Charakteristika des Teilnehmers.
    • Sicherstellung von Datenschutz und Datensicherheit (z. B. durch eigene passwortgeschützte Plattformen)
    • Einsatz eines Konzeptes zur Aufrechterhaltung von Adhärenz
    • Ausgestaltung eines Kriseninterventionskonzeptes
    • Ausschließliche Nutzung von als wirksam erwiesenen Interventionen
    • Angebot von weiterführenden Hilfe nach dem Ende der Intervention
  • Wie schneiden internetbasierte Interventionen im Vergleich zu Face-to-Face-Behandlungen hinsichtlich ihrer Effektivität ab? Was könnten Gründe dafür sein? > Abschn. 35.4.1

    Lösung

    • Metaanalysen konnten zeigen, dass internetbasierte Interventionen nicht weniger effektiv als Face-to-Face-Behandlungen sind.
    • Dies gilt jedoch primär für Patienten, die zumindest grundsätzlich offen dafür sind eine internetbasierte Behandlung in Anspruch zu nehmen.
    • Ein Grund für diese Befunde könnte sein, dass internetbasierte Interventionen besonders strukturiert und fokussiert auf bestimmte Problembereiche abzielen und versuchen, Patienten bei Verhaltensänderungen zu unterstützen.
    • Eine andere Erklärung könnte darin bestehen, dass auch in internetbasierten Interventionen in digitaler Weise wöchentlicher therapeutischer Kontakt zu psychologischem Fachpersonal (sog. „Coaches“) besteht, wodurch eine belastbare therapeutische Beziehung entstehen kann.
  • Was könnten mögliche negativen Effekte sein beim Einsatz von IMI als Stand-Alone-Intervention?

    Lösung

    • Eingeschränkte Möglichkeit, bei Suizidalität einzugreifen
    • Unklare Diagnosestellung
    • Verschlechterung der allgemeinen Selbstwirksamkeitserwartung, oder Entwicklung einer negativen Einstellung gegenüber Psychotherapie im Allgemeinen, wenn IMI nicht effektiv sind
    • Überforderung durch Notwendigkeit eines hohen Maßes an Selbststrukturiertheit
    • Mögliche Symptomverschlechterungen
  • Welche verschiedenen Ziele und Funktionen werden der Gruppe im Rahmen von Gruppentherapien zugeschrieben?

    Lösung

    • Gruppe als Publikum: Die Psychotherapiegruppe wird eher seminarähnlich abgehalten und dient der (psychoedukativen) Informationsvermittlung oder der Schulung von Patienten.
    • Gruppe als Übungsfeld: Die Psychotherapiegruppe wird für spezifische Gruppenübungen, z. B. zur sozialen Kompetenz, Konfliktlösung oder Selbstsicherheit, genutzt. Alle Teilnehmer sind aktiv in Rollenspiele und Feedbackrunden involviert.
    • Gruppe als Beziehungsfeld: Die Psychotherapiegruppe wird als eine Art „sozialer Mikrokosmos“ angesehen, in der durch die Interventionen des Therapeuten, Interaktionsmuster und Beziehungsgestaltung therapeutisch wirksam gesteuert werden. Es wird davon ausgegangen, dass Patienten in der Gruppentherapie ähnliche (z. T. schädliche) Beziehungsmuster wie im Alltag zeigen. Diese können sie durch die Interaktion mit anderen sowie durch vielfältiges Feedback und Modelllernen in einem geschützten Raum verändern.
    • Gruppe als Reflexionsraum persönlicher Entwicklungen: Durch das Teilen persönlicher Erfahrungen, den Erhalt von Rückmeldungen anderer Teilnehmer, durch Modelllernen und durch gegenseitige Unterstützung können in besonderer Weise persönliche, existenzielle Einsichten gewonnen werden.
  • Worin unterscheiden sich die Schwerpunktsetzungen von störungs-, methoden- und einzelfallorientierten Psychotherapiegruppen von konflikt-, beziehungs- und interaktionsorientierten Psychotherapiegruppen?

    Lösung

    Bei störungs-, methoden- und einzelfallorientierten Psychotherapiegruppen hat die Gruppe die Funktion, ein einzelnes Gruppenmitglied bei seiner Problembewältigung/Heilung zu unterstützen. Es werden im Regelfall Probleme der Patienten bearbeitet, welche außerhalb der Gruppe auftreten
    Bei konflikt-, beziehungs- und interaktionsorientierte Psychotherapiegruppen wird die Arbeit mit der Gruppe, mit der Gruppendynamik und dem gemeinsamen Erleben innerhalb der Gruppe in den Vordergrund gerückt. Dabei werden hier vorrangig Probleme bearbeitet, die innerhalb der Gruppensitzungen bzw. Gruppeninteraktionen auftreten.
  • Kohäsion wird oft als wichtigster Wirkfaktor für Gruppentherapien bezeichnet. Definieren Sie den Begriff und überlegen Sie, welche Möglichkeiten und Grenzen es für die Beeinflussung der Kohäsion durch den Gruppenleiter gibt.

    Lösung

    Kohäsion beschreibt die Summe aller Kräfte, welche die Bindung an eine Gruppe bewirken (häufig auch als „Wir-Gefühl“ beschreiben). Kohäsion wird häufig auch mit Attraktivität einer Gruppe in Verbindung gebracht, welche sich auf drei verschiedenen Ebenen zeigt: 1. die Attraktivität der Gesamtgruppe für ihre Mitglieder (häufig in Form von Stolz auf die Gruppenzugehörigkeit erlebt), 2. die Attraktivität zwischen einzelnen Gruppenmitgliedern und 3. die Attraktivität der gemeinsamen Gruppenaufgabe bzw. des Gruppenziels.
    Als Gruppenleiter sollte man versuchen, alle drei Ebenen der Kohäsion zu nutzen. Die Ebene des gemeinsamen Gruppenziels sollte explizit in Psychotherapiegruppen besprochen werden: Welche Art von Gruppenbehandlung wird durchgeführt? Was sind Ziele, welche Grenzen gibt es eventuell? Wie ist die Partizipation innerhalb der Gruppe gestaltet? Auch das Aufstellen von Gruppenregeln zum Schutz der einzelnen Gruppenmitglieder kann die Bindung an das gemeinsame Ziel erhöhen. Die Attraktivität zwischen den Gruppenmitgliedern kann der Gruppenleiter nur bedingt beeinflussen. Er sollte von sich aus zu allen Gruppenmitgliedern eine vertrauensvolle, therapeutische Beziehung herstellen (Wichtigkeit von guter Vorbereitung auf die Gruppenarbeit!) und auf wechselseitige Sympathien bzw. Antipathien zwischen den Teilnehmern achten. Liegt hier eine Störung vor (weil z. B. zwei Gruppenmitglieder ständig streiten oder nicht miteinander arbeiten wollen), ist es vorrangige Aufgabe des Gruppenleiters, diese Störung zu beheben. Hier hängt es stark von der Schwerpunktsetzung der Psychotherapiegruppe ab, in welcher Form dies geschieht. Die Attraktivität der Gesamtgruppe entwickelt sich im Regelfall erst über die Zeit und hängt von gemeinsamen (Erfolgs-)Erlebnissen ab. Der Gruppenleiter sollte versuchen, von Beginn an Erfolge zu ermöglichen und sichtbar zu machen (Ressourcenorientierung).
  • Wie sieht das Vorgehen in einzelfallorientierten Psychotherapiegruppen aus?

    Lösung

    Zu Beginn der Gruppenstunde entscheiden sich ein oder mehrere Teilnehmer für eine intensivere Bearbeitung eines aktuellen Problems im Rahmen der laufenden Gruppensitzung. Aufgabe des Gruppenleiters ist primär, auf die zeitlichen Rahmenbedingungen zu achten. Die Priorisierung der Themen (wer beginnt, wer bekommt wie lange Zeit) erfolgt im Regelfall durch die Teilnehmer bzw. die Gruppe selbst. Die ausgewählten Probleme werden dann nacheinander unter Zuhilfenahme der ganzen Gruppe erläutert. Der Gruppenleiter lenkt den Problemlöseprozess ähnlich wie in der Einzeltherapie und achtet auf die zeitliche Begrenzung sowie auf den konstruktiven Einbezug der ganzen Gruppe. Lösungsansätze werden gemeinsam erarbeitet und ggf. im Rahmen der Sitzung erprobt. Zum Ende der Gruppe reflektieren alle Gruppenmitglieder was sie aus der aktuellen Gruppensitzung für sich persönlich mitnehmen und ggf. was sie sich für die Zeit bis zur nächsten Sitzung vornehmen.
  • Benennen Sie Vor- und Nachteile von offenen bzw. geschlossenen Psychotherapiegruppen.

    Lösung

    Offene Gruppen laufen durchgängig, neue Teilnehmer können jederzeit dazukommen und alte Teilnehmer jederzeit ausscheiden. Organisatorisch sind offene Gruppen leicht durchführbar, allerdings ist die Gruppenkohäsion im Regelfall nicht besonders hoch, da sich die Gruppenzusammensetzung und die Gruppendynamik laufend verändert. In geschlossenen Gruppen beginnen und beenden alle Teilnehmer die Gruppentherapie gemeinsam. Die Kohäsion ist häufig höher, da die Teilnehmer über längere Zeit gemeinsam auf das Gruppenziel hinarbeiten. Einer Kennenlernphase zu Beginn folgt bei gutem Verlauf eine intensive, vertrauensvolle Zusammenarbeit, ggf. unter Nutzung der Gruppendynamik, weil die Teilnehmer sich durch die stabile Zusammensetzung auf Struktur und Dynamik der Gruppe einstellen können.
  • Ein Patient mit Panikstörung und Agoraphobie möchte nicht an Ihrer Angstgruppe teilnehmen und begründet dies damit, dass seine Befürchtungen im Rahmen von Gesprächen mit anderen nicht ausreichend wirksam bearbeitet werden könnten. Was entgegnen Sie?

    Lösung

    Sie paraphrasieren den Sachverhalt („Verstehe ich Sie richtig, dass Sie befürchten, dass die Gruppentherapie nicht ausreichend wirksam ist“) und verbalisieren den emotionalen Gehalt („Schätze ich es richtig ein, dass Sie das verunsichert?“). Wenn Ihr Patient beiden Aussagen zustimmt, können Sie auf die empirischen Befunde (vgl. Tabelle 36.2) verweisen, die zeigen, dass Gruppentherapie bei Panikstörung und Agoraphobie unbehandelten Kontrollgruppen deutlich überlegen ist (signifikante, große Effektstärken) und dass sich in Studien für Einzel-, Gruppen- und Pharmakotherapie in etwa gleich große Effekte zeigen. Weiterhin könnten Sie nachfragen, ob die Befürchtung sich darauf bezieht, dass „in Gesprächen mit anderen“ nicht ausreichend Wirksamkeit liegen könnte und könnten ggf. (je nach Gruppenkonzeption) darauf verweisen, dass im Rahmen der Therapiesitzungen es nicht nur Gespräche geben wird, sondern auch gemeinsam Übungen und Aufgaben bearbeitet werden. Im Optimalfall haben Sie bereits viele positive Beispiele und Erfolge aus vergangenen Gruppen zu berichten, die Sie einflechten können. Bieten Sie ggf. an, erst einmal „zur Probe“ an der Gruppe teilnehmen zu können (z. B. für mindestens drei Sitzungen) und dann eine erneute Reflexion durchzuführen.
  • Was sind die Kernmerkmale des Faches der Klinischen Kinderpsychologie? (Abschn. 37.1)

    Lösung

    Die Klinische Kinderpsychologie ist ein Teilbereich der Klinischen Psychologie, der auch Erkenntnisse der Heil- und Sonderpädagogik, Kinderneurologie und Kinderheilkunde, Kinder- und Jugendpsychiatrie berücksichtigt. Die Klinische Kinderpsychologie beschäftigt sich mit den Ursachen, der Entwicklung und dem Verlauf psychischer Störungen. Im Bereich der Diagnostik nimmt die Feststellung und Bewertung von psychischen Störungen, Entwicklungsabweichungen und psychosozialen Belastungen eine zentrale Stellung ein; des Weiteren werden die psychischen Störungen und psychosoziale Folgen chronisch-körperlicher Krankheiten behandelt.
  • Was sind das Ziel und die Vorteile eines multiaxialen Klassifikationssystems für psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter?

    Lösung

    Ziel: Aktuelle Beschreibung der psychischen Gesundheit eines Kindes und assoziierter entwicklungsrelevanter Merkmale








































    Achse Inhalt Beispiel
    Achse I: psychiatrische Diagnosen Altersbezogene und altersübergreifende psychische Störungen Spezifische Phobie (Umwelttypus; ICD-10: F40.2)
    Achse II: Entwicklungsstörungen F80–F89 Entwicklungsstörungen (außer F84 Tiefgreifende Entwicklungsstörungen) Lese-Rechtschreib-Störung (ICD-10: F 81.0)
    Achse III: Intelligenzdiagnostik IQ>129: sehr hohe/weite überdurchschnittliche Intelligenz
    115 85 70
    Durchschnittliche Intelligenzleistung
    Achse IV: somatische Erkrankungen Krankheiten aus anderen Kapiteln der ICD-10 (körperliche Krankheitssymptome) E00: angeborenes Jodmangelsyndrom
    Achse V: abnorme psychosoziale Bedingungen 9 Gruppen, Zeitdauer 6 Monate Abweichende Elternsituation
    Achse VI: Globalbeurteilung der psychosozialen Anpassung 9 Stufen der Ausprägung Stufe 5: Ernsthafte und durchgängige soziale Beeinträchtigung in den meisten Bereichen
  • Nennen Sie die Kernmerkmale von Regulationsstörungen!

    Lösung


















    Exzessives Schreien Anfallsartige Quengel-, Wein- und Schreiattacken von mehr als 3 Stunden am Stück an mindestens 3 Tagen in den letzten 3 Wochen
    Einschlafstörungen Einschlafen dauert 1 Stunde oder länger oder gelingt nur mit Einschlafhilfe in etwa 30 Minuten oder länger
    Durchschlafstörungen Wiederholtes nächtliches Aufwachen für mehr als 20 Minuten bei Kindern ab dem 6. Lebensmonat, in mindestens 5 Nächten pro Woche und mindestens einmal zwischen 0 und 5 Uhr.
    Fütterstörungen Teilweise oder vollkommene Nahrungsverweigerung oder geringer Appetit bei Kindern unter dem 6. Lebensjahr für die Dauer von mindestens 1 Monat; ggf. keine deutliche Gewichtszunahme oder deutliche Gewichtsabnahme; Ursache geht nicht auf eine körperliche oder psychische Krankheit zurück
  • In einem Verfahren zur Leistungsbeurteilung weichen die Ergebnisse des Kindes um 2 Standardabweichungen zur Normpopulation ab. Das Kind zeigt erhebliche Beeinträchtigungen in den Lesefertigkeiten und im korrekten Schreiben, die nicht durch eine Intelligenzminderung, Beeinträchtigungen in der Sinneswahrnehmung oder Motorik erklärbar sind. Welcher Begriff aus der ICD beschreibt daher am ehesten die genannten Beeinträchtigungen?

    Lösung

    Lese-Rechtschreib-Störung.
  • Welche Faktoren müssen differenzialdiagnostisch für die Beurteilung einer Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten erwogen werden? Nennen Sie mindestens 3.

    Lösung

    - Geringe Motivation
    - Schlechte Unterrichtsqualität
    - Lernschwierigkeiten
    - Fördermaßnahmen oder Schulwechsel
    - Körperliche Merkmale (z. B. Sehbehinderungen, Wahrnehmungsstörungen, Defizite in der phonologischen Schleife o. Ä.)
    - Bestehende psychische Erkrankung
    - Intelligenzvermögen
  • Welche typischen Verläufe chronischer körperlicher Erkrankungen gibt es?

    Lösung

    - Chronische Erkrankungen mit multiplen und lebenslänglichen Einschränkungen
    - Akut lebensbedrohliche Erkrankungen
    - Episodische Erkrankungen
    - Erkrankungen mit progredientem Verlauf
  • Welche Schutzfunktion hat ein unterstützendes soziales Netzwerk bei der Bewältigung einer chronischen körperlichen Erkrankung im Kindes- und Jugendalter?

    Lösung

    - Es beugt dem Gefühl von Isolation und Stigmatisierung vor.
    - Es kann bei der krankheitsbezogenen Problembewältigung helfen, Belastungen verringern und Stresserleben mildern, z. B. durch konkrete Unterstützungsangebote im Alltag (Fahrdienste etc.)
  • Welches Gefühlserleben kennzeichnet den sog. Diagnoseschock?

    Lösung

    - Eltern fühlen sich oft ohnmächtig und hilflos im Angesicht schwerer Diagnosen.
    - Kinder sind dadurch irritiert, dass sie ihre Eltern als zutiefst verunsichert und nicht in gewohnter Weise Halt und Orientierung gebend erleben.
    - Hilfreich ist altersgerechte Krankheitsaufklärung, die im dialogischen Prinzip vorgeht und bisheriges Wissen sowie existierende Krankheitskonzepte einbezieht.
  • Was sind die Symptomkriterien der ADHS?

    Lösung

    1. Aufmerksamkeitsstörungen: vorzeitiges Abbrechen von fremdbestimmten Aufgaben, hohe Ablenkbarkeit und Nichtbeenden einer Tätigkeit
    2. Impulsivität auf kognitiver, emotionaler und motivationaler Ebene, z. B. wechselnde Ideen, rasche Stimmungswechsel, rascher Wechsel von Handlungen
    3. Hyperaktivität: mangelhafte regulierte, überschießende motorische Aktivität und Ruhelosigkeit
  • Wie sind die Prävalenzraten der ADHS und wie verändert sich das Erscheinungsbild im Verlauf?

    Lösung

    • 5,9 bis 7,2 % bei Kindern und Jugendlichen
    • Im Erwachsenenalter liegt die Prävalenz ungefähr bei 2,5 %
    • Die Persistenz von ADHS-Symptomen im Erwachsenenalter wird bis zu 78 % angegeben.
    Besonderheiten in allen Entwicklungsphasen
    • Säugling und Kleinkind: Schlaf- und Essprobleme
    • Kindergarten und Vorschule: motorische Unruhe, ziellose Aktivitäten, geringe Spielintensität und -ausdauer, Trotzverhalten
    • Grundschule: Unruhe und Ablenkbarkeit im Unterricht, Lernschwächen, oppositionelles Verhalten
    • Spätadoleszenz: Abschwächen der Symptome, ein Drittel behält Symptome bis ins Erwachsenenalter, motorische Unruhe tritt in Hintergrund, dagegen eher oppositionelles Verhalten, Autonomiebestrebungen und Impulsivität im Vordergrund
    • Erwachsenenalter: innere Ruhelosigkeit, Entspannung fällt schwer, eher Wahrnehmung der eigenen Unaufmerksamkeit und Organisationsdefizite
  • Beschreiben Sie Barkleys Konzeption zur Erklärung der ADHS!

    Lösung

    Barkleys neuropsychologische Konzeption der ADHS wird als wichtigste Konzeption angesehen. Sie sieht ADHS als Folge unzureichende Verhaltenshemmung (Inhibition) an. Diese fehlende Hemmung ist in der Störung exekutiver Funktionen (Arbeitsgedächtnis, Selbstregulation von Affekt, Motivation und Aufmerksamkeit, Verinnerlichung der Sprache zur Handlungsregulation, planerisches und problemlösendes Denken) nachweisbar. Die unzureichende Inhibition und die Störung der exekutiven Funktionen wirken sich auf das sichtbare Verhalten aus (z. B. verringerte motorische Kontrolle). Barkley bezieht sich allerdings lediglich auf den ADHS-Mischtyp und schließt den unaufmerksamen Typ aus.
  • Welche kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ansätze werden bei ADHS verwandt?

    Lösung

    Selbstinstruktionstraining
    • Anregung von Verhaltensreflexion
    • Lernen des schrittweisen Vorgehens bei der Lösung einer Aufgabe
    Selbstmanagementtraining
    • Gezielte Verhaltensänderung
    • Anregung zur Selbstbeobachtung, um in kritischen Situationen angemessenes Verhalten zeigen zu können
    • Selbstbelohnung nach erfolgreicher Bewältigung
    Kombination der beiden Ansätze zur Therapie wichtig
    Selbstinstruktionstraining und Selbstmanagementtraining sind die hinsichtlich der Effektivität am besten untersuchten Ansätze in der kognitiven Verhaltenstherapie. Hinsichtlich der Wirksamkeit von Stressbewältigungsprogrammen liegen erst wenige Studien vor, auch in Hinblick auf das auf dem Wirkmechanismus des Biofeedback beruhende Neurofeedback liegen nur einige erste Wirksamkeitsstudien vor.
  • Was sind Inhalte eines familienorientierten Behandlungsansatzes bei ADHS?

    Lösung

    Nach erfolgter Psychoedukation und Erarbeitung von Behandlungszielen geht es bei familienorientierten Behandlungsansätzen um die Förderung einer positiven Eltern-Kind-Beziehung. Konkret wird hierzu in einer fest vereinbarten Spielzeit das Kind gezielt verstärkt. Bei Befolgung von elterlichen Aufforderungen erfolgt gleichfalls eine vereinbarte operante Verstärkung, z. B. im Rahmen eines Token-Programms. Um dieses Konzept umzusetzen müssen mit den Eltern im Sinne einer Unterbrechung der negativ-kontrollierenden Teufelskreise eine Reihe von Schritten eingeübt werden: Herstellen der Aufnahmebereitschaft des Kindes, Umsetzen der Aufforderung durch das Kind, systematische Verstärkung und ggf. Modifikation der Aufforderung. Hierzu wird eine problemlöseorientierte Kommunikation sowie ein Reiz- bzw. Kontingenzmanagement mit den Eltern in Rollenspielen eingeübt (effektive Aufforderung, wirkungsvolle Kontrolle, Verstärkung und konstruktive Bestrafung).
  • Worin unterscheidet sich die störungsspezifische Betrachtung von der substanzspezifischen?

    Lösung

    Störungsspezifische Betrachtung: Betonung der gemeinsamen Merkmale des Substanzkonsums
    • Psychische und körperliche Abhängigkeit bzw. Formen des schädlichen Gebrauchs
    • Fortgesetzter Konsum trotz langfristiger negativer Auswirkungen (psychisch, somatisch, sozial)
    • Toleranz und Entzugserscheinungen
    • Geringe Bereitschaft zur Einschränkung bzw. Aufgabe des Konsums und zur Behandlung
    • Hohes Rückfallrisiko
    Substanzspezifische Betrachtung: Betonung der Unterschiede zwischen Konsumenten unterschiedlicher Substanzen (z. B. Heroin- und Alkoholkonsumenten)
    • Unterschiedliche Ausprägung der Störungssymptome (z. B. Ausmaß der körperlichen Erkrankungen, der Teilhabe am sozialen Leben oder der Arbeitsfähigkeit)
    • Unterschiedliche Behandlungsprognose
  • Wie hat sich die Problemsicht des Substanzkonsums im Laufe der Jahrhunderte bis heute entwickelt?

    Lösung

    • traditionell: Rauschmittel oder Rauschdrogen bei fast allen Naturvölkern
    • im Verlauf des Mittelalters:
    -selbstverständlicher alltäglicher Rausch durch Bier und Wein
    -moralisches Modell: Verantwortung für die Entwicklung der Erkrankung beim Trinker (haltlose Persönlichkeit,)
    -einzige Lösung: absolute Abstinenz
    • Beginn des 16. Jahrhunderts:
    - Ideal der individuellen Selbstbeherrschung und Kontrolle der eigenen Gefühle
    - Rausch als Ausdruck fehlender Eigenkontrolle
    • Erste Hälfte des 20. Jahrhunderts:
    - medizinisches Modell: nur wenige Personen entwickeln eine Erkrankung; ohne moralische Verantwortung
    • Moderne Konzepte:
    - biopsychosoziales Modell: Schutz- und Risikofaktoren bzw. die individuelle Vulnerabilität beeinflussen die Wahrscheinlichkeit einer Störungsentwicklung
  • Wie wird Substanzkonsum heute klassifiziert und diagnostiziert?

    Lösung

    Störungen im Zusammenhang mit psychotropen Substanzen nach DSM-5 (American Psychiatric Association, 2013); alternativ ICD-10
    • Störungen durch Substanzkonsum/Substanzkonsumstörungen
    - Substanzkonsumstörung in leichter, mittlerer, schwerer Ausprägung (alternativ ICD-10: schädlicher Gebrauch und Abhängigkeit)
    - diagnostische Kriterien für alle Substanzen nahezu gleich
    • Substanzinduzierte Störungen, z. B.:
    - Intoxikation
    - Entzug
    - spezifisch für jede Substanzklasse
    - auch toxische Substanzen
    Diagnostische Instrumente zur substanzübergreifenden Diagnose
    • CIDI („Composite International Diagnostic Interview“)
    • ASI („Addiction Severity Index“)
    • MATE („ Measurements in the Addictions for Triage and Evaluation“)
    • PREDI („Psychosoziales ressourcenorientiertes Diagnostiksystem“)
  • Welche Ansätze zur Erklärung der Entstehung der Drogenabhängigkeit kennen Sie und worin unterscheiden sich diese?

    Lösung

    Strukturelle Ansätze
    • Geeignet für Überblick zu Entstehungsfaktoren (Risiko- und Schutzfaktoren) sowie als Grundlage für Kausalmodelle
    • Alle Faktoren lassen sich dem Dreiecksmodell Person – Droge – Umfeld zuordnen
    • Beispiele:
    - Person (genetische Faktoren, komorbide Störungen, Persönlichkeitsfaktoren)
    - Droge (betroffene Neurotransmitter, kurz- und langfristige Wirkungen)
    - Umfeld (Verfügbarkeit, soziale Regeln, Substanzangebot im sozialen Nahraum)
    Funktionelle Ansätze
    • Wichtig für Grundverständnis von Sucht und Ableitung therapeutischer Interventionen
    • Grundgedanke: Konsum einer psychotropen Substanz ist auf verschiedenen Ebenen (neurobiologische, psychisch, sozial) und in verschiedenen zeitlichen Kontingenzen mit positiven und negativen Auswirkungen verbunden
    • Rückkopplungskreise führen automatisch und ohne bewusste Reflexion zu Steuerung und Kontrolle des Konsums (funktionales Rückkopplungsmodell der Substanzabhängigkeit; Küfner, 2000)
    • 3 Hauptmodelle: Modell mangelnder Verhaltenskontrolle, Modelle negativer Affektregulation, Modell einer Disposition zur Suchtentwicklung (Jacobs et al., 2001)
    Verlaufsansätze
    • Besonders wichtig bei Fragen der Prognose
    • Bedingungsfaktoren in verschiedenen Phasen (Erstkonsum, Gewöhnung, Abhängigkeit/Aufrechterhaltung)
    • Erstkonsum: z. B. sozialer Einfluss (Peergroup)
    • Gewöhnung: neurobiologische, psychische und soziale Veränderungen durch Konsum
    • Abhängigkeit/Aufrechterhaltung: Entwicklung von „Teufelskreisen“ (körperlicher Entzug, intrapsychische Entlastung durch Konsum, Probleme in sozialen Beziehungen)
  • Welche grundsätzlichen Probleme treten bei der Behandlung von Drogenabhängigen auf?

    Lösung

    Ambivalente Motivation bezüglich Beginn der Therapie, aktive Mitwirkung und Erreichung der Therapieziele während der Behandlung, Vermeidung von Rückfällen
    Hohes Rückfallrisiko durch verstärkte Wahrnehmung der individuellen Probleme und Schwierigkeiten, die erst durch Abstinenz offensichtlich werden
  • Welche therapeutischen Ziele werden bei der Behandlung Drogenabhängiger verfolgt?

    Lösung

    • Therapeutischen Kontakt aufbauen und halten
    • Basale gesundheitliche Situation verbessern, körperliche Störungen behandeln und Gesundheitsverhalten verbessern
    • Basale Lebensbedingungen verbessern
    • Kontrollierter risikoreduzierter Konsum von legalen Heroinersatzsubstanzen (Substitution), Selbstmanagement des Drogenkonsums
    • Änderungsbereitschaft für Abstinenzorientierung aufbauen
    • Selbstvertrauen in die eigene Änderungskompetenz („self efficacy“) fördern
    • Körperlicher Entzug
    • Rückfallkritische Situationen bewältigen
    • Lebenskompetenzen außerhalb der Drogenszene verbessern, Alltagsstrukturierung
    • Folgestörungen im sozialen Bereich abbauen, Entwicklung und Förderung psychischer und sozialer Kompetenzen
    • Neue Lebensplanung entwickeln, Aufbau sozialer Beziehungen, evtl. wert- und religionsorientierte Themen
    • Individuelle Ziele bei komorbiden Störungen
  • Welche therapeutischen Konzepte zur Behandlung Drogenabhängiger kennen Sie und worin unterscheiden sich diese?

    Lösung

    • Ansätze zur Überlebenshilfe („harm reduction“): Reduktion der akuten Risiken
    Soziotherapeutische Ansätze: Betonung der Gruppe/Gemeinschaft und Alltagsstruktur, wenig individuell
    Psychotherapeutische Ansätze: individueller Ansatz bei Problemanalyse und Therapieplanung, Betonung motivationaler Aspekte zur Förderung der Änderungsbereitschaft
    Pharmakologische Ansätze: insbesondere Substitution hochriskanter illegaler Substanzen
    Selbsthilfeansätze: konfrontative Strukturen und langfristige Orientierung, Ziel ist Abstinenz und Distanz von Drogenszene
  • Worin liegt der Schwerpunkt der Intervention bei den einzelnen Substanzklassen?

    Lösung

    Cannabis
    • Bei abhängigen Konsumenten ist die Berücksichtigung von komorbiden Störungen bei der Interventionsplanung wichtig
    • Psychotherapeutische Behandlung: wirkungsvoll sind kognitiv-verhaltenstherapeutische und motivationsfördernde Gruppeninterventionen sowie Social-Support-Gruppen
    Kokain, Amphetamine, Ecstasy, Halluzinogene
    • Behandlung der psychischen Funktionsstörungen zur Erreichung einer autonomen, kompetenten und handlungsfähigen Lebensführung und Rückfallvermeidung
    • Behandlung körperlicher Begleit- und Folgeerkrankungen
    • Behandlung interaktioneller, psychosozialer und entwicklungsbedingter Störungen
    • Verhaltenstherapie zur Rückfallvermeidung und -bewältigung, Stärkung der Selbstkontrollfunktion
    Opioide
    • Pharmakotherapie: Erleichterung des Entzugs, Abstinenzunterstützung mit Naltrexon
    • Psychotherapie: Motivational Interviewing, Patientenschulungen
  • Was kennzeichnet den Verlauf von Alkoholkonsumstörungen?

    Lösung

    Alkoholkonsumstörungen beginnen meist im 2. und 3. Lebensjahrzehnt. Entgegen früherer Auffassungen verläuft die Entwicklung allerdings nicht einheitlich progredient, sondern sie kann einen ganz variablen Verlauf mit Phasen von Steigerung, Reduktion, Abstinenz und Rückfall nehmen. Tendenziell vollzieht sich die Entwicklung bei Frauen etwas rascher als bei Männern. Entscheidend ist, dass in der Regel viele Jahre vergehen, bevor die Störung erstmals diagnostiziert wird. Die Mehrzahl der Betroffenen kommt niemals offiziell wegen ihrer Alkoholkonsumstörung in Behandlung.
  • Welche diagnostischen Interviews sind für die Feststellung einer Alkoholstörungsdiagnose geeignet? Was sind geeignete Screeninginstrumente für Alkoholprobleme bzw. -störungen?

    Lösung

    Strukturierte diagnostische Interviews (CIDI, MATE) geben differenziert Informationen über Beginn, Verlauf und Schweregrad bei Alkoholproblemen und erlauben klinische Indikationsentscheidungen. Zu Forschungszwecken im englischsprachigen Raum wird vor allem das „Alcohol Use Disorder and Associated Disabilities Interview Schedule“ (AUDADIS-5) eingesetzt. Als valides Screeninginstrument hat sich der Einsatz von Kurzfragebogen erwiesen. Als Goldstandard gilt hierbei der überall kostenlos erhältliche Alcohol-Use-Disorder-Itentifcation-Test (AUDIT) der WHO. Labormarker (z. B. Leberwerte) können Ergebnisse von Screeningfragebogen untermauern. Sie weisen aber für sich allein genommen eine geringere Sensitivität und Spezifität als Kurzfragebogen auf. In sicherheitsrelevanten Bereichen (z. B. Straßenverkehr, Arbeitsplatz) stellt die stichprobenweise Durchführung von Atemalkoholkontrollen eine wirksame Screeningmethode dar.
  • Was versteht man unter dem Begriff „Suchtgedächtnis“?

    Lösung

    Unter dem populärwissenschaftlichen Begriff „Suchtgedächtnis“ versteht man alle neuropsychologischen Modelle, die betonen, dass bei der Entwicklung einer Alkoholkonsumstörung das Trinkverhalten der Betroffenen immer weniger eine bewusste Handlung zur Erreichung bzw. bestimmter Gefühle darstellt, sondern immer stärker von automatisierten Informationsverarbeitungs-, Lern- und Gedächtnisprozesse sowie deren neurologische Korrelate bestimmt wird. Das Konzept der „Cue Reactivity“ versteht dies als klassisch konditionierte Reaktionsweisen, das Konzept der „subkortikalen Sensitivierung“ sieht Veränderungen im dopaminergen System und das „dual process model“ beschreibt die Verschiebung von kontrollierter und impliziter Informationsverarbeitung. Allen Modellen ist gemeinsam, dass sie für die Behandlung von Alkoholproblemen die Notwendigkeit des Einübens von neuen Automatismen betonen.
  • Nennen Sie Behandlungsmaßnahmen zur Rückfallprävention!?

    Lösung

    Auf der Grundlage des sozialkognitiven Rückfallmodells von Marlatt wurde eine Reihe von verhaltenstherapeutischen Maßnahmen entwickelt, um mit Betroffenen gezielte Strategien zur abstinenten Bewältigung von Rückfallrisikosituationen zu trainieren. Diese beziehen sich sowohl auf die Verhaltenseben (z. B. Expositionsübungen, Ablehnungstraining in Rollenspielen) als auch auf kognitive Strategien (z. B. Vorstellungsübungen, Notfallpläne).
  • Was ist Cognitive Bias Modification und welche Rolle spielt sie in der Therapie von Alkoholstörungen? Auf welchem Theoriemodell beruht sie?

    Lösung

    Hierunter versteht man verschiedene PC-basierte Trainingsverfahren zur Rückfallprävention, um vor dem Hintergrund des Dual-Process-Modells störungsspezifische implizite Informationstendenzen (z. B. automatisierte Alkoholannährungstendenz oder Alkoholaufmerksamkeitstendenz) zu überwinden. Diese Trainingsverfahren konnten einen Zusatznutzen als Add-On-Verfahren zu anderen Behandlungsansätzen bei Alkoholabhängigkeit nachweisen.
  • Welches sind die wichtigsten Indikatoren für eine Tabak- bzw. Nikotinabhängigkeit?

    Lösung

    Es können Indikatoren für eine kategoriale Einteilung in abhängiges und nicht abhängiges Rauchen bzw. für die Bestimmung der Stärke der Tabak- oder Nikotinabhängigkeit unterschieden werden. Für eine kategoriale Klassifikation im Sinne diagnostischer Manuale kommen die ICD (in Deutschland sozialrechtlich verbindlich) oder das DSM zum Einsatz. Im DSM-5 müssen mindestens 2 der 11 Kriterien für die Substanzkonsumstörung innerhalb von 12 Monaten erfüllt sein. In der ICD werden das Auftreten von Entzugssymptomen, andauerndes Rauchen trotz schädlicher Konsequenzen, Toleranzentwickung sowie ein Kontrollverlust bezüglich des Konsums als wichtigste Indikatoren betrachtet. Die Stärke der Abhängigkeit wird am besten mit dem Fagerström-Test gemessen, wobei frühmorgendlicher Zigarettenkonsum sowie die Anzahl der täglich gerauchten Zigaretten den Abhängigkeitsgrad am besten vorhergesagt.
  • Nennen Sie die wichtigsten psychologischen Konzepte zu Erwerb und Aufrechterhaltung des (abhängigen) Rauchverhaltens.

    Lösung

    Von entscheidender Bedeutung für den Erwerb des Rauchens sind soziale Verstärkungen (positive Verstärkung) sowie das Lernen am Modell, bei Jugendlichen vor allem Gleichaltriger. Für die Aufrechterhaltung des Rauchens sorgen zentralnervös vermittelte positive Verstärker (Steigerung von Wohlbefinden, Anregung, Entspannung) und langfristig vor allem negative Verstärker (Reduzierung von Entzugserscheinungen, Stresserleben, dysphorischer emotionaler Zustände). Tabakrauchen kann auch als negativer Verstärker im Sine einer unkontrollierten „Selbstmedikation“ psychischer Komorbiditäten (z. B. Depressivität) fungieren. Darüber hinaus wirken Prinzipien der klassischen Konditionierung als Trigger für Craving und Suchtverlangen („cue exposure“).
  • Welche Schritte beinhaltet die kognitiv-verhaltenstherapeutische Tabakentwöhnung?

    Lösung

    Multimodale Programme zur Tabakentwöhnung beinhalten gewöhnlich 5 Schritte:
    1. Aufklärung, Psychoedukation: Risiken des Tabakrauchens und Vorteile der Tabakabstinenz; Erläuterung der Suchtmechanismen (neurobiologische Abhängigkeit, Toleranz, Entzugssymptomatik; lernpsychologische Grundlagen der Sucht; Craving und Suchtgedächtnis); Erklärung der therapeutischen Vorgehensweise und des Therapierationals des Nikotinentzuges und der Tabakentwöhnung
    2. Motivationsanalyse und -stärkung: Analyse der Rauch- und der Rauchstoppmotive, klare, ausgewogene Entscheidung zum Rauchstopp; Festigung der Motivation zur Tabakabstinenz mittels motivierender Gesprächsführung, Auflistung der Vor- und Nachteile, Stärkung der Zuversicht in die Abstinenzfähigkeit
    3. Vorbereitung des Rauchstopps und der Dauerabstinenz: Beobachtung des Rauchverhaltens mittels Selbstdokumentation, Identifikation von Triggern und Funktionalitäten, Verstärkeranalyse, Entwicklung von Rauchalternativen
    4. Durchführung des Rauchstopps: Beendigung des Rauchens mit dem Ziel der Abstinenz; Festlegung eines Stopptages oder Reduktionsmethode; Einsatz von Bewältigungsmethoden zur Linderung von Entzugserscheinungen
    5. Stabilisierung der Totalabstinenz und Rückfallprophylaxe: Integration der Tabakabstinenz in Lebensalltag, Etablierung neuen kognitiver Schemata und eines neuen Selbstbildes als Nichtraucher, Förderung sozialer Unterstützung, Vertragsmanagement, Einüben von Alternativverhalten; Training von Strategien zur Rückfallprophylaxe
  • Wie erklärt man die Gewichtszunahme nach einem Rauchstopp?

    Lösung

    Viele Raucher nehmen nach einem Rauchstopp an Gewicht zu, auch ohne mehr zu essen. Dies kann durch Änderungen im Stoffwechsel erklärt werden, die mit der Beendigung des Rauchens eintreten. Darüber hinaus ist bekannt, dass Nikotin eine appetitzügelnde Wirkung hat, die mit dem Rauchstopp wegfällt. Aus diesem Grund kann es zu gesteigertem Appetit, Hungergefühlen bis hin zu Heißhungerattacken und daraus resultierend zu gesteigerter Kalorienaufnahme kommen, die letztlich zu einer weiteren – oft vorübergehenden – Gewichtszunahme führen.
  • Welches sind laut Metaanalysen und Therapieleitlinien die effektivsten Methoden zur Tabakentwöhnung?

    Lösung

    Die effektivste und nachhaltigste Methoden der professionellen Tabakentwöhnung ist die kognitive Verhaltenstherapie. Für weniger stark abhängige Raucher sind auch niederschwellige Angebote (Rauchertelefon, Online-Programme, Apps, Selbsthilfebücher) erfolgreich. Im Einzelnen lässt sich festhalten:
    • Bereits das Screening des Rauchstatus kann die späteren Erfolgsraten verdoppeln
    • Beratungen >10 Minuten weisen Erfolgsraten von 22 % im Vergleich zur Kontrollgruppe auf
    • Je intensiver eine Beratung, umso größer ist ihre Effektivität
    • In der S3-Leitlinie Tabak der AWMF wird die verhaltenstherapeutische Gruppen- oder Einzelbehandlung zur Tabakentwöhnung aufgrund der höchsten Effektstärken als Methode der ersten Wahl empfohlen
    • Diese verhaltenstherapeutische Tabakentwöhnung sollte bei abhängigen Rauchern mit Nikotinersatzprodukten oder Vareniclin zur Reduktion der Entzugssymptomatik pharmakologisch begleitet werden
    • Auch evidenzbasierte Online-Programme oder Entwöhnungs-Apps für Smartphones bringen gute Erfolge
  • Wie unterscheiden sich die diagnostischen Kriterien einer Störung durch Glücksspielen zwischen ICD-10 und DSM-5?

    Lösung

    1. Nosologische Einordnung
    Die Störung durch Glücksspielen wird nach DSM-5 den „Störungen im Zusammenhang mit psychotropen Substanzen und abhängigen Verhaltensweisen“ zugeordnet. In der ICD-10 wird die Störung als „pathologisches Spielen“ unter „Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen“ (F6) als eine Form der „abnormen Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle“ (F63.0) eingeordnet.
    2. Diagnosekriterien
    In der ICD-10 werden bei den diagnostischen Kriterien ausschließlich die negativen Folgen berücksichtigt, während im DSM-5 vor allem psychopathologische Symptome auf der kognitiven (z. B. häufig an Glücksspielen oder Geldbeschaffung denken) und emotionalen Ebene (z. B. Gereiztheit bei ausbleibendem Glücksspielen) sowie die gestörte Funktionalität des Glücksspielens (z. B. Spielen als Coping für unangenehme Gefühlslagen) erfasst werden. Die diagnostischen Kriterien nach DSM-5 erscheinen wesentlich präziser und geben auch Anhaltspunkte für die Behandlung.
  • Welche Korrelate und Risikofaktoren stehen mit einer Störung durch Glücksspielen im Zusammenhang?

    Lösung

    Die Korrelate und Risikofaktoren im Zusammenhang mit einer Störung durch Glücksspielen können zur besseren Übersicht drei Bereichen zugeordnet werden: der Person, dem Glücksspiel und dem sozialen Umfeld.
    Person des Glücksspielers:
    • Soziodemografische Merkmale (z. B. jüngeres Alter, männliches Geschlecht, geringer sozioökonomischer Status)
    • Persönlichkeitseigenschaften (z. B. Impulsivität)
    • Neurobiologische und neurokognitive Korrelate (z. B. veränderte Belohnungs- bzw. Bestrafungssensitivität, Aufmerksamkeitsverzerrungen, veränderte Emotionsregulation, verringerte kognitive Kontrollfunktionen)

    Charakteristika des Glücksspiels:
    • Glücksspielmerkmale (z. B. Involvierung des Spielers durch Tasten [Start, Risiko etc.], Fastgewinne, Ereignisfrequenz sowie Sound-, Licht- und Farbeffekte)
    • Aufstellungs- und Zugangsmerkmale (z. B. Verfügbarkeit in der Nähe, Öffnungszeiten)

    Soziales Umfeld:
    • Einstellung der Gesellschaft zum Glücksspiel
    • Spielverhalten und soziale Unterstützung innerhalb von Familie und Freunden

    Betrachtet man die geringe Prävalenz der Störung durch Glückspielen innerhalb der spielenden Bevölkerung, spielen wahrscheinlich personenbezogene Faktoren die wichtigste Rolle.
  • Welche lerntheoretischen Mechanismen tragen zur Entstehung und Aufrechterhaltung einer Störung durch Glücksspielen bei?

    Lösung

    Bei der Entstehung und Aufrechterhaltung der Störung durch Glücksspielen tragen sowohl Modellernen als auch Mechanismen des klassischen und operanten Konditionierens bei.
    Die ersten Glücksspiele können durch Modelllernen innerhalb der Familie oder des Freundeskreises initiiert werden.
    Zur Aufrechterhaltung des Verhaltens tragen operante Konditionierungsprozesse bei. Das Glücksspielverhalten wird verstärkt, da es mit positiven Konsequenzen (z. B. hoher Gewinn = positive Verstärkung) oder dem Ausbleiben negativer Konsequenzen (z. B. Ablenkung von depressiver Stimmung = negative Verstärkung) assoziiert ist.
    Durch die wiederholte Teilnahme an Glücksspielen kommt es weiterhin zu klassischen Konditionierungsprozessen. Dabei erfolgt eine Koppelung der neurobiologischen Reaktionen des Körpers wie z. B. veränderten Ausschüttungen von Neurotransmittern und peripher-physiologischer Aktivierung (= unkonditionierte Reaktion, UR) an vorher neutrale Reize, wie z. B. der Anblick der Spielhalle (= neutrale Stimuli; NS). Nach erfolgter Koppelung bzw. Automatisierung wird der NS zum konditionierten Reiz (CS). Die durch den CS ausgelöste konditionierte Reaktion (CR) führt zu einem motivationalen Zustand, welcher mit dem Verlangen nach Glücksspielen einhergeht und zu erneutem Spielen führt.
  • Was sind therapeutische Maßnahmen bei der Behandlung einer Störung durch Glücksspielen?

    Lösung

    Am Anfang der Therapie steht meist die Motivierung des Patienten im Vordergrund, da viele Personen mit einer Störung durch Glücksspielen eine geringe Störungseinsicht und Veränderungsmotivation aufweisen. Motivierende Gesprächsführung (Motivational Interviewing) wäre eine mögliche Strategie in diesem Fall.
    Eine gründliche Diagnostik und Verhaltensanalyse ist anfangs notwendig, um komorbide Störungen zu erkennen und adäquat in den therapeutischen Prozess einzubeziehen (z. B. die Funktionalität des Glücksspielens ist die Emotionsregulation im Rahmen einer depressiven Störung).
    Aus den kognitionstheoretischen Modellen geht hervor, dass kognitive Verzerrungen und Fehlannahmen eine wichtige Rolle in der Aufrechterhaltung der Störung spielen. Daher ist das Aufdeckens und die Umstrukturierung dieser kognitiven Verzerrungen durch entsprechende kognitive Verfahren (z. B. ABC-Analyse) eine weitere wichtige Strategie.
    Aus den lerntheoretischen Modellen abgeleitete Strategien konzentrieren sich auf das Durchbrechen des hochautomatisierten Verhaltens und die Etablierung alternativer Verhaltensweisen. Dazu gehören Reizkonfrontationsmethoden in sensu und in vivo sowie Stimuluskontrolle.
    Ein zentraler Problembereich von Personen mit einer Störung durch Glücksspielen sind häufig finanzielle und rechtliche Notlagen. Daher ist eine enge Zusammenarbeit mit Experten im Bereich Geld- und Schuldnerberatung sowie Rechtsberatung angebracht.
    Zusätzliche Problembereiche der Patienten wie komorbide psychische Störungen, soziale Konflikte oder mangelnde Problemlöse- und Konfliktbewältigungsstrategien sollten individuell ergänzend mit bearbeitet werden. Beispielsweise könnten individuell Trainings für soziale Kompetenzen oder Stressbewältigung erfolgen oder Angehörige mit in die Therapie einbezogen werden.
    Eine weitere wichtige Strategie bei der Behandlung von Personen mit einer Glücksspielstörung ist die Rückfallprophylaxe. Schon während der Therapie sollten Hochrisikosituationen und die Vermeidung von Rückfällen aber auch Bewältigungsstrategien für Rückfallsituationen besprochen werden.
  • Welche Behandlungsmöglichkeiten einer Störung durch Glücksspielen bestehen in Deutschland?

    Lösung

    In Deutschland gibt es verschiedene Möglichkeiten für die Behandlung von Personen mit einer Störung durch Glücksspielen. Die Behandlung erfolgt vorrangig in ambulanten Beratungs- und Behandlungsstellen. Einige Patienten mit einer Störung durch Glücksspielen werden auch von niedergelassenen Psychotherapeuten behandelt. Weiterhin ist auch eine stationäre Therapie möglich, beispielsweise wenn ein ambulanter Therapieversuch gescheitert ist sowie bei ausgeprägten komorbiden Störungen, sozialer Notlage oder drohender Delinquenz. Dabei wird die Störung durch Glücksspielen in Deutschland sowohl in psychosomatischen Kliniken als auch in Suchtkliniken behandelt.
  • Welche Probleme birgt der Begriff „Internetsucht“ zur Beschreibung der exzessiven und pathologischen Nutzung des Internets?

    Lösung

    Der Begriff „Sucht“ ist stigmatisierend für Betroffene und impliziert ein ätiologisches Konzept, welches in der ICD und im DSM zugunsten besser konsensfähiger deskriptiver Syndrome ersetzt wurde. Weiterhin ist das Internet nicht die Ursache der Störung, sondern das Medium innerhalb dessen spezifische Aktivitäten exzessiv durchgeführt werden.
  • Was sind die Hauptsymptome psychotischer Störungen?

    Lösung

    Die Hauptsymptome psychotischer Störungen werden in Positivsymptomatik – hierzu gehören Wahn, Halluzinationen, desorganisiertes Denken und grob desorganisiertes Verhalten bzw. Bewegungsstörungen – und Negativsymptomatik – hierzu zählen die Verminderung von Mimik und Gestik sowie der Verlust von Freude und Motivation – unterteilt.
  • Was sind die fünf großen A’s der Negativsymptomatik?

    Lösung

    • Affektverflachung: Reduktion des Affektausdrucks wie verminderte Mimik und Gestik – der Affekt ist nicht auf das Erleben bezogen
    • Avolition/Apathie: Vermindertes Erleben bzw. verminderte Motivation und Freude
    • Anhedonie: Freudverlust, insbesondere Defizit in antizipatorischer Freude, Reduktion in der Ausübung von lustvollen Aktivitäten
    • Asozialität: Reduktion von sozialer Initiative und Wunsch nach engen Kontakten
    • Avolition: Reduktion der Initiierung und Persistenz in zielgerichteter und zweckgebundener Aktivität (z. B. Erledigung von Pflichten)
  • Welche psychosozialen Risikofaktoren spielen bei psychotischen Störungen eine Rolle?

    Lösung

    Das Erleben eines Traumas in der Vorgeschichte ist ein stabiler psychosozialer Risikofaktor für die Entwicklung psychotischer Symptome. Zudem werden Life Events, aber auch die Reaktion auf alltägliche Stressoren, als Risikofaktoren gehandelt. Weitere Befunde gibt es bezüglich der wahrgenommenen Diskriminierung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit sowie dem Risikofaktor der städtischen Umgebung.
  • Was ist der Jumping-to-Conclusions Bias und welche Befunde gibt es hierzu bei Schizophrenie?

    Lösung

    Der Bias beschreibt das sog. „voreilige Schlussfolgern“. Hiermit ist gemeint, dass man bei einer uneindeutigen Informationslage schneller zu Schlussfolgerungen kommt als Personen ohne den Bias. Metaanalytische Untersuchungen haben ergeben, dass Personen mit psychotischen Störungen, insbesondere mit akutem Wahn, signifikant weniger Informationen einholten als gesunde Personen aber auch als Personen mit anderen psychischen Störungen. „Extremreaktionen“, also Entscheidungen nach bereits 1–2 gezogenen Informationen, zeigten 48–60 % der Teilnehmer mit psychotischen Störungen – allerdings auch 29 % der gesunden Teilnehmer und 38 % der Teilnehmer mit anderen psychischen Störungen.
  • In welche drei Kategorien kann man die evidenzbasierten psychotherapeutischen Verfahren zur Behandlung psychotischer Störungen einteilen?

    Lösung

    1) Individualisierte psychotherapeutische Ansätze, wie kognitiv-verhaltenstherapeutische Interventionen, 2) Familieninterventionen, wie psychoedukativ orientierte familientherapeutische Ansätze mit Fertigkeitentraining, und 3) verschiedene spezifische und integrative Fertigkeitentrainings, wie das metakognitive Training.
  • Grenzen Sie emotionale Zustände wie Glück und Freude, die beispielhaft für eine gehobene Stimmungslage sein können, von einer Manie ab!

    Lösung

    Die meisten Menschen kennen Momente des Glücks, Freude oder Stolzes usw. Wer frisch verliebt ist, glaubt Berge versetzen zu können, gibt vielleicht unbedarfter Geld aus oder tut sonst Dinge, die nicht von ihm erwartet werden. Ähnlich kennen viele das Gefühl des Genervtseins, an Tagen, an denen selbst Kleinigkeiten aufregen.
    Von Manien spricht man allerdings erst dann, wenn die Stimmung vorwiegend gehoben, expansiv oder gereizt und für den Betroffenen deutlich abnorm ist, und diese Zustände mindestens eine Woche lang anhalten (es sei denn eine Klinikeinweisung wird notwendig). Symptome einer Manie betreffen Veränderungen im emotionalen, kognitiven und behavioralen Bereich: Merkmale einer Manie sind u. a. gesteigerte Aktivität und Antrieb bzw. Ruhelosigkeit, Rededrang bzw. gesteigerte Gesprächigkeit, und ein vermindertes Schlafbedürfnis. Auch sind Betroffene leicht ablenkbar, klagen ihre Gedanken würden nur so rasen, und neigen zu Größenideen und gehen vielerlei Aktivitäten nach, die oftmals unangenehme Konsequenzen nach sich ziehen (z. B. hohe Ausgaben durch unbedachte Vertragsabschlüsse, Spontankäufe o. Ä.).
  • Was wird unter einer zyklothymen Störung verstanden?

    Lösung

    Das Hauptmerkmal der zyklothymen Störung sind über mindestens 2 Jahre andauernde Stimmungsschwankungen mit hypomanen und depressiven Symptomen, die jedoch in Intensität, Anzahl und Dauer in den ersten 2 Jahren nie die Kriterien einer Manie oder Major Depression Episode erfüllen. Charakteristisch sind Schwankungen in der Stimmung, im Antrieb, im Schlaf, im Selbstwert und anderen Bereichen. Phasen stabiler ausgeglichener Stimmung dauern weniger als zwei Monate an.
  • Beschreiben Sie das diagnostische Vorgehen bei Verdacht auf eine bipolare Störung!

    Lösung

    Die Diagnostik bipolarer Störungen erfordert die Berücksichtigung des aktuellen Zustands (Querschnittsdiagnostik) im Hinblick auf die Präsenz von Kernsymptomen einzelner Krankheitsphasen (manisch, hypomanisch, depressiv, gemischt) sowie entsprechender biografischer Informationen zur Beurteilung des bisherigen Störungsverlaufs (Längschnittdiagnostik) bezüglich Erstmanifestation, Episodenlänge, Anzahl der Zyklen, Syndromstabilität. Hierzu ist der Einsatz strukturierter oder standardisierter Interviews hilfreich. Zwischen einer ausgeprägten depressiven und manischen Episode gibt es fließende Übergänge, ebenso fließende Übergänge zwischen subsyndromalen und normalen Zuständen. Ferner sind bei jedweder Diagnostik auch organische Ursachen (z. B. Hirntumore, neurologische Krankheitsbilder) abzuklären. Eine Herausforderung stellt die Differenzialdiagnostik zu Störungen des schizophrenen Formenkreises dar.
  • Was sind die Grundannahmen des Kindlings- und Switch-Modells?

    Lösung

    Beide Modelle dienen der Beschreibung möglicher ätiopathogenetischer Mechanismen zur Progredienz bipolarer Störungen.
    Das Kindling-Modell nimmt auf Basis eines Diathese-Stress-Modells an, dass durch den zunehmenden Wechsel zwischen manischen und depressiven Phasen zukünftige affektive Phasen intensiver in ihrer Symptomatik, rascher in ihrer wechselnden Abfolge und zunehmend unabhängiger von äußeren Einflussfaktoren wie z. B. Lebensereignissen und damit therapieresistenter werden.
    Das Switch-Modell folgt dagegen chronobiologischen Annahmen: Es nimmt eine im Störungsverlauf zunehmende Schwächung eines stimmungswirksamen Oszillators im Hirnstamm und eine Abschwächung der Top-Down-Regulation dieses Oszillators an, was zu einer erhöhten Sensitivität für externe Stimuli und damit zu einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für den Wechsel in eine manische bzw. depressive Phase beiträgt.
  • Was können psychotherapeutische und psychoedukative Maßnahmen zur Behandlung bipolarer Störungen sein?

    Lösung

    Den meisten Maßnahmen ist ein Modul zur Psychoedukation gemeinsam und Ziel ist neben der Vermittlung von Störungswissen in der Regel die Rezidivprophylaxe.
    • Basierend auf der Annahme, dass bestimmte familiäre Interaktionsmuster das Risiko für Rezidive erhöhen, können familientherapeutische Ansätze im Rahmen eines Training der Betroffenen mit ihren Bezugspersonen kommunikative und Problemlösefertigkeiten stärken (sog. Family-Focused Treatment)
    • Um das Auftreten erneuter affektiver Episoden zu verhindern, werden im Rahmen der interpersonellen und sozialen Rhythmus-Therapie mit Hilfe von Techniken aus der interpersonellen Psychotherapie (z. B. Reflexion von Beziehungen, Analyse von Kommunikationsprozessen) und verhaltenstherapeutische Techniken (z. B. Selbstbeobachtung von Stimmung und Symptomen, Aktivitätenplanung) der eigenverantwortlichen und bewussten Umgang mit der Medikation fokussiert, eine regelmäßige Tagesstruktur und Schlaf-Wach-Rhythmus angestrebt, und versucht, interpersonelle Schwierigkeiten abzubauen (z. B. durch Hinzuziehung von Sozialpartnern, rechtliche Unterstützung).
    • Ansätze zur kognitiven Verhaltenstherapie bedienen sich genauer Verhaltens- und Bedingungsanalyse früherer affektiver Episoden, um u. a. die Auslöser, die ersten Frühwarnsymptome sowie vorherige erfolgreiche und weniger erfolgreiche Bewältigungsstrategien zu identifizieren. Darauf aufbauend wird gemeinsam erarbeitet, auf welche Ziele die Behandlung im Einzelfall fokussieren sollte, z. B. geht es primär um eine bessere Strukturierung des Alltags, um eine Bearbeitung dysfunktionaler Einstellungen, um Verbesserung interpersoneller Kompetenzen. Eine Förderung des Selbstmanagement, z. B. in Form des selbstständigen Erkennen von potenziellen ersten Symptomen und Auslösern für erneute depressive und manische Phasen, die Differenzierungsfähigkeit zwischen normalen Stimmungsschwankungen und Krankheitssymptomen, wird als entscheidend gewertet, um in Zukunft eigenverantwortlich und adäquat mit entsprechenden Warnsymptomen umgehen zu können. Hilfreich sind in diesem Zusammenhang der Einsatz von Stimmungskalendern und Tagebüchern, als Quelle für Informationen aber auch als Möglichkeit zur Selbstbeobachtung der Betroffenen (und damit einhergehend möglicherweise Stärkung der Selbstwirksamkeit).
  • Was versteht das DSM-5 unter depressiven Störungen?

    Lösung

    Zur Gruppe der depressiven Störungen gehören laut DSM-5 die Major Depression, die persistierende depressive Störung (Dysthymie), die disruptive Affektregulationsstörung, die prämenstruelle dysphorische Störung, die substanz-/medikamenteninduzierte depressive Störung, die depressive Störung aufgrund eines medizinischen Krankheitsfaktors sowie die näher bezeichnete bzw. nicht näher bezeichnete depressiven Störung. Die Major Depression sowie Dysthymie sind im Wesentlichen gekennzeichnet durch eine depressive Stimmungslage, welche nicht nur vorübergehend, z. B. in belastenden Situationen, auftritt, sondern welche bestimmte Zeit- und Intensitätskriterien überschreitet. Darüber hinaus treten bei depressiven Störungen eine Vielzahl weiterer Symptome auf, z. B. Gewichtsverlust, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen etc.
  • Was sind die diagnostischen Kriterien der Major Depression und der Dysthymie?

    Lösung

    Major Depression: Es bestehen über einen Zeitraum von mindestens 2 Wochen mindestens 5 aus 9 Symptomen, darunter entweder eine depressive Verstimmung an fast allen Tagen über die meiste Zeit des Tages oder ein deutlich vermindertes Interesse oder Freude. Unter den weiteren Symptomen sind zu nennen: Gewichts-/Appetitveränderungen, Schlafstörungen, Veränderungen der Psychomotorik, Müdigkeit/Energieverlust, Wertlosigkeit/Schuldgefühle, Konzentrations-/Entscheidungsprobleme sowie Suizidgedanken/-versuche. Diese Störung kann nur codiert werden, wenn die Symptome 1) mit Leiden oder Einschränkungen einhergehen und 2) nicht auf Substanzkonsum oder einen medizinischen Krankheitsfaktor zurückzuführen sind. Darüber hinaus ist auszuschließen, dass in der Vorgeschichte keine hypomane, manische oder gemischte Episode vorlag, was zur Diagnose einer bipolaren Störung führen würde.

    Persistierende depressive Störung (Dysthymie): Diese Störung wird codiert, wenn über mindestens 2 Jahre an der Mehrzahl der Tage depressive Verstimmungen auftreten und zusätzlich mindestens 2 der folgenden 6 Symptome vorliegen: Appetitveränderungen, Schlafstörungen, Energiemangel/Erschöpfung, geringes Selbstwertgefühl, Konzentrations-/Entscheidungsschwierigkeiten oder Hoffnungslosigkeitsgefühl. Darüber hinaus gibt es im betreffenden 2-Jahres-Zeitraum keine Periode von 2 Monaten oder länger ohne Symptome. Die Dysthymie kann mit oder ohne Episoden einer Major Depression im Verlauf auftreten und codiert werden.
  • Skizzieren Sie die Komponenten und die Interaktionen des Vulnerabilitäts-Stress-Modells der Depression!

    Lösung

    Im Vulnerabilitäts-Stress-Modell der Depression wird angenommen, dass sowohl prädisponierende Faktoren, welche genetisch/(neuro-)biologischer (z. B. HPA-Achse, familiäre Vorbelastung mit depressiven aber auch anderen psychischen Störungen) oder umweltbedingter Art (frühe adverse Ereignisse und Traumata, z. B. Trennungen von den Eltern, Vernachlässigung) sein können, als auch auslösende kritische, stressreiche Lebensereignisse und -konstellationen in komplexer Weise aufeinander treffen und zur Ausbildung eines depressiven Syndroms durch biologische und psychologische Prozesse beitragen.
    Eine depressive Episode kann durch spezifische Trigger ausgelöst werden, beispielsweise durch stressige Lebensereignisse (z. B. Trennungen, Arbeitslosigkeit, finanzielle Schwierigkeiten). Ob diese tatsächlich als Auslöser wirken, hängt von intraindividuellen Faktoren und der sozialen Vorgeschichte (= Vulnerabilitäten) ab. So weisen allein oder getrennt lebende Menschen ein deutlich erhöhtes Erkrankungsrisiko auf. Auch gelten vorbestehende psychische Störungen wie Angststörungen, Schmerzstörungen oder Störungen durch Substanzkonsum als Risikofaktoren für depressive Störungen.
  • Beschreiben Sie die Modellkomponenten der Theorie der erlernten Hilflosigkeit (Seligman) und skizzieren Sie die wesentlichen Grundannahmen und Erweiterungen!

    Lösung

    Nach Seligman sind Depressionen erlernbar. Auf Grundlage von Tierexperimenten entwickelte er das „Modell der erlernten Hilflosigkeit“ (1974), welches postuliert, dass sich bei einer Person ein Gefühl der Hilflosigkeit einstellt, wenn sie wiederholt eine Unkontrollierbarkeit von aversiven Ereignissen erfährt. Wenn das eigene Verhalten wiederholt nicht zum gewünschten Ergebnis führt, kommt es zur Hilflosigkeit und weitere Handlungsversuche unterbleiben mit der Zeit, obwohl sie zielführend wären. Es entwickelt sich eine Depression.
    Seligman beobachtete das Verhalten von Hunden, die in einer experimentellen Anordnung schmerzhaften Elektroschocks ausgesetzt waren, aber diese nicht vermeiden konnten. Nach nur wenigen Minuten zeigten die Hunde ein passives Verhalten, ließen die Elektroschocks über sich ergehen und rannten nicht mehr aufgebracht umher. In einem zweiten Versuch gab man ihnen die Möglichkeit die Schocks zu vermeiden, doch sie lernten das Verhalten nicht so effektiv und effizient wie die Kontrollhunde. Seligman ging davon aus, dass sich die Hunde auf Grund des massiven Stresses hilflos fühlten und demnach Motivation und Fähigkeiten verloren, eine angemessene Reaktion zu erlernen, die auch in späteren stressreichen aber kontrollierbaren Situationen hilfreich war. Ein ähnliches Verhalten lässt sich auch bei depressiven Menschen feststellen.
    Im Jahre 1978 wurde das Modell von Abramson, Seligman und Teasdale um attributionstheoretische Annahmen („kognitive Attributionsversion“) erweitert, da es in der ursprünglichen Form nicht auf den Großteil der Menschen anwendbar war und einige Aspekte der Störung nicht berücksichtigte. Nach der revidierten Fassung des Modells entsteht eine Depression, wenn die betroffene Person meint, sie habe keine Kontrolle über spezifische Ereignisse und auch keine Möglichkeit die Situation zu verändern. Entscheidend für die Manifestierung einer Depression ist hier ein globaler, internaler und stabiler Attributionsstil. Ein globaler Attributionsstil ist dadurch gekennzeichnet, dass Effekte des Versagens über viele Situationen hinweg gesehen und daher verallgemeinert werden (z. B. „Ich bin in allem eine Niete“, „Ich schaffe gar nichts“). Das Beziehen von Misserfolgen auf die eigene Person („Das war mein Fehler“, „Nur ich bin dafür verantwortlich“) mindert das Selbstwertgefühl und wird als internale Ursachenzuschreibung bezeichnet. Eine stabile Attribuierung liegt vor, wenn Versagen als dauerhaft, d. h. über lange Zeit hinweg, angesehen wird („Das habe ich noch nie etwas geschafft und das wird sich auch nicht ändern“).
    Das Modell wurde später von Abramson, Metalsky und Alloy (1989) durch den Begriff der „Hoffnungslosigkeitsdepression“ („Theorie der Hoffnungslosigkeit“) weiter spezifiziert. In diesem Fall wird nicht nur auf globale, internale und stabile Faktoren attribuiert, sondern auch auf andere kognitive Faktoren. Das Gefühl der Hoffnungslosigkeit stellt sich ein, wenn zum einen keine Möglichkeit gesehen wird, die Situation zu verändern und man zum anderen davon ausgeht, ein unerwünschtes Ereignis nicht vermeiden zu können bzw. erwünschte Ereignisse nicht eintreten werden. Daraus kann schlussendlich eine Depression entstehen.
    Die zentrale Kritik am Modell der erlernten Hilflosigkeit (und seiner Erweiterungen) bezieht sich auf den mangelnden Nachweis, dass Hilflosigkeitserfahrungen (bzw. auch bestimmte Attributionsstile) der Entwicklung der Depression tatsächlich vorausgehen. Zusammenhänge zwischen Hilflosigkeit und Depression sind zwar nachweisbar, allerdings sind diese korrelativer Natur. So können diese Zusammenhänge auch dadurch entstehen, dass sich depressive Menschen Misserfolge selbst zuzuschreiben und für die Zukunft pessimistische Erwartungen haben.
  • Welche gedanklichen Verzerrungen (kognitive Fehler) stehen im Vordergrund der kognitiven Therapie (Beck)?

    Lösung

    Nach Beck weisen Personen mit Depression eine kognitive Störung auf, gekennzeichnet durch wiederholte, automatisch ablaufende und unfreiwillige logische Fehler im Denken, welche die Realität verzerren. Die kognitive Triade (negative Sicht von sich selbst, der Umwelt und der Zukunft) bleibt dadurch aufrechterhalten. Ziel der kognitiven Therapie nach Beck ist es daher, logische Denkfehler zu entdecken, zu benennen und zu hinterfragen, um alternative Interpretationen und Denkstile zu implementieren. Beispiele für kognitive Verzerrungen sind:
    • Voreilige, willkürliche Schlussfolgerungen: „Er mag mich nicht. Ich habe ihn in der Stadt gesehen und er hat vermieden, mich anzusehen. „
    • Übergeneralisierung: „Ich habe dieses Kapitel nicht verstanden. Ich werde das gesamte Buch nicht verstehen und lese deshalb nicht weiter.“
    • Gedankenlesen: „Er hält mich für dumm und denkt, ich bin langweilig. Deshalb will er sich nicht mit mir abgeben.“
    • Untertreibung: „Ich habe eine 1 bekommen, aber nur, weil der Lehrer Mitleid mit mir hatte.“
    • Übertreibung: „Ich habe letzte Woche den Kurs verpasst und werde nun das ganze Semester im Stoff hinterher sein.“
    • Selektive Abstraktion: „Der Vortrag ist nicht gut gelaufen; ich habe mich zweimal verhaspelt.“
    • Personalisierung: „Während ich mein Referat gehalten habe, hat sogar der Dozent gegähnt. Mein Vortrag muss so langweilig gewesen sein.“
  • Welche Rolle spielt die Verstärker-Verlusttheorie von Lewinsohn für unser Verständnis von depressiven Störungen?

    Lösung

    Lewinsohn's Verstärker-Verlusttheorie ist eine lernpsychologisch-verstärkungstheoretische Depressionstheorie. Sie geht davon aus, dass eine Reduktion von positiven Verstärkungen und Rückmeldungen aus der Umwelt mit der Herausbildung der depressiven Störung zusammenhängt. Die Verstärkerverluste entstehen durch ungünstige Umweltaspekte (z. B. wenige Freizeitaktivitäten, geringe finanzielle/räumliche Spielräume) und Verhaltensmerkmale (z. B. mangelnde soziale Fertigkeiten) und führen schließlich zur Herausbildung der depressiven Symptomatik. Nachdem die soziale Umwelt kurzfristig möglicherweise durch Empathie und Aufmerksamkeit verstärkend wirkt, so stellt sich doch langfristig eine soziale Vermeidung ein, die mit weiterem Verstärkerverlust einhergeht und die depressive Symptomatik, inkl. Passivität, Interessenmangel und interaktionellen Auffälligkeiten, aufrechterhält.
    Obwohl dies durch Lewinsohn postuliert wird, ist die Verstärker-Verlust-Theorie weniger im Kontext einer ätiologischen Theorie, welche die erstmalige Entstehung einer depressiven Störung erklärt, zu verstehen, sondern sie vermag vielmehr die Aufrechterhaltung der Symptomatik zu erklären und ist daher für die Ableitung verhaltenstherapeutischer Interventionen in der Depressionstherapie von Bedeutung. Ziel ist die Modifikation ungünstiger Umweltbedingungen und Verhaltensweisen, so beispielsweise der Aufbau positiver Aktivitäten sowie die Verbesserung sozialer Fertigkeiten und Interaktionsmuster, um neue Verstärkerbedingungen zu schaffen.
  • Was sind die Kernkomponenten der Kognitiven Verhaltenstherapie bei depressiven Störungen und als wie wirksam haben sich diese bei unterschiedlichen Depressionsformen herausgestellt, auch im Vergleich zu alternativen Therapieansätzen?

    Lösung

    Die zentralen kognitiv-verhaltenstherapeutischen Komponenten in der Depressionstherapie sind angelehnt an die psychologischen Depressionstheorien und beinhalten insbesondere die Verhaltensaktivierung und die Identifizierung und Veränderung dysfunktionaler Kognitionen (auch kognitive Umstrukturierung genannt). Eine Vielzahl an Studien und Metaanalysen belegen die Wirksamkeit dieser Ansätze – allein und kombiniert – bei der Behandlung depressiver Störungen jeglicher Schwere und Persistenz. Im Vergleich zur Pharmakotherapie mit Antidepressiva ist die kognitive Verhaltenstherapie mindestens gleich wirksam und empfohlener Bestandteil einer wirksamen Behandlung schwergradiger, chronischer oder therapieresistenter Depressionen.
  • Was ist bei der diagnostischen Codierung der Panikattacke zu beachten?

    Lösung

    Im DSM-5 werden Panikattacken nicht als eigenständige Störung klassifiziert. Es werden lediglich die spezifischen Störungen klassifiziert, innerhalb derer Panikattacken auftreten können (z. B. Panikstörung, spezifische Phobie, soziale Angststörung, PTBS).
  • Gibt es die Panikstörung im Kindes- und Jugendalter?

    Lösung

    • Panikstörungen sind bis zur Pubertät äußerst selten, können aber vorkommen
    • Ab Adoleszenz deutlicher Anstieg von Panikattacken und Panikstörungen
  • Durch was zeichnen sich kognitive (kognitive und psychophysiologische) Modelle der Panikstörung aus?

    Lösung

    • Aufschaukelungsprozess zwischen körperlichen und kognitiven Vorgängen
    • Panikanfälle und Panikstörungen etablieren sich erst dann, wenn die während eines Panikanfalls auftretenden Symptome mit Gefahr assoziiert werden
  • Welche drei Vulnerabilitätsfaktoren postulieren Bouton et al. (2001) in ihrer modernen Lerntheorie der Panikstörung?

    Lösung

    • Unspezifischer biologischer, unspezifisch psychologischer und spezifischer psychosozialer Vulnerabilitätsfaktor
    • Unter dem unspezifischen biologischen Vulnerabilitätsfaktor verstehen sie die biologische Prädisposition (genetisch vermittelte Trait-Angst) auf negative Lebensereignisse mit Emotionalität, negativer Affektivität und vielleicht falschem Alarm (Panikanfälle) zu reagieren
    • Als unspezifische psychologische Vulnerabilitätsfaktoren würden möglicherweise frühe Erfahrungen von Unvorhersagbarkeit und Unkontrollierbarkeit fungieren
    •Als spezifische Vulnerabilitätsfaktoren betrachten die Autoren spezifische Lernerfahrungen, die über Modell- und operantes Lernen vermittelt werden
  • Welches sind die Behandlungsschwerpunkte der Verhaltenstherapie bei der Panikstörung und der Agoraphobie?

    Lösung

    Panikstörung: Kombination von kognitiven Methoden, die auf eine veränderte Interpretation der ursprünglich als bedrohlich erlebten Angstsymptome abzielen, Exposition mit internen Reizen (hauptsächlich körperliche Symptome) und die Vermittlung von Strategien zur Bewältigung von Angst und körperlichen Symptomen
    Agoraphobie: Die Expositionsbehandlung in vivo ist die Methode der Wahl
  • Welches sind – neben den unkontrollierbaren Sorgen – die Begleitsymptome der generalisierten Angst? Bitte nennen Sie die Unterschiede zwischen DSM und ICD!

    Lösung

    Nach DSM IV müssen 3 von 6 Symptomen vorliegen:
    1. Ruhelosigkeit oder ständiges „Auf- dem- Sprung- sein“
    2. Leichte Ermüdbarkeit
    3. Konzentrationsschwierigkeiten oder Leere im Kopf
    4. Reizbarkeit
    5. Muskelspannung
    6. Schlafstörungen
    Zusätzlich: klinisch bedeutsames Leiden oder Beeinträchtigung

    Nach ICD-10 müssen 4 Symptome aus 6 Bereichen vorliegen, dabei mindestens ein vegetatives Symptom:
    1. Vegetative Symptome
    2. Symptome, die Thorax und Abdomen betreffen
    3. Psychische Symptome
    4. Allgemeine Symptome
    5. Symptome der Anspannung
    6. Andere unspezifische Symptome
    Unterschiede:
    Im DSM sind die Symptome genau präzisiert, in der ICD sind lediglich die Bereiche angegeben, in denen Symptome vorliegen sollten;
    Klinisch bedeutsames Leiden oder Beeinträchtigung ist nur im DSM ein Kriterium, in der ICD jedoch nicht.
  • Welches sind die Probleme bei der Informationsverarbeitung, die als typisch für die generalisierte Angststörung angenommen werden?

    Lösung

    Aufmerksamkeitsbias:
    Aufmerksamkeit ist auf Gefahr und Bedrohung gerichtet
    Interpretationsbias:
    Mehrdeutige Situationen werden als bedrohlich interpretiert und negative Ereignisse werden als wahrscheinlich angenommen
    Gedächtnisbias:
    Bedrohliche Informationen werden schneller enkodiert als nicht bedrohliche Informationen
    Geringe Problemorientierung:
    Geringes Vertrauen in die Problemlösung und geringe wahrgenommene persönliche Kontrolle
    Inadäquate Problemlösung:
    Längere Entscheidungsprozesse, umfangreiches Sammeln von Beweisen, mehr abstrakte im Vergleich zu konkreten Problemelaborationen
  • Nennen Sie einige Kernaussagen der Kontrastvermeidungstheorie der Sorgen!

    Lösung

    • Sorgen tragen dazu bei, in überraschenden, beunruhigenden Situationen (z. B. der Erhalt einer schlechten Nachricht), den physiologischen Stress insofern zu reduzieren, als der Anstieg der physiologischen Erregung von dem Zeitpunkt vor zu dem Zeitpunkt unmittelbar nach dem Eintritt der Situation geringer ist (als wenn nicht gesorgt wurde).
    • Die „Kosten“ dieser situativ begrenzten Erregung liegen in andauernden ängstlichen Erwartung (= Sorgen) vor und nach der Situation.
    • Siehe Abbildung 48.3
  • Welches sind die Bestandteile des therapeutischen Vorgehens bei der Sorgenexposition?

    Lösung

    • Psychoedukation
    • Vermittlung der grundlegenden Therapieprinzipien: Ein Zulassen der Angst kann zur Falsifikation von überzogenen Erwartungen über (z. B. ) die Schädlichkeit oder Unerträglichkeit der Angst führen und in Zukunft die subjektive Bedeutung der Sorgen (nämlich um Angst zu vermeiden) überflüssig machen
    • Konfrontationsübungen (zunächst in sensu, dann ergänzend in vivo). Zunächst werden Sorgenexpositionen durchgeführt. Später begeben sich Patienten im Alltag in Situationen ohne Auslöser für Sorgen zu vermeiden (z. B. Zeitung lesen einschließlich der Todesanzeigen) oder gegenzuregulieren (z. B. kein Rückversichern bei anderen)
    • Rückfallprophylaxe
  • Gibt es Geschlechtsunterschiede bei der sozialen Phobie? Gehen Sie hierbei sowohl auf die Ergebnisse epidemiologischer als auch klinischer Studien ein!

    Lösung

    Epidemiologischen Studien zufolge haben Frauen ein 1,5- bis 2-fach höheres Risiko von einer sozialen Phobie betroffen zu sein als Männer (Kessler et al., 1994; Wittchen, 2000).

    In den meisten klinischen Studien wird hingegen ein annähernd gleiches Geschlechterverhältnis berichtet (Heimberg & Juster, 1995). Erklärt werden könnte diese Überrepräsentierung nach Turk et al. (1998) sowie Weinstock (1999) dadurch, dass Männer einem gesellschaftlich höheren Druck unterliegen, sich selbstsicher und durchsetzungsfähig zu präsentieren, eine höhere Veränderungsmotivation haben und demzufolge häufiger in Therapien zu finden sind.
  • Erläutern Sie den Begriff „Behavioral Inhibition“ und seine Bedeutung für die Entstehung von sozialen Phobien!

    Lösung

    Das Konstrukt „Behavioral Inhibition“ wurde Mitte der 80er Jahre von einer Forschergruppe um Jerome Kagan entdeckt und beschreibt einen temperamentsbedingten Reaktionsstil bei Kindern, der durch stark zurückhaltendes, ängstliches und vermeidendes Verhalten in den meisten neuartigen Situationen gekennzeichnet ist (Garcia-Coll et al., 1984; Kagan et al., 1984). Der Unterschied zu dem Konzept der Schüchternheit, mit dem sich Behavioral Inhibition stark überlappt, besteht darin, dass sich die Furchtreaktion auch bei nicht-sozialen Situationen, also unabhängig von einer Angst vor Bewertungen, zeigt (z. B. neuartige Spielzeuge, Tiere, Dunkelheit).
    Behavioral Inhibition ist schon sehr früh, ungefähr ab dem Alter von 21 Monaten erkennbar, tritt nach Schätzungen bei 10–15 % aller Kinder auf und ist mäßig stabil; Korrelationen zwischen wiederholten Messungen ab dem 2. Lebensjahr liegen zwischen r=0,24 und r=0,67 (Kagan et al., 1988). Neben der beschriebenen Verhaltenskomponente wurden bei Kindern mit hohen Behavioral-Inhibition-Werten stabil erhöhte Herzraten, Muskelspannungen sowie überdurchschnittlich hohe Noradrenalin- und Speichelkortisolwerte festgestellt (Kagan et al., 1987,1988). Behavioral Inhibition wird derzeit als ein möglicher temperamentsbedingter Risikofaktor für spätere Angsterkrankungen, insbesondere der sozialen Phobie diskutiert. Sowohl Prospektiv- als auch Querschnittstudien konnten bei Kindern, bei denen Behavioral Inhibition anhand von Beobachtungsdaten festgestellt wurde, ein erhöhtes Risiko für spätere soziale Phobien feststellen (Biedermann et al., 2001; Hirshfeld et al., 1992; Schwartz et al., 1999).
  • Welche Ergebnisse liefern retrospektive und prospektiv-longitudinale Studien zur Frage der Stabilität der sozialen Phobie?

    Lösung

    Retrospektiven Daten zufolge scheint der Verlauf der sozialen Phobie persistierend zu sein, Betroffene berichteten häufig vom jahrzehntelangen Bestehen der Störung (Davidson et al., 1993; DeWit et al., 1999). Ein abweichendes Bild zeigt sich hingegen bei prospektiven Längsschnittstudien. So zeigte sich in der Studie Early Developmental Stages of Psychopathology (EDSP), dass nur 11 % der Probanden, bei denen eine soziale Phobie diagnostiziert wurde, diese auch 42 Monate später noch aufwiesen (Müller, 2002). Diese Ergebnisse deuten also eher auf einen schwankenden Verlauf hin. Die voneinander abweichenden Ergebnisse könnten durch die schwächere Methodik retrospektiver Verfahren erklärt werden. Das grundsätzliche Problem von Erhebungsmethoden, die rückwirkend erhoben werden, besteht in der Verfälschungsgefahr durch verzerrte autobiografische Erinnerungen. Diese Verzerrungen können beispielsweise durch das Vorhandensein einer psychischen Störung und der möglicherweise damit einhergehenden subjektiven Theorien über die Störungsursachen entstehen, aber auch durch die einfache Tatsache, dass sich Vergangenes oft nur schwer rekonstruieren lässt.
  • Nennen Sie zwei wichtige Aufgaben der Vorbesprechung einer Konfrontationsübung für einen Patienten mit sozialer Phobie!

    Lösung

    Damit die Konfrontationsübungen den gewünschten Effekt zeigen, ist eine gezielte Vorbereitung auf diese Behandlungsform unerlässlich. So ist es äußerst wichtig, dass dem Betroffenen klar ist, warum das jeweils (auf diagnostischen Informationen basierende) erarbeitete Vorgehen notwendig ist und worauf er während der Durchführung achten muss. Der Patient muss verstanden haben, dass es nicht um die Unterdrückung von Angst geht, sondern um das Abwarten des auf Gewöhnung beruhenden und sich von selbst einstellenden Angstrückganges. Nur so können den negativen, angstbesetzten Erlebnissen, neue positive Erfahrungen entgegengesetzt werden.
    Nachdem sich der Therapeut gemeinsam mit dem Patienten ein genaues Bild über die angstauslösenden Situationen gemacht hat und alle Angst verstärkenden Aspekte sowie Sicherheitsverhalten identifiziert hat, kann eine Hierarchie für die Übungen entwickelt werden. Vor der Übung sollten die Befürchtungen des Patienten bezüglich der Konfrontation so detailliert und konkret wie möglich herausgearbeitet werden. Hierbei kann es sich um eigene Symptome bzw. Verhaltensweisen als auch um sichtbare Reaktionen anderer handeln. Des Weiteren ist es äußerst wichtig zu definieren, woran der Patient den Erfolg der Übung festmachen würde. Hierbei sollte der Therapeut darauf achten, dass die Vorstellungen realistisch sind. Darüber hinaus sollten das Verhalten des Patienten wie auch des Therapeuten vorbesprochen werden (z. B. Aufgabe des Patienten ist das Unterlassen von Sicherheitsverhalten, Aufgabe des Therapeuten ist es, ihn dabei zu unterstützen).
  • Erläutern Sie Vor- und Nachteile von realen und virtuellen Selbsthilfegruppen für Personen mit einer sozialen Phobie!

    Lösung

    Reale Selbsthilfegruppen können für Sozialphobiker eine wichtige Hilfestellung in der Bewältigung ihrer Störung sein. Für viele Phobiker wirkt allein das Wissen, dass andere Personen unter ähnlichen Ängsten leiden, sehr entlastend. Der regelmäßige Kontakt und Austausch mit anderen Betroffenen kann sehr motivierend wirken, die einzelnen Mitglieder können voneinander lernen und ihre Erfahrungen miteinander austauschen. Darüber hinaus wird durch die regelmäßig stattfindenden Treffen einer sozialen Isolation entgegengewirkt.
    Leider stellt das Aufsuchen von Selbsthilfegruppen für sehr ängstliche Personen eine nicht zu überwindende Hürde dar; für diese Personen könnte eine virtuelle Selbsthilfegruppe eine Alternative darstellen. Eine internetbasierte Studie mit über 400 Teilnehmern (Erwin et al. 2004) zeigte jedoch, dass durch die Nutzung von internetbasierten Foren die Symptomatik nur selten gemindert wurde.
  • Wie lautet die Zwei-Faktoren-Theorie von Mowrer? Welche Kritik gibt es gegen diese Theorie?

    Lösung

    Bei den beiden Faktoren handelt es sich um die klassische und die operante Konditionierung. Mowrer nahm an, dass bei Phobien ursprünglich neutrale Reize aufgrund traumatischer Ereignisse mit einem zentralen motivationalen Angstzustand assoziiert (klassische Konditionierung) und die darauf folgende Vermeidung dieser Reize durch den Abbau dieses unangenehmen Zustandes verstärkt werden (operante Konditionierung).
    Kritik:
    • Ein großer Teil der Phobiker kann sich nicht an traumatische Ereignisse zu Beginn der Störung erinnern
    • Die meisten Versuche, Phobien bei Menschen zu konditionieren, scheiterten
    • Die auslösenden Reize für phobische Ängste zeigen eine charakteristische und über verschiedene Kulturen hinweg stabile Verteilung, die weder der Häufigkeit dieser Reize im täglichen Leben noch der Wahrscheinlichkeit unangenehmer (traumatischer) Erfahrungen entspricht. Äquipotenzialität im Sinne gleich wahrscheinlicher Angstauslösung ist also nicht gegeben
  • Was wird unter „preparedness“ verstanden? Können sie wissenschaftliche Untersuchungen beschreiben, die diese Theorie stützen?

    Lösung

    Preparedness: Bestimmte Reiz-Reaktions-Verbindungen werden leichter gelernt, weil sie biologisch „vorbereitet“ – im Englischen „prepared“ – sind.

    Untersuchungen: z. B. Minekas Studien zum Angsterwerb bei Affen
  • Was sind die Wirkmechanismen der Konfrontationsbehandlung?

    Lösung

    Wirkmechanismen der Konfrontationsbehandlung sind sowohl die Habituation als auch die kognitive Neubewertung der Situation bzw. ihres Gefahrenpotenzials.
  • Wie kann eine spezifische Phobie des Typus „Blut-Verletzung-Spritzen“ behandelt werden?

    Lösung

    Mit der „Applied-Tension“-Methode von Öst. Dabei wird den Patienten beigebracht, wie sie durch Anspannen der großen Skelettmuskeln ihren Blutdruck kurzfristig stark steigern und so die Ohnmachtsgefahr bekämpfen können. Wenn der Patient die Anspannung beherrscht, wird diese kombiniert mit einer Konfrontationsbehandlung.
  • Nennen Sie die Kernsymptome der PTBS, die sowohl nach ICD-11 als auch nach DSM-5 für die Störung charakteristisch sind.

    Lösung

    Die Kriterien für die posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) unterscheiden sich in einigen wichtigen Punkten zwischen ICD-11 und DSM-5 (vgl. Tab. 51.1.). In beiden Klassifikationssystemen sind jedoch die folgenden Kernsymptome der PTBS enthalten:
    1. Symptome des Wiedererlebens (intrusive Erinnerungen, Flashbacks, Albträume)
    2. Vermeidung (kognitiv und situativ)
    3. Übererregung (z. B. Hypervigilanz, erhöhte Schreckreaktion)
  • Intrusionen können durch eine Vielzahl von traumabezogenen Reizen ungewollt ausgelöst werden. Beschreiben Sie in jeweils einem Satz, wie dieses Phänomen (a) aus Sicht der Theorie der emotionalen Verarbeitung, (b) aus Sicht der dualen Repräsentationstheorie sowie (c) aus Sicht des kognitiven Modells nach Ehlers und Clark (2000) erklärt werden kann.

    Lösung

    (a) Theorie der Emotionalen Verarbeitung
    Bei Traumaüberlebenden mit PTBS enthält die Furchtstruktur eine Vielzahl unrealistischer Assoziationen zwischen eigentlich harmlosen Reisen und bedrohungsbezogenen Reizen, was dazu führt, dass eine erneute Konfrontation mit den ursprünglich harmlosen Reizen im Alltag die Stimuluselemente, die die Bedrohung repräsentieren, aktivieren können, sodass die Inhalte in Form von intrusiven Erinnerungen erlebt werden.
    (b) Duale Repräsentationstheorie
    Die traumatische Erinnerung ist vor allem im SAM („situationally accessible memory“) gespeichert und kann dadurch durch eine Vielzahl von Reizen ausgelöst werden; diese Auslösung kann nur unzureichend durch VAM-Repräsentationen gehemmt werden, da nur eine geringfügige bedeutungshaltige bzw. kontextuelle Speicherung im VAM stattgefunden hat.
    (c) Kognitives Modell (Ehlers und Clark, 2000)
    Zu der häufigen Auslösung intrusiver Erinnerungen durch traumabezogene Reize tragen drei Prozesse bei: (a) aufgrund peritraumatischer Verarbeitungsprozesse dominieren perzeptuelle Inhalte im Traumagedächtnis, (b) die Erinnerung ist nur unzureichend im autobiografischen Gedächtnis kontextualisiert, (c) ein starkes perzeptuelles Priming sowie starke konditionierte Verbindungen für traumabezogene Reize liegen vor.
  • Was versteht man unter traumafokussierter Psychotherapie?

    Lösung

    Traumafokussierte Psychotherapie ist ein Oberbegriff für psychotherapeutische Ansätze zur Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung, bei denen die Verarbeitung der Traumaerinnerung und/oder die Veränderung traumabezogener Kognitionen im Vordergrund steht (z. B. traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie, EMDR).
  • Nennen Sie die diagnostischen Kriterien einer Zwangsstörung und geben Sie einige Beispiele für Zwangsgedanken/Zwangshandlungen.

    Lösung

    1. Entweder Zwangsgedanken, Zwangshandlungen oder beides
    2. Zwangsgedanken sind definiert durch
    • Immer wiederkehrende und anhaltende Gedanken, Impulse oder Vorstellungen, die als aufdringlich und ungewollt erlebt werden und die meist ausgeprägte Angst oder großes Unbehagen hervorrufen
    • Die Person versucht, diese Gedanken, Impulse oder Vorstellungen zu ignorieren oder zu unterdrücken oder zu neutralisieren
    3. Zwangshandlungen sind definiert durch
    • Wiederholte Verhaltensweisen oder mentale Handlungen, zu denen sich die Person als Reaktion auf einen Zwangsgedanken oder Regeln gezwungen fühlt
    • Die Verhaltensweisen oder die mentalen Handlungen dienen dazu, Angst oder Unbehagen zu verhindern oder zu reduzieren oder gefürchteten Ereignissen oder Situationen vorzubeugen; diese Verhaltensweisen oder mentalen Handlungen stehen jedoch ohne realistischen Bezug zu dem, was sie zu neutralisieren oder zu verhindern versuchen oder sie sind deutlich übertrieben.

    4. Die Zwangsgedanken oder Zwangshandlungen sind zeitintensiv (mehr als 1 Stunde pro Tag) oder verursachen in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigung
    5. Die Symptome sind nicht Folge der physischen Wirkung einer Substanz oder eines medizinischen Krankheitsfaktors
    6. Das Störungsbild kann nicht besser durch das Vorliegen einer anderen psychischen Störung erklärt werden
    7. Beispiele für Zwangsgedanken: (siehe Tabelle 52.1) Befürchtung, sich oder andere durch zufällige Verunreinigung zu infizieren; sich oder andere versehentlich zu verletzen
    8. Beispiele für Zwangshandlungen: Kontrollieren, exzessives Wachen oder Reinigen, mentales Zählen.
  • Nennen und beschreiben Sie Verfahren, die im Rahmen der Diagnostik für Zwangsstörungen zum Einsatz kommen.

    Lösung

    • „Yale-Brown Obsessive-Compulsive Scale“ (Y-BOCS)
    • „Obsessive-Compulsive Inventory Revised“ (OCI-R)
    • „Hamburger Zwangsinventar -– Kurzform“ (HZI-K)
  • Welche neurobiologischen Faktoren sind mit der Zwangsstörung verbunden?

    Lösung

    • Frontostriatale Überaktivität als Ausgangspunkt für die Entwicklung des kortikostriatothalamokortialen Modells: Im Modell wird ein Ungleichgewicht der Aktivität direkter und indirekter Verbindungen im Striatum angenommen, welche in einer verstärkten Aktivierung frontaler Strukturen resultiert
    • Volumenveränderungen in OFC, ACC, Striatum und Thalamus
    • Verstärkte Handlungsüberwachung zeigt sich in einer erhöhten Amplitude der Error-related Negativity (ERN).
  • Beschreiben Sie das kognitiv-behaviorale Störungsmodell der Zwangsstörung

    Lösung

    • Intrussive und aufdringliche Gedanken treten auch in Normalpropulationen auf
    • Die Bewertung der Gedanken (aufgrund von dysfunktionalen Überzeugungen, übertriebener Verantwortlichkeit) führt zu einer katastrophisierenden Bewertung
    • Diese Bewertung löst negative Emotionen wie Angst, Unruhe oder Scham aus
    • Daraufhin entsteht das Bedürfnis diesen Gedanken durch offene oder Gedankliche Handlungen entgegenzuwirken
    • Dies führt zum Nachlassen der negativen Emotionen und verstärkt gleichzeitig (indirekt) die fehlerhafte Interpretation der Gedanken
  • Welche kognitiven Verzerrungen der Informationsverarbeitung werden bei der Zwangsstörung häufig beobachtet?

    Lösung

    • Perfektionismus
    • Gefahrenüberschätzung
    • Überbewertung von Gedanken: Übermäßige Bedeutungszuschreibung, Gedankenkontrolle, Verschmelzung von Gedanken und Handlungen
    • Überhöhte Verantwortlichkeit
    • Unsicherheitsintoleranz
    • Unvollständigkeitsgefühle und „Nicht-ganz-richtig-Erfahrungen“
  • Was sind die zentralen Merkmale einer somatoformen Störung und welche Untergruppen werden in der ICD-10 unterschieden?

    Lösung

    Zentrale Merkmale:
    • Körperliche Beschwerden, die das Vorliegen eines medizinischen Krankheitsfaktors nahelegen, ohne dass jedoch eine hinreichende pathophysiologische Ursache für die Beschwerden festgestellt werden kann
    • Beschwerden müssen in klinisch bedeutsamer Weise zu Leiden und zur Beeinträchtigung in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen führen
    • Typische Verhaltensweisen sind körperliches Schonverhalten, Überprüfen von Körperfunktionen („checking“), Suche nach ärztlicher Abklärung der Beschwerden und Rückversicherung, erhöhte medizinische Inanspruchnahme
    • Kriterien: Siehe ICD-10
    Unterscheidung in Haupt-Untergruppen:
    • Somatisierungsstörung, undifferenzierte Somatisierungsstörung, somatoforme Autonome Funktionsstörung, Hypochondrie, Schmerzstörung
  • Welche Kennzeichen unterscheiden die somatische Belastungsstörung von der Krankheitsangststörung)

    Lösung

    • Beides sind Diagnosen der Kategorie „Somatische Belastungsstörung und verwandte Störungen“ in DSM-5
    • Bei der somatischen Belastungsstörung muss auf jeden Fall ein oder mehrere belastende Körperbeschwerden bestehen, welche begleitet werden durch diverse kognitive, affektive und verhaltensbezogene Symptome (vgl. DSM-5 Kriterien)
    • Bei der Krankheitsangststörung steht das Leiden unter der Angst oder Überzeugung, dass eine körperliche Krankheit besteht im Vordergrund. Körperliche Symptome bestehen nur in minimaler, vorübergehender Ausprägung oder gar nicht
  • Wie verbreitet sind somatoforme Störungen?

    Lösung

    Allgemeinbevölkerung
    • 4-Wochen-Querschnittsprävalenz der somatoformen Störungen: 7,5 % (Bundesgesundheitssurvey)
    • Vollbild Somatisierungsstörung: <0,01–0,84 %
    • Vollbild Hyperchondrie: <0,01–0,2 %
    • Vollbild Konversionsstörung: 0,3–0,7 %
    • Schmerzstörungen und undifferenzierte somatoforme Störungen stellen eine größere Gruppe dar
    • Somatisierungssyndrom: 4,4–19 %
    • Unterschwellige Hyperchondrie: 1,3–10,7%
    Kinder und Jugendliche (14–24 Jahre)
    • Lebenszeitprävalenz irgendeiner somatoformen Störung: 12,5% (undifferenzierte somatoforme Störung: 9 %)
    Generell:
    • Somatoforme Störungen zählen zu den häufigsten psychischen Störungen in der Allgemeinbevölkerung
    • In medizinischen Behandlungseinrichtungen sind die Prävalenzraten wesentlich höher als in der Allgemeinbevölkerung
    • Die Prävalenzraten sind höher für die weniger restriktiv definierten Störungskategorien, wie beispielsweise undifferenzierte Somatisierungsstörung oder Schmerzstörung
    • Frauen doppelt so häufig betroffen wie Männer von somatoformen Störungen mit multiplen Beschwerden
    • Assoziation mit niedrigem sozioökonomischen Status
  • Welche Faktoren sind für die Entstehung und Aufrechterhaltung einer somatoformen Störung relevant?

    Lösung

    Die Entstehung ist zwar multipel verursacht, jedoch sind die verschiedenen Einflussfaktoren nicht vollständig bekannt. Es existiert auch kein einheitliches Erklärungsmodell. Als besonders bedeutend werden die aufrechterhaltenden psychologischen Faktoren erachtet.
    Genetisches Risiko:
    • Wurde anhand von Zwillingsstudien untersucht, wahrscheinlich moderate Beteiligung genetischer Faktoren
    Neurobiologische und physiologische Faktoren:
    • Eine Reihe möglicher physiologischer Faktoren kann beteiligt sind, jedoch ist ihre Spezifität unklar bzw. ihre Rolle als ursächlicher Faktor
    • Befunde finden sich z. B. zu:
    - erhöhte Muskelanspannung
    - erhöhte kardiovaskuläre Aktivität und Reaktivitätsunterschiede
    - veränderte Atmungsmuster
    Psychologische Faktoren:
    - Persönlichkeit, u.a. Neurotizismus
    • Kritische Lebensereignisse
    - belastende Erfahrungen in zwischenmenschlichen Beziehungen
    - Tod
    - schwere Krankheit von Bezugspersonen
    - traumatische Ereignisse (z. B. Krieg)
    - sexuelle Übergriffe/Missbrauch
    • Modelllernen und Verstärkungslernen
    - somatoforme Störungen finden sich häufig bei Kindern von Eltern mit somatoformen Störungen (krankes Elternteil als Modell für das Kind, dieses nimmt die positiven Konsequenzen von Krankheit wahr [Verstärkung])
     positive Verstärkung: Aufmerksamkeit, Trost
     negative Verstärkung: Schmerzabnahme
    - Gesundheitsverhalten hat für die betreffenden Personen keinen positiven Verstärkungscharakter, da es z. B. die Aufnahme von Arbeit oder Alltagsaktivitäten bedeutet
    • Kausalattribution und katastrophisierende Bewertung der Symptome
    - organisch-somatische Kausalattributionen und katastrophisierende Bewertung der eigenen Beschwerden
    - negative Verlaufserwartungen
    - niedrige Kontrollerwartungen
    • Selektive Aufmerksamkeit für körpereigene Vorgänge (somatosensorische Verstärkung)
    • Dysfunktionales Krankheitsverhalten
    - Schon- und Vermeidungsverhalten
    - Rückversicherung
    - Checking
    Übergreifendes Störungsmodell nach Rief und Hiller (1998):
    Dysfunktionales Krankheitsverhalten trägt zur Symptomverstärkung und -aufrechterhaltung bei. Langfristig kann dies zum Abbau körperlicher Kondition, negativen affektiven Reaktionen und übermäßiger gedanklicher Beschäftigung mit den Beschwerden führen. Rief und Hiller unterscheiden dabei einen inneren und äußeren Kreislauf:
    • Innerer Kreislauf: selektive Aufmerksamkeit und katastrophisierende Fehlinterpretationen
    • Äußerer Kreislauf: aufrechterhaltende Rolle von ungünstigem Krankheitsverhalten (Schonung, Vermeidung, Rückversicherung, Checking)
  • Was versteht man unter somatosensorischer Verstärkung?

    Lösung

    Nach dem Konzept von Barsky und Wyshak (1990) versteht man unter „somatosensorischer Verstärkung“ Hypochondrie als Resultat perzeptueller und kognitiver Anomalien. Sie bezeichnet einen störungsspezifischen Wahrnehmungsstil.
    Die betreffende Person neigt dazu, körperliche Funktionen und Empfindungen genau zu beobachten. Sie bemerkt so auch alltägliche, schwache und vorübergehende körperliche Reaktionen, die andere Menschen wegen mangelnder Bedeutung nicht beachten.
    Die Bewertung der Beobachtungen erfolgt katastrophisierend. Angst, Aufmerksamkeitsfokussierung und eine weitere Intensivierung der Körperreaktionen und Symptomwahrnehmung sind das Resultat.
  • Wie effektiv ist die Psychotherapie bei den somatoformen Störungen?

    Lösung

    • Positiver Effekt vor allem auf die körperliche Symptomatik bzw. Kernsymptomatik Krankheitsangst bei Hypochondrie
    • Mittlere Effektstärken: bei multiplen Somatisierungsbeschwerden und chronischen Schmerzen im kleinen bis moderaten Bereich; durchschnittlich höher für Hypochondrie/Krankheitsangst
    • Am häufigsten in RCTs überprüft wurde die kognitive Verhaltenstherapie in verschiedenen Manualen/Behandlungsprogrammen und Schwerpunktsetzungen (dabei zeigt sich bislang keine systematische Überlegenheit einer Methode)
    • Auf Basis der Befundlage aus randomisiert-kontrollierten Evaluationsstudien und Metaanalysen wurde die evidenzbasierte Leitlinien zur Psychotherapie bei somatoformen Störungen und assoziierten Syndromen abgeleitet (Martin et al. 2013, im Auftrag der DGPs Fachgruppe Klinische Psychologie und Psychotherapie)
  • Lösung

  • Fertig!

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